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Veröffentlicht am 16.06.2021

Kunstvoll erzählte intensive Geschichte

In Zeiten des Tulpenwahns
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„In Zeiten des Tulpenwahns“ besticht bereits durch das elegant-reduzierte Titelbild, das sich von dem unsäglichen „Frau-vor-Gebäude“-Einerlei der meisten historischen Romane gelungen abhebt. Auch sonst ...

„In Zeiten des Tulpenwahns“ besticht bereits durch das elegant-reduzierte Titelbild, das sich von dem unsäglichen „Frau-vor-Gebäude“-Einerlei der meisten historischen Romane gelungen abhebt. Auch sonst ist das Buch hochwertig gestaltet. Die Autorin führt uns in das Haarlem der Jahre 1620 – 1641, der Hauptteil des Buches spielt 1637. Wir sind also mitten in der Zeit des Tulpenfiebers, das in den Niederlanden zu absonderlichsten Spekulationsauswüchsen führte.

Die ausnehmend schöne Sprache hat mich von Anfang an beeindruckt. Sehr gekonnt, elegant wird hier erzählt, es macht Freude, diese Sätze zu lesen. Die Atmosphäre jener Zeit wird gelungen heraufbeschworen, nicht zuletzt durch fast durchweg historisch passende Dialoge, aber auch durch farbige Beschreibungen und gut eingeflochtene historische Details. Hier hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, daß historische Informationen nur um ihrer Selbst willen eingefügt wurden, sie passten und hatten Sinn. Die Beschreibungen waren mir dagegen manchmal zu ausführlich und wiederholten sich auch an manchen Stellen. Zudem beschreibt die Autorin manche Szenen wie ein Gemälde, inklusive Erklärungen von Maltechniken. Das ist originell, war für mich aber eher irritierend. Hätte die Geschichte von Malerei gehandelt, hätte ich es nachvollziehen können, so wirkten diese Einschübe – so gut sie geschrieben sein mögen – immer wie Fremdkörper und unterbrachen die Geschichte. Das fand ich dann besonders schade, wenn ich ganz in der Geschichte drin war, alles vor mir sah und mich dann ein solcher theoretischer Einschub herausriß. Letztlich aber waren dies nur punktuelle Kritikpunkte.

Hauptpersonen sind der Gärtner Nicolaes und seine Tochter Margriet. Zu Beginn gibt es mehrere Handlungsstränge, bei denen noch nicht ersichtlich ist, wie diese sich zusammenfinden werden. Diese werden gut zusammengewoben. Lediglich bei einem Charakter blieb mir zu viel im Dunkeln. Wir lernen ihn zu Beginn kennen, Margriet hat Angst vor ihm, ohne daß uns wirklich begreiflich gemacht wird, warum sie diese hat. Es werden einige Handlungen Jacques’ geschildert, aber auch hier bleibt vieles unerklärt. Dies ist der zweite Punkt, der mich bei dem Buch ein wenig gestört hat: es gibt mehrere Stellen, an denen zu viel offenbleibt, einige Handlungen, deren Motivation nicht ersichtlich ist und die auch nie aufgegriffen wird. Auch einige zusätzliche Sätze zu einigen Aspekten des Tulpenwahns und dessen Ausgang hätten nicht geschadet. Manches blieb mir zu sehr an der Oberfläche und auch manchen Charakteren hätte etwas mehr Tiefe gutgetan.

Dafür gibt es allerdings sehr tiefgängige Stellen, die ohne viele Worte sehr viel vermitteln. Gerade Nicolaes ist herrlich sorgfältig ausgearbeitet und die kleinen Momente, in denen sich seine Beziehungen zu anderen zeigen, sind ganz hervorragend geschildert. Auch später, als die Dramatik zunimmt, liest man gebannt und kann gefühlsmäßig nicht ungerührt bleiben. Ohne Pathos, ohne Drama wird ganz intensiv geschildert – eine wundervolle Sprachkraft, die dazu führt, daß man nach dem Lesen der letzten Seite noch eine ganze Weile ergriffen ist. Sehr schön ist es auch, daß die Autorin nicht vor Realismus zurückscheut. Zu viele Bücher verschreiben sich so sehr dem „Alles wird gut“-Credo, daß ihnen jegliche Spannung genommen wird, weil man schnell merkt – irgendein glücklicher Zufall kommt immer wieder zu Hilfe, niemandem passiert etwas. Das ist hier zum Glück nicht der Fall. Das Buch ist lebensnah und durchaus teilweise unbarmherzig. Und genau deshalb ist es spannend und glaubwürdig. Ohnehin gab es in der Geschichte keine Längen (eher, wie oben erwähnt, im Gegenteil), dazu überraschende Wendungen, so daß ich immer wissen wollte, wie es weitergeht.

