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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.08.2020

Zerbrechlich und sensibel- die letzte Reflektion eines großen Künstlers

Der letzte Satz
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Gustav Mahler sitzt eingewickelt in Decken auf dem Deck der Americana und blickt seiner letzten Reise entgegen von New York nach Wien, begleitet von Erinnerungen, Erfolgen und Echtzeitaufnahmen lässt er ...

Gustav Mahler sitzt eingewickelt in Decken auf dem Deck der Americana und blickt seiner letzten Reise entgegen von New York nach Wien, begleitet von Erinnerungen, Erfolgen und Echtzeitaufnahmen lässt er sein Leben Revue passieren. Robert Seethaler nimmt den Leser mit auf dieser einzigartigen, eindrucksvollen Reise, die über die letzten Zeilen in die Welt hinaushallt.

Trotz der Kürze des Romans war der Inhalt sehr intensiv, authentisch und es bedarf keiner weiteren Zeilen, da er komplett, in sich schlüssig und schlussendlich fließend erscheint. Der große Künstler, der sowohl auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken kann, als auch eine liebende Familie, was ihn mit unglaublich viel Wärme und Glück erfüllt. Gleichzeitig ist er Künstler, hadert mit sich, dem Leben, der Liebe und auch seinen Werken. Diese Zerissenheit zwischen den Zeilen, diese Zerbrechlichkeit und teilweise geschilderte Hochsensibilität, gepaart mit vielerlei Widersprüchen zeichnet für mich ein so emotionales, zugleich reales Bild eines Mannes, der das beste Leben gelebt hat, das er konnte, jedoch nicht das beste, was er vielleicht wollte. Die innere Auseinandersetzung zwischen Akzeptanz, dem Bewusstsein um die schönen, erlebten Momente und dem Wunsch nach mehr, dem Gefühl, dass alles nicht reicht, wird begleitet mit wunderschönen, malerischen Schilderungen, Zeitsprüngen und Dialogen. Präzise und fein säuberlich bleibt am Ende die Frage nach dem Glück für mich, im Leben, in der Liebe und im Tod. Wann ist ein Leben lebenswert und wann bereue ich verpasste Chancen? So eindrücklich hat für mich bisher noch kein Autor die letzte Reise eines Menschen verpackt.

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Veröffentlicht am 10.08.2020

Lyrisch und nahbar- ein emotionaler Ausflug in eine bewegte Vergangenheit

Das Leben ist ein wilder Garten
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Der Roman "Das Leben ist ein wilder Garten" von Roland Buti ist ein kurzweiliges, dabei jedoch intensives Portrait des Lebens eines Mannes, dessen Detailreichtum den Leser nachhaltig begeistert.

Der Protagonist ...

Der Roman "Das Leben ist ein wilder Garten" von Roland Buti ist ein kurzweiliges, dabei jedoch intensives Portrait des Lebens eines Mannes, dessen Detailreichtum den Leser nachhaltig begeistert.

Der Protagonist Carlo, Landschaftsgärtner aus Leidenschaft, kämpft nachhaltig mit der Tatsache, dass seine Frau Ana ihn verlassen hat. Seine Tochter Mina ist in London und somit ebenfalls aus seinem Sichtfeld verschwunden. Sein Kollege Agon ist die verlässliche Konstante in seinem Leben, steht ihm mit Rat und Tat zur Seite. Als Carlos demente Mutter aus dem Heim verschwindet, beginnt für ihn eine Reise in eine ihm unbekannte Vergangenheit seiner Mutter, die tatsächlich mehr Auswirkungen auf sein eigenes Leben hat, als er bis dato ahnt.

Mir hat der Roman wirklich gut gefallen. Prägnant und kurz bringt der Autor das Geschehene auf den Punkt, nimmt den Leser mit, der relativ schnell die einzelnen Charaktere als Ganzes begreift, ihre Wünsche und Träume, aber auch ihre Ängste und Sorgen. Ich mag das vielfältige Spektrum der kleinen Randgeschichten, die doch so detaillreich aufwarten, dass sie mich nachhaltig berührt haben. Ich bin generell ein großer Fan von langen, ausschweifenden Romane, weil ich persönlich glaube, dass dadurch eine komplexere Verbindung zu den Protagonisten hergestellt werden kann. In diesem Fall schafft der Autor trotz der kurzweiligen Lesedauer genau das zu erreichen. Die Schilderungen in ihrer kleinen, feinen, kurzen Art sind gespickt mit Emotionen, die selbst Unausgesprochenes zwischen den Zeilen nachwirken lassen.

