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Veröffentlicht am 26.07.2021

Land der verschwundenen Dinge

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
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In der außergewöhnlichen Geschichte „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ kämpfen die zwei Waisenkinder Lucy und Sam ums Überleben und einem Zuhause in Zeiten des Goldrausches im Wilden Westen. Vater Ba ...

In der außergewöhnlichen Geschichte „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ kämpfen die zwei Waisenkinder Lucy und Sam ums Überleben und einem Zuhause in Zeiten des Goldrausches im Wilden Westen. Vater Ba ist vor Kurzem gestorben – sein Leichnam verlangt eine rituelle Beerdigung, für die es zwei Silberdollars braucht. Mit einem gestohlenen Pferd und Bas verwesender Leiche im Gepäck machen sich die Kinder auf die verstaubten Trails durch Täler mit goldenen Hügeln, Skeletten von ausgestorbenen Bisons und Tigern und begegnen Einheimischen, die den mittellosen Kindern chinesischer Abstammung nicht immer freundlich gesinnt sind.

C Pam Zhang versetzt in ihrem Debütroman Themen unserer Zeit wie Migration, Gender, Identität und Rassismus bildgewaltig und szenisch in das raue und gewaltvolle Setting des Wilden Westens. In vier chronologisch unterschiedlichen Teilen schildert Lucy aus ihrer Sicht die Reise, in Rückblenden das Familienleben mit der verstorbenen Ma, die Traumata, aber auch immer die Frage nach einem Zuhause. Für Lucy darf es gerne sauber und weiß sein, Sam ist egoistisch, wild und androgyn. Kraftvoll und poetisch reihen sich die Sätze teils wie Poems aneinander – die schöne Prosa trifft auf gewaltvolle Ereignisse und Szenen aus Trauer, Traumata und Verlust, während der staubversetzte Wind atmosphärisch um Lucy tanzt. Und während den verschiedenen unkomfortablen Etappen im Wilden Westen entrollt sich eine vielschichtige Familien- und Einwanderergeschichte auf der Suche nach Zugehörigkeit, Identität und einem Zuhause, die zeitlos ist. Zhang verwendet die Zeitbeschreibung XX59 bis XX67.

Hervorzuheben ist C Pam Zhangs sprachliche und mitreißende Kreativität, die sich in den Überschriften, aber auch im gesamten Text spiegelt: Pidgin-Mandarin, das unübersetzt miteinfließt, Kapitelnamen wie „Wind“, „Schädel“, „Erde“ und „Wasser“, die immer wieder auftauchen sowie die vielen Metaphern zu Tieren, mythologischen Bezüge, geschichtlichen Details und subtilen Verweise aller Art wie zum Land, Besitz und das Geschichtenerzählen an sich. Diese Sprache steht im Kontrast zu der körperlich und moralisch sehr rauen Welt und den dringenden Themen wie die Ausbeutung der Rohstoffe des Landes und von billigen chinesischen Arbeitskräften zum Eisenbahnbau, die Habgier, das Artensterben und die Verfolgung der Native Americans. Und stets, wenn der Leser sich in gedanklicher Sicherheit wähnt, kommt eine überraschende Wendung mit unerwarteten Perspektiven, die den eigenen Horizont erweitern.

Ein eindringliches, faszinierendes und inspirierendes Debüt über eine kraftvolle und am Ende nervenaufreibend spannende Reise zweier Kinder in einem Land, das ihnen immer wieder zeigt, dass es nicht ihres sein kann. Oder etwa doch? Fesselnd, schonungslos, magisch und originell!

„Denn dieses Land, in dem sie leben, ist ein Land der verschwundenen Dinge. Ein Land, dem man sein Gold genommen hat, seine Flüsse, seine Bisons, seine Indianer, seine Tiger, seine Schakale, seine Vögel, sein Grün, seine Lebenskraft.“ S. 160

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Veröffentlicht am 20.07.2021

Vom Leben und Sterben

Was fehlt dir
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Nach dem großen Erfolg von „Der Freund“ denkt Sigrid Nunez in ihrem neuen Roman „Was fehlt dir“ tiefgründig über das Sterben, das Leben und die Freundschaft nach: Intellektuell, assoziativ und in einem ...

