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Veröffentlicht am 20.01.2022

Dysfunktionale Familien

Was damals geschah
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Henry Lamb lebt mit seiner 12 Jahre jüngeren, sehr schönen Frau Martina in einem großen Haus in Chelsea. Sein Vater Henry hatte es gekauft, nachdem er seinen schwerreichen Vater Harry beerbt hatte. Die ...


Henry Lamb lebt mit seiner 12 Jahre jüngeren, sehr schönen Frau Martina in einem großen Haus in Chelsea. Sein Vater Henry hatte es gekauft, nachdem er seinen schwerreichen Vater Harry beerbt hatte. Die Lambs haben zwei Kinder, Henry und Lucy. Irgendwann wird das Geld jedoch so knapp, dass Henry nicht einmal mehr eine teure Privatschule besuchen kann. Eines Tages nehmen die Eltern die junge Birdy auf, später David Thomsen mit seiner Frau Stella und den Kindern Phin und Clemency. Es sollte zunächst vorübergehend sein, dann blieben sie auf Dauer, und das Leben aller Beteiligten veränderte sich grundlegend. Der dominante, charismatische David entwickelt sich zu einer Art Sektenführer. Er bringt alle Wertgegenstände an sich, um sie angeblich für wohltätige Zwecke zu spenden, sperrt die Kinder ein und zwingt alle, schwarze Kutten zu tragen und ihm ihre Schuhe auszuhändigen. Die Kinder erleben jahrelang Mangelernährung, Missbrauch und Misshandlungen. Alle haben Angst vor dem cholerischen, gewaltbereiten Mann und ordnen sich ihm unter. Martina Lamb verfällt ihm und denkt gar nicht daran, ihren kranken Mann und die Kinder zu schützen. Irgendwann kommt es zur Katastrophe. Die Polizei findet in der Küche die Leichen des Ehepaars Lamb und eines Unbekannten mit den Initialen D.T. sowie ein wenige Monate altes Baby, das zur Adoption freigegeben wird. Die vier Teenager sind spurlos verschwunden.
Erzählt wird die Geschichte aus drei unterschiedlichen Perspektiven: der des Sohnes Henry, der Tochter Lucy und von Libby Jones, dem adoptierten Baby, das in der Erzählgegenwart gerade 25 geworden ist. Libby erfährt durch einen Brief des Treuhänders, dass sie das Haus in Chelsea erbt, weil mögliche Berechtigte keinen Anspruch erhoben haben und hat damit erstmals die Chance zu erfahren, wer sie wirklich ist. Sie erforscht zusammen mit dem Journalisten Miller Roe, was damals geschehen ist.
Die ständig wechselnde Erzählperspektive macht es dem Leser schwer genauso wie die zwei Zeitebenen und die Personenvielfalt, wobei einige Personen auch noch mehrere Namen haben. Die Geschichte ist spannend mit zahlreichen unerwarteten Handlungsumschwüngen, aber leider etwas unübersichtlich. Auch die Charakterisierung der Figuren überzeugt mich nicht. Das Buch hat mich ein wenig enttäuscht.

Veröffentlicht am 06.10.2021

Von Schicksalsschlägen gebeutelt

Der Kolibri
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Im Mittelpunkt von Sandro Veronesis 2020 mit dem Premio Strega ausgezeichneten Roman “Der Kolibri“ steht der Augenarzt Marco Carrera. Er stammt aus einer bürgerlichen Familie in Florenz, wird selbst später ...


