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Veröffentlicht am 10.10.2022

Familienpuzzle

Verbrenn all meine Briefe
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Wie viele unserer Gefühle und Verhaltensmuster sind vererbt? Diese Frage war Ausgangspunkt für die Recherchen des 1976 geborenen, in Schweden mittlerweile viel gelesenen Autors Alex Schulman. Seine eigene ...

Wie viele unserer Gefühle und Verhaltensmuster sind vererbt? Diese Frage war Ausgangspunkt für die Recherchen des 1976 geborenen, in Schweden mittlerweile viel gelesenen Autors Alex Schulman. Seine eigene unkontrollierte Wut, Reizbarkeit und Überreaktion auf Rückschläge gefährdeten seine Familie, an seinen Kindern erkannte er die ihm aus der eigenen Kindheit vertrauten Anzeichen von Angst und vorbeugendem Schutzverhalten. Eine Familienaufstellung ergab Aggressionspotential auf der mütterlichen Seite:

"Ich will die Dunkelheit in mir verstehen, die dabei ist, mein Verhältnis zu meiner Familie zu zerstören. Ich bin auf der Jagd nach meiner Wut." (S. 31)

Kindheitserinnerungen an Besuche bei den Großeltern ließen im Großvater Sven Stolpe (1905 – 1996) die Schlüsselfigur vermuten, einem bedeutenden schwedischen Schriftsteller, Übersetzer, Journalisten, Literaturkritiker und tiefgläubigen Christen, verheiratet mit der Übersetzerin Karin Stolpe (1907 – 2003):

"Auf unterschiedliche Weise zerstörte Stolpe das Leben seiner Kinder. Und das Gift wirkt über Generationen fort. Wir lernten alle, einander und die Welt zu hassen." (S. 40)

Früh nahm Alex Schulman die große Angst und Unterwürfigkeit der Großmutter vor dem despotischen Großvater wahr, der vernichtende und demütigende Urteile über Familienmitglieder wie Kollegen fällte.

Ein echter Thriller
Was Alex Schulman bei seinen puzzleartigen Recherchen aufdeckte, nimmt es leicht mit einem Thriller auf. Anhand der Bücher und Briefe seines Großvaters, bei Recherchen in Archiven und an Originalschauplätzen, insbesondere jedoch mit dem Tagebuch von Olof Lagercrantz (1911 – 2002), einem ebenfalls bedeutenden Schriftsteller, Kritiker und langjährigen Chefredakteur der Tageszeitung Dagens Nyheter, sowie dessen Korrespondenz mit Karin konnte er aufdecken, was sich hinter Svens Bemerkung verbarg, er wäre im Sommer 1932 „Opfer eines sexuellen Attentats“ (S. 52) geworden, durch das er „den Glauben an die Menschheit verlor“ (S. 50): eine ebenso wahre wie zutiefst bewegende, schließlich lebensgefährliche Liebesgeschichte. Minutiös sind die Tage zwischen dem 20. Juni und dem 9. Juli 1932 rekonstruiert, gebannt bin ich diesem missglückten Ausbruchsversuch aus einer albtraumhaften Ehe mit einem nüchternen Tyrannen und Narzissten gefolgt. Bis an ihr Lebensende träumte Karin vom "Land, das nicht ist" (S. 261), der Romantiker Olof versteckte seine Sehnsucht nie vor seiner Familie und besang „die Liebe seines Lebens“ (S. 127) bis zuletzt in Büchern und Gedichten.

