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Veröffentlicht am 07.08.2021

Unsichtbare Narben

Narbenherz
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In Anne Mette Hancocks zweitem Roman um Kommissar Erik Schäfer und Investigativ-Journalistin Heloise Kaldan geht es um den zehnjährigen Lukas, der eines Tages nicht in der Schule ankommt und lange unauffindbar ...

In Anne Mette Hancocks zweitem Roman um Kommissar Erik Schäfer und Investigativ-Journalistin Heloise Kaldan geht es um den zehnjährigen Lukas, der eines Tages nicht in der Schule ankommt und lange unauffindbar bleibt. Kaldan hatte eigentlich angefangen, zum Thema Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu recherchieren, wird dann aber von ihrer Ressortleiterin beauftragt, sich mit dem aktuellen Vermisstenfall zu beschäftigen, weil sich das positiv auf die Auflage auswirkt. Schäfer und Kaldan kennen sich schon länger und mögen sich, obwohl es naturgemäß den Interessenkonflikt zwischen Polizei und Presse gibt. Schäfer muss dafür sorgen, dass Kaldan nichts vorzeitig veröffentlicht, was die Ermittlungen gefährden könnte. Die Journalistin bemüht sich ihrerseits, Spuren und Hinweisen zu folgen und den Kommissar zu unterstützen.
Neben dem Vermisstenfall gibt es als Nebenhandlung einen Soldaten mit PTBS. Lange Zeit fragt sich der Leser, was diese beiden Handlungsstränge miteinander zu tun haben. Da sind mehrere Verdächtige und genauso viele falsche Fährten, immer wieder neue Puzzleteile, die nicht zusammenpassen wollen. Mehrere Figuren im Roman haben verborgene Narben, Probleme, die nicht ohne weiteres zu lösen sind. Dazu gehören Heloise Kaldan, der ehemalige Soldat Thomas Strand und der vermisste Junge. So verwundert es nicht, dass das Privatleben von Heloise mit ihrer schwierigen Vergangenheit und der konfliktreichen Beziehung zu Martin Duvall, der sich im Gegensatz zu Heloise eine Familie wünscht, breiten Raum einnimmt.
Ich habe den Roman gern gelesen, obwohl er insgesamt weniger beeindruckend ist als „Leichenblume“. Es ist ein Krimi ohne exzessive Gewaltdarstellungen und dennoch spannend genug. Mir gefällt der Stil der Autorin, und ich mag ihre sympathischen Ermittlerfiguren. Deshalb gibt es von mir eine klare Empfehlung für Leser, die es auch nicht so blutrünstig mögen.

Veröffentlicht am 25.07.2021

Kann Mord gerechtfertigt sein?

Tiefer Fjord
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Ruth Lillegravens Roman „Tiefer Fjord“ ist der Auftakt einer Trilogie. Er spielt in Oslo und in Westnorwegen. Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Haavard und Clara. Haavard ist Kinderarzt in einer Klinik, ...

Ruth Lillegravens Roman „Tiefer Fjord“ ist der Auftakt einer Trilogie. Er spielt in Oslo und in Westnorwegen. Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Haavard und Clara. Haavard ist Kinderarzt in einer Klinik, Clara arbeitet als Juristin im Innenministerium. Eines Tages wird ein kleiner Junge eingeliefert, den Haavard nicht retten kann. Er wurde offensichtlich von seinen Eltern misshandelt. Als der aus Pakistan stammende Vater den Gebetsraum der Klinik aufsucht, wird er erschossen. Wenig später passiert ein zweiter Mord, dann ein dritter. Haavard gerät unter Verdacht, weil er widersprüchliche Aussagen macht und sich zumindest die ersten beiden Morde im Umfeld des Klinikpersonals ereignen. Was steckt dahinter? Für beide Ehepartner ist das Thema Kindesmisshandlung eine Herzensangelegenheit, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Clara ist mit einer Gesetzesvorlage für einen besseren Schutz und schnellere Hilfe für betroffene Kinder gescheitert. Haavard sammelt Daten von Fällen, mit denen er selbst zu tun hatte. Das Paar, dessen Ehe in der Krise steckt, hat Geheimnisse vor einander, die allmählich ans Licht kommen.
Lange ist unklar, wie alles zusammenhängt. Erzählt wird aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, vor allem aus der Sicht Claras und Haavards. Nach der Hälfte des Romans weiß der Leser, wer die Morde begangen hat und warum. Dennoch bleibt der Roman spannend. Etwas unbefriedigend finde ich allerdings, dass die Taten nicht aufgeklärt und bestraft werden, so nachvollziehbar das Motiv auch sein mag. Das halboffene Ende lässt sich vor allem dadurch erklären, dass der Roman auf eine Fortsetzung hin angelegt ist. Ich werde die Folgebände auf jeden Fall lesen.

