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Veröffentlicht am 18.05.2021

Alte Wunden und Freundschaften

Die Geschichte von Kat und Easy
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Kat und Easy waren in ihren Teenagerjahren in der Provinz-Kleinstadt Laustedt beste Freundinnen, ein Herz und eine Seele in den spannendsten Jahren des Heranwachsens. Dann kam es durch eine Liebe zum gleichen ...

Kat und Easy waren in ihren Teenagerjahren in der Provinz-Kleinstadt Laustedt beste Freundinnen, ein Herz und eine Seele in den spannendsten Jahren des Heranwachsens. Dann kam es durch eine Liebe zum gleichen Mann Fripp und einem schmerzhaften Ereignis zum Freundschaftsbruch. Jahrzehnte haben sie nichts voneinander gehört, dann schlägt Easy ein Treffen auf Kreta in ihrem verfallenen Haus mit Blick aufs Meer vor. Ich-Erzählerin Kat, mittlerweile bekannte Lebensberatungs-Bloggerin stimmt widerwillig zu – die Frauen sind mittlerweile knapp über 60: Kann man eine alte Freundschaft trotz vergangener Verletzungen wieder aufleben lassen? Auf der griechischen Insel kommen sich Kat und Easy nach vorherigem Beäugen und Ausfragen mit viel Wein und Drogen wieder näher.

Die Autorin Susann Pásztor baut ihren Roman dabei geschickt komponiert in zwei Zeitebenen auf: das Jahr 1973 katapultiert den Leser atmosphärisch und authentisch in Kat und Easys formende Teenagerzeit: erste Lieben, Besuche im Jugendzentrum, Schwärmereien und Kämpfe für den gleichen Mann, der später bei einem Unfall tragisch ums Leben kam. Die Gegenwart gibt mit viel griechischem Flair die Sicht auf zwei Frauen im gleichen Haus frei, die sich in Gesprächen fragen, warum die Freundschaft damals zerbrach – alte, schmerzhafte Wunden und Neid tun sich auf, aber auch der Wunsch nach Nähe. Der raffinierte Clou an der Erzählung: unter dem Nickname Ich-wills-wissen schreibt Easy längere Nachrichten an Kat alias Mockingbird auf ihrem Blog, Unaussprechliches lässt sich in dieser Kommunikationsart leichter ins Rollen bringen und so wurde auch das Treffen auf Kreta angeleiert. Männerschwarm Easy beichtet im Mailwechsel, dass sie sich nie wahrhaftig auf Männer einlassen konnte – Kat gibt kluge Ratschläge zur Vergangenheitsbewältigung und alle Blogeinträge fließen in den Roman mitein.

„Easy hatte offenbar beschlossen, diese Angelegenheit auf meinem Blog auszutragen. Sie war gewissermaßen in mein Haus eingedrungen, und es war gut zu wissen, dass ich sie jederzeit rauswerfen konnte. Interessanterweise befand ich mich gleichzeitig in ihrem. (…)“ S. 77

Wie sich die Frauen einander umkreisen, ihre Vergangenheit, gewohnte Muster und Lebenswege reflektieren, bis sie an den unausgesprochenen Kern der Verletzung gelangen, ist bewegend und präzise mit viel menschlichem Gespür für fragile Innenwelten und unterschiedliche Wahrnehmungen eingefangen. Die Rückblenden in die 1970er-Jahre sind voller bunten Szenen mit Rockmusik, Drogen, Sehnsüchten und Herzschmerz. Die Gefühle der Mädchen und der Flair dieser Zeit in einer Kleinstadt sind wunderbar transportiert.

Dass sich die Frauen nach fast 50 Jahren wieder versöhnen und über ihre quälenden Schuldgefühle reden können und einen Punkt für einen vertrauensvollen Neuanfang finden, ist zwar etwas märchenhaft und teils ohne psychologische Tiefe, aber sehr feinfühlig, unterhaltsam, humorvoll und berührend zugleich erzählt, ohne in den Kitsch abzurutschen. Ein kluges Buch mit originellen Protagonisten über menschliche Beziehungen und Freundschaften sowie ihre Brüche und Neuanfänge.