Für mich eine klare Empfehlung für alle, die sich bereits selbst schon einmal mit der Vergangenheit der Familie auseinander gesetzt haben und realisieren, dass vieles unausgesprochen ist und es manchmal auch so bleibt. Nahbar, emotional und leicht flüssig geschrieben- ein leichter Roman mit erstaunlicher Tiefe.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Summe aller Teile

Elbland
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Genau das sind wir, die Summe aller Teile, wie bei einem Puzzle setzen sie uns zusammen. Die Vergangenheitsteile, die Gegenwart und die Zukunft. Die Gegenwart ist leicht, im Hier und Jetzt bestimmen wir ...

Genau das sind wir, die Summe aller Teile, wie bei einem Puzzle setzen sie uns zusammen. Die Vergangenheitsteile, die Gegenwart und die Zukunft. Die Gegenwart ist leicht, im Hier und Jetzt bestimmen wir selbst, wie wir unsere Wege wählen, welche Türen wir öffnen und welche Entscheidungen zu uns gehören. Die Zukunft bleibt abstrakt, aber auch hier stellen wir die Weichen selbst. Doch die Vergangenheit ist oft verklärt, Erinnerungen verschwimmen und vieles ist uns schlichtweg nicht bewusst. Sie ist komplex, weil sie durch einschneidende Figuren wie Eltern und Großeltern geprägt wurde und oft müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht alles wissen, nicht alle Fragen gestellt haben.

So geht es auch Nina, die eines Nachts von einem Anruf geweckt wird, dass ihre Mutter plötzlich verstorben ist. Im Krankenhaus trifft sie auf ihren Vater, sowie ihre Schwester Katja, von denen sie sich aber bei der Pflege der Mutter im Stich gelassen fühlt. Die Frage der Schuld wiegt schwer und was eigentlich genau beim letzen Familienurlaub 1987 passiert ist, dass dazu geführt hat, dass nur Nina sich für ihre komplizierte Mutter zuständig fühlte. Doch das ist nur der Anfang einer Geschichte, die bis in den zweiten Weltkrieg reicht und weitreichende Folgen für die ganze Familie hat.

„Elbland“ ist ein spannender, generationsübergreifender Roman mit der großen Frage, warum wir nicht wissen, wer wir sind und warum wir zulassen, dass Fragen nie beantwortet werden, außer es ist schlichtweg zu spät. Die Figuren sind stark, nachvollziehbar emotional und die Geschichte und alles, was die Charaktere im Hier und Jetzt sind, fügt sich nahtlos wie bei einem Puzzle. Zurück bleibt eine große Zufriedenheit und der Wunsch mehr über die eigene Familie zu wissen, denn wie sagt man so schön? Nach drei Generationen ist alles davor vergessen, kann nicht mehr erzählt werden, obwohl es sehr wohl eine Rolle spielt im Hier und Jetzt.

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Veröffentlicht am 04.09.2021

Es liegt in der Luft

Tote schweigen nie
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Eine Mischung aus Formaldehyd, Desinfektionsmittel und Süße der Verwesung liegt in der Luft, unverkennbar und doch so unbekannt. Direkt zu Beginn und immer wieder zwischen den Zeilen der Worte dieses Thrillers. ...

Eine Mischung aus Formaldehyd, Desinfektionsmittel und Süße der Verwesung liegt in der Luft, unverkennbar und doch so unbekannt. Direkt zu Beginn und immer wieder zwischen den Zeilen der Worte dieses Thrillers. Kleine Nuancen, die zur besonderen Atmosphäre dieses Thrillers beitragen. Der Geruch des Todes, in seiner gänzlichen Blüte, auf normalem Wege oder herbeigeführt durch die Hand anderer. Und doch ist in der Leichenhalle diese unglaubliche Ruhe, durchbrochen von Zeit zu Zeit durch die wenigen Worte, die die Verstorbenen an Cassie Raven richten, Assistentin der Gerichtsmedizin. Vielleicht ist es Aberglaube, vielleicht ist es eine spirituelle Kraft, oder auch einfach nur ihr Auge für die Details, die ihren ersten großen Fall ins Rollen bringen.