Veröffentlicht am 25.07.2021

Der Sinn des Lebens ist, dass es aufhört

Was fehlt dir
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Im Mittelpunkt des neuen Romans von Sigrid Nunez stehen zwei Frauen. Die eine hat Krebs im Endstadium, die andere ist eine alte Freundin, die sie nun bittet, bei ihr zu sein, wenn sie mit einem Medikament ...

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Sigrid Nunez stehen zwei Frauen. Die eine hat Krebs im Endstadium, die andere ist eine alte Freundin, die sie nun bittet, bei ihr zu sein, wenn sie mit einem Medikament ihr Leben beendet. Widerstrebend sagt die namenlose Erzählerin zu. Die sterbenskranke Freundin mietet ein Haus in einer schönen Gegend, wo sie ein paar Tage verbringen. Sie erzählen sich Geschichten aus ihrem Leben. Die Erzählerin berichtet ebenfalls von Begegnungen und Beziehungen. Natürlich sprechen sie auch über den Tod, über Ängste, Abschied, Verlust und Trauer, über Liebe, Freundschaft und Vergebung. Erzählt wird keineswegs ohne Humor, aber natürlich dominiert Traurigkeit wegen der Unausweichlichkeit, mit der unser Leben auf das Ende zusteuert. Hinzukommt ein Vortrag eines Ex-Freundes, den die Erzählerin besucht. Auch hier ist der Tenor: es ist zu spät für alles. Die Menschen hätten die Klimakatastrophe abwenden, den Planeten retten können. Sie haben nicht gehandelt, als noch Zeit dafür war. Stattdessen wählten die Amerikaner einen völlig inkompetenten, korrupten und unverschämt unmoralischen Lügner zum Präsidenten, einen Leugner des Klimawandels (S. 102, 154). Das Ende der Menschheit und der Untergang unseres Planeten sind nicht mehr aufzuhalten. Dem Ex-Freund ist es nur noch wichtig, sich bei seinen Enkelkindern für sein eigenes Versagen zu entschuldigen und um Vergebung zu bitten.
Nunez aus vielen einzelnen Geschichten bestehender Roman lässt den Leser dennoch nicht ohne positive Botschaft zurück. Wir müssen uns den Mitmenschen zuwenden, zuhören, mitfühlen, helfen – viel mehr, als wir es bisher tun. Mir gefällt nicht nur der bedenkenswerte Inhalt, sondern auch die sprachliche Qualität dieses Romans. Ein besonderes Buch.

Veröffentlicht am 09.07.2021

Nichts bleibt, wie es ist

Der Brand
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Im Mittelpunkt von Daniela Kriens neuem Roman steht das Ehepaar Rahel und Peter Wunderlich. Sie wollen Urlaub in einer Hütte in Oberbayern machen. Dann erfahren sie, dass ihr Quartier abgebrannt ist. Noch ...

