# Der letzte Hirte
Der letzte HirteDer Roman schildert in lockerer Sprache auf 235 Seiten den Alltag (Kirchengemeinde und Schule, Stress mit Ex-Frau) und die Reisen eines evangelischen Pastors vom Niederrhein, portioniert in Tageskapiteln ...
Der Roman schildert in lockerer Sprache auf 235 Seiten den Alltag (Kirchengemeinde und Schule, Stress mit Ex-Frau) und die Reisen eines evangelischen Pastors vom Niederrhein, portioniert in Tageskapiteln vom 4. bis zum 30. September 2017. Zwei kurze Kapitel (7. Januar 1972; 19. August 2018), die in den USA spielen, bilden eine Art Rahmen. Die Erzählung dreht sich im Kern – verfremdet, frei nachgebildet und ausgeschmückt – um einen anderen Pfarrer: der hatte Anfang der 1930er Jahre in genau jener Gemeinde durchgesetzt, ein Gottesdienstzentrum zu bauen, das nun durch Sparmaßnahmen mit Verkauf und Umwidmung bedroht ist.
Der Buchtitel des Romans ist wie ein Motiv-Faden: war jener Pfarrer der „erste Hirte“ der Gemeinde, empfindet sich der Protagonist als deren „letzter Hirte“.
Eine konspirative Gruppe von Pastoren, die in der Nazi-Zeit eine innerkirchliche Opposition zu den sogenannten (hitlertreuen) „Deutschen Christen“ bildete – diese DC-Leute unterwanderten die Leitungsgremien vieler Gemeinden – nannten sich „Die letzten Hirten“. Das Titelmotiv taucht auch in einer Besinnung zum Psalm vom guten Hirten (Psalm 23) und im Reisebericht aus Bethlehem auf, wo der Romanpastor einer Schafherde ansichtig wird.
Die Erforschung des Schicksals des „ersten Hirten“ treibt die Erzählung voran und endet in einer ländlichen Kirchengemeinde in Maryland/USA. Dort findet der „letzte Hirte“ auch seine neue Frau. Genau an diesem Ort war der erste Pfarrer seiner Kirche durch glückliche Umstände am Ende des Krieges gelandet, nach Gestapo-Haft und Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau. Ein US-Soldat hatte ihn aus dem Todesmarsch gerettet. In den Vereinigten Staaten konnte er dann als „Pastor Bill“ bis zum Lebensende arbeiten und verschloss in einem Safe die Notizen über seine Aktivitäten als Mitglied der „Bekennenden Kirche“. Nur eine vertrauenswürdige Person sollte sie lesen dürfen. Diese Person ist der „letzte Hirte“, der, mit den Dokumenten zurückgekehrt, zu Hause nicht nur einiges Persönliche regelt, sondern auch erreichen kann, dass man einen Gedenkraum für den ersten Hirten plant – wodurch der Fortbestand des Gemeindezentrums zu gewährleisten wäre.
Auf 45 Seiten im ergänzenden Teil berichtet Holthuis von tatsächlichen Ereignissen in der Kirchengemeinde Wesel. Er sichtet Protokolle, zieht bestehende Darstellungen, inkl. der Aussagen von Zeitgenossen, heran und bewertet sie neu, zum Beispiel darin, dass jeder Hinweis auf die 87 deportierten Weseler Juden fehlt. Im Roman – mit anderen Namen, Orten und Verknüpfungen – schiebt er gewissermaßen separate Biographien zusammen und lässt den „ersten Hirten“ zum „Bonhoeffer des Niederrheins“ werden.
Historisch und auch im Roman bleibt der Focus auf diese eine Gemeinde begrenzt. Was von ihr aktenkundig ist oder im Roman erzählt wird, war wahrscheinlich nicht untypisch für viele Kirchengemeinden. Es gab jedoch in der Nachbarschaft Beispiele anderer Gemeinden, die durchgängig das „III. Reich“ mitfeierten (Brünen) oder von Anfang an sich tapfer gegen die Willkürherrschaft wehrten (Sonsbeck).
Das Buch liest sich leicht; gelegentlich zu leicht? Ob das dem Thema angemessen ist, mag die Leserschaft entscheiden.
Drucktechnisch und sprachlich kommen allerhand Misslichkeiten vor, die wohl passieren, wenn ein Schriftsatz vom PC direkt zum Buchdruck hochgeladen wird, ohne dass ein Lektorat sie redigiert.
Guy W. Rammenzweig