Land der verschwundenen Dinge
Wie viel von diesen Hügeln ist GoldIn der außergewöhnlichen Geschichte „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ kämpfen die zwei Waisenkinder Lucy und Sam ums Überleben und einem Zuhause in Zeiten des Goldrausches im Wilden Westen. Vater Ba ...
In der außergewöhnlichen Geschichte „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ kämpfen die zwei Waisenkinder Lucy und Sam ums Überleben und einem Zuhause in Zeiten des Goldrausches im Wilden Westen. Vater Ba ist vor Kurzem gestorben – sein Leichnam verlangt eine rituelle Beerdigung, für die es zwei Silberdollars braucht. Mit einem gestohlenen Pferd und Bas verwesender Leiche im Gepäck machen sich die Kinder auf die verstaubten Trails durch Täler mit goldenen Hügeln, Skeletten von ausgestorbenen Bisons und Tigern und begegnen Einheimischen, die den mittellosen Kindern chinesischer Abstammung nicht immer freundlich gesinnt sind.
C Pam Zhang versetzt in ihrem Debütroman Themen unserer Zeit wie Migration, Gender, Identität und Rassismus bildgewaltig und szenisch in das raue und gewaltvolle Setting des Wilden Westens. In vier chronologisch unterschiedlichen Teilen schildert Lucy aus ihrer Sicht die Reise, in Rückblenden das Familienleben mit der verstorbenen Ma, die Traumata, aber auch immer die Frage nach einem Zuhause. Für Lucy darf es gerne sauber und weiß sein, Sam ist egoistisch, wild und androgyn. Kraftvoll und poetisch reihen sich die Sätze teils wie Poems aneinander – die schöne Prosa trifft auf gewaltvolle Ereignisse und Szenen aus Trauer, Traumata und Verlust, während der staubversetzte Wind atmosphärisch um Lucy tanzt. Und während den verschiedenen unkomfortablen Etappen im Wilden Westen entrollt sich eine vielschichtige Familien- und Einwanderergeschichte auf der Suche nach Zugehörigkeit, Identität und einem Zuhause, die zeitlos ist. Zhang verwendet die Zeitbeschreibung XX59 bis XX67.
Hervorzuheben ist C Pam Zhangs sprachliche und mitreißende Kreativität, die sich in den Überschriften, aber auch im gesamten Text spiegelt: Pidgin-Mandarin, das unübersetzt miteinfließt, Kapitelnamen wie „Wind“, „Schädel“, „Erde“ und „Wasser“, die immer wieder auftauchen sowie die vielen Metaphern zu Tieren, mythologischen Bezüge, geschichtlichen Details und subtilen Verweise aller Art wie zum Land, Besitz und das Geschichtenerzählen an sich. Diese Sprache steht im Kontrast zu der körperlich und moralisch sehr rauen Welt und den dringenden Themen wie die Ausbeutung der Rohstoffe des Landes und von billigen chinesischen Arbeitskräften zum Eisenbahnbau, die Habgier, das Artensterben und die Verfolgung der Native Americans. Und stets, wenn der Leser sich in gedanklicher Sicherheit wähnt, kommt eine überraschende Wendung mit unerwarteten Perspektiven, die den eigenen Horizont erweitern.
Ein eindringliches, faszinierendes und inspirierendes Debüt über eine kraftvolle und am Ende nervenaufreibend spannende Reise zweier Kinder in einem Land, das ihnen immer wieder zeigt, dass es nicht ihres sein kann. Oder etwa doch? Fesselnd, schonungslos, magisch und originell!
„Denn dieses Land, in dem sie leben, ist ein Land der verschwundenen Dinge. Ein Land, dem man sein Gold genommen hat, seine Flüsse, seine Bisons, seine Indianer, seine Tiger, seine Schakale, seine Vögel, sein Grün, seine Lebenskraft.“ S. 160