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Veröffentlicht am 28.03.2022

Kurzweilig und informativ

Im Rausch des Aufruhrs
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Christian Bommarius nimmt uns in diesem Buch mit auf eine Reise durch das Jahr 1923, in dem so viel geschah und das doch bisher in der Literatur verhältnismäßig wenig Beachtung erfuhr. Dies geschieht in ...

Christian Bommarius nimmt uns in diesem Buch mit auf eine Reise durch das Jahr 1923, in dem so viel geschah und das doch bisher in der Literatur verhältnismäßig wenig Beachtung erfuhr. Dies geschieht in Berichten über verschiedene Leute und Geschehnisse, die wir von Monat zu Monat begleiten. So wechseln wir von dem demotivierten und erfolglosen Bankangestellten Joseph Goebbels zu Vertretern der rechten Hugenbergpresse, Künstlern, politischen Aktivisten, dem Serienmörder Haarmann und auch ganz normalen Mitmenschen. Der Vergleich mit Illies, der ähnlich aufgebaute Bücher über andere wichtige Jahre oder Epochen schrieb, drängt sich natürlich auf. Bommarius‘ Stil ist weniger literarisch, zugänglicher, manchmal ein wenig süffisant und angenehm lesbar. Erfreulich finde ich, dass er sich auf eine übersichtliche Gruppe von Leuten beschränkt, anstatt uns ein Schicksal nach dem anderen vor die Füße zu werfen, bis man vor lauter Namen nicht mehr ein noch aus weiß. So hat das Buch einen persönlicheren Bezug.
Jedem Monat ist ein Kapitel gewidmet, dem zwei passende Fotos vorangestellt sind, ebenso wie eine knappe Zusammenfassung der Geschehnisse in dem jeweiligen Monat. Diese endet jeweils mit dem Preis für Brot – eine hervorragende Methode, uns die galoppierende Hyperinflation zu verdeutlichen. Zu Beginn des Jahres kostet das Brot 250 Mark, im Dezember 399 000 000 000 Mark. Oben auf jeder Seite finden wir links den Monat und rechts einige Worte zum Inhalt der Seite (z.B. „Christian Kraft ist seine Sorgen los“ oder „Aus Pretzel wurde Haffner“). Das ist alles schön übersichtlich und oft pfiffig. Am Ende des Buches erfahren wir in einer Übersicht, was aus jenen Leuten, die wir durch das Jahr 1923 begleiteten, später wurde. Auch das ist willkommen, ebenso wie die Quellenangaben, die den Anhang abrunden. Optisch spricht das Buch ebenfalls an.
Erfreulich fand ich die Vielfalt der Themen – Kultur, Politik, Alltag, Lebensumstände, Wirtschaft, es ist alles dabei. Mir war es etwas zu viel Politik und etwas zu wenig Alltag, denn die politischen Entwicklungen kenne ich, an diesem Buch hatte mich eigentlich der Blick auf das allgemeine Leben gereizt. Aber das sind natürlich auch persönliche Präferenzen, größtenteils ist die Mischung für mich gut gelungen. Es gibt viele interessante Hintergrundinformationen, die sowohl persönliche wie auch politische Zusammenhänge gut erklären, nur gelegentlich fehlten mir einige erklärende Sätze zu einer knappen Aussage. Man kann hier auf unterhaltsame Weise eine Menge erfahren, das Buch liest sich leicht und angenehm. Ein erfreuliches Leseerlebnis, das Informationen gelungen vermittelt und dem offensichtlich eingehende Recherche zugrunde liegt.

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Veröffentlicht am 16.08.2021

Sympathischer Bericht, toll gestaltet, mit vielen Informationen

Ick loof, weil's mi gfreit!
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Daniel Krezdorn hat mit seiner 670 km langen Wanderung von Berlin nach München ein ungewöhnliches Unternehmen durchgeführt und berichtet in diesem Buch auf sympathische Weise davon. Lobenswert ist schon ...

Daniel Krezdorn hat mit seiner 670 km langen Wanderung von Berlin nach München ein ungewöhnliches Unternehmen durchgeführt und berichtet in diesem Buch auf sympathische Weise davon. Lobenswert ist schon die ausgesprochen gelungene Gestaltung, die Kapitel sind optisch herrlich gestaltet, es macht Spaß, sie anzusehen und zu lesen. Im ganzen Buch finden sich zudem zahlreiche Farbfotos und zu jedem Wandertag eine – ebenfalls farbige – Karte. Das ist wirklich toll gemacht! Ein nochmaliges Korrekturlesen könnte die teilweise etwas abenteuerliche Zeichensetzung und ein paar wenige Fehler vielleicht noch etwas verbessern.

