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Veröffentlicht am 12.04.2021

Wo ist meine Heimat?

Hannah und Ludwig
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Die Brüder Heinrich und Ludwig machen sich 1934 auf die Flucht nach Tel Aviv, um sich vor der Naziherrschaft zu schützen. Der Start ist holprig, sie müssen auf einem Balkon wohnen, müssen mehrere Jobs ...

Die Brüder Heinrich und Ludwig machen sich 1934 auf die Flucht nach Tel Aviv, um sich vor der Naziherrschaft zu schützen. Der Start ist holprig, sie müssen auf einem Balkon wohnen, müssen mehrere Jobs annehmen, um sich irgendwie über Wasser zu halten. Ludwig gelingt es durch seinen Fleiß seinen Chef Lewinsohn zu überzeugen und hat sich in seiner Firma von einer Reinigungskraft zum Prokuristen hochgearbeitet. Nach kurzer Zeit konnte er auch den Rest seiner Familie nach Israel holen und lernt bald Hannah kennen, die er heiratet. Ludwig hat aber Schwierigkeiten mit der Unehrlichkeit und Dreistigkeit der Menschen in Tel Aviv, zerstreitet sich mit Hannah und ihr Sohn ist mittendrin. Am Ende fühlen sich Ludwig und Hannnah immer noch in Israel fremd und kehren mit ihrem Sohn Rafael wieder nach Deutschland zurück.

Inhalt:

Mir hat es sehr gut gefallen, mitzuverfolgen, wie holprig der der Start der Brüder in Israel war. Heinrich vermisste seine Heimat Deutschland, Ludwig hingegen war begeistert von d Tel Aviv und der Idee eines jüdischen Staates. Die unterschiedlichen Ansichten waren sehr interessant. Im Laufe des Romans erfahren wir dann hauptsächlich über Ludwigs Erfahrungen und Leben in Israel. Später wird die Geschichte auch aus der Sicht von Hannah erzählt. Die Charaktere waren mir leider nicht wirklich sympathisch, wobei sich meine Meinung bei vielen Protagonisten immer mal wieder geändert hat. Am meisten mochte ich Ludwigs Chef Lewinsohn, ohne den Ludwig kein so einfaches Leben in Israel gehabt hätte. Die Beziehung zwischen Hannah und Ludwig blieb für mich als Leser auch sehr distanziert. Die Gefühle kamen nicht wirklich rüber. Was mir gefallen hat ist, dass man über die einzelnen Familienmitglieder vieles erfahren hat. Jeder hatte eine andere Ansicht zu Israel und den Plänen eines jüdischen Staates. Dadurch hat man vielfältige Ansichten dazu kennengelernt.

Zudem wurde die Geschichte in historische Ereignisse rund um den zweiten Weltkrieg und den Auseinandersetzungen zwischen den arabischen und jüdischen Bürgern in Israel eingebettet. Es wurde eindrücklich beschrieben, warum es zu Konflikten zwischen den Israelis und Briten sowie mit den Arabern kam.

Zentral war das Thema Heimat und Fremdsein. Es war spürbar, wie groß die Hoffnung war, in Israel eine neue Heimat zu finden, in der alle Juden glücklich leben können. Doch die Sprache und die Mentalität der Einwohner Israels waren große Hürden für Ludwig und Heinrich. Ludwig blieb in dem Land fremd und verlor sich.

Im Anhang befindet sich ein Glossar mit jiddischen Begriffen, welches sehr hilfreich gewesen ist. Die Wörter die dort nicht aufgelistet waren, wurden im Text erklärt. Zusätzlich gibt es auch einige Fotos von Ludwigs Familie, wobei Ludwig der Vater des Autors Rafael Seligmann ist und dessen Familie die Ereignisse im Roman tatsächlich erlebt hat. Das macht den Familienroman auch zu etwas ganz Besonderem.

Fazit:

Der Roman beschriebt auf interessante Weise das Leben der deutschen Juden in Israel und zeugt die damit verbundenen Schwierigkeiten auf. Die Charaktere sind sehr vielseitig und machen unterschiedliche Erfahrungen mit dem Leben in Israel, was mir gefallen hat. Nur hat mir die Nähe zu den Figuren, gerade auch zu Hannah und Ludwig ein wenig gefehlt, was aber mein einziger Kritikpunkt ist.

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Veröffentlicht am 12.04.2021

Der Weg eines Klavierstimmers

Der Klang der Wälder
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Tomura hört eines Tages zufällig Itadori-san beim Stimmen des Klaviers an seiner Schule zu. Dieser eine Ton, den er anschlug, hat ihn verzaubert und erinnerte ihn an den Klang der Wälder. Seitdem war ihm ...

