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Veröffentlicht am 23.04.2021

Irisches Duell

Der Abstinent
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Das Erscheinen der deutschen Übersetzung "Der Abstinent" von Ian McGuires neuestem Roman trifft zeitlich mit beängstigenden Nachrichten über Unruhen in Nordirland zusammen. Seit dem Karfreitagsabkommen ...

Das Erscheinen der deutschen Übersetzung "Der Abstinent" von Ian McGuires neuestem Roman trifft zeitlich mit beängstigenden Nachrichten über Unruhen in Nordirland zusammen. Seit dem Karfreitagsabkommen vom 10. April 1998 einigermaßen befriedet, werden sie nun, exakt 23 Jahre später, von militanten protestantisch-loyalistischen Gruppierungen erneut angeheizt. Aktuelle Gründe sind die Unzufriedenheit über den Bexit-Sonderstatus Nordirlands und eine Nicht-Ahndung von Corona-Verstößen während der Beisetzung eines ehemaligen IRA-Terroristen durch Politiker der katholisch-republikanische Sinn-Fein-Partei.

Nationalismus und Terrorismus
Viel weiter in die Geschichte des Konflikts zurück reicht Ian McGuires düsterer historischer (Kriminal-)Roman. Er beginnt nach der großen irischen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts und unmittelbar nach dem Scheitern des Aufstands von 1867 unter Federführung der Fenians, einer geheimen Bruderschaft im Kampf für die irische Unabhängigkeit und Vorgängerorganisation der IRA. Ausgangspunkt für die fiktive Handlung ist ein historisch verbürgtes Ereignis vom 22.11.1867: die Hinrichtung der drei sogenannten "Manchester Martyrs", Mitglieder der Fenians, für den Mord an einem Polizisten.

Zwei Iren auf verschiedenen Seiten
James O’Connor, 34-jähriger Ire, Polizist aus Dublin, arbeitet seit neun Monaten als Constable in Manchester, vorrangig als Kontaktmann für Fenian-Spitzel. Nach dem Tod seines Sohnes, dann vor etwa eineinhalb Jahren seiner Frau, war er dem Alkohol verfallen, lebt nun aber abstinent und nutzt in Manchester seine letzte Chance. Als Ire ist er dem Spott der neuen Kollegen ausgesetzt, sie sticheln, provozieren und misstrauen ihm. Er sitzt zwischen allen Stühlen. Seine Warnung vor einer öffentlichen Hinrichtung stößt bei seinen Vorgesetzten auf Ablehnung:

"Die Soldaten zu holen, war ein Fehler, denkt O’Connor. Gewalt wird das Problem mit den Fenians nicht lösen, und der Anblick der Truppen lässt die Leute glauben, wir befänden uns im Krieg. Solche Machtdemonstrationen führen zu nichts Gutem, man gießt nur Öl ins Feuer. Akribische Ermittlungen und Fingerspitzengefühl, das wird diesen Kampf entscheiden, nicht protzig zur Schau gestellte Grausamkeit. Doch Protz und Grausamkeit sind den Engländern nun mal am liebsten." (S. 15/16)

Kurz nach der Hinrichtung trifft der junge amerikanische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle in Manchester ein. Er ist gebürtiger Ire wie O’Connor, hat wie dieser Armut, Verlust und Gewalt erlebt, und soll im Auftrag einflussreicher amerikanischer Iren die Bruderschaft unterstützen. Sein vorrangiges Ziel ist das Aufspüren und Liquidieren von Verrätern, aber auch ein denkwürdiger Anschlag ist geplant. James O’Connor und Stephen Doyle werden zu Kontrahenten auf Leben und Tod.