Im Mittelpunkt von Daniela Kriens neuem Roman steht das Ehepaar Rahel und Peter Wunderlich. Sie wollen Urlaub in einer Hütte in Oberbayern machen. Dann erfahren sie, dass ihr Quartier abgebrannt ist. Noch ehe sie neue Pläne machen, erreicht sie ein Hilferuf von Ruth, einer alten Freundin der Familie. Ihr Mann Viktor liegt sterbenskrank in einer Klinik, und niemand kann sich um den alten Bauernhof und die Tiere in der Uckermark kümmern. Rahel sagt zu. Peter versorgt die Tiere, als hätte er nie etwas anderes gemacht, Rahel kümmert sich um den Haushalt und den Garten. Der Urlaub schafft für das seit fast 30 Jahren verheiratete Paar die Gelegenheit, sich gründlich mit den Problemen in ihrer Ehe auseinanderzusetzen. Sie haben sich im Laufe der Jahre auseinandergelebt, denken aber nicht an Trennung. Durch eine Affaire weiß Rahel, dass es die ganz große Leidenschaft in ihrer Ehe nie gegeben hat. Inzwischen fehlt auch jede körperliche Nähe, und diese Tatsache wird Rahel immer schmerzlicher bewusst. Dann kommen die erwachsenen Kinder Selma und Simon zu Besuch. Rahels Beziehung zu Selma war immer schon konfliktbeladen, während das Verhältnis zu ihrem Sohn ausgesprochen innig ist. Dann entdeckt Rahel in Viktors Atelier Bilder und Skulpturen von ihrer Mutter und von sich selbst, und sie sucht erneut eine Antwort auf die lebenslange Frage, wer ihr Vater ist.
Daniela Krien legt ein interessantes und gut lesbares Porträt einer Familienkonstellation vor, das mir auch sprachlich sehr gut gefällt. Wir begleiten die sympathischen Figuren, deren Charakterisierung ausgesprochen gelungen ist. Brandaktuell wird der Roman dadurch, dass er während der aktuellen Pandemie spielt. Ein empfehlenswertes Buch für Leser von ruhigen Geschichten, die keine reißerische Spannung brauchen.

Veröffentlicht am 08.07.2021

Vater-Sohn-Konflikt vor chinesischem Hintergrund

Im Reich der Schuhe
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Der 26jährige Bostoner Jude Alex Cohen hält sich seit einem Jahr in Foshan in Südchina auf, wo sein Vater Fedor eine Schuhfabrik betreibt. Alex soll in die Geschäfte eingeführt werden, und sein Vater macht ...

Der 26jährige Bostoner Jude Alex Cohen hält sich seit einem Jahr in Foshan in Südchina auf, wo sein Vater Fedor eine Schuhfabrik betreibt. Alex soll in die Geschäfte eingeführt werden, und sein Vater macht ihn auf dem Papier zu seinem Partner. Tatsächlich gibt er nichts von seiner Macht ab und bleibt so dominant und egozentrisch wie eh und je. Alex verliebt sich in die 10 Jahre ältere chinesische Arbeiterin Ivy, eine Menschen- und Arbeitsrechtsaktivistin, die 25 Jahre zuvor die Proteste auf dem Platz des himmlischen Friedens miterlebt hat. Bei der blutigen Niederschlagung dieser Proteste kam ihre ältere Schwester ums Leben. Durch Ivy erhält Alex Einblick in die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter, die extrem wenig verdienen. Sie arbeiten unter enormen Druck, und den Aufsehern ist jeder noch so lächerliche Grund wie ein Toilettengang mehr als erlaubt oder das Summen einer Melodie recht, ihren mickrigen Lohn noch weiter zu kürzen. Fedor Cohen weiß das alles, aber er sieht keinerlei Veranlassung westliche Wertvorstellungen auf chinesische Verhältnisse zu übertragen. Im Gegenteil. Ihm geht es lediglich darum, mit geringem finanziellem Aufwand den größtmöglichen Profit zu erwirtschaften. Dennoch geht es mit der Firma bergab, denn sein Kunde nimmt immer weniger Ware ab, und er verliert einen Teil seines Gewinns ohnehin durch Schmiergeldzahlungen an den mächtigen Bürgermeister des Ortes.
Es ist spannend zu lesen, wie sich unter diesen Bedingungen der Vater-Sohn-Konflikt entwickelt, in dem Alex, der Veränderungen durchsetzen will und kreative Ideen für hochwertigere Schuhe hat, zunächst chancenlos ist. Ivy ist Teil einer fortschrittlich gesinnten Gruppe, und irgendwann muss Alex Position beziehen. Wird er sich aus dem Klammergriff seines Vaters befreien können? Alex und Ivy sind sehr sympathische Charaktere, während der geldgierige Fedor teilweise fast zur Karikatur gerät.
Ich habe den Roman, in dem der Autor eigene Erfahrungen authentisch verarbeitet, gern gelesen und empfehle ihn weiter.