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Veröffentlicht am 13.05.2021

Sehnsüchte in Suburbia

Ein anderer Planet
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Die Singer-Songwriterin Tracey Thorn, bekannt aus dem erfolgreichen Duo Everything But the Girl, blickt essayistisch auf ihre Teenagerjahre in der scheinbar idyllischen, vorstädtischen Wohnheimsiedlung ...

Die Singer-Songwriterin Tracey Thorn, bekannt aus dem erfolgreichen Duo Everything But the Girl, blickt essayistisch auf ihre Teenagerjahre in der scheinbar idyllischen, vorstädtischen Wohnheimsiedlung Brookmans Park in Hertfordshire mit rund 3.000 Einwohnern zurück. Dabei vermischt sie authentisch persönliche Tagebucheinträge aus den 1970er-Jahren mit ihrem präzisen Blick auf die Umgebung der Jetzt-Zeit. Ihre Jugend ist geprägt vom „Nicht-Haben“, „Nicht-Ereignissen“, Langeweile und den sehnsüchtigen Blick auf leere Bushaltestellen und Partyabende mit ersten Liebeleien in der Montagsdisco. Dringend benötigte Inspiration findet Thorn in zahlreichen Songs, Bands und schließlich in einer eigenen Gitarre, die ihr den Flair der nur 30-minütig entfernte Metropole London in die eigenen vier Wände transportiert.

„Sie musste aus London sein. Eine urbane Gitarre, die mir die Stadt in mein Zimmer brachte.“ S. 155

„Ein anderer Planet“ ist ein Ausspruch ihres konservativen Vaters, der damit Traceys „rebellische“ Entscheidungen und Eigenschaften beschreibt – der Zugang zur Tochter hat dem Kriegsveteranen von jeher gefehlt und so schreibt Tracey Thorn auch präzise beobachtend über Eltern-/Kind-Beziehungen damals und heute und schwingt den Bogen als heutige Mutter von drei Kindern. Flüssig beschrieben spickt sie ihre Teenager-Memoiren mit Beobachtungen aus der Stadt- und Umweltplanung, unheimlichen Ordentlichkeiten ihres „anderen Planeten“ (der Vorstadt) sowie eine Menge Pop- und Punkkultur, die sie inspiriert haben. Lyrics zur Suburbia fädeln sich zwischen Tagebucheinträgen und anekdotenhaften Erzählungen des Alltäglichen, die in den Zeiten springen, und so manch einen Leser atmosphärisch in seine eigene Jugend zurückkatapultieren werden. Thorn schreibt dabei sehr klar, szenisch und unpathetisch, verschönert oder verschlimmert nichts, sondern setzt ein feinfühliges Puzzle der Selbstbefreiung mit der Gegenwart zusammen. Die Londoner Vorstadt ist universell übertragbar auf ein spießiges Aufwachsen in Suburbia und Thorn seziert die Gewohnheiten und Eigenschaften von Brookmans Park sehr detailliert, was einer kleinen, bissigen Sozialstudie gleichkommt. Und schaut trotzdem versöhnlich in ihre Erinnerungen und Vergangenheit.

„Ich war ruhelos, intensiv und leidenschaftlich solipsistisch; hatte das Gefühl, in der Falle zu sitzen, unterdrückt zu werden, und schlug gereizt mit den Flügeln gegen die Gitterstäbe meines Käfigs.“ S. 200

Thorn packt ihre Vorstadtvergangenheit und das, was sie darin schwer vermisst hat, wunderbar einfühlsam in Worte und webt dabei viele thematische Stränge ein, ohne dass es langatmig wird. Und so treffen große Fragen wie Erziehung, Elternbeziehung, Abnabelung, Depression und Vorstadt-Tristesse auf die perfekte Vorgarten-Bepflanzung. Ein kluges, unterhaltsames und auch humorvolles Buch mit vielen kleinen spitzen Wahrheiten, die sich federleicht lesen lassen und Türen zur eigenen Vergangenheit öffnen.

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Veröffentlicht am 06.05.2021

Mystisch-düstere Metamorphose

Die Harpyie
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Lucy Stevenson ist Mitte 30, hat ihre beruflich-akademische Karriere zugunsten der zwei kleinen Söhne zurückgestellt, führt nach außen hin eine konservativ-glückliche Vorstadt-Idylle und managt den Tagesablauf ...

