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Veröffentlicht am 18.03.2021

Eine ergreifende Biographie

Der Junge, der den Wind einfing
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William wächst in Malawi auf. Seine Jugend ist geprägt von Armut und der ständigen Sorge um die jährliche Maisernte, von der das Überleben der ganzen Familie abhängt. Als seine Eltern aufgrund einer Hungersnot ...

William wächst in Malawi auf. Seine Jugend ist geprägt von Armut und der ständigen Sorge um die jährliche Maisernte, von der das Überleben der ganzen Familie abhängt. Als seine Eltern aufgrund einer Hungersnot das Schulgeld nicht länger aufbringen können, beschäftigt sich William stattdessen damit, die Funktionsweise alter Radios zu erkunden und sich selbst die Grundlagen von Physik und Elektrizität beizubringen. Und eines Tages hat er eine großartige Idee - er möchte ein Windrad bauen, um die Lebensqualität seiner Familie und aller anderen Menschen Malawis zu erhöhen.

Es ist sehr beeindruckend, was dieser Junge alles erreicht hat, umso mehr wenn man bedenkt, dass die Geschichte nicht bloß frei erfunden ist. Etwa die ersten zwei Drittel des Buches beschäftigen sich mit der Kindheit und frühen Jugend Williams. War er als kleiner Junge noch zutiefst beeindruckt von den Sagen über Zauberer und Hexerei, die tief im Glauben seines Volkes verankert sind und das Leben Vieler maßgeblich beeinträchtigen, so entwickelt er bald ein großes Interesse an der Wissenschaft. Er beginnt, an kaputten Radios herumzuschrauben, die die für sein Dorf die einzige Verbindung zur Außenwelt darstellen, und ist fasziniert von den Mechanismen dahinter. Dann kommt Anfang der 2000er eine große Hungersnot auf, da es infolge des schlechten Wetters zu massiven Ernteausfällen kommt. Die Fehleinschätzungen sowie unvernünftigen Entscheidungen der Regierung lassen den Großteil der Bevölkerung mittellos und vor allem ohne jegliche Möglichkeit, an Nahrung zu kommen, zurück - viele Menschen, nicht nur in Williams Dorf, sterben in dieser Zeit. William und auch viele andere müssen verfrüht die Schule abbrechen, und der ewige Kreislauf der Armut scheint von vorne zu beginnen. Williams Rettung ist die kleine Bibliothek des Ortes, in der er einige amerikanische Bücher über Physik findet, mit denen er sich intensiv beschäftigt - und die Idee zum Bau eines Windrads reift in ihm heran. Erst der letzte Teil des Buches handelt dann tatsächlch von dessen Bau und der Bedeutung, die es für William und seine Familie hat.

Mich hat das Buch sehr beeindruckt. Gerade der große Abschnitt, in dem beschrieben wird, wie es zu der Hungersnot kam und wie die Menschen während dieser ums Überleben kämpfen, ist sehr eindrücklich beschrieben und alles andere als leichter Stoff. Während man diese Seiten liest, kann und mag man sich gar nicht vorstellen, dass diese Geschichte nicht vor mehreren hundert Jahren spielt, sondern tatsächlich Anfang des 21. Jahrhunderts. Dass andere Menschen zu dieser Zeit in Großstädten , umgeben von Technik und Wohlstand und mit vergleichsweise gut funktionierenden Bildungs- und Gesundheitssystemen leben, während man in Williams Dorf nicht einmal Wasserpumpen hat und die Menschen abends um sieben Uhr schlafen gehen, weil es kein Licht gibt. Während große Teile der Bevölkerung dort zu arm ist, um den Kindern den Schulbesich zu ermöglichen, und es alljährlich einige Monate gibt, in denen der Gürtel enger geschnallt werden muss, solange man auf die Ernte wartet.