So erfreut „Zeiten des Tulpenwahns“ also sowohl mit Sprache wie auch Erzähltempo, mit historischem Realismus und einer durchaus ungewöhnlichen Geschichte.

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Veröffentlicht am 20.04.2021

Lebendig, mitreißend, vielfältig

Die Tore des Himmels
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Von diesem Roman über Elisabeth vom Thüringen war ich sehr angetan. Der Schreibstil ist herrlich farbig und lebhaft, ich war sofort in der Handlung drin und dies setzt sich durch das Buch auch fort. Der ...

Von diesem Roman über Elisabeth vom Thüringen war ich sehr angetan. Der Schreibstil ist herrlich farbig und lebhaft, ich war sofort in der Handlung drin und dies setzt sich durch das Buch auch fort. Der Autorin gelingt es ausgezeichnet, die Welt des frühen 13. Jahrhunderts auferstehen zu lassen, man sieht Burgen, armselige Unterkünfte, Landschaften und auch die Menschen direkt vor sich.
Die Geschichte Elisabeths wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, insbesondere durch die – fiktive – Gisa, Zofe und Kindheitsfreundin Elisabeths. Das ist eine gelungene Perspektive, wir erleben die zeitgenössische Sicht, ganz nah an Elisabeth dran, aber eben doch von einer anderen Person, die Elisabeth mit Liebe und trotzdem auch manchmal mit rationaler Distanz betrachtet. So erhalten wir ein umfassendes und lebhaftes Bild dieser faszinierenden und verstörenden Person.
Einige Passagen sind aus Sicht des auktorialen Erzählers berichtet, auch diese sind schön lesbar. Dann gibt es zwischendurch noch einige Dokumente (Briefe, Tagebücher, etc), die teilweise tatsächliche historische Schriften sind, teilweise fiktiv. Diese haben mir weniger zugesagt, denn sie sind in dem damals üblichen Deutsch verfasst, was natürlich zum Thema passt und Authentizität hineinbringt, aber leider nicht leicht zu lesen war. Gerade die recht ausführlichen fiktiven Kreuzfahrtstagebucheinträge eines Ritters werden aufgrund des Schreibstils doch recht zäh und tragen zudem nicht wirklich etwas zur eigentlichen Geschichte bei. Das war mein anderer Kritikpunkt, mir wurden hier zu viele Themen hineingepackt. Die Autorin erklärt im Nachwort, sie habe ein umfassendes Bild der Zeit Elisabeths schildern wollen, was an sich eine gute Idee ist. Mir war es aber einfach zu viel für ein Buch, dessen Fokus nun eben die Geschichte Elisabeths ist. Die Kreuzzüge werden in großer Ausführlichkeit geschildert. Außerdem gibt es eine weitere Erzählperspektive: jene von Primus, einem armen Bauernjungen. Dies soll den Kontrast zum Leben des Adels schildern, die Armut jener, die Elisabeths Hilfe suchten. Auch dies ist an sich eine gute Idee, nahm aber zu viel Raum ein. Insbesondere auch deshalb, weil Primus’ anfängliche Kapitel sich inhaltlich sehr ähneln und es viele thematische Wiederholungen gibt. Auch Primus’ Aufstieg war für mich nicht ganz glaubhaft. Überhaupt nimmt die Autorin sich einige historische Freiheiten (auf die sie im Nachwort hinweist). Die Lebensgeschichte Elisabeths ist interessant und ungewöhnlich genug, nun wird aber noch eine Art Räuberpistole draufgepackt – ihr Mann wird hier ermordet, es gibt Komplotte, ketzerische Treffen, dunkle Affären, die obligatorische Liebesgeschichte und einiges mehr, was an sich nicht schlecht ist, aber für diese Geschichte nicht notwendig ist und sie eher überfrachtet. Ich hätte auf all diese Passagen recht gerne verzichtet. Schön erzählt sind sie aber allemal.
Die Autorin hat sich intensiv mit Elisabeth beschäftigt und liefert uns so ein fundiertes, tiefgehendes Psychogramm dieser Frau. Es liest sich teilweise geradezu verstörend, wie Elisabeth handelt und denkt, und wie sie immer tiefer in ihren „Wahn“ (so wirkt es manchmal) hineingleitet. Wir sind bei dieser Reise hautnah dabei. Es gibt in diesen über 500 Seiten keine Längen, ich war stets gebannt und die Charaktere berührten mich. Sie sind herrlich lebendig geschildert. Auch die historischen Informationen und Details zeugen von fundierter Recherche und sind zudem ausgezeichnet in die Handlung eingebunden.
Ich habe dieses Buch sehr genossen und viel daraus gelernt. Ein wenig mehr Fokussierung auf Elisabeths Geschichte hätte mir mehr zugesagt, aber das ist letztlich Geschmackssache. Wer eine gekonnt geschilderte Reise in das 13. Jahrhundert machen und durch unterhaltsame Lektüre auch noch einiges lernen möchte, dem kann ich dieses Buch wärmstens ans Herz legen.