Im Mittelpunkt von Sandro Veronesis 2020 mit dem Premio Strega ausgezeichneten Roman “Der Kolibri“ steht der Augenarzt Marco Carrera. Er stammt aus einer bürgerlichen Familie in Florenz, wird selbst später in Rom tätig sein. In 46 Kapiteln erzählt der Autor eine außergewöhnliche, etwa 70 Jahre umfassende Familiengeschichte, jedoch nicht chronologisch, sondern mit ständigen Zeitsprüngen. Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag. Der Psychoanalytiker seiner Frau bricht seine ärztliche Schweigepflicht, weil er glaubt, dass Marco in Gefahr ist. Seine Frau erwartet ein Kind von einem deutschen Piloten und wird ihn verlassen. Mit ihr hat er die geliebte Tochter Adele, die angesichts der Scheidung und des Rosenkriegs der Eltern psychische Auffälligkeiten entwickeln wird. Das Scheitern seiner Ehe ist jedoch nicht das einzige Unglück, das Marco zustößt. Er verliert im Laufe der Zeit vier geliebte Familienmitglieder. Er selbst will keine Veränderungen, sondern den absoluten Stillstand – wie der Kolibri, der mit unendlich vielen Flügelschlägen erreicht, dass er auf der Stelle verharren kann, aber diesen Wunsch vereitelt das Schicksal immer wieder durch den Tod von Angehörigen. Kolibiri wurde er als Kind genannt, weil er extrem klein, aber sehr beweglich war. Erst eine Therapie verhalf dem 15jährigen zu einem sprunghaften Wachstum und zu normaler Größe.
Die Todesfälle in seinem Umfeld waren aber nicht der einzige Grund, warum aus Marco kein glücklicher Mensch wurde. Schon als Jugendlicher verliebte er sich in Luisa, liebte sie ein ganzes Leben lang, aber nie wurde eine Beziehung daraus. Sie schrieben sich, sahen sich eine Zeit lang im Sommer am Meer, aber es blieb eine unerfüllte Liebe, weil Marco keinen Schritt auf sie zuging. Der einzige Lichtblick in seinem Leben ist die geliebte Enkelin Miraijin, die er im Auftrag seiner früh verstorbenen Tochter Adele zum Menschen der Zukunft erzieht. Sie ist wunderschön und hochbegabt und wird die Welt zu einer besseren machen.
Der sprachlich und gedanklich anspruchsvolle Roman ist keine leichte Lektüre. Die unzähligen Zeitsprünge und Ortswechsel setzen ein überdurchschnittliches Durchhaltevermögen voraus. Ohne die Jahresangaben zu Beginn der Kapitel wäre auch der noch so anstrengungsbereite Leser überfordert. Mir hat der Roman nicht so gut gefallen wie andere Bücher von Veronesi.

Veröffentlicht am 06.09.2021

Eine amerikanische Familie

Die letzten Romantiker
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Im Mittelpunkt von Tara Conklins Roman steht die Familie Skinner. Der Ehemann und Vater stirbt früh und lässt seine Frau Noni und die Kinder Renee,11, Caroline, 8, Joe, 7 und Fiona, 4 zurück. Die Mutter ...


Im Mittelpunkt von Tara Conklins Roman steht die Familie Skinner. Der Ehemann und Vater stirbt früh und lässt seine Frau Noni und die Kinder Renee,11, Caroline, 8, Joe, 7 und Fiona, 4 zurück. Die Mutter zieht sich mit schweren Depressionen für drei Jahre in ihr Schlafzimmer zurück und überlässt ihre Kinder sich selbst. Renee übernimmt die Mutterrolle und kümmert sich um die jüngeren Geschwister. In dieser Zeit wachsen sie eng zusammen. Später werden sie völlig verschiedene Lebenswege wählen und sich zunehmend voneinander entfernen. Renee wird eine erfolgreiche Ärztin, Caroline heiratet früh ihren Jugendfreund und bekommt drei Kinder, Joe hat viele Freundinnen, legt sich aber lange nicht fest, und Fiona wird Umweltaktivistin, schreibt Gedichte und einen Blog, indem sie über ihre zahllosen sexuellen Kontakte berichtet. Als Joe in der Latina Luna gerade seine große Liebe gefunden hat, erleidet er einen „Unfall“, der die Familie erneut in tiefe Trauer stürzt. Der Roman umfasst fünf Jahrzehnte Familiengeschichte, blickt aber zusätzlich in einer Art Rahmenhandlung in die Zukunft. Im Jahr 2079, als der Klimawandel mit seinen bekannten Folgen stattgefunden hat, liest die 102jährige Fiona, eine inzwischen sehr bekannte Dichterin, öffentlich aus ihrem Werk. Eine junge Frau namens Luna fragt sie nach der Figur aus einem 75 Jahre zuvor geschriebenen Gedicht, und Fiona erzählt ihre Geschichte und die ihrer Familie.
Der Roman ist zum Teil berührend, aber vor allem in der zweiten Hälfte nicht besonders spannend. Es geht ausführlich um Verantwortung und Liebe, aber auch um ein gewisses Maß an Unehrlichkeit und Verrat. Alle drei Schwestern hinterfragen in der Mitte des Lebens ihre Lebensentscheidungen und treffen neue. Das ist realistisch und interessant. Etwas enttäuschend wird das Thema „Klimawandel“ abgehandelt. Er findet irgendwie statt, spielt aber keine wesentliche Rolle im Geschehen. Insgesamt hat mich der Roman etwas enttäuscht. Er ist nicht so außergewöhnlich, wie ich erwartet hatte.

Veröffentlicht am 26.06.2021

Rätselhafte alte und neue Fälle

Ein Bild der Niedertracht
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Vor der Küste Schottlands findet ein Fischer eine männliche Leiche in seinem Netz. Es stellt sich heraus, dass es sich um James Auld handelt, den Bruder des zehn Jahre zuvor verschwundenen schottischen ...