Tomura hört eines Tages zufällig Itadori-san beim Stimmen des Klaviers an seiner Schule zu. Dieser eine Ton, den er anschlug, hat ihn verzaubert und erinnerte ihn an den Klang der Wälder. Seitdem war ihm klar, dass er auch Klavierstimmer werden möchte. Doch nach einem sehr gut abgeschlossenen Studium hat er immer wieder das Gefühl, dass er nicht gut in seinem Beruf ist. Er übt jeden Tag, schaut anderen erfahrenen Klavierstimmern zu und trotzdem sind Kunden nicht von ihm begeistert. Er zweifelt immer wieder an sich. Aber dann trifft er auf die Zwillinge Yuni und Kazune. Gerade Kazunes Art, Klavier zu spielen verzaubert ihn dermaßen, dass ihm mit der Zeit bewusst wird, nur für Kazune den perfekten Klang am Klavier zu erzeugen.


Meinung:


Der Roman ist sehr ruhig und leicht zu lesen. Mir hat es sehr gut gefallen, dass sich die Geschichte so zart und magisch angefühlt hat. Tomura hat viele Selbstzweifel und versucht herauszufinden, was einen guten Klavierstimmer ausmacht. Seine Kollegen, die schon sehr viel mehr Erfahrung haben, waren mir auch sehr sympathisch, da sie weise Tipps für Tomura hatten und verschiedene Sichtweisen auf Perfektion und Klaviere haben.


Gerade Itadori, den Meister im Klavierstimmen, fand ich toll. Er hat immer an Tomura geglaubt und hat ihm ein tolles Zitat vorgestellt, an dem er sich bei der Suche des perfekten Klanges eines Klaviers orientiert. Es stammt von Tamiki Hari, einem Schriftsteller.


"Hell, ruhig, klar, an wehmütige Erinnerungen rührend, zugleich aber mit einer milden Strenge in die Tiefe gehend. Schön wie ein Traum und greifbar wie die Wirklichkeit." (S.59)


Genau das ist die Beschreibung, den er sich auch für den Klang eines Klaviers wünscht, das er stimmt.


Die Liebe zur Musik wird in diesem Buch ebenfalls sehr deutlich. Über das Klavier wird mit viel Liebe gesprochen. Man lernt sehr viel über dieses Instrument und den bemerkenswerten Beruf eines Klavierstimmers kennen, der sich ja eher im Hintergrund aufhält, während allein der Pianist und das Klavier im Vordergrund stehen. In mir hat das Buch die Begeisterung für Musik und das Klavier verstärkt. Für jede Figur hatten diese beiden Hauptthemen eine andere und persönliche Bedeutung, die bei allen wunderschön war. Tomura ist über sich hinausgewachsen und hat endlich das Gefühl gehabt, angekommen zu sein, das richtige zu tun. Viele Figuren finden tatsächlich zu einem sinnerfüllten Leben, was toll ist.


An einigen Stellen gab es oftmals einige wiederholte Sätze und Aussagen, die ich nicht immer für so wichtig empfand. Einige hätte man variieren können. Trotzdem war der Schreibstil poetisch und sehr angenehm. Außerdem hat es mich teilweise genervt, dass Tomura manchmal sehr lange gebraucht hat, um zu verstehen, was seine Kollegen oder Kunden eigentlich meinen und zu ihm sagen.





Fazit:


Dieser Roman war mein erster aus Japan und er hat mich wegen seiner magischen und zarten Atmosphäre begeistert. Die Liebe und Kraft der Musik wird sehr gut vermittelt. Insgesamt ist es ein tolles Buch, das verschiedene Lebensziele der Figuren sehr gut erfasst und lehrreich ist.

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Veröffentlicht am 12.04.2021

Ein Krimi der besonderen Art

Weiter Himmel
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Inhalt:

Im Vordergrund stehen die wohlhabenden Familienväter Tommy, Andy und Steve. Sie treffen sich gelegentlich, um Golf zu spielen oder ein Bier zu trinken. Doch sie haben ein grausames Nebengeschäft. ...

Inhalt:

Im Vordergrund stehen die wohlhabenden Familienväter Tommy, Andy und Steve. Sie treffen sich gelegentlich, um Golf zu spielen oder ein Bier zu trinken. Doch sie haben ein grausames Nebengeschäft. Als eine Frau aus dem Bekanntenkreis tot aufgefunden wird, werden die Polizei und auch der Privatdetektiv Jackson Brodie auf sie aufmerksam.