Sehr lesenswert
"Der Abstinent" ist der dritte Roman des 1964 geborenen britischen Literaturwissenschaftlers und Autors Ian McGuire und folgt auf "Nordwasser", 2016 für den Man Booker Prize nominiert. Beide Romane sind geprägt von kompromissloser Brutalität und Gewalt, "Nordwasser" noch deutlich mehr, aber nie um ihrer selbst oder um der Spannung Willen. Das scharf beobachtete, sparsam im Präsens beschriebene, überaus packende Duell der beiden Männer vor der rußigen und schmutzigen, lauten und übelriechenden Kulisse einer frühindustriellen Stadt hat mich gepackt und begeistert. Bis nach Pennsylvania führt der mörderische Kampf und findet einen äußerst ungewöhnlich erzählten Ausgang.

Überrascht hat mich eine editorische Notiz im Impressum: „Auf Seite 313 beleidigt Stephen Doyle einen Schwarzen rassistisch.“ Wenn solche Hinweise üblich werden – welches Buch, vor allem welcher Klassiker, kann dann zukünftig noch ohne Warnhinweis erscheinen?

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Veröffentlicht am 22.03.2021

Was wäre die Kripo Schwäbisch Hall ohne Milka Mayr?

Die Kuh gräbt nicht nach Gold
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Wenige Krimireihen können ihr Niveau halten, zumal, wenn die Bände - wie bei den Hohenlohe-Krimis von Bernd Gunthers - im Jahrestakt erscheinen. Hier ist es jedoch anders, sei es, weil die Kriminalfälle ...

Wenige Krimireihen können ihr Niveau halten, zumal, wenn die Bände - wie bei den Hohenlohe-Krimis von Bernd Gunthers - im Jahrestakt erscheinen. Hier ist es jedoch anders, sei es, weil die Kriminalfälle immer noch verzwickter, komplexer und spannender werden, oder weil mir die Protagonisten noch mehr ans Herz wachsen.

Auch wenn die Bände problemlos unabhängig gelesen werden können - mir macht genau dieses Wiedersehen mit den äußerst empathisch gezeichneten Charakteren große Freude: Milka Mayr, charmante Landwirtin und Managerin des Mayr’schen Hofgutes in Bühlerzell mit Mordsinstinkt, ihr Freund, der Schwäbisch Haller Kriminalhauptkommissar Paul Eichert, der sich mittlerweile nicht ungern an Milkas Einmischung in die polizeiliche Ermittlungsarbeit gewöhnt hat, der Kunsthistoriker Professor Lothar Ebert mit seinen gelehrten Vorträgen und der pensionierte Kreisjägermeister Sebastian Wild samt seinem wurstliebenden Deutsch Kurzhaar.

Wo Milka ist, ist das Verbrechen nicht weit
Kaum unternimmt Milka mit Paul eine Paddeltour auf der friedlich murmelnden Jagst in Richtung Kloster Schöntal, entdeckt sie auch schon eine Wasserleiche. Damit ist sie wieder einmal mittendrin in einem Fall. Paul, der ihre Ermittlerqualitäten, ihr stures Beharrungsvermögen, ihren analytischen Verstand und ihre Menschenkenntnis längst zu schätzen weiß, gesteht ihr wie immer mehr Mitarbeit zu, als die Vorschriften es genaugenommen erlauben. Dabei hätte Milka im Marketing und bei der Buchführung des Familienbetriebs sowie beim Aufbau des neuen Hofladens eigentlich genug zu tun. Außerdem steht die heiß ersehnte Teilnahme bei der Oldtimer-Rallye in Langenburg an mit ihrem eigenhändig restaurierten VW-Käfer und Paul als Beifahrer. Doch kaum sind die beiden zur dritten Teilprüfung, dem „Bergtag“, gestartet, zeigt sich auch hier: Wo Milka ist… Als wäre das nicht genug, gerät auch noch Professor Lothar Ebert bei wissenschaftlichen Arbeiten an der keltischen Heuneburg östlich von Sigmaringen in allergrößte Bedrängnis, wo zwar keine Kuh, wohl aber zwei Teams mit archäologischen Ausgrabungen beschäftigt sind. Pauls Vermutung, dass „dieser ominöse Fall größere Dimensionen annehmen wird“ (S. 130) erweist sich somit schnell als goldrichtig.

