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Veröffentlicht am 12.05.2021

Die Angst geht um

Verlorene Engel
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Dresden, Oktober 1956: Vor drei Jahren wollte Kommissar Max Heller mit seiner Frau Karin und seiner Ziehtochter Anni in den Westen fliehen, weil die DDR nicht das Land war, was sie sich erhofft hatten, ...

Dresden, Oktober 1956: Vor drei Jahren wollte Kommissar Max Heller mit seiner Frau Karin und seiner Ziehtochter Anni in den Westen fliehen, weil die DDR nicht das Land war, was sie sich erhofft hatten, aber sie blieben wegen ihrem Sohn Klaus und dessen schwangerer Freundin. Da seine Vorgesetzten inzwischen seine Weigerung akzeptieren, in die SED einzutreten, soll er endlich ausgezeichnet und befördert werden. Doch zuvor gilt es, einen Serienvergewaltiger zu fassen, der schon in fast allen Stadtteilen zugeschlagen hat. Als die erste Frau diesen Übergriff nicht überlebt, scheint ihnen die Zeit davonzurennen – sind beim Täter inzwischen alle Hemmschwellen gefallen? Eine Polizeisekretärin bietet sich als Lockvogel an, nächtelang spaziert sie durch Dresden, immer im Blickfeld der Beamten. Und wirklich geht ihnen bald ein Verdächtiger ins Netz, und noch einer, und noch einer – aber keinem von ihnen kann man die Vergewaltigungen und den Mord nachweisen ...
Da taucht Alexej Saizev bei Heller auf und teilt ihm mit, dass zwei russische Soldaten aus der Kaserne geflohen sind, die nach Ungarn versetzt werden sollten, um den dortigen Volksaufstand niederzuschlagen. Er traut ihnen diese Taten durchaus zu und eines der Opfer behauptet ja auch, ihr Peiniger habe russische gesprochen. Die Emotionen in der Bevölkerung kochen hoch, Rufe nach Selbstjustiz werden laut.
Auch privat hat Heller große Sorgen. Ziehtochter Anni ist still geworden, lässt in der Schule nach, streitet und prügelt sich mit ihren Mitschülern und ihrer besten Freundin. Was ist nur los mit ihr? Außerdem überlegen Karin und er immer wieder, wann der richtige Zeitpunkt ist, Anni von ihrer Herkunft zu erzählen. „Ich frage mich, ob nicht da draußen irgendwo jemand herumläuft, der Annie sucht, der sich fragt, was aus ihr geworden ist. Der sich Vorwürfe macht, sie noch nicht gefunden zu haben.“ (S. 15)

„Verlorene Engel“ ist schon der 6. und leider auch vorletzte Band der Krimireihe von Frank Goldammer und für mich war er genauso gruselig, fesselnd, verwirrend und erschütternd wie der erste Teil „Der Angstmann“. Obwohl wir schon fast sommerliche Temperaturen haben, wurde ich die Gänsehaut beim Lesen einfach nicht los. Zu grausam sind die Vergewaltigungen, zu detailreich werden sie zum Teil geschildert. Man spürt das Entsetzen und die Sprachlosigkeit der Opfer, die Angst in der Bevölkerung und den Druck, der auf den ermittelnden Behörden lastet. Neben der Polizei suchen bald auch das MfS und die Russen fieberhaft nach dem Täter und den flüchtigen Soldaten. Frauen trauen sich im Dunkeln nicht mehr auf die Straße, man braucht schnelle Ermittlungsergebnisse, hat Angst vor weiteren Opfern weiteren Toten.