Lucy Stevenson ist Mitte 30, hat ihre beruflich-akademische Karriere zugunsten der zwei kleinen Söhne zurückgestellt, führt nach außen hin eine konservativ-glückliche Vorstadt-Idylle und managt den Tagesablauf der Familie. Dann erfährt sie durch einen Anruf, dass ihr Mann Jake sie mit einer älteren, erfolgreichen Biologie-Kollegin am Institut seit Monaten betrügt. Schlagartig gerät ihre Welt und ihre Gefühle durch die Kränkung, den Verrat ins Wanken – eine seit Generationen vererbte, unterdrückte Wut ist nicht mehr zu bändigen. Um sich Kontrolle darüber zu verschaffen und ihre Familie zusammenzuhalten, will sie Jake dreimal unverhofft bestrafen – er willigt ein. Ein Rachefeldzug beginnt, aber auch ein präziser und tiefer Einblick aus der Ich-Perspektive in die verwundete Seele einer tief verletzten Frau, bei der alte Wunden aus einer gewaltvollen Familie aufbrechen. Der Ehebetrug scheint nur der letzte Tropfen im vollen Fass gewesen zu sein – es beginnt Lucys unaufhaltsame psychische und physische Verwandlung in einen rachsüchtigen Ungeheuer-Frauenvogel aus der griechischen Mythologie: Harpyien haben sie seit der Kindheit fasziniert, nie waren sie ganz aus ihren Gedanken verschwunden. Kursiv gesetzte Rückblicke machen Lucys lebenslange und wahnhafte Fixierung auf die mythischen, gewalttätigen Wesen im Roman sichtbar. Scheinbar ein Ventil, um ihre traumatische Kindheit in der Fantasie zu überstehen. Wie weit wird Lucy bei ihren drei immer bösartigeren Vergeltungsschlägen gehen?

Megan Hunter ist ein von der ersten Seite an psychologisch messerscharfer und unheimlich spannender Roman gelungen. Dabei seziert die junge Autorin scharf-ironisch beobachtend nicht nur Geschlechterrollen, Mutterschaft sowie Abgründe in einer Ehe („aus der niemand unverändert zurückkommt“), sondern auch die psychische Labilität der Protagonistin sehr genau und eindringlich. Neben dem düster-mystischen und bedrohlichen Handlungsstrang mit starker Sogwirkung stechen vor allem die poetischen und gewaltigen Sprachbilder hervor: überbordende, unkontrollierbare Gefühle, Ausweglosigkeit sowie ein tiefer Schmerz schaffen sich mit einer immensen Wucht an die Oberfläche, die wunderbar in Worte verpackt sind. Die Anspannung unter der Haut ist schier zu spüren, auch das imaginäre Wachsen der Harpyien-Flügel. Bevor das kryptisch-surrealistische Ende ausschwingt, setzt Hunter gekonnt sarkastische Seitenhiebe und Reflexionen auf institutionalisierte Rollen und Regeln, was als gute bürgerliche Mutter und Ehefrau gilt. So kann „Die Harpyie“ auch als ein Befreiungsschlag durch eine düstere Metamorphose aus diesen Ketten gelesen werden. Ein thrillerartiger, emotional intensiver, kluger und sprachgewaltiger Roman, der unter die Haut geht!

„Da war eine Hitzewelle, diese Hitze, über die alle sprechen, aber noch etwas anderes, tiefer und langsamer, eine Beseitigung des Ichs, eine geschmeidig gleitende Bewegung, wie eine vollständig herausgezogene Schublade. An ihrer Stelle: ein Loch, ein Nichts, ein Ort, an dem ich noch nie gewesen war.“ S. 107

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Veröffentlicht am 02.05.2021

Die Brände in uns

Drei Kameradinnen
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Die drei Kameradinnen aus Shida Bazyars neuem Roman stehen immer zueinander und das müssen sie auch, um in einer Welt, die sie ausgrenzt und mit verletzenden Vorurteilen, Blicken und Kommentaren belegt, ...