Der tiefe Einblick in das Leben von Williams Familie, dass auch heute noch für viele Menschen Alltag ist, hat mich sehr beeindruckt. Auch darüber hinaus hat mir das Buch sehr gut gefallen. Obwohl man von vorneherein weiß, was William am Ende erreichen wird, kann man sich kaum mehr von den Seiten losreißen.

Es ist erschreckend, von diesem Kontrast zu lesen, der in unserer Welt noch immer zwischen Arm und Reich herrscht. Ich kann dieses Buch nur wärmstens weiterempfehlen.

Veröffentlicht am 14.02.2021

Die Katzen von Shinjuku

Die Katzen von Shinjuku
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Yama, Mitte 20, träumt davon, eines Tages Drehbuchautor zu werden. Doch momentan verdient er sein Geld damit, sich Quizfragen für Fernsehshows zu überlegen. Die Arbeit bereitet ihm schon lange keine Freude ...

Yama, Mitte 20, träumt davon, eines Tages Drehbuchautor zu werden. Doch momentan verdient er sein Geld damit, sich Quizfragen für Fernsehshows zu überlegen. Die Arbeit bereitet ihm schon lange keine Freude mehr und die Ansprüche seines Vorgesetzen sind hoch. Niedergeschlagen verirrt er sich in eine kleine Bar namens "Karinka" im Shinjuku-Viertel und beobachtet dort etwas, das schnell seine Begeisterung erweckt: Die Stammgäste des Lokals scheinen darauf zu wetten, welche streunende Katze sich als nächstes am Fenster zeigt. Ist das die Idee, nach der er gesucht hat? Yama lässt sich in die Kunst des Miau-jongg, wie die Gäste das Spiel nennen, unterweisen, und lernt dabei Yume kennen, die im Karinka arbeitet. Sie scheint den Katzen sehr nahe zu sein, weicht persönlichen Fragen jedoch stets aus. Gleichzeitig findet Yamas Vorgesetzer Gefallen an der Idee, eine Fernsehshow aus dem Miau-jongg-Konzept zu entwickeln und das Ganze groß aufzuziehen.

Für Yama stellen diese bald allabendlichen Barbesuche eine willkommene Ablenkung von seiner unliebsamen Arbeit dar, die ihn jeder Kreativität beraubt und ihn seinem Gefühl nach immer weiter fortbringt von dem, was er eigentlich im Leben erreichen möchte. Erst, wenn er wieder bei einem Hoppy und ein paar Yakitori-Spießen im Karinka sitzt und das Plakat mit den Katzen anschaut, dass Yume gezeichnet hat und das dort am Kühlschrank hängt, regt sich in ihm der starke Wunsch danach, seinem Leben eine neue Richtung zu geben.

Ich habe eine Weile gebraucht, um in das Buch hineinzufinden, in der ersten Hälfte war es mir etwas zu langatmig.Die Geschichte beginnt langsam, zögerlich, wie eine Katze, die sich erstmals einem Fremden nähert und erst nach und nach Vertrauen zu ihm fasst. Mit der Zeit konnte ich mich besser in die Geschichte hineinfühlen und habe die skurrilen Charaktere, die Sukegawa in seinem Roman als Stammkundschaft der kleinen Bar skizziert, sehr zu schätzen gelernt.

Der poetische, ruhige Schreibstil entfalten zweifellos seinen ganz eigenen Zauber, wenn man sich darauf einlässt. "Die Katzen von Shinjuku" ist kein Roman, der viel Action bietet, dafür besticht er mit einer Atmosphäre der Melancholie und Behutsamkeit.

Ein sehr schönes, ruhiges Buch!

Veröffentlicht am 13.02.2021

Ein ruhiger, unaufgeregter Roman

Big Sky Country
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August verbringt seine Kindheit auf einer kleinen Farm in Michigan. Seit sein Vater ein Verhältnis zu einer Hilfsarbeiterin hat, wohnt seine Mutter in einem Häuschen auf dem selben Gelände. Irgendwann ...