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Veröffentlicht am 16.01.2021

Hier stimmt fast alles!

Die Kannenbäckerin
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Bei "Die Kannenbäckerin" hat mich sofort das Titelbild angesprochen. Es ist keines der unsäglichen "Frau-vor-Gebäude"-Titelbilder, die darauf ausgelegt zu sein scheinen, historischen Romanen jegliche Individualität ...

Bei "Die Kannenbäckerin" hat mich sofort das Titelbild angesprochen. Es ist keines der unsäglichen "Frau-vor-Gebäude"-Titelbilder, die darauf ausgelegt zu sein scheinen, historischen Romanen jegliche Individualität zu nehmen, sondern es ist schlicht und gerade dadurch eindrücklich. Auch die Farbgebung des Hintergrunds sowie der Schrift (sehr schöne Schrifttype!) sind angenehm und harmonisch. Die erfreuliche Gestaltung setzt sich auf Buchrücken, Rückseite und im Buchinneren fort. Ebenfalls erfreulich ist das sorgfältige Korrektorat – was leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Auch der Inhalt kann mit dem gelungenen Äußeren mithalten. Wir sind sofort auf der ersten Seite mitten im Geschehen. Annette Spratte erzählt herrlich farbig, vermittelt das, was zu sehen, zu hören und zu riechen ist, so gut, daß ich mich in der Szenerie glaubte. Das Erzähltempo hält, was der Anfang verspricht. Es gab für mich keine überflüssige Passage, ich habe mich nie gelangweilt. Die Autorin konzentriert sich auf das Wesentliche. Manche Dinge wurden mir sogar ein wenig zu knapp abgehandelt.

Obwohl die Geschichte während der letzten Jahre des Dreißigjährigen Krieges einsetzt, bleiben uns detaillierte Schilderungen von Grausamkeit erspart. Dem Leser wird durchaus vermittelt, welche Härten das Leben mit sich brachte und welches Leid die Menschen erdulden mußten, aber das geschieht ohne Effekthascherei. Es gibt einen Überfall von Soldaten auf das Dorf, aber wir sind nicht dabei und erfahren davon, wie die Protagonistin selbst, erst nachher. Es hat mir gefallen, daß hier auf blutrünstige Schilderungen verzichtet wurde. Fokus sind die Charaktere und ihre Entwicklungen, insbesondere natürlich die Protagonistin Johanna. Diese Charaktere sind sorgfältig konzipiert und gerade Johanna, sowie ihr Onkel und ihre Tante haben mich berührt und ich habe an ihrem Schicksal Anteil genommen. Wenn man so mitgeht, dann ist die Charakterzeichnung wirklich gelungen. Niemand ist hier eindimensional. Auch die positiv gezeichneten Charaktere haben ihre Fehler und ihre unsympathischen Momente. Die negativen können ab und zu überraschen und bei manchen stellt sich der erste Eindruck als falsch heraus. Dadurch wirken alle Charaktere echt und ich sah schon bald das Dorf, sowie den Hatterod-Hof richtig vor mir.