Geschickt bindet Frank Goldammer die damals aktuellen politischen Ereignisse ein. In Ungarn tobt ein Volksaufstand, der auch Heller und seine Frau kurzzeitig hoffen lassen, dass sich die Lage vielleicht doch noch wendet, die restriktiven Maßnahmen der Russen gelockert werden und sich die DDR als eigenständiges und unabhängiges Land entwickeln kann. Außerdem schildert er die Bedingungen in der russischen Armee. Die Soldaten, oftmals Bauern aus den entlegensten Gebieten der Sowjetunion, waren nicht freiwillig hier und der Situation auch überhaupt nicht gewachsen. Die Zustände in den Kasernen müssen grauenvoll gewesen sein, dazu immer wieder der Drill durch die Vorgesetzten – da nehmen einige lieber billigend den Tod auf der Flucht in Kauf, als zu bleiben. „Arme Schweine sind das. Ich war mal in einer Kaserne. Ein Zuchthaus ist ein besserer Ort, sage ich Ihnen.“ (S. 319)

Ich mag die Art, wie dem Leser Einblicke in die Ermittlungen aber auch das Privatleben der Ermittler gewährt werden. Max Heller ist immer noch sehr unangepasst, kann einfach nicht lockerlassen und wendet jeden Fakt so lange, bis er die Täter stellen und überführen kann. Seine Familie muss dabei leider oft zurückstecken und Karin fühlt sich mit ihren Sorgen oft allein gelassen.

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Veröffentlicht am 08.05.2021

Ist der Rucksack zu klein, sind die Wünsche zu groß.

Achtsam morden am Rande der Welt
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Eigentlich wollte der achtsame Anwalt Björn Demel seinen 45. Geburtstag mit seinen „Mandanten“ in einem Restaurant feiern, ohne dass die etwas von dem Anlass erfahren. Schließlich hat er ein gutes Verhältnis ...

Eigentlich wollte der achtsame Anwalt Björn Demel seinen 45. Geburtstag mit seinen „Mandanten“ in einem Restaurant feiern, ohne dass die etwas von dem Anlass erfahren. Schließlich hat er ein gutes Verhältnis zu ihnen. Dass sie zwei ehemals verfeindeten Mafia-Clans angehören, dessen Chefs er im Zuge der bei seinem Therapeuten Joschka Breitner erlernten Achtsamkeit leider umbringen musste, weiß keiner. Offizielle leiten Sascha einen Kindergarten, Carla einen Escort-Service und Walter ein Security Unternehmen, nur Stanislaws Drogenhandel lässt sich nicht beschönigen. Doch dann läuft die Feier komplett aus dem Ruder und seine Ex-Frau taucht mit ihrem neuen Freund auf – den Björn von früher unter einem anderen Namen kennt. „Ich hörte etwas klicken. Es war die Büchse der Pandora.“
Als er seinem Therapeuten davon erzählt macht der ihm klar, dass er nicht mehr auf seine Bedürfnisse achtet, sondern sich nach anderen richtet und langsam in eine Midlife-Crisis schliddert. Er rät ihm zu einer Auszeit. Björn soll den 800 km langen französischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela gehen und dabei über folgende Fragen meditieren: „Was ist der Sinn des Lebens? Welches Verhältnis habe ich zum Tod? Was brauche ich wirklich für ein erfülltes Leben?“

Leider wird schon am ersten Abend seiner Pilgerschaft auf ihn geschossen und in den folgenden Tagen sterben immer wieder Mitpilger – nur waren leider nie sie, sondern immer Björn gemeint. Sein Attentäter ist also kein Profi. Doch wer ist er und was hat er gegen ihn? Achtsam meditierend und oft intuitiv schafft er nach und nach mehrere Probleme bzw. Gegner aus dem Weg. „Es ging nicht mehr darum, mich selbst zu finden. Es ging vor allem darum, nicht gefunden zu werden.“

Auch der dritte Teil der „Achtsam morden“ Reihe hat mich wieder hervorragend unterhalten. Ich habe mich köstlich amüsiert, wie Autor Karsten Dusse Klischees und Sinnsprüche zum Thema Pilgern einbringt und mich mehr als einmal gefragt, ob er für das Buch wohl selber gepilgert ist. Auch die Spannung kommt nicht zu kurz, zusammen mit Björn rätselt man bis zuletzt, wer ihm warum ans Leder will.
Wie schon in den Vorgängerbänden geht es für Björn auch beim Pilgern um Selbsterkenntnis und Selbstreflexion, darum, eigene Wünsche und Träume nicht nur zu erkennen, sondern sich auch zu erfüllen – natürlich achtsam und im Einklang mit seiner Umwelt.