Ein wahrer Roman
Aber nicht nur was erzählt wird, auch das Wie ist grandios. Die drei Zeitebenen Sommer 1932, ein Besuch bei den Großeltern 1988 und die Gegenwart sind meisterhaft verwoben, Charaktere stimmig gezeichnet, die Sprache konzentriert und klar. Immer wieder hinterfragt Alex Schulman selbstkritisch seine Motivation und die Auswirkungen auf seine Zukunft. Meine anfängliche Skepsis wegen der Intimität verflog rasch, denn einerseits sind die Geschehnisse so offensichtlich, dass die Literaturwissenschaft sie irgendwann aufgedeckt hätte, andererseits hat die Familie Lagercrantz der Einbindung von Tagebucheinträgen und Briefen zugestimmt und Alex Schulman holt für jedes seiner familienbiografischen Bücher die Zustimmung seiner Brüdern ein. Außerdem ist der Roman, und als solchen bezeichnet ihn Alex Schulman trotz der Quellentreue, kein Vernichtungsbuch, wie es Sven Stolpe beispielsweise über Olof Lagercrantz verfasste; im Gegenteil gibt es zuletzt sogar einen Erklärungsversuch für sein Verhalten.

Habe ich den familienbiografischen Roman "Die Überlebenden" von Alex Schulman 2021 sehr gern gelesen, so gefiel mir nun das im schwedischen Original schon 2018 erschienene, 2022 verfilmte "Verbrenn all meine Briefe" sogar noch besser. Ein neuer literarischer Autor, von dem ich mir garantiert kein Buch mehr entgehen lasse!

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Veröffentlicht am 25.03.2022

Schmerzvolle Ernüchterung

Die Diplomatin
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Im Angesicht weltweiter Krisenherde, Syrien, der Jemen, Afghanistan oder jüngst die Ukraine, bleiben Zweifel an den Erfolgsaussichten der Diplomatie nicht aus. Dass auch Diplomatinnen und Diplomaten verzweifeln, ...

Im Angesicht weltweiter Krisenherde, Syrien, der Jemen, Afghanistan oder jüngst die Ukraine, bleiben Zweifel an den Erfolgsaussichten der Diplomatie nicht aus. Dass auch Diplomatinnen und Diplomaten verzweifeln, wenn sie trotz hoher Motivation und exzellenter Ausbildung an den Grenzen ihrer Profession zerschellen, zeigt Lucy Fricke an ihrer Protagonistin Friederike Andermann, genannt Fred, in ihrem neuen Roman "Die Diplomatin".

Zu Beginn scheint alles im Lot:

"Vor dem Fenster knatterte die deutsche Flagge im Wind." (Anfangssatz S. 9)

Nach fast 20 Jahren im Auswärtigen Dienst hat Fred mit knapp 50 ihren ersten Posten als Botschafterin in Montevideo, ein Aufstieg, der nicht zuletzt dem Streben der Behörde nach einer höheren Frauenquote zu verdanken ist. Als Kind einer alleinerziehenden Kellnerin aus einem Hamburger Arbeiterviertel musste sie hart um den Aufstieg kämpfen und auf Partner, Kinder, Haus und Garten verzichten. Während die Botschaftergattin als Typus verbreitet ist, gilt der „MAP“, „mitausreisender Partner“, der seiner Frau alle paar Jahre in ein anderes Land folgt und auf eine eigene Karriere verzichtet, als seltene Spezies.

Der Karriereknick
In Uruguay wartet auf Fred ein vermeintliches Paradies, Konflikte sind unwahrscheinlich und die größte Herausforderung besteht in der Ausrichtung des jährlichen Nationalfeiertags:

"Ich hatte mich für diesen Beruf entschieden, weil ich etwas bewirken wollte. Und jetzt hatte ich eine geschlagene Stunde über Grillfleisch und Bratwürstchen diskutiert." (S. 15)

Den Rest der Zeit feiert man die Nationalfeiertage anderer Nationen:

"Ich stehe da rum und bin nur Deutschland." (S. 18)

Doch dann wird es schneller ernst als gedacht, eine vermisste Touristin ist ausgerechnet die Tochter einer deutschen Mediengröße und Freds stetig ansteigende Karrierekurve, für die sie ihr Privatleben geopfert hat, knickt ab.