August verbringt seine Kindheit auf einer kleinen Farm in Michigan. Seit sein Vater ein Verhältnis zu einer Hilfsarbeiterin hat, wohnt seine Mutter in einem Häuschen auf dem selben Gelände. Irgendwann trennen sich die beiden und August zieht mit seiner Mutter nach Montana, wo er das College besucht, bevor er nach seinem Abschluss auf einer Ranch zu arbeiten beginnt.

Insgesamt mochte ich das Buch, wenn es mich auch nicht vollständig überzeugt hat. Gerade zu Anfang gibt es einige unschöne Szenen, in denen August sich sein Taschengeld mit dem Töten von Katzen verdient, später umgibt sich August vermehrt mit Menschen, die glauben, Probleme vor allem mit Alkohol und Schlägereien lösen zu können.

Davon abgesehen hat mich aber irgendetwas an dem Buch gepackt, vielleicht war es die unaufgeregte Erzählweise. Wirkliche Spannung in dem Sinne gibt es nicht, dennoch wurde es mir beim Lesen nie langweilig. Auch August selbst lässt sich so schnell durch nichts aus der Ruhe bringen, man erfährt tatsächlich erstaunlich wenig über ihn, da er weder seinen Mitmenschen gegenüber sehr gesprächig ist, noch eine lange Erörterung seiner Gedanken und Gefühle stattfindet. Ich habe seine entspannte Art aber durchaus sehr geschätzt, und trotz wie gesagt einiger weniger schönen Szenen mochte ich die Atmosphäre des Buches. Vielleicht waren es auch gerade diese Textstellen, die dazu beigetragen, dass Augusts Leben so glaubhaft und realistisch wirkt - alles ist ungeschönt und ehrlich, auch die unangenehmen, ungerechten und grausamen Seiten des Lebens werden nicht verschwiegen. Ich habe es gerne gelesen.

Veröffentlicht am 06.02.2021

Ein schöner Generationenroman

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Als Hannah zufällig einen Brief entdeckt, der an ihre Großmutter Evelyn addressiert und in welchem die Rede von einem während des Krieges verschollenen Kunsterbe ist, beginnt Hannah, Nachforschungen anzustellen. ...

Als Hannah zufällig einen Brief entdeckt, der an ihre Großmutter Evelyn addressiert und in welchem die Rede von einem während des Krieges verschollenen Kunsterbe ist, beginnt Hannah, Nachforschungen anzustellen. Denn bisher wusste sie nichts von diesem jüdischen Zweig in ihrer Familie. Evelyn scheint dabei nicht unbedingt an einer Aufklärung der näheren Umstände interessiert.

In einem zweiten, zeitlich während der Phase des Zweiten Weltkrieges einzuordnenden Handlungsstrang werden Ereignisse aus Evelyns Kindheit und Jugend sowie das Leben ihrer Mutter Senta in Berlin geschildert, und nach und nach verflechten sich die Schicksale verschiedener Frauenfiguren:

Da gibt es die 27-jährige Hannah, die seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr weiß, in welche Richtung sich ihr Leben entwickeln soll, die mit ihrer Doktorarbeit kämpft und gefangen ist in der Sehnsucht nach einem Mann, der ihre Zuneigung nicht nur nicht erwidert, sondern zudem ausgerechnet ihr Doktorvater ist; Senta, die vor einer unglücklichen Beziehung und dem Zusammenleben mit ihrer kleinen Tochter nach Berlin flieht und sich dort ein neues Leben aufbaut; ihre Tochter Evelyn, die zurückbleibt und fortan von ihrer Tante Trude aufgezogen wird, hin- und hergerissen zwischen zwei Welten; und Trude, die ihrerseits mit der Zeit feststellen muss, dass Evelyn alles ist, was ihr im Leben geblieben ist.

Jede der Frauen hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Beweggründe, ihre eigenen Probleme, die sie zu bewältigen hat.

