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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.10.2021

Verwirrend geschriebener, spannungsarmer Roman über kaputte Menschen

Wer das Feuer entfacht - Keine Tat ist je vergessen
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Zwar kannte ich die Autorin bislang nicht, doch „Wer das Feuer entfacht“ wurde sehr viel beworben und weckte damit meine Neugier. So freute ich mich sehr auf die Lektüre dieses Thrillers. Was ich jedoch ...


Zwar kannte ich die Autorin bislang nicht, doch „Wer das Feuer entfacht“ wurde sehr viel beworben und weckte damit meine Neugier. So freute ich mich sehr auf die Lektüre dieses Thrillers. Was ich jedoch vorfand, war kein Thriller. Es war, für mich jedenfalls, ein Roman über Menschen, die das Leben auf unterschiedliche Weise beschädigt hatte. Gut lesbar, aber ohne wirkliche Spannung.

Miriam wohnt auf einem Hausboot. Sie ist neugierig, macht sich über alles, was sie beobachtet, Notizen. So stößt sie auf dem Nachbarboot auf die Leiche des brutal ermordeten jungen Daniel. Bei den polizeilichen Ermittlungen gerät Laura, eine junge, ziemlich verstörte Frau, ins Visier, da sie die Nacht zuvor mit Daniel verbracht hatte. Und da gibt es auch noch Carla, die Tante von Daniel, die kurz zuvor erst einen Angehörigen verloren hatte. Diese drei Frauen sind, jede auf ihre Weise traumatisch verletzt, suchen Rache und Vergeltung für früher Erlittenes. Aber wer hat Daniel ermordet?

Eigentlich hätte die Geschichte durchaus das Potential zu einem Thriller. Aber die Autorin hat es vorgezogen, durch katastrophal verwirrende Perspektiv- und Zeitenwechsel dem Leser erst die Orientierung und dann die Neugier wegzunehmen. Zwar bemühte ich mich um Klarheit, machte mir beim Lesen Notizen, um den Faden nicht zu verlieren, aber von einem Thriller ist dieses Buch weit entfernt. Bei den vielen kaputten Menschen, die im Roman eine Rolle spielen, konnte ich nicht zu einem einzigen eine gewisse Nähe aufbauen. Die Personen bleiben in ihren Darstellungen viel zu flach, ihre Interaktionen nicht immer nachvollziehbar. Es fehlten mir lebendige Dialoge und mit allen Sinnen wahrgenommene Beschreibungen. Dafür spielte überreichlich Alkohol eine Rolle. Was Paula Hawkins jedoch gut gelang, waren die Szenen, in denen sich Theo oder Laura oder Carla in ihren eigenen Gedankenwelten völlig verloren. Doch dies allein macht noch keinen Thriller.

Fazit: Ein in verwirrend gestückelten Perspektivwechseln und blassen Figuren ausgestatteter Roman, weit entfernt von einem spannenden Thriller.

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Veröffentlicht am 12.09.2021

Wenig Avon, viel Wirtschaftswunder-Zeit

Ein Koffer voller Schönheit
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Völlig ungeschminkt sage ich es frei heraus: Avon spielt in diesem Roman nur den ziemlich unbedeutenden Aufhänger für einen Rückblick in die 50er und 60er Jahre. Insofern wurden meine Erwartungen leider ...


Völlig ungeschminkt sage ich es frei heraus: Avon spielt in diesem Roman nur den ziemlich unbedeutenden Aufhänger für einen Rückblick in die 50er und 60er Jahre. Insofern wurden meine Erwartungen leider nicht ganz erfüllt, auch wenn der Roman im Ganzen gesehen unterhaltsam geschrieben ist.

Anne Jensen ist, wie es zu dieser Zeit üblich war, Hausfrau und Mutter. Ihr Mann Benno, von Beruf Tischler, lässt sich durch Verlockungen seines ehemaligen Schulfreundes darauf ein, ein Möbelhaus zu gründen, was ihn sehr fordert und ihn letztlich unglücklich macht. Ganz abgesehen davon, dass ein unbearbeitetes Kriegstrauma in ihm wühlt. Anne wird von ihrer Schwiegermutter ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie wird Avon-Beraterin trotz Gegenwehr von Benno. Die Ehe scheint nicht mehr zu retten zu sein.