Ich habe schon viele Bücher über das Pilgern gelesen und träume davon, irgendwann selbst den Camino zu gehen. Und gerade jetzt, wo man nur noch im Kopf reisen darf, macht so ein Hörbuch besonderen Spaß. Zudem werden denen, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben ganz nebenbei wichtige Informationen und Bräuche zum Pilgern nähergebracht. „Der Weg gibt dir nicht was du willst, sondern was du brauchst.“

Auch dieses Hörbuch wurde wieder vom Autor selbst eingelesen und ich habe seiner ruhigen und entspannten Stimme sehr gern zugehört.

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Veröffentlicht am 05.05.2021

Babygirl

Soul Food
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„Seit ich mich erinnern kann, wollte ich Köchin werden.“ (S. 41)
Die 17jährige Emoni lebt in einem Problemviertel in Philadelphia, ist die Mutter der zweijährigen Emma und im Abschlussjahr der Highschool. ...

„Seit ich mich erinnern kann, wollte ich Köchin werden.“ (S. 41)
Die 17jährige Emoni lebt in einem Problemviertel in Philadelphia, ist die Mutter der zweijährigen Emma und im Abschlussjahr der Highschool. Während ihre Mitschüler einen genauen Plan von ihrer Zukunft haben, ist Emoni froh, wenn sie neben der Schule im Burgerladen genug Geld verdient, um ihrer `Buela (Großmutter), bei der sie mit Emma lebt, nicht auf der Tasche zu liegen. Abschalten und runterkommen kann sie nur, wenn sie kocht. Dabei probiert sie immer wieder neue Rezepte aus, entwickelt selbst welche, spielt dabei sehr kreativ und innovativ mit Gewürzen, Aromen und Zutaten. Familie und Freunde sind begeistert, denn ihr Essen löst etwas bei den Menschen aus, berührt sie im Innersten. Als in der Schule Kochkurs angeboten wird, kann sie nicht widerstehen, doch im Unterricht gelten andere Regeln als in ihrer Küche: „Kochen ist eine Wissenschaft, Instinkt reicht nicht aus.“ (S. 95)

Emoni hatte es nie leicht im Leben. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben und ihr Vater war überfordert, hat sie bei seiner Mutter „abgeladen“ und ist nach Puerto Rico zurückgegangen. Als sie mit 14 ungeplant schwanger wurde, musste sie sich schief ansehen und oft auch beschimpfen lassen – doch sie hat sich nicht unterkriegen lassen. Der Vater ihrer Tochter ist nur ein Jahr älter und nimmt seine Tochter nur jedes zweite Wochenende, schließlich hätte sie das Kind ja nicht bekommen müssen.
Emoni scheint nirgendwo richtig dazu zu passen. Ihre Haut ist heller als gewöhnlich, durch die Mutterschaft ist sie erwachsener und verantwortungsvoller als ihre Mitschüler und sie hat auch keine Zeit, um mit ihnen auszugehen oder abzuhängen. Sie liebt ihre Tochter über alles, kümmert sich rührend um sie. Für ihr „Babygirl“ würde sie alles tun. Andererseits ist sie planlos, was ihre Zukunft angeht. Sie hat kein Geld für ein College und überlegt stattdessen sofort ungelernt in einer Küche arbeiten. Außerdem traut sie keinem Jungs mehr, ist im Umgang mit ihnen unsicher und will nie wieder eine Beziehung eingehen. Aber Malachi, der Neue ihrer Klasse, ist ganz anders als ihr Ex – rücksichtsvoll und zielstrebig. Ist er der perfekte Freund oder nur ein guter Schauspieler? „Mir ist zwar auch bewusst, dass die Vergangenheit kein Spiegelbild der Zukunft sein muss, aber sie zeigt doch, wie sie sich entwickeln könnte. Und wenn Deine erste große Liebe dir das Herz bricht, kann es noch sehr lange bluten.“ (S. 336)

„Soul Food“ ist ein sehr berührendes Buch und handelt von der Suche einer jungen Frau nach ihrem Platz im Leben, ihrer Zukunft und ihren Wurzeln. Aber es ist noch so viel mehr. Eine sehr poetische Geschichte über Freundschaft, Homosexualität und Rassismus, über das Erwachsenwerden und die Abnabelung von der Familie – und darüber, endlich wieder seinen Gefühlen und Instinkten zu (ver)trauen.
Es ist natürlich auch ein Buch über die Fusion-Küche, das man dank Elizabeth Acevedos Beschreibungen mit allen Sinnen genießen kann und das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Und nicht zuletzt beinhaltet es drei wunderbar zarte Liebesgeschichten, die zum Hoffen und Träumen einladen.