Johannas innere Reise ist besonders interessant und umfassend. Man erlebt, wie sie innerlich wächst und sich entwickelt. Interessant ist hier auch ihre Haltung zu Gott, den sie nach ihren vielen Schicksalsschlägen zunächst gänzlich ablehnt, was sich nach und nach ändert. Hier fand sich allerdings für mich der zweite kleine Schwachpunkt des Buches – was als interessante, nachvollziehbare Entwicklung beginnt, bekommt im letzten Viertel des Buches einen idealisiert-missionarischen Anstrich, der dann zum Selbstzweck wird, und auf die Geschichte aufgepfropft wirkt. Das war sogar mir als durchaus gläubigem Menschen zum Ende hin zu viel und wurde in seiner Wirkung genau dadurch geschwächt.

Erfreulich waren die historischen Details, die gut recherchiert sind, auch zur Töpferei in jener Zeit habe ich eine Menge gelernt – dies auf unterhaltsame Weise, alle Fakten wurden ausgezeichnet in die Geschichte eingeflochten und waren interessant zu lesen. Schade war es, daß stellenweise die Dialoge viel zu modern wirkten. Auch hier hatte ich gerade im letzten Viertel bei manchen Dialogen eher ein Gefühl von 20. Jahrhundert. Da gibt es ein paar richtige Ausreißer, wie "Es ist eine tolle Chance für ihn." Niemand im 17. Jahrhundert (und lange danach) hätte so gesprochen, ganz zu schweigen davon, daß "toll" zu jener Zeit eine völlig andere Bedeutung hatte.

So gibt es also mit der teilweise etwas raschen Behandlung einiger Themen und seelischen Auswirkungen, dem Missionarischen und den teilweise nicht historisch korrekten Dialogen ein paar Wermutstropfen. Demgegenüber steht aber eine ausgesprochen interessante Geschichte, die in einem angenehmen Schreibstil geschildert wird, auf völlig unaufgeregte Art sehr spannend ist und den Leser mit mitreißende Charakteren und überwiegend herrlich geschilderter Atmosphäre überzeugt.

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Veröffentlicht am 10.12.2020

Liebevoll, hochwertig, vielfältig

Immer wieder vegan
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Das Buch macht schon beim ersten Anblick Freude – es ist in jeder Hinsicht hochwertig. Der feste Stoffeinband in strahlendem Gelb-Grün leuchtet einem entgegen, passend dazu gibt es gleich zwei Lesebändchen, ...

Das Buch macht schon beim ersten Anblick Freude – es ist in jeder Hinsicht hochwertig. Der feste Stoffeinband in strahlendem Gelb-Grün leuchtet einem entgegen, passend dazu gibt es gleich zwei Lesebändchen, eins in Gelb, eins in Grün. Das Papier innen ist ebenfalls fest und die liebevolle Gestaltung setzt sich im Inneren fort. Zu jedem Rezept gibt es ein ganzseitiges Farbfoto (bzw. manchmal einige kleinere Fotos, zB wenn ein Zubereitungsprozeß gezeigt wird). Unter jedem Rezept finden sich farblich – jeweils zur Farbe des Kapitels passend – abgesetzt Tips und Varianten – eine tolle Idee! Die Tips sind vielfältig – von Hinweisen zu schnellerer Zubereitung oder Dingen, die dazu passen, Aufbewahrungshinweisen bis hin zu Hintergrundinformationen ist alles dabei. Jedes Rezept wird mit einem kleinen Absatz vorgestellt, der manchmal einführende Informationen gibt, manchmal einfach berichtet, welche persönlichen Erfahrungen die Autorin mit dem Rezept hat.