Meinung:

Vor dem Lesen wusste ich nicht, was mich bei diesem Buch erwartet. Gleich zu Beginn aber erlebte ich eine beklemmende und bedrohliche Atmosphäre. Das Besondere ist, dass man als LeserIn schon weiß, in welches Verderben die Figuren stürzen. Man weiß sofort, um welche Grausamkeit es in dem Roman geht.

Was ich auch sehr spannend fand, ist, dass man viel über die Übeltäter erfährt. Aus ihrer Perspektive erleben wir sie in ihrem ganz normalen Alltag als Familienvater und eigentlich als ganz normale Menschen. Da die Perspektiven oft gewechselt werden und man viele Figuren kennenlernt, ist die Geschichte sehr dynamisch aber auch verwirrend und teilweise überladen.

Der Schreibstil ist anders als bei anderen Krimis. Der Sarkasmus der Autorin verleiht dem Krimi etwas Besonderes. Ich wusste nicht, dass dieses Buch schon der fünfte Teil der Jackson Brodie Reihe ist. Das war aber nicht weiter schlimm, weil man den Detektiv hier auch näher kennenlernt und nicht das Gefühl hat, als hätte man etwas verpasst.

Die Themen sind sehr groß. Es geht nämlich um Menschenhandel und Kindesmissbrauch. Umso außergewöhnlicher ist es, dass diese Themen mit einem schwarzen Humor behandelt werden. Das ist verwirrend und neu, hat aber seinen Reiz.

Die Handlung geht nur langsam voran, da wir viele Figuren in ihrem Leben begleiten und diese kennenlernen. Erst in der Mitte wird es zunehmend spannend und die Ermittlungen nehmen ihren Lauf.

Dieser Krimi hebt sich von den anderen ab, weil er die Übeltäter sehr detailliert und fast wie ganz harmlose Menschen zeichnet. Humor und Sarkasmus sorgen dafür, dass man das Gefühl hat, einen Krimi der besonderen Art zu lesen. Auch wenn die Handlung langsam vorangeht, wird die Spannung durch die verschiedenen Perspektiven und die düsteren Themen aufrechterhalten.

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Veröffentlicht am 07.04.2021

Hannah Arendt hautnah

Was wir scheinen
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Von Hannah Arendt hatte ich nur sehr wenig gehört. Ich wusste, dass sie eine bedeutende Denkerin des 20. Jahrhunderts war, weshalb ich mehr über sie erfahren wollte.

Es handelt sich hier um einen biographischen ...

Von Hannah Arendt hatte ich nur sehr wenig gehört. Ich wusste, dass sie eine bedeutende Denkerin des 20. Jahrhunderts war, weshalb ich mehr über sie erfahren wollte.

Es handelt sich hier um einen biographischen Roman, in dem wir an den Erinnerungen von Hannah Arendt teilhaben dürfen. Sie fährt im Sommer 1975 ein letztes Mal nach Tegna in die Schweiz und lässt ihr Leben Revue passieren. Dabei geht es um ihre Erlebnisse in Berlin, Paris, Rom, Jerusalem, Frankreich und USA. Auch der Eichmann-Prozess 1961 spielt hier eine große Rolle.

Die Autorin Hildegard Keller hat es geschafft, Hannah Arendt für uns Leser*innen greifbarer zu machen. Durch ihre Gedanken und Gefühle lernt man sehr viel über sie, auch wenn ihre Dialoge mit anderen Figuren im Buch fiktiv sind. Trotzdem ist die Geschichte mir Zitaten von Arendt beschmückt. Der Roman erreicht, dass man eine bemerkenswerte Frau kennenlernt und der Wunschentfacht wird, über dieses Buch hinaus mehr über sie zu erfahren.

Da die Gedankengänge sehr sprunghaft sind, fiel es mir nicht so leicht, ihnen zu folgen. Zudem ist mir aufgefallen, dass es schwierig ist, alles im Roman zu verstehen, wenn man noch nicht viel über Hannah Arendt weiß. Dies hat den Lesefluss ein wenig abgebremst.

Der Schreibstil jedoch ist sehr angenehm und ermöglicht ein flüssiges Lesen. An Witz darf es natürlich auch nicht fehlen. Die Mischung aus den inneren Gedankengängen und den Erlebnissen sorgt für Abwechslung.