Da ich selbst in den 50er Jahren Kind war, weckte der Roman in mir so manche Erinnerung, als eine Kugel Eis noch 10 Pfennige kostete oder Aenne Burda so kluge Kolumnen schrieb. Es ist Kristina Engel sehr gut gelungen, diese Zeit lebendig-bildhaft zu beschreiben, eine Zeit, in der die Menschen vorwärts blickten, sich mehr und mehr leisten konnten und Konventionen und gesellschaftliche Engstirnigkeit zunehmend an Boden verloren. Ehekonflikte, Kriegstraumata, Frauenrechte, Unabhängigkeitsstreben, der Einfluss Amerikas – viele Themen werden angerissen, und Avon mit dem Verkauf von „Schönheit“ wirkt unter all diesen zeittypischen Problemen eingestreut wie eine nette Dekoration. Die Schilderungen von Schminksitzungen wirken leblos, mitunter sogar ungewollt komisch. Den Traum, den Avon zu dieser Zeit verkaufte, konnte die Autorin leider nicht emotional nachvollziehbar in Szene setzen. Leider verliert sich der unterhaltsam-biedere Roman gegen Ende völlig in einem maßlos übertriebenen, dramatischen Überfall und einem abrupten Schluss.

Fazit: Viel Wirtschaftswunder, wenig Avon

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Veröffentlicht am 31.08.2021

Der Autor muss sich entscheiden

Stupid ways to die
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Drei Themen hat sich der Autor auserwählt, um uns unsere möglicherweise schädlichen Gewohnheiten vor Augen zu führen, nämlich unseren Zuckerkonsum, die versteckten Gefahren von Aluminium und die positive ...



Drei Themen hat sich der Autor auserwählt, um uns unsere möglicherweise schädlichen Gewohnheiten vor Augen zu führen, nämlich unseren Zuckerkonsum, die versteckten Gefahren von Aluminium und die positive Kraft von Wasser. Dafür hat Marco Hahn viel Recherche-Arbeit investiert, um seine Ausführungen so umfassend wie möglich wissenschaftlich zu untermauern und für uns verständlich und praktikabel zu „übersetzen“.

Die Ernsthaftigkeit seines Anliegens verliert allerdings leider durch den mitunter allzu flapsigen Schreibstil, denn ein Sachbuch, das ernst genommen werden möchte, sollte meiner Meinung nach auch in entsprechend ernsthaftem Ton geschrieben sein. Insofern sollte der Autor sich entscheiden, ob er unterhaltsame und informative Zeitschriftenartikel schreiben will (dann kann er sich alle beeindruckenden Literaturlisten sparen), oder ob er ein ernst zu nehmendes Sachbuch vorlegen will, das nach der entsprechenden Sprache verlangt. Wobei ein fachlich kompetentes Lektorat und Korrektorat dringend anzuraten wären! Es gibt so manchen Fehler im Text, der durchaus eine komische Komponente hat. Wenn zum Beispiel Neil Armstrong eine Reiskostenabrechnung abgegeben hat (vielleicht für einen Reiskocher, wer weiß…) Gut gefallen haben mir die Karikaturen als belebende und den Inhalt unterstreichende Beigabe.

Abgesehen von meinen oben formulierten grundsätzlichen Kritikpunkten habe ich das Büchlein mit großem Interesse gelesen und mancherlei neue Informationen erhalten, die mich zum Nachdenken brachten. Gerade zum Thema Aluminium stellte ich fest, viel zu wenig informiert zu sein und hier achtsamer sein zu müssen.

Fazit: Ein Büchlein mit leicht lesbaren, gut fundierten Ausführungen, das noch einmal gründlich überarbeitet werden sollte.

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Veröffentlicht am 27.08.2021

Etwas zu glatte und unkritische Darstellung einer emanzipierten Frau

Vor Frauen wird gewarnt
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Der geschickt gewählte Buchtitel in Anlehnung an den berühmten Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ von Vicky Baum und die Art Deco Elemente auf dem Cover und zu den Kapitelanfängen fielen mir als erstes sehr ...