Der Leitfaden hinter alledem, das verbindende Element, sind mehrere Kunstwerke, die der jüdischen Familie von Sentas zweitem Mann gehörten und während des Krieges verschollen sind. Hannah versucht nach Erhalt des Briefes, diese Gemälde aufzuspüren und dabei die Vergangenheit ihrer Familie zu entwirren. Der Fokus des Buches liegt jedoch mehr auf dem Leben der Protagonistinnen als dem Wiederfinden der Gemälde.

Der Schreibstil ist flüssig, die Figuren authentisch beschrieben; ich hätte mir noch eine etwas stärkere Einbettung in historische Fakten gewünscht und vielleicht das Augenmwerk ein wenig mehr auf die Gemälde gelegt. Das Buch war ganz anders als erwartet, aber insgesamt habe ich die Lesezeit genossen und mir hat dieser Familienroman gut gefallen!

Veröffentlicht am 27.01.2021

Ein unglaublich spannendes Finale

Elbendunkel 2: Kein Weg zu dir
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Nachdem es Ash und ihren Freunden im ersten Band gelungen ist, Dusk und seine Dunkelelbenrebellen aufzuspüren, folgte sogleich der nächste große Schlag: Darel ist Ash´s Bruder. Während sie diese Neuigkeit ...

Nachdem es Ash und ihren Freunden im ersten Band gelungen ist, Dusk und seine Dunkelelbenrebellen aufzuspüren, folgte sogleich der nächste große Schlag: Darel ist Ash´s Bruder. Während sie diese Neuigkeit ersteinmal verkraften muss, spitzt sich der Konflikt zwischen Dunkelelben, Lichtelben und Menschen weiter zu, und Ash fasst den Entschluss, sich von den Dunkelelben ausbilden und trainieren zu lassen, da sie unmöglich länger untätig zuschauen kann, wie die Welt in Chaos gestürzt wird und ihre Freunde in Gefahr schweben. Bald schon wird Ash immer tiefer ins Geflecht der Intrigen und Verschwörungen hineingezogen, und auch Darel, der sich ihr immer wieder in den Weg stellt, schmiedet geheimnisvolle Pläne. Als sich dann nach und nach noch die Absichten Hweitasils deutlicher abzuzeichnen beginnen, erreicht der Konflikt seinen Höhepunkt...

Wie schon der erste Band ist auch seine Fortsetzung unglaublich spannend geschrieben und stellt sogar nochmal eine deutliche Steigerung dar. Die meisten Figuren sind uns schon vertraut, daher ist es sehr schön zu sehen, wie sie sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt haben. Alle sind sehr individuell konstruiert, jeder hat seine Eigenarten, seine Stärken und Schwächen, und jeder trägt seinen Teil zur Geschichte bei.

In puncto Komplexität finde ich den zweiten Teil sogar noch besser als den ersten, denn sind schon die Welt und die Beziehungen der verschiedenen Völker an sich sehr interessant gestaltet, kommt nun der gefahrvolle Plan hinzu, die Gemeinschaft zwischen ebendiesen wiederherzustellen. Dass das mit einigen Schwirigkeiten verbunden sein muss, ist klar, und so mangelt es definitiv nicht an Spannung!

Auch Romantasy-Fans kommen nicht zu kurz, ich bin aber froh, dass die Liebesgeschichte gleichzeitig nicht allzu sehr im Mittelpunkt steht, da mich vor allem der gesellschaftskritische Aspekt anspricht, den "Elbendunkel 2" aufgreift. Denn auch hier ist das Thema Rassismus wieder allgegenwärtig.

Sehr gut und wirklich spannend geschrieben fliegt man nehezu durch die Seiten, weshalb ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen konnte. Fast schon schade, dass die Geschichte nun vorbei ist, aber sie bietet ein Ende, mit dem ich mich gut anfreunden kann!