Regionalkrimi plus
Neben der wendungsreichen, streng chronologisch aufgebauten Krimihandlung, die sich in 16, mit Wochentagen überschriebenen Kapiteln immer mehr zuspitzt, haben mich auch beim aktuellen Band "Die Kuh gräbt nicht nach Gold" wieder der Sprachwitz von Bernd Gunthers, das liebevoll eingebaute Lokalkolorit und die genaue Beschreibung sämtlicher Örtlichkeiten, Haupt- und Nebenfiguren begeistert. Nach gut 300, leider viel zu schnell gelesenen Seiten fühle ich mich nicht nur wieder bestens unterhalten durch eine logisch ablaufende Szenerie mit stimmiger Auflösung, sondern auch um Kenntnisse über die Kulturgeschichte der Kelten, den Ablauf von Oldtimer-Wettbewerben und Geldwäsche-Geschäften, lokale Bräuche und die Herausforderungen der modernen Landwirtschaft bereichert.

Da coronabedingt leider auch zu diesem Band vorläufig keine Lesungen stattfinden können, gibt es einen schönen Eindruck vom Buch und der Landschaft Hohenlohes in einem sehr empfehlenswerten Trailer bei youtube.de.

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Veröffentlicht am 06.03.2021

Körperhygiene für Anfänger

Edition Piepmatz: Seif dich ein, sagt das Schwein
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Keine Lust auf Händewaschen? Geschrei beim Kämmen? Panik vor Schaum auf dem Kopf? Die Tiere im quadratischen, stabilen Pappbilderbuch "Seif dich ein, sagt das Schwein" von Kathrin Wessel (Illustration) ...

Keine Lust auf Händewaschen? Geschrei beim Kämmen? Panik vor Schaum auf dem Kopf? Die Tiere im quadratischen, stabilen Pappbilderbuch "Seif dich ein, sagt das Schwein" von Kathrin Wessel (Illustration) und Sandra Grimm (Text) sind trotz Körperpflegeprozedur vergnügt. Jeweils ein großes und ein kleines Tier derselben Gattung werden beim Zähneputzen, Baden oder Kämmen gezeigt. Zu jeder der sieben Szenen gibt es einen grafisch wunderschön gestalteten gereimten Zweizeiler im Stil des Buchtitels und eine passende Illustration auf der gegenüberliegenden Seite. Die Reime sind kurz, einprägsam und lassen sich in entsprechenden Situationen wiederholen. Mich haben sie sofort zum Weiterreimen animiert: „Schneid mir die Mähne, sagt die Hyäne“, „Putz dir die Nase, sagt der Hase“ – Der Fantasie der Vorleserinnen und Vorleser und der älteren Geschwister sind keine Grenzen gesetzt. Außerdem lässt sich zu den Bildern mehr sagen als nur ein Satz, je nach Ausdauer der kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer ab etwa zwölf Monate. Die herzigen Illustrationen auf kontrastreichem, farbenfrohem Hintergrund sind einfach gehalten und zeigen die Tiere meist von vorn, was sie für Kleinkindaugen leichter erkennbar macht.

Wer so gepflegt ist, wie es Bär, Katze, Maus, Schwein, Lama und Lamm am Ende sind, darf sich mit einem Blick in den Spiegel belohnen – sagt jedenfalls der Igel!

Und wer mit der gleichen Methode das Gute-Nacht-Ritual oder das Trösten einüben möchte, kann es mit "Leise, leise, sagt die Meise" oder mit "Tut’s noch weh?, fragt das Reh", ebenfalls von Kathrin Wessel und Sandra Grimm und in der Reihe Edition Piepmatz des Ravensburger Verlags erschienen, tun.

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Veröffentlicht am 10.02.2021

So eine Oma braucht jedes Kind!

Lotte und die Freitags-Oma
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Lotte ist schon fünf Jahre alt, kann fünf Züge schwimmen, bis 17 zählen, die Zahl Fünf lesen und ist mutig genug, auswärts zu übernachten. Am liebsten sind ihr die Freitage, denn dann holt die Oma sie ...