Cassie Raven liebt ihren Job- das mögen andere absonderlich finden, denn den Großteil verbringt sie in der Leichenhalle-, doch ihr Talent gibt ihr Recht. Äußerlich Gothic Punk und eher distanziert, schafft sie es, durch ihre empathischen Fähigkeiten und Genauigkeit in ihrer Analyse Verborgenes zutage zu bringen und selbst klare Todesfälle zu hinterfragen. Eines Tages erblickt sie ihre Mentorin auf dem Seziertisch, ein Badewannenunfall, wie er gelegentlich passieren kann, nicht unbedingt außergewöhnlich. Doch Cassie lässt dieser Fall nicht mehr los und schnell findet sie sich in einem Strudel der Ereignisse wieder.

Der Stil ist leicht, die Satzung etwas gewöhnungsbedürftig, dann aber stößt sich der Leser nicht mehr an dieser. Besonders Cassie Raven ist für mich wirklich gut gezeichnet, wirkt mehrdimensional und dadurch vielschichtig, interessant, glaubwürdig, angenehm verrückt und auf ihre Art und Weise sympathisch. Der Fall beinhaltet alles, was sich Thriller Fans nur wünschen können: Angst, Trauer, Melancholie, dazu Spannung und eng verwobene Handlungsstränge, falsche Richtungen, alte Geschichten, Erinnerungen und neue Wendungen. DS Phyllida Flyte, die als Kommissarin ebenfalls eine Rolle spielt, konnte mich nicht auf ganzer Linie überzeugen, ihre Gedankengänge und Wesenszüge wirkten auf mich manchmal zu sprunghaft und konstruiert. Trotzdem ein würdiger Auftakt einer sicherlich spannenden Serie, der ich mit freudiger Erwartung entgegenblicke.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Gedankenspiel

Grüne Welle
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Was wäre, wenn ich an der nächsten Kreuzung nicht links abbiege, sondern rechts? Und was wäre, wenn ich einfach so lange fahre, wie ich gerade Lust habe? Oder wenn ich einfach ans Meer fahre, denn in zwei ...

Was wäre, wenn ich an der nächsten Kreuzung nicht links abbiege, sondern rechts? Und was wäre, wenn ich einfach so lange fahre, wie ich gerade Lust habe? Oder wenn ich einfach ans Meer fahre, denn in zwei Stunden bin ich da? Jeder hat sie schon einmal durchlebt, diese Gedanken während einer Autofahrt, animiert durch Musik, die Playlist, für die nie Zeit ist oder die schlichte Lust noch weiter zu fahren, ohne ersichtlichen Grund.

So ergeht es auch der Frau im Roman „Grüne Welle“, die bedingt durch eine Baustelle und die darauffolgenden Umleitungen nicht den Weg nach Hause fährt, sondern einfach weiter und somit sich selbst Raum gibt, für Reflexion, Zweifel, aber auch einem „was wäre wenn“. Eine grüne Welle löst die nächste ab und sie bemerkt, dass sie mehr ins Ungewisse zieht, als zurück nach Hause.

Esther Schüttpelz schafft eine ungewöhnliche Perspektive in ihrem Roman, distanziert, denn die Frau bleibt schlichtweg die Frau. Der Leser startet mittendrin, ohne Anlauf wird er hineingeworfen und findet sich wieder in ihrem Gedankenkonstrukt, dass sich vor und zurückwindet. Es enthüllt sehr viel Schmerz, Gewalt, Zweifel, aber auch eine Sicht auf eine starke Frau, die sich einfach auf dem Weg des Lebens selbst verloren hat. Anders, aneckend, dabei sehr nachvollziehbar und trotz der Distanz zur Frau bleibt ihre Geschichte nahbar, die Gefühlswelt authentisch und erlebbar. Eine Empfehlung für alle, die sich nach einer ungewöhnlichen Geschichte sehnen.

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