Die drei Kameradinnen aus Shida Bazyars neuem Roman stehen immer zueinander und das müssen sie auch, um in einer Welt, die sie ausgrenzt und mit verletzenden Vorurteilen, Blicken und Kommentaren belegt, durchzuhalten. Aufgewachsen in einer Hochhaus-Siedlung am Rande einer Stadt, die jede sein könnte, sind sie junge Frauen mit Migrationshintergrund. Woher ihre Familie stammen oder geflüchtet sind, wird nicht bekannt gegeben und das steht universell für die bewegende und eindringliche Geschichte, die zwischen Fiktion und täglichen Realitäten wie Alltagsrassismus und Stigmatisierung pendelt.

Ich-Erzählerin Kasih schreibt und erzählt sich alles achronologisch sowie stürmisch aus dem Kopf und spricht ihr lesendes Publikum immer wieder ungehemmt bis zornig an, bis es sich in mancher stereotyper Denklage ertappt fühlt. Somit wird das Lesen dieser Geschichte, die sich titelgebend auf Remarques „Drei Kameraden“ sowie inhaltlich auf die NSU-Prozesse bezieht, nicht bequem. Sie resümiert über Abwertung, Verachtung und dem rechten Terror und wie sich Freundin Saya ständig in Alarmbereitschaft befindet, sich alles tief in sie hineingräbt, sie Chat-Protokolle von Nationalsozialisten analysiert und selbst mitmischt, bis sie sich „radikalisiert“ hat. Es geht um die Stilisierung der NSU-Opfer als Verdächtige und um die vergangenen Tage der Freundinnen Saya, Hani und Kasih vor der Brandkatastrophe mit vielen Toten, für die Saya als Terroristin verantwortlich gemacht wird. Und die Frage, ob letzteres anhand einer noch tieferen Freundschaft zu verhindern gewesen wäre.

Das Wort „Kamerad“ ist nicht nur bei der Feuerwehr, in Vereinen und in rechtsextremen Kreisen sehr beliebt, es ist auch stärker als Freundschaft. Und die drei jungen Frauen sind immer füreinander da, wenn Beziehungen auseinander gehen, herabwürdigende Jobcenter-Besuche anstehen, sich Wutausbrüche entladen. Da alle drei grundverschiedene Charaktereigenschaften haben, ergänzen sie sich symbios und leidenschaftlich, wenn es darum geht, seelische Nöte zu kitten.

„Drei Kameradinnen“ ist ein aufwühlender, anklagender und bewegender Roman über Freundschaft, aber auch explizit über Gegenwartsgeschichte in Deutschland, der zum weiteren Fragestellen und Reflektieren anregt sowie der Gesellschaft einen unbehaglichen Spiegel vorhält. Bazyar ist eine präzise Beobachterin ihrer Umgebung und Menschen – Milieus werden detailliert ausgeleuchtet, eingerichtete Gewissheiten mit Fakten und Fiktion durcheinander gewirbelt, verlässliche Anker ausgehebelt und das Innenleben der Frauen ernst-humorvoll ausgeleuchtet. Der Erzählstil ist klug, gewitzt, eloquent und hält so einige Tricks parat – Kasihs Sprechen mit uns eine literarisch schöne und raffinierte Perspektive, die mit Unzuverlässigkeit spielt. Denn welches Erzählen über andere ist schon wahr?

Thematisch hochaktuell und spannend bis zum Schluss zeigt uns die Autorin auf brillante Weise, welche Schwelbrände in unserer Gesellschaft herrschen und was es heißt, aufgrund von der Herkunft immer wieder angezweifelt zu werden.

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Veröffentlicht am 26.04.2021

Stagnation von Mensch und Land

Der ehemalige Sohn
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Wenn man nach 10 Jahren in sein Land wiederkehrt, sollte sich generell einiges geändert haben – aber nicht in Belarus. Als der 16-jährige Franzisk Lukitsch nach 10 Jahren Koma wie durch ein Wunder wieder ...

Wenn man nach 10 Jahren in sein Land wiederkehrt, sollte sich generell einiges geändert haben – aber nicht in Belarus. Als der 16-jährige Franzisk Lukitsch nach 10 Jahren Koma wie durch ein Wunder wieder erwacht, sieht er ein Land, das wie er im Koma gelegen hat und sich nichts an den brutalen Repressalien verändert hat. Im Gegenteil, manches ist sogar noch dramatischer geworden wie willkürliche Verhaftungen und die Gleichschaltung der Medienlandschaft.