Überhaupt ist das Buch sehr persönlich, die Autorin verrät viel über eigene Präferenzen. Manchmal hätte ich es vorgezogen, wenn der Platz für Informationen genutzt worden wäre, so finden sich vor den Rezepten Einführungstexte über die verschiedenen Komponenten, also zB eine Seite über Kartoffeln, eine über Pilze, eine über Früchte etc. Dort gab es viele gute Informationen, so zur Lagerung, ebenso wie zum Werkzeug und der Verwendung. Gerade bei der Lagerung habe ich viel gelernt und gemerkt, daß ich manches falsch mache. Die Verwendung kam mir aber oft zu kurz, auch unbekanntere Gemüsearten o.ä. hätten etwas ausführlicher vorgestellt werden können anstelle bekannter Hintergrundinformationen i.S.v. „aus Getreide macht man Brot“ und persönlicher Einschübe wie „Das ist mein Lieblingsxy“. Das sind allerdings Kleinigkeiten, insgesamt stecken in jeder dieser Einführungsseiten nützliche Informationen vielerlei Art.

Die Rezepte sind in fünf Kapitel unterteilt – eines für jede Jahreszeit und eines für „Jederzeit“. Das gefällt mir gut, da auch in den Texten viel Wert darauf gelegt wird, saisonal einzukaufen. Die Rezepte sind vielfältig, so gibt es Klassiker wie Kartoffel-Pilz-Suppe oder Linsensuppe, die aber durch Kräuter und Gewürze noch ein wenig Pep bekommen. Es finden sich aber auch Gerichte, von denen ich noch nie gehört habe (z.B. Klebreisbällchen und Kimchi-Pfannkuchen). Die Rezepte sind aus aller Welt und die Gerichtevielfalt selbst ist auch gut – Salate, Suppen, Nachtische, Frühstücksgerichte, viele Arten von Gemüsegerichten. Ich bin sehr wählerisch und habe mehrere Unverträglichkeiten, die es mir schwer machen, in Kochbüchern viel zu finden, was ich nachkochen kann. Hier habe ich durchaus mehr gefunden als in vielen anderen Kochbüchern. „Ohne Ersatzprodukte“ ist das Motto und das wird auch eingehalten, gerade die Vielfalt von Gemüse erkennt man hier.

Schade fand ich, daß Nährwertangaben komplett fehlen. Es wird auch nicht erklärt, warum darauf verzichtet wurde. Da Zucker und ähnliche Süßungsmittel in ziemlich vielen Rezepten vorkommen und auch sonst öfter Dinge verwendet werden, die ein gewisses Kalorienpotential haben, oder nicht so bekannt sind, wäre es schön gewesen, zum Nährwert einige Informationen zu bekommen. Das Fehlen hat mich doch gestört. Auch fand ich viele Rezepte nicht unbedingt alltagstauglich in dem Sinne, daß man einige der Zutaten nur in Asialäden oder Bioläden/Reformhäusern bekommt. Die Empfehlung, marktfrisch, bei besonderen lokalen Herstellern oder in Biomärkten einzukaufen, ist lobenswert, aber nicht jeder hat dazu die Zeit. Auch von der Herstellungsweise waren es doch öfter etwas aufwendigere Gerichte. Diese beiden Punkte, die fehlenden Nährwerte und die nicht unbedingt gegebene Alltagstauglichkeit haben mich ein wenig zwischen 4 und 5 Sternen schwanken lassen, jetzt sind es 4,5 geworden.

Die Zubereitungsschritte sind gut erklärt, auch die schon erwähnten Tips tragen hier einiges bei. Sehr schön finde ich, daß die Rezepte im Register sowohl nach Zutaten wie auch nach Ländern geordnet sind. Überhaupt punktet das Buch absolut mit seiner Übersichtlichkeit. Es gibt sogar ein Literaturverzeichnis zur Warenkunde und weiteren Kochbüchern.

„Immer wieder vegan“ ist ein liebevoll und hochwertig gestaltetes Kochbuch, das neue Impulse bietet und die Vielseitigkeit natürlicher Zutaten zeigt. Wer meint, vegane Küche wäre langweilig, sollte mal einen Blick hier hereinwerfen, und für Leute, die sich allgemein vegan ernähren oder einfach mal frisch und ohne tierische Produkte kochen möchten, ist es eine gelungene Fundgrube.

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Veröffentlicht am 14.11.2020

Ausgezeichnet konzipierte, vielschichtige Geschichte

Das Licht von Marokko
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„Das Licht von Marokko“ war ein Zufallsfund, über den ich sehr glücklich bin. Es ist ein außergewöhnlicher Roman, der verschiedene Themen komplex und ausgesprochen gelungen verbindet. Das grundlegende ...