Das Buch ist sehr praktisch ausgerichtet, vor dem Wanderbericht finden sich zahlreiche Hinweise zu Ausrüstung, Routenplanung und allgemeinen Aspekten. Diese sind sorgfältig und detailliert. Auch von seinen eigenen Vorbereitungen – unter erschwerten Pandemiebedingungen – berichtet der Autor anschaulich. Mir hat gefallen, wie persönlich er dies formuliert. Man fühlt sich als Leser direkt einbezogen.

Jeder der 28 Tagesabschnitte (darunter 2 Ruhetage) hat ein eigenes Kapitel, dem die Daten für den Tag (Entfernung, Höhenmeter, etc.) vorangestellt sind. Auch hier berichtet der Autor angenehm und gut lesbar. Er schildert immer wieder Eindrücke, berichtet auch hier und da Hintergrundinformationen über den jeweiligen Streckenabschnitt. Davon hätte ich mir allerdings mehr gewünscht. Wenn ich las, daß es an einer Stelle „super schön“ oder das Zentrum von Wittenberg „sehr schön“ sei, dann fehlten mir immer wieder ein paar beschreibende Sätze. Es gibt nur recht wenige Beschreibungen dessen, was Daniel Krezdorn auf seiner langen Wanderung so sieht. Hier lag der Fokus sehr auf einer genauen Beschreibung der jeweiligen Strecke, so daß ganze Absätze aus „von Straße xy biege ich an der Brücke in Straße xy und gehe dann auf einem breiten Forstweg bis zum Sportplatz entlang, wo ich rechts einbiege“ (kein Zitat, nur sinngemäße Wiedergabe). Das ist natürlich für einen Wanderführer auch relevant, aber der Anteil der Gesehenen, Erlebten ist mir persönlich zu gering. Das merkte ich auch im Vergleich zum gelungenen Epilog, in dem der Autor ganz persönlich von seinen Nach-Wander-Eindrücken berichtet (eine schöne Idee und ein ausgezeichneter Abschluß!) und der sich sehr angenehm liest. Auch die gelegentlichen persönlichen Eindrücke in den Kapiteln lesen sich erfreulich, so daß es schade ist, nicht mehr davon zu haben. Auch bei den beiden Ruhetagen vermisste ich persönliche Eindrücke – hier hat der Autor einige Tips gegeben, was man in der jeweiligen Stadt unternehmen kann, und ich war ein wenig enttäuscht, nicht zu lesen, was er selbst dort unternommen, wie es ihm gefallen hat. Das hängt natürlich von den Erwartungen ab – für einen Wanderführer ist es so passend, für einen Wanderbericht (mir) etwas zu unpersönlich.

Insgesamt lasen sich die Wandertage aber unterhaltsam, in einem angenehmen Stil und mit interessanten Gedanken. Es hat Spaß gemacht, Daniel Krezdorn auf seiner Tour zu begleiten und so ist das Buch sowohl lesenswert als auch informativ – die Sorgfalt, mit der Informationen hier vermittelt werden, ist bemerkenswert. Man spürt die Hingabe, die im Buch steckt.

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Veröffentlicht am 15.08.2021

Leicht umsetzbare kreative Rezepte - leider ohne Nährwertangaben

Hello Berries
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„Hello Berries“ ist hochwertig und modern gestaltet. Jedes Rezept nimmt eine Doppelseite ein, auf der einen Seite eine ganzseitige Fotografie, auf der anderen das Rezept selbst. Die Zubereitungszeit ist ...

„Hello Berries“ ist hochwertig und modern gestaltet. Jedes Rezept nimmt eine Doppelseite ein, auf der einen Seite eine ganzseitige Fotografie, auf der anderen das Rezept selbst. Die Zubereitungszeit ist über dem Rezept angegeben, was recht praktisch ist, überhaupt ist alles sehr übersichtlich gehalten. Die sehr helle Gestaltung von Fotos und Rezepten wirkt auf mich insgesamt allerdings ein wenig zu unterkühlt. Dem Rezeptteil schließt sich ein Informationsteil über einzelne Beeren an, auch dieser mit vielen großformatigen Fotos und manch interessanten Hintergrundinformationen, allerdings ist der Textanteil im Vergleich zu den Fotos etwas klein. Auch ist die im Buch vorgestellte Beerenvielfalt etwas eingeschränkt.