Bewährungsprobe auf rutschigem Parkett
Nach strapaziösen Wochen und einer Abberufung ins Krisenreaktionszentrum der Zentrale wird eine veränderte Fred Konsulin in Istanbul und damit zuständig für deutsche Staatsangehörige in der Türkei, eine schwierige Aufgabe auf rutschigem Parkett in einem autokratischen Land:

"Schon beim Wort Dialog stellten sich bei mir inzwischen die Nackenhaare auf. Immerzu sprach man vom Dialog, während in Wahrheit die türkischen Behörden nicht mal mehr ans Telefon gingen." (S. 84)

Angesichts einer willkürlich in einem türkischen Frauengefängnis inhaftierten deutsch-kurdischen Kunsthistorikerin, ihres unter Hausarrest stehenden Sohnes und eines per Haftbefehl gesuchten deutschen Journalisten, der sich als „diplomatische Krise auf meine Bettkante gesetzt hatte (S. 152)“ verliert Fred zunehmend die Geduld, was einer Berufsunfähigkeit gleichkommt. Das Wissen um die Machtlosigkeit ihres hohen Amtes lässt sie an der Diplomatie verzweifeln und Maßnahmen in Betracht ziehen, die ganz und gar nicht Teil ihres diplomatischen Instrumentenkastens sind…

Ein Roman der Stunde
"Die Diplomatin" ist ein durch und durch gelungener Roman: politisch, hochaktuell, spannend, literarisch, in zahlreichen Gesprächen mit Angehörigen des diplomatischen Dienstes und während eines Stipendien-Aufenthalts vor Ort hervorragend recherchiert, originell in Thematik und Handlung und dabei höchst unterhaltsam. Sprache und Materie sind auf das Notwendige reduziert. Der anfangs humorvolle Ton, bei dem ich immer wieder herzlich lachen musste, wird zunehmend ernster und nachdenklicher, ohne auf Ironie und Lakonie zu verzichten. Selbst die Flagge scheint am Ende entmutigt:

"Hinter dem Rauch wehte schlaff die deutsche Flagge im Wind." (Schlusssatz S. 254)

Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 22.03.2022

Ein Vater, der nicht zum Helden taugt oder Familie ist Schicksal

Wie mein Vater Hitler den Krieg erklärte
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Die Verdachtsdiagnose Krebs löst im autofiktionalen Roman Wie mein Vater Hitler den Krieg erklärte von Felix Schmidt beim 87-jährigen Protagonisten ein „diffuses Gefühl existenzieller Bedrohung“ aus. Dahinter ...

Die Verdachtsdiagnose Krebs löst im autofiktionalen Roman Wie mein Vater Hitler den Krieg erklärte von Felix Schmidt beim 87-jährigen Protagonisten ein „diffuses Gefühl existenzieller Bedrohung“ aus. Dahinter steckt jedoch mehr als nur die Furcht vor einer schweren Erkrankung, denn Ängste haben ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Nun möchte er ihnen am Ort seiner Kindheit auf den Grund gehen:

"Während ich den Koffer packe, keimt die Hoffnung in mir auf, dass es eine Reise werden könnte, die zu mir hinführt." (S. 9)

Für zwei Wochen ist ein Hotelzimmer in der „Kleinen Stadt am Rhein“ mit den barocken Häuserfassaden gebucht, irgendwo in der Rheinebene zwischen Karlsruhe und Breisach, nicht im Schwarzwald, wie das Cover es erstaunlicherweise suggeriert.

Außenseiter
1934 als erstes Kind eines Küfers und seiner Frau geboren, litt der sensible Ich-Erzähler übermäßig unter dem Jähzorn, der Düsternis und Gewalttätigkeit des Vaters, vor der ihn auch die konturlose, distanzierte Mutter nicht schützen konnte oder wollte. Früh nahm ihn die im gleichen Haus lebende, fromme und liebevoll-pragmatische Großmutter zu sich und schenkte ihm die schmerzlich vermisste Geborgenheit.