Der geschickt gewählte Buchtitel in Anlehnung an den berühmten Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ von Vicky Baum und die Art Deco Elemente auf dem Cover und zu den Kapitelanfängen fielen mir als erstes sehr positiv auf. Vicky Baum war mir schon seit mehr als 50 Jahren als eine Autorin bekannt, die ich damals sehr gerne gelesen hatte. Deshalb interessierte mich der Roman von Heidi Rehn sehr.
Das Buch gibt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem bewegten Leben von Vicky Baum wider. Zwar nennt die Autorin keine Jahreszahlen, aber es geht um die Zeit ungefähr zwischen 1926 und 1931, also eine relativ kurze Zeitspanne. Erzählt wird, wie Vicky Baum getrennt von Mann und Kindern nach Berlin zieht, um im Ullstein-Verlagshaus Schritt für Schritt Karriere zu machen. Sie behauptet sich in einer von Männern dominierten Branche und lebt ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben. Wir verfolgen, wie sie nach und nach die Achtung aller erringt und ihre Romane ihr schließlich zum Ruhm als eine der bekanntesten Unterhaltungsschriftstellerinnen ihrer Zeit verhalfen.
Vielleicht hätte ich das aufschlussreiche Nachwort von Heidi Rehn zuerst lesen sollen. Denn hier findet all das Erwähnung, was ich im Roman vermisste.
Der Schreibstil, der etwas umständlich, manchmal fast antiquiert wirkt, passt perfekt zum historischen Rahmen, der sich genau zwischen konservativem, altertümlichem Denken und fortgeschrittener moderner Aufgeschlossenheit bewegt. Mir fehlt es mitunter an detailgenaueren, nachvollziehbareren Schilderungen. So wird zum Beispiel von einem halbstündigen Einkauf im KaDeWe erzählt, der angeblich aus Vicky eine selbstbewusste Frau machte. Womit? Das verrät uns die Autorin leider nicht. Solche „Blanko“-Stellen gib es leider mehrfach im Buch. Vicky wird als Person insgesamt sehr lebendig dargestellt. Sie ist arbeitswütig und unermüdlich in ihrem Bestreben, die Achtung ihres Umfeldes zu erringen. Ich empfand die Darstellung der Person Vicky Baum allerdings als zu glatt, zu perfekt, zu fleißig, ohne Fehl und Tadel, ohne Marotten, ohne Alkohol. Einzige Schwachstelle vielleicht ihr Hingezogensein zu Bengt. Es gibt im Roman keine wirklich bewegenden Szenen von Sehnsucht nach Mann und Kindern, von selbstkritischem Reflektieren, von depressiven Phasen. Ebenso glatt werden die allzu bewundernden Kolleginnen geschildert. Immer sind ihr alle wohlgesonnen, kein Neid, keine Intrigen. Diese unrealistische heile Welt-Schilderung mit den ewigen Lobhudeleien für Vicky nerven irgendwann. Die politische Brisanz dieser Zeit wird weitgehend, bis auf wenige kurze Szenen, völlig ausgespart. Dafür werden die Leser mehrfach darüber informiert, was es im Ullstein-Kasino zum Mittagessen gibt. Wo bleibt da eine gewisse kritische Distanz?
Fazit: Unterhaltsam zu lesen, aber leider insgesamt zu flach.

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Veröffentlicht am 24.08.2021

Theologisch zu abgehoben

Beseeltes Alter
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„Über Hoffnung und Zuversicht im Spätherbst des Lebens“ ist der Untertitel dieses Buches und Hoffnung und Zuversicht zu finden, war mein Motiv, das Buch zu lesen. Doch leider fand ich nichts von dem, ...


„Über Hoffnung und Zuversicht im Spätherbst des Lebens“ ist der Untertitel dieses Buches und Hoffnung und Zuversicht zu finden, war mein Motiv, das Buch zu lesen. Doch leider fand ich nichts von dem, was Titel und Untertitel versprechen.

Der Autor hat versucht, verschiedene seiner eigenen vorhandenen Quellen, nämlich Vorträge, Zeitschriftenbeiträge und Essays, zu einem Buch zusammenzufügen. Dies allein musste bereits scheitern, weil das Zielgruppenpublikum dieser Quellen ein völlig anderes gewesen war und deshalb einen Durchschnittsbuchleser ohne Theologiestudium gar nicht erreicht, gar nicht erreichen kann. Weder wird er sich in die Fragen der Diakonie im Spagat zwischen Erhaltung von Selbständigkeit und zunehmender Abhängigkeit vertiefen wollen, noch sich in tiefergehende theologische Exkurse begeben wollen, inwieweit zum Beispiel der Begriff Seele (Seelsorge) eine Metapher für geprägte Lebendigkeit, für das Leben mit Gott als Desiderat evangelischer Theologie ist. Oder wie unsere fragile physische und psychische Bedürftigkeit eine theologische Klärung der Fragen, wovon und woraufhin wir leben, braucht. Näher kommt dem theologisch weniger versierten Leser das Kapitel „Alter(n)sbilder“ mit Gedanken zur Altersgestaltung, doch auch in diesem Kapitel sind nicht unbedingt die zahlreichen Zitate aus den Psalmen wirklich hilfreich.

Geblieben ist mir persönlich die klare Analyse, dass man im Alter meistens beurteilt wird nach dem, was man (noch) KANN, nicht nach dem, was man IST. Und leider, leider hilft mir das Buch ganz und gar nicht auf der Suche nach dem, was ich (im Alter) bin und was mein Gegenüber ist, obwohl mir scheint, dass genau hier die Quelle für Hoffnung und Zuversicht stecken könnte, im übrigen nicht nur im Alter.

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