Die Rezepte haben mir gut gefallen. In den Kategorien Frühstück, Gebäck, Herzhaft, Desserts, Eis und Getränke findet sich eine gute Auswahl einfallsreicher Rezepte, die zudem alle ohne großen Aufwand zubereitet werden können. Sehr bedauerlich fand ich das Fehlen der Nährwerte! Gut gefallen hat mir dagegen, daß bei den herzhaften Rezepten mehrere vegetarische Gerichte enthalten waren. Die Rezepte selbst sind eine gute Mischung aus traditionellen und ungewöhnlicheren Gerichten, hier sollte sich für jeden Geschmack etwas finden. Der Einsatz von Kräutern und Gewürzen hat mich angesprochen, sehr schön sind auch kleine neue Noten für bekannte Gerichte, so z.B. der Zusatz von Zitronenverbene bei einem Johannisbeersirup. Man merkt im Buch, daß hier frisch und innovativ gedacht wurde. Ich habe schon beim ersten Durchsehen viele Rezepte gefunden, die ich ausprobieren möchte.

So liefert „Hello Berries“ mit kleinen Abstrichen kreative, gut umsetzbare Ideen, um die Vielfalt der Beerenwelt zu entdecken und genießen.

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Veröffentlicht am 05.08.2021

Sprachgewaltig, hervorragend recherchiert, tief berührend

Geliebter Dietrich
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In „Geliebter Dietrich“ berichtet Amanda Barratt in wundervoller Sprache und auf Basis sorgfältiger Recherchen über die letzten Jahre im Leben Dietrich Bonhoeffers. Der Fokus liegt hier sowohl auf seiner ...

In „Geliebter Dietrich“ berichtet Amanda Barratt in wundervoller Sprache und auf Basis sorgfältiger Recherchen über die letzten Jahre im Leben Dietrich Bonhoeffers. Der Fokus liegt hier sowohl auf seiner Liebe zu Maria von Wedemeyer wie auch auf seiner Arbeit im Widerstand.

Der Schreibstil hat mich von Anfang an begeistert. Hier herrscht ein gekonnter, bildhafter und doch behutsamer Umgang mit Sprache vor, der den Leser gleich in den Bann zieht. Auch die Übersetzung ist ausgezeichnet gelungen und wird dem Stil gerecht - störend sind allerdings einige zu moderne Ausdrücke, insbesondere des häufig verwendeten „echt“ anstatt „wirklich“. „Das ist echt nett“ oder „Sie ist ein echt nette Frau“ passen weder zum sonstigen Schreibstil noch zur damaligen Zeit. Auch Begriffe wie „Outfit“ oder „Ja, klar“ ließen mich zusammenzucken.

Bemerkenswert ist es, wie Amanda Barratt die dunkle, beklemmende Atmosphäre des Lebens in dieser menschenverachtenden Diktatur darstellt. Man spürt ständig die Ausweglosigkeit, die Düsternis, die Bedrohung, sie liegt wie ein dichter Schatten über dem Geschehen. Dies gelingt ihr auf gelungen unterschwellige Weise. Nur manchmal kippt es ein wenig ins Effekthascherische. So wird uns die Gefahr für Bonhoeffer und die anderen Widerstandskämpfer manchmal in ständiger Wiederholung erklärt, obwohl sie aus dem Geschehen ohnehin hervorgeht. Auch an vereinzelten anderen Stellen finden sich Wiederholungen und effektheischende Bemerkungen. Allerdings sind dies Ausnahmen.

Obwohl die Liebesgeschichte das eigentliche Hauptthema des Buches ist, fand ich diese stellenweise nicht ganz überzeugend - das liegt aber wohl weniger an der Erzählweise als am tatsächlichen Geschehen und natürlich den ungewöhnlichen Umständen dieser Beziehung - und auch viele von Marias Abschnitten wirken manchmal ein wenig eingeschoben, ohne wirkliche Handlung. Dem stehen aber zahlreiche Abschnitte gegenüber, in denen auch Marias Schicksal sehr berührt und der Schmerz, den diese junge Frau aufgrund ihrer vielen Verluste empfunden hat, deutlich spürbar wird.