Lotte ist schon fünf Jahre alt, kann fünf Züge schwimmen, bis 17 zählen, die Zahl Fünf lesen und ist mutig genug, auswärts zu übernachten. Am liebsten sind ihr die Freitage, denn dann holt die Oma sie vom Kindergarten ab. Zusammen erleben die beiden viele kleine Alltagsabenteuer. Die Oma lässt Lotte jede Menge Freiraum für ihre gründlichen Beobachtungen, gibt Anregungen, ohne sie damit zu erdrücken, nimmt es bei den Süßigkeiten nicht ganz so genau wie die Mutter und verliert vor allem nie ihren Humor. Selbst wenn es, wie bei Lottes Rollerunfall, brenzlig wird, strahlt sie eine wohltuende Ruhe aus, ist immer präsent und bleibt doch wohltuend im Hintergrund. Kein Wunder also, dass Lotte selbst bei Krankheit freitags nicht im Bett bleiben will!

Abenteuer findet man überall
18 Geschichten, die richtig Spaß machen, umfasst das Vorlesebuch "Lotte und die Freitags-Oma" mit Text und Illustrationen von Miriam Zedelius. Den bereits 2019 erschienenen Vorgängerband "Lotte und die Oma-Tage", als die beiden noch die Montage zusammen verbrachten, muss man dafür nicht kennen. Jede der um die fünf Seiten umfassenden Geschichten in großer Schrift ist in sich abgeschlossen und die Reihenfolge beliebig. Egal, ob die beiden unternehmungslustigen Damen zusammen zum Markt, in den Zoo oder auf den Rummelplatz gehen, ob sie Pfandflaschen sammeln, einen Regen-Puzzle-Tag einlegen, Quittengelee kochen, ohne Schnee Schlitten fahren oder am Laternenumzug teilnehmen, immer sind es Situationen aus der Alltagswelt der kleinen Zuhörer und Zuhörerinnen ab drei Jahren mit ein paar zusätzlichen Anregungen und spannenden Einblicken in Lottes kindliche Gedankenwelt.

Alles in Rot und Grün
Die unterschiedlich großen, sehr gut passenden Zeichnungen auf fast jeder Doppelseite sind im Gegensatz zum poppigen Cover ausschließlich in roter und grüner Farbe gehalten, wobei Oma und Lotte sich prima ergänzen: Trägt Lotte eine rote Jacke, so ist die der Oma grün, sind Omas Hose und Schuhe rot, hat Lotte grüne an. Nur die Gesichter und Haare sind immer grün – mit fröhlichen roten Bäckchen. Schade ist das nur für Betrachter, selten Betrachterinnen, mit einer Rot-Grün-Sehschwäche.

Verschiedene Zielgruppen
Aufgrund der einfachen Satzstruktur, der kurzen Geschichten und der kindgerechten Themenauswahl eignet sich "Lotte und die Freitags-Oma" schon zum Vorlesen ab drei Jahren. Aber auch bei fortgeschrittenen Erstleserinnen und Erstleser, die bereits etwas umfangreichere Textmengen bewältigen, könnte das warmherzig geschriebene Buch zum Einsatz kommen, denn mit der größeren Schrift, dem Flattersatz, den in sich abgeschlossenen Episoden, den kurzen Sätzen und textunterstützenden Illustrationen stellt sich schnell Leseerfolg ein.

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Veröffentlicht am 04.02.2021

Die Familiengeschichte geht weiter

Vati
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In hohem Alter erzählte Tante Kathe der Nichte Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits mit der Auflage, sie erst nach ihrem Tod für einen Roman zu verwenden. Unter dem Titel "Die Bagage" ...