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Veröffentlicht am 25.04.2021

Das verschwundene Mädchen

Der tote Rittmeister
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„Viktoria atmete tief ein. Endlich war sie da.“ (S. 21)
Juni 1913: Viktoria Berg verbringt die Sommerfrische wieder auf Norderney. Sie ist inzwischen Lehrerin und besucht hier ihre Schülerin Elli, die ...

„Viktoria atmete tief ein. Endlich war sie da.“ (S. 21)
Juni 1913: Viktoria Berg verbringt die Sommerfrische wieder auf Norderney. Sie ist inzwischen Lehrerin und besucht hier ihre Schülerin Elli, die wegen einer schweren TBC im Seehospiz liegt. Am Tag zuvor ist deren beste Freundin Rike verschwunden und Elli bittet sie, diese zu suchen. Als die Krankenschwestern behaupten, Rieke existiere nur in Ellis Fantasie, wird Viktoria hellhörig – sie glaubt ihrer Schülerin mehr und begibt sich auf die Suche nach der Verschwundenen.
Auch der Journalist Christian Hinrichs ist wieder auf der Insel. Er berichtet über die Feierlichkeiten zum 25jährigen kaiserlichen Thronjubiläum, als bei einem Offiziersrennen zu Pferd am Strand ein toter Rittmeister gefunden wird. Christian fällt sofort auf, was bei dem Toten alles nicht stimmt und teilt dies dem ermittelnden königlichen Badekommissar mit, der ihn daraufhin als Hilfsbeamten rekrutiert.

„Der tote Rittmeister“ ist der zweite Band mit den unkonventionellen Ermittlern Viktoria und Christian, die sich im Vorjahr hier auf Norderney kennengelernt und zusammen einen Mord aufgeklärt haben. Aus der sich dabei vorsichtig anbahnenden Beziehung ist leider nichts geworden, weil Viktoria als Lehrerin nicht verheiratet sein darf und ihr der Beruf und damit ihre Selbstverwirklichung wichtiger war als ein Ehemann. Christian konnte ihre Entscheidung nicht nachvollziehen und ist immer noch sauer. Doch da Rieke und der tote Rittmeister oft zusammen gesehen wurden und sie ist ausgerechnet in der Nacht verschwand, als er ermordet wurde, begegnen sich Viktoria und Christian im Rahmen ihrer Ermittlungen wieder und sind sich schnell einig: Das kann kein Zufall sein!

Wie bereits bei „Die Tote in der Sommerfrische“ verbindet die Autorin Elsa Dix einen extrem spannenden Kriminalfall mit dem tollen historischen Setting von Norderney und lässt so Geschichte wieder lebendig werden. Sie schildert das mondäne Leben auf der Insel, beschreibt sehr anschaulich die schicken teuren die Hotels und die gutsituierten Gäste. Man trifft sich zu Tee und Mokkatorte, Salonkonzerten oder Abendveranstaltungen und es werden zukünftige Ehen angebahnt. Auf der anderen Seite marschieren aber auch Kinder in Uniform und strenger Formation über die Promenade und die Borkum rühmt sich, die erste judenfreie Insel der Nordsee zu sein – der Nationalsozialismus ist bereits zu erahnen.
Die Ermittlungen gestalten sich schwieriger als gedacht und gehen in verschiedenen Richtungen, was das Miträtseln besonders interessant machte. Ich hatte diesmal zwar relativ früh einen Verdacht, aber der war natürlich nur ein Teil der Lösung und der Täter und sein Motiv haben mich am Ende dann doch sehr überrascht.