Nach dem großen Erfolg von „Der Freund“ denkt Sigrid Nunez in ihrem neuen Roman „Was fehlt dir“ tiefgründig über das Sterben, das Leben und die Freundschaft nach: Intellektuell, assoziativ und in einem nüchtern-klugen Ton. Die Kerngeschichte ist die tödliche Krebserkrankung ihrer Freundin – die Ich-Erzählerin und Schriftstellerin wird diese beim Sterben begleiten, ihr sogar bei einer möglichen Sterbehilfe beistehen. Gemeinsam ziehen sie in ein schönes Gästehaus, reden und lachen, schauen Filme und philosophieren über ihr vergangenes Leben und kommen sich so nahe wie noch nie.

„In diesen Augenblicken fühlte ich, dass sie für mich ebenso ein Trost war, wie ich es für sie sein sollte. Hin und wieder drückte sie meine Hand, ohne etwas zu sagen – ohne etwas sagen zu müssen –, doch es war, als hätte sie mein Herz gedrückt.“ S. 182

Nebenschauplätze in diesem weisen und philosophischen Roman sind die vielen Anekdoten, Begegnungen und Gedanken der Erzählerin. So trifft sie bei einem Vortrag über die Hoffnungslosigkeit der Menschheit in Zeiten der Klimakrise auf ihren Ex-Freund, sie denkt über ihre ältere Nachbarin nach, die ständigen Betrüger-Anrufen ausgesetzt ist oder lässt eine Katze reden, die in einem Mülleimer gelandet ist, aber wieder ein Zuhause gefunden hat. Überall lässt Nunez literarische oder filmische Bezüge einfließen, seien es Klassiker, Krimi-Szenen oder Zitate wichtiger Denker und Schriftsteller. So stammt der Originaltitel „What are you going through“ von der französischen Philosophin Simone Weil.

Wie gehen wir im Angesicht des Todes mit unserem Leben um? Wer ist am Ende für uns da, hört zu und stellt empathische Fragen? Was zählt wirklich? Neben den Hauptthemen Sterben und erfülltes Leben, fließen auch teils humorvolle Überlegungen zum Älterwerden, Einsamkeit, Vergebung, Beziehungen, Freundschaften sowie am Ende auf der metafiktionalen Ebene über die Literatur und das Schreiben in den Roman mitein. Und stets fügen sich den eher schweren und melancholischen Themen zwischenmenschliche Begegnungen, präzise Beobachtungen oder kluge Reflektionen/Gespräche ein, die dem Ganzen eine ironisch-warme Leichtigkeit geben.

Es ist kein Roman mit großem Handlungsstrang und trotzdem passiert gedanklich sehr viel – die Intellektuelle und Susan-Sontag-Bekannte Sigrid Nunez regt mit „Was fehlt dir“ tief zum weiteren Sinnieren und Philosophieren über existentielle Themen an, auch wenn laut der Autorin keine Sprache gut genug sein kann, um die vergangene Realität präzise auszudrücken. Ein scharfsinniger Roman über die Freuden, Leiden und Endbarkeit des Lebens.

„Aber irgendjemand hat einmal gesagt, dass es zwei Sorten von Menschen gibt, die unterschiedlich auf das Leiden anderer reagieren: Die einen denken: Das kann mir auch passieren. Die anderen denken: So etwas wird mir nie passieren. Die einen helfen uns, durchzuhalten, die anderen machen uns das Leben zur Hölle.“ S. 146

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Veröffentlicht am 19.07.2021

Schichten aus Transparentpapier

In diesen Sommern
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Episodenhaft und assoziativ verknüpft mit Gedankenstützen wie Wasser, Holz, Besuch oder Pfade versucht sich Ich-Erzählerin Teresa ein zusammenhängendes Erinnerungsbild ihres Vaters, aber auch ihres Lebens ...

Episodenhaft und assoziativ verknüpft mit Gedankenstützen wie Wasser, Holz, Besuch oder Pfade versucht sich Ich-Erzählerin Teresa ein zusammenhängendes Erinnerungsbild ihres Vaters, aber auch ihres Lebens zu rekonstruieren. Auf der einen Seite in fragilen und selteneren Momenten fürsorglicher Familienvater, auf der anderen alkoholkrank und gewalttätig. Auf Zehenspitzen müssen Teresa, ihr Bruder Manuel und die Mutter den Launen und Zornesausbrüchen ausweichen und wenn dies nicht möglich ist, geraten sie mit Schlägen und verbalen Angriffen frontal in die Schusslinie.