In hohem Alter erzählte Tante Kathe der Nichte Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits mit der Auflage, sie erst nach ihrem Tod für einen Roman zu verwenden. Unter dem Titel "Die Bagage" war er eines meiner Lese-Highlights 2020. Die bitterarmen Lebensverhältnisse, in denen die Familie Moosburger als verachtete „Bagage“ im hintersten Bregenzerwald lebte, und das Schicksal ihrer Mutter Grete als vermeintliches Kuckuckskind erzählte Monika Helfer äußerst knapp, mit Unschärfen, ohne Dramatisierung oder Pathos und ebenso lebendig wie elegant.

In ihrem neuen Roman, Vati, steht nun ihr Vater Josef im Mittelpunkt. Man muss den Vorgängerband nicht kennen, da alle notwendigen Informationen kurz zusammengefasst werden, trotzdem macht es mit Vorkenntnissen noch mehr Spaß. Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut, so viele „alte Bekannte“ wiederzutreffen.

Anders ist bei diesem neuen Buch das Schöpfen aus eigenen Erinnerungen. Darüber hinaus hat Monika Helfer ihre Stiefmutter befragt – und auf deren Wunsch bis nach ihrem Tod mit dem Schreiben gewartet – und eigene Erinnerungen mit denen ihrer beiden Schwestern verglichen.

Auf und ab
Die Lebensumstände ihres Vaters als unehelich geborener Sohn einer Magd im Lungau waren ähnlich prekär wie die der Mutter. Allerdings nahm sich ein Pfarrer des begabten Jungen an und sorgte dafür, dass er in Salzburg Aufnahme ins Gymnasium und Schülerwohnheim fand. Schon damals fiel seine ungewöhnliche Liebe zu Büchern auf, die ihn ein Leben lang begleitete.

Ein halbes Jahr vor der Matura erhielt er die Einberufung und verlor in Russland ein halbes Bein und viele Hoffnungen. Weder über seine Kindheit noch über den Krieg sprach der Vater, eher schon, wie er im Lazarett die Mutter kennenlernte. Völlig mittellos lebten die beiden zunächst bei der „Bagage“.

Ab 1955 leitete der Vater das Kriegsversehrtenheim auf der Tschengla, rückblickend ein Paradies für die 1947 geborene zweite Tochter Monika Helfer. Fast wäre ihm seine rücksichtslose Büchersucht dort zum Verhängnis geworden. Als das Unglück abgewendet war, starb die zeitlebens zurückgezogene, den Alltagsanforderungen nicht gewachsene Mutter und Monika Helfer kam mit ihrer älteren Schwester Gretel zur Tante Kathe:

"Ohne Mutti ist ohne Würde. Sie konnte nicht kochen, aber sie war unsere Würde. Natürlich wusste ich damals nicht, was dieses Wort bedeutete, aber heute weiß ich es. Alle wissen: Die Gretel und ich sind noch dazu nur untergestellt bei den Armen, wir sind sogar noch ärmer als die Armen, die Ärmsten der Armen sind unsere Wohltäter." (S. 109)

Immer wieder greift die „Bagage“ ohne viele Worte bei größter Not ein:

"Tante Kathe sagte: „Es geht niemand verloren.“ Diesen Satz habe ich später sehr oft von ihr gehört." (S. 111)

Zuletzt vermitteln sie dem Vater sogar eine neue Frau und eine Stelle. Die vier Kinder bekommen wieder ein Zuhause:

"Das waren trotz allem schöne Abende. Das Paradies waren sie nicht, das war oben, 1220 Meter über dem Meer, für uns nicht mehr erreichbar." (S. 117)

Große Literatur auf nur 172 Seiten
Es ist bei weitem nicht nur die anrührende Lebensgeschichte des Vaters, die Monika Helfer „mehr wahr als unwahr“ (S. 9) in puzzleartigen Versatzstücken erzählt. Es ist ihre eigene Geschichte bis zur Gegenwart und eine Reflexion über das Schreiben und Erinnern, letzteres am greifbarsten in der Übergangsphase zwischen Wachsein und Schlaf. Vor allem aber ist es wieder ein großes Stück Literatur.

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