Von Beginn an lehnte der Vater Hitler vehement ab. Diese Haltung verstärkte sich noch, als er nach wenigen Monaten an der Front krank zurückkehrte und nie wieder ganz genas.

Für den Sohn hatte die väterliche Oppositionshaltung tiefgreifende Folgen, weil der als echter badischer „Rappelkopf“ seine Meinung deutlich und ohne Rücksicht auf die Gefahr für die Familie lautstark kundtat:

"Nein, verblödet war der Vater nicht, närrisch schon und verblendet. Was ihn antrieb, war eine Mischung aus Anstand und angeborenem Widerspruchsgeist. Die Folgen seines Tuns bedachte er nicht. Er war ein widerborstiger Mann aus dem Kleinbürgertum, der sagte, was er dachte – und das deutlich. Er war einer, der nicht mitmachen wollte, was er sollte. Zur Heldengeschichte taugte er aber nicht." (S. 76)

Das Kind durfte nicht zur Hitlerjugend, war Außenseiter und wurde zum Verrat am Vater verführt. Wieviel einfacher wäre es mit einem Mitläufer und Duckmäuser als Vater gewesen.

Auch nach Kriegsende konnte der Vater nicht lockerlassen, litt unter der Rückkehr ehemaliger Täter auf ihre Posten, verlotterte zunehmend und starb früh. Den Ich-Erzähler hielt nach dem Abitur nichts in der Heimat.

Ein sehr persönlicher Roman
Felix Schmidt, geboren 1934, arbeitete als Journalist in leitender Funktion unter anderem beim Spiegel, Stern und der Welt am Sonntag sowie für Radio und Fernsehen. Daneben verfasste er Sachbücher zur Musik, der immer seine Liebe galt. Erst 2020 erschien sein erster Roman "Amelie" und nun sein zweiter, "Wie mein Vater Hitler den Krieg erklärte", mit stark autofiktionalem Bezug: eine Auseinandersetzung mit dem Vater, mit Schuld und den traumatisierenden Kriegserlebnissen. Hervorragend gelungen ist die kindliche Perspektive, die der Autor nur selten verlässt. Auf gut 150 Seiten entwirft Felix Schmidt das Bild einer ambivalenten Vater-Figur, die er erst in der Rückschau in ihrer ganzen Komplexität zu begreifen beginnt. Trotz der düsteren Schatten seiner Kindheit erhebt er keine Anklage sondern zollt ihm sogar Respekt.

Ein sehr lesenswerter, unspektakulär und knapp erzählter Roman, dessen erschreckende Aktualität sich leider soeben durch den Überfall Russlands auf die Ukraine zeigt.

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Veröffentlicht am 27.08.2021

Ein Frauenleben, eine Landschaft und fast ein Jahrhundert

Die Hebamme
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"Sie lebten so, wie es Menschen zu allen Zeiten in Norwegen und dem Norden getan haben: Sie lebten mit den Jahreszeiten, die gerade hier so wechselhaft waren." (S. 320)

Edvard Hoem, geboren 1949 im westnorwegischen ...

"Sie lebten so, wie es Menschen zu allen Zeiten in Norwegen und dem Norden getan haben: Sie lebten mit den Jahreszeiten, die gerade hier so wechselhaft waren." (S. 320)

Edvard Hoem, geboren 1949 im westnorwegischen Molde, ist als Romanautor, Dramatiker und Lyriker in seiner Heimat sehr bekannt und vielfach ausgezeichnet. Besonders erfolgreich sind seine Romane über sich und seine Vorfahren aus Romsdal, von denen auf Deutsch 2007 "Die Geschichte von Mutter und Vater" und 2009 "Heimatland. Kindheit" erschienen. "Die Hebamme" führt nun weiter zurück und schildert das Leben seiner Ururgroßmutter Marta Kristine Anderdatter Nesje, die von 1793 bis 1877 am Romsdalsfjord lebte und über 50 Jahre lang dort die erste staatlich bestellte Hebamme war:

"Das war ein Leben. Marta Kristine Andersdatter Nesje hatte mehrere Zeitalter durchlebt, sieben Könige überlebt und unter vieren gedient. […] Sie hatte immer genug zu tun gehabt und […] mehr als tausend Kinder in Empfang genommen." (S. 335)

Ein aufgewecktes Mädchen
Der erste Teil des Romans beginnt, als Marta Kristines Familie 1800 die Fjordseite wechselt und in eine Häuslerkate in Nesje zieht. Der Vater, Anders Knudsen, Schuhmacher und eine der beeindruckendsten Figuren des Romans, ist klug und vorausschauend und schickt seine Tochter in die Dorfschule. Dort lernt sie ihren späteren Mann Hans Nesje kennen, den freundlichen blonden jüngsten Sohn des Großbauern. Es ist ein langer Weg bis zur Hochzeit im Juli 1817, als sie bereits eine uneheliche Tochter von einem anderen hat und durch traumatisierende Kriegserlebnisse bei Hans der Grundstock für seine lebenslange Schwermut gelegt ist.

Marta Kristines Tür zur Welt
Beharrlich verfolgt Marta Kristine, angeregt durch den von ihr verehrten Pastor, den Plan, sich zur Hebamme ausbilden zu lassen, eine Möglichkeit, die nur „sittlichen Frauen“ offenstand. Im Herbst 1817 kann sie trotzdem als eine der Ersten einen sechswöchigen Kurs in Molde belegen.

Im zweiten Teil ist Marta Kristine ordentlich zur Hebamme bestellt, wird jedoch aufgrund von Armut, Misstrauen und Aberglaube trotz der von der Kanzel verkündeten Hebammenverordnung kaum gerufen. Nachdem sie drei weitere Kinder geboren hat, wandert Marta Kristine deshalb im Herbst 1821 600 Kilometer zu Fuß nach Christiania, dem heutigen Oslo, um ihre Qualifikation am dortigen Geburtshilfestift zu vervollständigen. Als sie nach neun Monaten zurückkehrt, hat sich Hans‘ Zustand endgültig verschlechtert.

Zehn eheliche Kinder bringt Marta Kristine zur Welt, die sie mit Hans und der Hilfe ihrer Eltern und der unehelichen Tochter in ständiger Armut in einer Häuslerkate großzieht. Obwohl sie auch Einkünfte aus der Pockenimpfung bezieht und Hans sich im Fischen versucht, verliert sie nach seinem frühen Tod fast alles an Gläubiger und muss noch einmal neu beginnen.

Der dritte Teil ist dem Leben Marta Kristines als Witwe gewidmet.

Fakten und Fiktion
"Es ist ein Roman, geschrieben auf der Grundlage dokumentierter Fakten. Die Darstellung der Personen fußt auf vereinzelten, spärlichen Informationen. Niemand weiß mehr, wer sie waren." (Vorwort)

Streng chronologisch und mit vielen Fakten aus Archiven gespickt, zeichnet Edvard Hoem auf beeindruckend glaubwürdige Weise die Welt des 19. Jahrhunderts in Norwegen. Die außergewöhnlich starke Frauenfigur, die bewegende Liebesgeschichte, die Anfänge der professionellen Geburtshilfe, das Porträt der notleidenden bäuerlichen Gesellschaft und die alles beherrschende Natur – darüber erzählt Edvard Hoem vor dem Hintergrund der Geschichte Norwegens so mitreißend gut, dass ich mich beim Lesen ganz und gar verloren habe.

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Veröffentlicht am 20.08.2021

Lebenslange Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Liebe

Die Überlebenden
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Alex Schulman, geboren 1976 in Schweden, ist in seiner Heimat als Journalist, Autor mehrerer autobiografischer Bücher über seine Familie, Blogger, Podcaster und aus Fernsehen und Radio sehr populär. Sein ...