Zart, feinfühlig und melancholisch dringt die Autorin Janina Hecht tief in Teresas Erinnerungen, Ängste und Selbstzweifel – neben schönen Erlebnissen in den Familienurlauben am Meer oder auf dem Bauernhof, folgt die Tyrannei des Vaters. Eindringlich und tief empathisch beleuchtet Hecht neben der zerrütteten Familie die tiefe innere Zerrissenheit der Protagonistin: an welches Bild des Vaters sie glauben darf, wenn doch immer wieder alles zerstört wird.

„Manchmal würde ich gerne einer Vision meines Vaters vertrauen. Eine Antwort haben auf die Frage, wer er war. Ich lege die Ereignisse wie Schichten aus Transparentpapier übereinander und versuche zu erkennen, was durchscheint.“ S. 12

Teils poetisch und immer präzise die Außenwelt beobachtend, folgt der Leser den Stationen von Teresa: Kindheit, Schule und später die Jugend und Pubertät, das schwierige Abnabeln, erste Freunde und das Studium. Wie in einem Kaleidoskop blickt sie auf die wichtigsten Stationen ihres Lebens und der Befreiung der Familie, alles überlagert von einer tiefen Verunsicherung, die der Vater hinterlassen hat – bis über seinen Tod hinaus. Dabei drängt sich die in schöner Prosa erzählte Geschichte nie auf. Sie entfaltet sich ganz subtil und behutsam zwischen den Zeilen – die Assoziationen in den Kapitelüberschriften fließen klug komponiert in die Erinnerungen und Episoden mitein. So wie Teresa immer gelernt hat, ihren Vater und seine Stimmungsschwankungen zu beobachten, so detailreich und außergewöhnlich verknüpft nimmt sie auch ihre gesamte Umwelt wahr.

Ein bemerkenswertes und starkes Debüt über die Möglichkeiten des Erinnerns und das Nebulöse und Furchthafte daran – und eine Geschichte über den Mut des Reflektierens, Neusortierens und vom Aufbruch.

„Ich bewahre verschiedene Erzählungen nebeneinander und wähle eine passende aus. Immer begleitet von zwei Kräften, der Furcht davor, ihn zu vergessen, und der Notwendigkeit, nicht zu viel an ihn zu denken.“ S. 167

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Veröffentlicht am 13.07.2021

Kulinarisches & Kreatives für die Grillparty

Willkommen beim Sommerfest!
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Sommer, Garten, Party – jeder kennt die freudige Aufregung vor einer Grillparty im Freien, aber wurde auch an alles gedacht? Das Wetter hat man als Freiluftparty-Geber leider nicht im Griff, dafür aber ...

Sommer, Garten, Party – jeder kennt die freudige Aufregung vor einer Grillparty im Freien, aber wurde auch an alles gedacht? Das Wetter hat man als Freiluftparty-Geber leider nicht im Griff, dafür aber die kulinarischen Gaumenfreuden der geladenen Gäste. „Willkommen beim Sommerfest!“ liefert auf 160 Seiten eine optisch sehr ansprechende sowie inhaltlich klar gegliederte Rezeptesammlung für das Grillen und Schlemmen an der freien Luft. Und obendrein gibt es noch Tipps und kreative Anregungen rund ums Draußen-Feiern und Essen – besonders schön ist hier die Anleitung für eine Biergarten-Garnitur mit Serviettentechnik, aber auch die praktischen Tipps sind hilfreich und nehmen nur einen sehr kleinen Einleitungsteil des Sachbuchs ein.

Der Hauptteil besteht aus leckeren, meist unkomplizierten und raffinierten Rezepten aus den Bereichen Fingerfood & Snacks, Salate, Gegrilltes, Gebäck & erfrischende Desserts sowie Getränke – mit und ohne Alkohol. Gelungen ist die facettenreiche Mischung aus traditionellen und exotischen sowie Fleisch- und vegetarischen Gerichten. Diese Bandbreite bringt kreativen Schwung in jede Grillparty – denn neben dem klassischen Kartoffelsalat steht dann ein Brokkolisalat asiatischer Art oder neben den Spareribs die Tofu-Mango-Spießchen. Die Rezepte sind sehr verständlich und praxisnah beschrieben, haben alle anschaulich auf zwei Seiten Platz und regen hochwertig bebildert sofort den Appetit an. Einen kleinen Kritikpunkt habe ich bei der Verwendung der Alufolie beim Caprese vom Grill oder den Jakobsmuscheln – vielleicht gäbe es da eine alternative Möglichkeit? Als gelungenes, kulinarisches I-Tüpfelchen werden aromatische Marinaden, Soßen und Gewürzmischungen beschrieben, die jede Grillspeise exzellent aufpeppen.