Vor der Küste Schottlands findet ein Fischer eine männliche Leiche in seinem Netz. Es stellt sich heraus, dass es sich um James Auld handelt, den Bruder des zehn Jahre zuvor verschwundenen schottischen Politikers Iain Auld. James galt damals als Hauptverdächtiger und verließ seine Heimat. Er war mehrere Jahre bei der Fremdenlegion und ließ sich danach in Paris nieder, wo er in einem Jazzquintett musizierte. DCI Karen Pirie, Spezialistin für alte ungelöste Fälle, hat in regelmäßigen Abständen die Akte wieder geöffnet, ohne zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Durch das Auffinden des toten Bruders wird der alte Fall wieder aktuell. Etwa zur gleichen Zeit entdeckt eine Frau bei der Haushaltsauflösung ihrer toten Schwester in einer Garage ein Skelett in einem Wohnmobil. Auch in diesem Fall beginnt Pirie mit den Ermittlungen. Unterstützt von ihrem Team geht sie jedem Hinweis nach. Lange kommt sie nicht voran. Dann sieht sie Verbindungen zur Kunstwelt. Aus einer staatlichen Sammlung wurden wertwolle Gemälde gestohlen und durch Fälschungen ersetzt, und bei einem Brand in einer Galerie wurden Bilder des vor Jahren angeblich verstorbenen Künstlers David Greig zerstört, die die erhaltenen noch wertvoller machten. Am Ende geht es um Kunstraub, Fälschung, Mord, Identitätstausch bzw. Identitätsdiebstahl. Karen Pirie klärt beide Fälle auf, aber bis dahin ist es ein weiter Weg, der dem Leser Durchhaltevermögen abverlangt, denn das Erzähltempo spiegelt die Akribie der Ermittlerin und sorgt für einige Längen. Der Roman ist nicht schlecht, aber nach meinem Empfinden nicht das beste Buch der schottischen Autorin.

Veröffentlicht am 25.04.2021

Wider den Rassismus

Drei Kameradinnen
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Shida Bazyars Roman „Drei Kameradinnen“ erzählt die Geschichte von drei Freundinnen - Hani, Kasih und Saya -, die in einer Siedlung zusammen aufwuchsen und sich nun anlässlich einer Hochzeit in Berlin ...

Shida Bazyars Roman „Drei Kameradinnen“ erzählt die Geschichte von drei Freundinnen - Hani, Kasih und Saya -, die in einer Siedlung zusammen aufwuchsen und sich nun anlässlich einer Hochzeit in Berlin für einige Tage wieder treffen. Sie sind einander eng verbunden und verstehen sich ohne Worte. Kasih ist die zunächst namenlose Ich-Erzählerin, die Ereignisse aus der Vergangenheit und Gegenwart erzählt, aber nichts Genaues über den Hintergrund ihrer Familien und die Umstände ihrer Flucht. Die Erzählung ist nicht chronologisch, und die Erzählerin holt oft sehr weit aus. Hauptthema sind der alltägliche Rassismus und die wachsende Bedrohung durch Neonazis und Rechtspopulismus. Die Erfahrung von Ausgrenzung und Benachteiligung ist für sie Normalität, denn trotz guter Schulabschlüsse, bei denen ihnen die Bestnoten verweigert werden, finden sie keinen Job, der ihrer Qualifikation entspricht. Zur Sprache kommt auch der NSU-Prozess ohne ausdrückliche Nennung, der auf jahrelange Morde an Muslimen folgt, obwohl die Gruppe durch einen Informanten des Verfassungsschutzes infiltriert war und die Behörden eigentlich frühzeitig Bescheid wissen mussten. Bei Brandanschlägen und Terrorakten aller Art gibt es schnelle Schuldzuweisungen. Die mutige Saya, die ihre Wut oft nicht unter Kontrolle hat, soll einen Brand gelegt haben und wird verhaftet.
Bazyars Roman ist in mancher Hinsicht ungewöhnlich. Immer wieder wendet sich die Autorin direkt an die Leser, spekuliert über ihre Reaktion und fragt nach ihrer Meinung. Das Thema ist wichtig und bedenkenswert, aber es gibt zu viel Wiederholung, zu viel Gleichartiges. Jeder weiß, dass eine in einem Roman erzählte Geschichte Fiktion ist, aber dass eine Autorin durch ihre Erzählerin die Romanillusion am Ende zerstört, nachdem sie zuvor schon mehrfach zugegeben hat, dass sie gelogen hat, dass alles in Wirklichkeit ganz anders war, ist schon ungewöhnlich. Mir gefällt auch die Sprache nicht. Sie ist sehr direkt, zum Teil derb, umgangssprachlich und sehr speziell. Was genau muss man sich unter einer Arschfuhr vorstellen?
Insgesamt bin ich etwas enttäuscht von dem Buch.