„Wie die Vögel flogen die Tage fort. Einer nach dem anderen, scharenweise, um nicht mehr wiederzukehren.“ S. 116

Eine Massenpanik in der U-Bahn-Station hat den jungen Cello-Schüler des Lyzeums brutal aus dem Leben und in das Koma gerissen. Alle außer seiner kämpferischen und renitenten Babuschka Elvira haben ihn aufgegeben – die Großmutter hat den zähen Willen, ihren Enkel durch Erzählungen, Vorspielen und weiteren Mitteln aus dem Koma zu holen. Immer wieder lässt sie sich was Neues einfallen. Zisks Mutter schmiedet derweil andere Pläne und heiratet den Chefarzt – den Sohn geben sie auf, was zählt ist Reichtum und Karriere. Die langen Monologe an Zisks Krankenbett durch einige Besucher sind ein raffinierter Kniff des Autors Sasha Filipenko: Durch diese setzt sich ein breit gefächertes Bild von Belarus und seinen Menschen zusammen – die Monologe lassen tief in die menschlichen Seelen und Abgründe, aber auch in den Alltag eines autoritär regierten Landes blicken. Nachdem Zisk aus dem Koma erwacht, steht ihm sein Freund Stass zur Seite und erklärt ihm viele Umstände, aber auch seine innere Zerrissenheit. Bei einer der ersten großen Demos in Minsk am Wahlabend spüren sie die Euphorie der Massen, denken, dass sich jetzt einiges verändern wird – doch das Regime schlägt gnadenlos zurück und übt Vergeltung an den Demonstranten.

„Die Luft dieser Stadt, die schon vor Zisk ins Koma gesunken war.“ S. 124

„Der ehemalige Sohn“ ist Filipenkos Debüt und jetzt erst auf Deutsch erschienen – laut Angaben des Autors ist es in Belarus nur unter der Ladentheke zu erhalten. Kein Wunder, liest sich die dichte Geschichte als literarischer Angriff auf das Regime und seine brutalen Absurditäten – bitterernst und gleichzeitig mit tief schwarzem Humor. Filipenko ist sein versiertes Handwerk als Gag-Schreiber für ein Satire-TV-Magazin reichlich anzumerken – und sagt selbst aus, dass man mit Satire das Regime am tiefsten treffen kann: Filipenko zeigt mit satirischer Schärfe das Groteske und Absurde einer Diktatur. Und auch Europa, dass sich laut Filipenko aus der humanitären Katastrophe in Weißrussland raushält, bekommt sein Fett weg.

„Das ganze Land schläft, also schlaf auch du ruhig weiter.“ S. 155/156

Die Zeitspanne des Romans umfasst die Jahre 1999 bis 2011, Filipenko lässt zudem zahlreiche wahre Begebenheiten wie die Massenpanik mit vielen Toten im Jahr 1999, die Präsidentschaftswahlen sowie die Bombenanschläge in Minsk einfließen – ein Nachwort der Übersetzerin erläutert am Ende umfangreich die Umstände und ermöglicht eine präzisere Einordnung des politischen Romans, der sich allegorisch auf Belarus’ derzeitigen Zustand liest, obwohl er schon einige Jahre zuvor entstanden ist. Fein eingewobene Songtexte und Traditionen des Landes erzeugen viel Atmosphäre.

„Wir leben im besten Land für erwachende Komapatienten. Hier ändert sich absolut nichts. Egal, wie lang sie im Koma liegen.“ S. 196

Ein erschütternder, bewegender und politisch kämpferischer Roman, der stellenweise nicht einfach zu lesen ist – lange Monologe, satirische Überspitzung und Allegorien in Form von Menschen, die sich sozialkritisch als Systemgegner und Karrieristen einordnen lassen, bremsen manchmal den Lesefluss, regen aber gekonnt zum Nachdenken, Weiterrecherchieren und Einordnen an. Über ein Land in Stagnation, ein korruptes und autoritäres Regime, dass jede Veränderung niederschlägt und ein Europa, dass sich nicht einmischt.

„Gesunde Menschen stellen keine Fragen, und du solltest erst recht keine stellen. Andernfalls kannst du verrückt werden. Vor allem jetzt. Nimm einfach alles als Tatsache hin.“ S. 191

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