Alex Schulman, geboren 1976 in Schweden, ist in seiner Heimat als Journalist, Autor mehrerer autobiografischer Bücher über seine Familie, Blogger, Podcaster und aus Fernsehen und Radio sehr populär. Sein Romandebüt "Die Überlebenden" war in seinem Heimatland ein großer Erfolg, wobei schwedische Leser Teile seiner Familiengeschichte in dieser fiktionalen Erzählung wiederfinden.

Drei Brüder
Zu Beginn eine filmreife Szene: Drei Männer in schwarzen Anzügen und Krawatten sitzen in einer Juninacht auf der Steintreppe vor einem abgelegenen, verwitterten roten Sommerhaus am See und halten sich weinend im Arm. Neben ihnen steht die Urne mit der Asche ihrer Mutter, die sie nach deren letztem Willen im See verstreuen sollen. Benjamin, der mittlere der Brüder, hat die Polizei und einen Krankenwagen gerufen, denn kurz zuvor hätten sich Nils, der ältere, und Pierre, der jüngste, fast totgeschlagen. Was ist geschehen?

"Was sich hier auf der Steintreppe abspielt, das Weinen der drei Brüder, die geschwollenen Gesichter und all das Blut, ist nur der letzte Ring auf dem Wasser, der äußerste, der am weitesten vom Einschlagpunkt entfernt ist." (S. 13)

Eine außergewöhnliche Struktur
Alex Schulman erzählt den Roman konsequent aus Benjamins Sicht. In zwei Teilen, untergliedert in insgesamt 24 Kapitel, wechseln sich zwei Zeitebenen ab. In der Gegenwartsebene wird der Tag der Urnenbeisetzung im Zweistundenrhythmus rückwärts erzählt. Dazwischen gibt es Episoden aus der Kindheit, später aus dem jugendlichen und dem Erwachsenenleben der Brüder, durch Schlüsselwörter verzahnt. Beide Ebenen nähern sich kontinuierlich an, bis sie zuletzt verschmelzen.

Bei den Erlebnissen im ersten Teil aus dem letzten Sommer am See sind die Brüder dreizehn, neun und sieben Jahre alt. Die idyllische Umgebung steht in diametralem Kontrast zum überwiegend düsteren Alltag einer dysfunktionalen Familie, in der die Kinder nur selten die ersehnte Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern erhalten. Vom Alkohol vernebelt demonstrieren die Eltern meist Desinteresse, sind launisch und unberechenbar, verhängen sadistische Strafen und riskieren leichtfertig das Leben ihrer Kinder. Krassestes Beispiel dafür ist ein vom Vater ausgerufener Schwimmwettbewerb, bei dem die Brüder fast ertrinken, die Eltern sich jedoch inzwischen ins Haus zurückgezogen und die drei vergessen haben.

Unterschiedliche Strategien
Benjamin ist der sensibelste unter den Brüdern, der Familienseismograf, der die Stimmungen präzise auslotet und sogar vorhersieht. Nils, begabt und Hoffnungsträger der Eltern, zieht sich so weit als möglich in seine eigene Welt zurück. Pierre wird mit den Jahren brutal und aggressiv nach außen, behält aber wie die anderen einen weichen, verletzlichen Kern.

Das fehlende Puzzleteil
Alex Schulman geht in "Die Überlebenden" den Fragen nach, wie es zur Entfremdung der Brüder kommen konnte und was das Leben in einer dysfunktionalen, von Schweigen bestimmten Familie auslöst. Selten hat mich ein Roman auf den letzten Seiten derart überrascht wie dieser, obwohl ich beim Lesen von Beginn an eine unerklärliche Unruhe verspürte. Erst ganz zum Schluss wurde mir klar, dass ein fehlendes Puzzleteil dafür verantwortlich war.

Diese genial angelegte Wendung, die gekonnte Verzahnung der Zeitebenen, die erschütternden Kindheitserlebnisse und die stark verdichtete, mit beklemmenden Bildern unterlegte Erzählweise werden mir dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Ich freue mich auf weitere Romane von Alex Schulman!

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