Fazit: Ein kompaktes, variantenreiches und optisch schön gestaltetes Kochbuch, mit dem jede Gartenparty und jedes Sommerfest kulinarisch bestens gelingen sollte. Jetzt muss es nur noch aufhören zu regnen.

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Veröffentlicht am 13.07.2021

Kopfüber in der Zwischenwelt

Raumfahrer
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Schweigen und Sprachlosigkeit dominierten Jans Zuhause in der Lausitz – seine Eltern kamen ihm vor wie Raumfahrer, die in einer Zwischenwelt schwebend gefangen sind. Die alkoholkranke Mutter mittlerweile ...

Schweigen und Sprachlosigkeit dominierten Jans Zuhause in der Lausitz – seine Eltern kamen ihm vor wie Raumfahrer, die in einer Zwischenwelt schwebend gefangen sind. Die alkoholkranke Mutter mittlerweile verstorben, wohnt Jan mit dem in sich gekehrten Vater im Schatten der (ehemaligen) Plattenbauen in Kamenz, schiebt im bald schließenden und von Wildtieren heimgesuchten Krankenhaus Patienten zu den Untersuchungen. Ein mysteriöser Patient namens „Der Alte“ sucht immer wieder Kontakt zu ihm, erzählt von einer Verbindung zum berühmten Deutschbaselitzer Künstler Hans-Georg Kern – alias Georg Baselitz. Zögerlich nimmt Jan eine Dokumentenkiste des Alten entgegen, wühlt sich durch verdrängte Erinnerungen und Zeitgeschichte, durch transgenerationale Traumata und Verschwiegenes, durch Stasi-Vergangenheit und Kunstgeschichte. Langsam kommt er der Verwobenheit seiner Familie mit der Familie Kern auf die Spur und muss sich einem schmerzhaften Familiengeheimnis stellen, dass beiderseits Brüche und über lange Zeit hinweg verletzte Seelen hinterlassen hat.

Lukas Rietzschel spannt in „Raumfahrer“ episodenhaft einen großen Bogen durch die Zeitgeschichte, von der Nachkriegszeit bis zur Nachwendezeit und verknüpft mit vielen zeitlich unsortierten Rückblenden die schicksalhafte Verbindung zweier Familien mit der Malerei von Georg Baselitz, der in den Westen auswanderte. Bekannt wurde der berühmte Gegenwartskünstler durch seine Figuren auf dem Kopf, gezeichnet von Krieg und falschen Ideologien. Rietzschel erzählt in nüchterner, knapper und auf den Punkt gebrachter Sprache in zwei parallelen Erzählebenen und beleuchtet bewegend wie in „Mit der Faust in die Wand schlagen“ zerrissene Menschen nach den Umbrüchen der Wende, die in der Leere der Gegenwart keinen Halt finden. Arbeitslosigkeit, Tristesse, Landflucht, Leerstand, Haltlosigkeit – wie Baselitz’ Figuren schweben auch diese Menschen kopfüber in einem Vakuum ohne Boden unter den Füßen.

Sehr atmosphärisch und skizzenhaft entrollt Rietzschel ein feinfühliges und bewegendes Stück Erinnerungskultur und Aufarbeitung, das neben der präzisen Beschreibungen von Baselitz’ Kunst zwei auseinandergerissene Familien porträtiert und dabei sowie DDR- und Kriegsschrecken miteinbezieht. Manchen Zeitsprüngen im fiktiven Roman fällt es schwer ad hoc zu folgen und doch entwickelt sich Stück für Stück ein vielschichtiges, größeres und eindringliches Bild über Zugehörigkeit, Vergangenheitsbewältigung und alten, unausgesprochenen Wunden, die bis ins Heute wirken – eingebettet in präzise eingefangener Zeitgeschichte.

„Ein untergegangener Staat, eine gescheiterte Idee, deren Anhänger er ja zwangsläufig gewesen war, qua Geburt. Darüber war sich die Welt einig. Der Westen. Also versuchte Vater, seine Spuren zu verwischen. Manchmal zog er einen Reisigbesen hinter sich her, manchmal einen Bulldozer.“ S. 181

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