„Das Licht von Marokko“ war ein Zufallsfund, über den ich sehr glücklich bin. Es ist ein außergewöhnlicher Roman, der verschiedene Themen komplex und ausgesprochen gelungen verbindet. Das grundlegende Thema ist die Malerin Helena, die seit Jahrzehnten unter dem nicht aufgeklärten Mord an ihrer Schwester Alicia leidet und nun herausfinden möchte, was geschehen ist. Dieser Mord an Alicia ist gewissermaßen der rote Faden, aber Helena findet noch unglaublich mehr über ihre Familie heraus und der Leser hat das Glück, sie auf dieser wirklich spannende Reise zu begleiten.

Helenas Anstoß zu weiteren Forschungen ist die Teilnahme an einer Familienaufstellung, und ich fand es schade, daß diese dubiose Methode so unkritisch geschildert wurde und die dort gemachten fast esoterisch anmutenden repräsentativen Wahrnehmungen als so relevant dargestellt wurden. Aber dies nimmt zum Glück nicht zu viel Raum ein. Der Großteil der Recherche findet durch Gespräche mit Weggefährten, Spurensuche und zwei Kisten voller Dokumente statt, die Helena aus dem Nachlass ihrer Mutter übergeben werden. Das mag einen an die zahllosen, sich ähnelnden 08/15-Romane mit dem Thema „Frau findet alte Dokumente und kommt Geheimnis auf die Spur“ erinnern, aber dieses Buch hebt sich weit von dieser Dutzendware ab, dies sowohl durch die Erzählweise wie auch die Thematik. Helenas Nachforschungen führen sie tief in die Geschichte nicht nur ihrer Familie, sondern auch Spaniens. Der Vater war überzeugter Franquist und weitaus mehr in die Unterstützung Francos verwickelt, als seine Familie sich je hätte träumen lassen. Es werden dunkle Themen angesprochen – Francos Methoden und überhaupt die Stimmung im Spanien jener Jahre, politische Morde, von politisch Unliebsamen geraubte Kinder und vieles mehr. Auch Marokkos Geschichte spielt eine – kleinere – Rolle.

Die Geschichte entfaltet sich uns allmählich durch Helenas Nachforschungen, Rückblicke und einen Blick auf alte Fotografien. Dies ist gut gemacht, denn wir bekommen immer nur einzelne Puzzleteile – Geschehnisse und Personen halten reichlich Überraschungen bereit, fast nichts ist so, wie es scheint. Gerade die Rückblicke sind farbig geschildert, aber auch sonst ist der Schreibstil flüssig. Ein kleines Manko ist die gelegentliche Neigung zum Dialog-Infodumping (zu Beginn insbesondere die Tendenz mancher Charaktere, ihren Verwandten den Familienstammbaum herunterzubeten, der allen durchaus bekannt ist. „Du bist meine Stiefgroßmutter, weil …“) und zu Wiederholungen. Wenn ein Brief z.B. ausführlich Dinge erklärt, die die Charaktere – und somit auch der Leser – bereits herausgefunden haben, ist das unnötig und etwas zäh. Dies kommt aber nicht so oft vor, daß es das Lesevergnügen wirklich beeinträchtigt hätte. Es gibt einen ausgesprochen großen Zufall, was nie mein Geschmack ist, aber es war nur einer. Ansonsten war alles sorgfältig konzipiert. Helena, die oft grundlos unfreundlich ist, war kein sympathischer Charakter und es gibt zwischen ihr und ihrem Stiefenkel einen obskuren und unnötigen Handlungsstrang, aber auch das überlagerte die Geschichte nicht.

Ich habe die fast 500 Seiten des Buches mit Freude gelesen, war nie gelangweilt, sondern im Gegenteil sehr gespannt, was sich als nächstes enthüllen würde. Ich habe die bildhaften Schilderung genossen und die Schauplätze, insbesondere das von der Familie geliebte Haus in Marokko, vor mir gesehen. Außerdem konnte ich hier viel über die Zeit Francos und die Nachwirkungen jener Zeit lernen, was ausgesprochen interessant war. So ist „Das Licht von Marokko“ ein auf vielen Ebenen ausgezeichnetes Buch, das zahlreiche Aspekte geschickt verwebt und farbenfroh schildert.

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