Die Arbeit des Widerstands wird kenntnisreich und sorgfältig recherchiert geschildert. Anmerkungen hinten im Buch verweisen zudem auf Quellen, so sind Ausschnitte mehrerer Briefe Bonhoeffers im Buch enthalten. Es gelingt Amanda Barrett ausgezeichnet, die Fakten in eine berührende Geschichte einzubetten, die Menschen mit Leben zu erfüllen. Das Sujet bringt es mit sich, daß dies ein düsteres, tragisches Buch ist, aber es schwingt auch Lebensbejahendes mit. Das Ende verzichtet glücklicherweise auf drastische Details und wirkt gerade dadurch intensiv und berührend. Ein kurzes Nachwort berichtet über die weiteren Schicksale der im Buch Erwähnten.

„Geliebter Dietrich“ hat mir nicht nur viele neue Informationen vermittelt und mich mit dem gelungenen Stil erfreut, sondern mich beim Lesen so stark berührt, wie es nicht viele Bücher schaffen.

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Veröffentlicht am 24.07.2021

Absurdität und Tragik

Der schwarze Obelisk
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In „Der schwarze Obelisk“ führt Remarque uns in eine Epoche, die so gut wie nie literarisch behandelt wird - das Hyperinflationsjahr 1923. Vom Frühling 1923 an begleiten wir den Ich-Erzähler Ludwig (sehr ...

In „Der schwarze Obelisk“ führt Remarque uns in eine Epoche, die so gut wie nie literarisch behandelt wird - das Hyperinflationsjahr 1923. Vom Frühling 1923 an begleiten wir den Ich-Erzähler Ludwig (sehr stark an Remarque selbst angelehnt) durch das restliche Jahr, in dem die Inflation aus Tausenden zuerst Millionen, dann Milliarden und Billionen macht. Eine Zeit, in der Tragik und Absurdität nah beieinanderliegen, was sich im Buch hervorragend widerspiegelt.

Remarque schrieb seinem Verleger, er könne den Inhalt nicht beschreiben, und das ist nachvollziehbar, denn es ist weniger eine klassische Romanhandlung als eher eine Ansammlung von Facetten, die uns verschiedene Schicksale im Laufe dieses Jahres kaleidoskopartig berichten. Wir folgen Ludwig und seiner Umgebung in ihrem Alltag in der Stadt Werdenbrück (Osnabrück nachempfunden). Über allem liegt der Wahnsinn der Hyperinflation, der Dollarkurs ist Leitmotiv und wir lesen von allerhand aberwitzigen Manövern, die wohl nur in einer solchen Zeit möglich sind. Da wird ein Grabstein auch mal mit zwei Wochen Brötchenlieferungen abgegolten, es wird um den Zahlungszeitpunkt gefeilscht, denn ein paar Stunden reichen, um eine hohe Summe wertlos zu machen. Wir begegnen den Hoffnungslosen, den sich Durchwurschtelnden, den Spekulanten. Es wird gelebt, als ob es kein Morgen gäbe, was in gewisser, tragischer Hinsicht auch fast stimmt. In dieser absurden Zeit kann Remarque auch seinem sonst spärlich eingesetzten Humor freien Lauf lassen, was zu herrlich komischen Sätzen und Szenen führt, leider aber auch zu vielen albernen Episoden, die das Buch schwächen.

Auch auf die sehr dick aufgetragene Schicht Philosophie und Lebensbetrachtungen hätte ich gut verzichten können. Ludwigs Beziehung mit der jungen psychisch kranken Isabelle besteht aus zahlreichen recht sinnbefreiten Dialogen, in denen man sicher viel Philosophisches herauslesen kann, die ich aber zu haltlos und sehr wiederholend fand. Auch sonst wird viel wiederholt, gerade in der Mitte des Buches fühlt man sich wie in einem etwas zähen Kreislauf aus Bekanntem.

Hervorragend ist das vielfältige, gut gezeichnete Bild jener Zeit, in der die Resignierten, denen durch den Krieg Jugend und Hoffnung gestohlen wurde, jenen Unverbesserlichen gegenüberstehen, die bald der nächsten Generation Jugend und Hoffnung nehmen werden. Die Bedrohung von rechts wird im Laufe des Buches immer deutlicher, immer düsterer und kulminiert im letzten Kapitel, in dem Remarque kurz die Schicksale der Charaktere nach 1923 schildert. Auch Remarques Sprache ist wieder ein einzige Freude - virtuos spielt er mit den Worten, Bildern, Stimmungen. Und so ist „Der schwarze Obelisk“ trotz einiger Schwächen ein phantastisches Buch, das jene Zeit auf ganz eigene gekonnte Weise einfängt.

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