Fazit:

Ich habe einiges über Hannah Arendt erfahren können. Durch die Romanform habe ich viele Informationen mit Spaß und ohne Langeweile aufnehmen können. Wenn man noch nicht so viel über Hannah Arendt weiß, kann es sein, dass man einige Male beim Lesen verwirrt ist. Aber man möchte danach weiter über diese bemerkenswerte Frau recherchieren.

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Veröffentlicht am 06.04.2021

Eine Reise in die Tiefen der Erinerungen

Die Fremde
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In diesem autofiktionalen Roman erzählt Claudia Durastanti von ihrem Leben, indem sie einzelne Erinnerungen, die sie geprägt haben, an die Oberfläche holt und ihre Gedanken und Gefühle dazu teilt. Es fängt ...

In diesem autofiktionalen Roman erzählt Claudia Durastanti von ihrem Leben, indem sie einzelne Erinnerungen, die sie geprägt haben, an die Oberfläche holt und ihre Gedanken und Gefühle dazu teilt. Es fängt mit der Geschichte ihrer gehörlosen Eltern an, die sich schon sehr früh wie Fremde gefühlt haben und ihren eigenen, außergewöhnlichen Weg gehen. Claudia und ihr Bruder sind dabei auf sich allein gestellt, da ihre Eltern eher mit sich selbst beschäftigt sind. Das, was sie in ihrer Kindheit erlebt hat, hinterlässt Spuren in ihrer Jugend und ihrem Leben als erwachsene Frau. Sie lässt uns an ihrer Entwicklung und ihren Gedanken teilhaben.



Meinung:

Claudia Durastanti hat einen anspruchsvollen Roman geschrieben, der mehrere wichtige und interessante Themen aufgreift, die aktuell sind und höchstwahrscheinlich viele Personen betreffen. Sie schreibt dabei teilweise sehr distanziert, teilweise sehr persönlich, was mir sehr gut gefallen hat.

Die Auswahl der Erinnerungen im Roman sagt viel über sie aus und schafft auf eine geschickte Weise eine Nähe zu ihr. Dabei haben mich ihre Reflexionen über Sprache sehr fasziniert. Sie untersucht die Wörter wie "desire path" oder das italienische Wort "sentire" auf ihr Bedeutungsspektrum, während sie einsieht, dass diese Sprache mit ihrer Ironie und ihren Metaphern für die Gehörlosen und somit auch ihren Eltern nicht zugänglich ist. Ich habe viele interessante Fakten über die Gehörlosigkeit und die Sprache an sich gelernt, was mir besonders gut an diesem Buch gefallen hat.

"Wenn wir zusammen sind, betreten wir diese unbekannte Sphäre, den Schwarzmarkt der Sprache: Ich mute ihnen Allegorien zu, sie wehren mich ab, indem sie sich auf die Eindeutigkeit der Wörter, ihre unmögliche Allgegenwart berufen." (S.191)


Sie selbst schreibt sehr metaphorisch und in einem hohen Stil. Manchmal sind ihre Aussagen leider zu verworren, sodass man die Stelle mehrfach liest und trotzdem nicht weiß, was sie damit sagen möchte.

Es handelt sich hier nicht um eine chronologische Geschichte, sondern es werden verschiedene Szenen aus ihrer Vergangenheit episodenhaft beleuchtet, anhand derer man Claudias Gefühle des Fremdseins, der Isoliertheit und der Ausgeschlossenheit als Migrantin sehr gut nachvollziehen kann. Sie nimmt uns mit auf ihre Reise, die Erlebnisse aus der Vergangenheit zu verarbeiten. Dabei sind die Ereignisse sehr vielfältig und faszinierend, teilweise auch schockierend.

Die großen Themen Sprache und Fremdsein hat sie meiner Meinung nach sehr schön behandelt. Auch der Bezug zu ihren Eltern und der sich verändernde Umgang mit ihnen ist sehr interessant. Zwischen den sehr treffenden und berührenden Passagen liegen leider auch einige wirre Stellen, die den Lesefluss stark abbremsen und meine Begeisterung abgemildert haben. Sie haben mich in der Hinsicht unbefriedigt lassen, dass sie zu ungenau waren und man nicht wusste, was damit nun gemeint ist.



Fazit:

Dieser Roman ist einzigartig und auf seine Art faszinierend. Die Art, wie sich ihre Erinnerungen mosaikartig zu ihrer jetzigen Person zusammenfügen, ist besonders. Die wirren und ungenauen Stellen bremsen jedoch den Lesefluss ein wenig ab, aber viele Gefühle bringt sie auf den Punkt und besonders schön analysiert sie die Facetten der Sprache.

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