Ich mag an Viktoria und Christian besonders, wie modern und aufgeschlossen sie sind. So diskutiert Viktoria leidenschaftlich über das Thema Frauenwahlrecht und verprellt damit die Damen und Herren von Stand und Christian lässt sich weder von der Familie des Toten noch vom Inselpolizisten in seine Nachforschungen reinreden.
Auch zwischenmenschlich knistert es wieder, Viktoria hat einen gutsituierten Verehrer und Christian ist eifersüchtig – ich hoffe sehr, dass aus ihnen doch noch ein Paar wird.
Außerdem bekommt Christian ein Angebot des königlichen Badekommissar, über das er ernsthaft nachdenken muss, denn sein Job als Journalist füllt ihn schon lange nicht mehr aus …

5 Sterne und meine Leseempfehlung für diesen spannenden, charmanten und sehr kurzweiligen historischen Nordseekrimi mit viel mondänem Flair. Kaum ausgelesen, hoffe ich schon auf das nächste Abenteuer von Viktoria und Christian.

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Veröffentlicht am 22.04.2021

Auf den Spuren ihres Vaters

Die Tochter meines Vaters
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Sigmund Freud dürfte jedem Interessierten ein Begriff sein, aber wer kennt schon seine Tochter Anna? Ich bin ehrlich, ich hatte noch nie von ihr gehört, dabei war sie eine Vorreiterin auf dem Gebiet der ...

Sigmund Freud dürfte jedem Interessierten ein Begriff sein, aber wer kennt schon seine Tochter Anna? Ich bin ehrlich, ich hatte noch nie von ihr gehört, dabei war sie eine Vorreiterin auf dem Gebiet der Kinderanalyse.

Romy Seidel beschreibt in „Die Tochter meines Vaters“ wie eng das Leben von Vater und Tochter in den Jahren 1922 bis 1939 (bis zu seinem Tod) verknüpft war. Sie erzählt von der Liebe einer Tochter zu ihrem Vater, der fast bedingungslosen Selbstaufgabe und jahrelangen Pflege während seiner schlimmen Krebserkrankung, aber auch, wie Anna nach seiner Anerkennung für ihre Arbeit strebt, nach seinem Lob. Sie war seine Vertraute, Sekretärin und Vertretung, hat sich stets um ihn gesorgt und ihm umsorgt – und oft auch niemanden an ihn rangelassen, ihn von allen anderen abgeschirmt, hatte ich das Gefühl.
Als jüngstes von 6 Kindern hat sie ihm immer nachgeeifert und sich, obwohl sie Lehrerin war, von ihm zur Analytikerin ausbilden lassen. Trotzdem arbeitete sie erst „nur“ als Englisch-Übersetzerin in seinem Psychoanalytischen Verlag und behandelte die Patienten mit ihm zusammen. Erst mit 27 spezialisierte sie sich auf die Behandlung von Kindern, ein bis dahin unerforschtes Gebiet, gründete Kitas, Schulen und Kinderheime (für Kriegswaisen) „Ich möchte Kindern helfen, ihre Angst zu verlieren und sie stark fürs Leben machen.“ (S. 49)
Anna hat sich nie nach einem Mann und eigenen Kindern gesehnt, aber sie träumte von Zweisamkeit, jemanden der sie versteht und so nimmt wie sie ist. Die ungewöhnliche Beziehung, die sie dann eingeht, scheint in der Familie nie groß thematisiert oder diskutiert worden zu sein und auch die Autorin geht sehr sensibel und rücksichtvoll mit dem Thema um.
Dadurch, dass Anna immer bei ihren Eltern gewohnt hat, bekommt man auch einen sehr guten Einblick in das Familienleben der Freuds.

Romy Seidel ist es gelungen, ein sehr lebendiges, unglaublich fesselndes und informatives Portrait über diese starke Frau zu verfassen. Sie beschreibt Annas intuitive Arbeit mit den kleinen Patienten sehr anschaulich, wie lernfähig und flexibel sie war, dass sie immer wieder Neues ausprobiert und sich nicht geärgert hat, wenn mal was schief gegangen ist.
Ich bin durch die 400 Seiten förmlich geflogen und fand es etwas schade, dass Annas Leben nach dem Tod ihres Vaters nur noch kurz umrissen wurde, denn ihre Karriere war da noch längst nicht vorbei. Ich hätte nochmal 400 Seiten über sie lesen können …

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