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Veröffentlicht am 14.03.2022

Safe spaces

Unser wirkliches Leben
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"Die Musik fühlte sich für mich wie ein alter Pulli an, der bequem saß, an den richtigen Stellen ausgeleiert war."

Ein schönes Bild. Das eine Lied, der eine Hoodie, beide ein safe space in den eigenen ...

"Die Musik fühlte sich für mich wie ein alter Pulli an, der bequem saß, an den richtigen Stellen ausgeleiert war."

Ein schönes Bild. Das eine Lied, der eine Hoodie, beide ein safe space in den eigenen vier Wänden, wenn das Leben, die Welt wieder einmal unbarmherzig auf einen hinein prasselt, wie ein Hagelschauer im März – den Frühling im Blick und doch noch einmal verwehrt.

Wie passend, dass „Unser wirkliches Leben“ weit entfernt vom Frühling im Londoner Herbst beginnt. Und auch emotional steht Anna vor einem Winter. Sie studiert Operngesang, irgendwie reingerutscht zwischen lauter Student:innen, die seit Jahren nichts anderes machen, im Gegensatz zu ihr, der unerfahrenen Erstsemesterin, die nur bei lokalen Aufführungen gesungen und sich auf gut Glück und ohne ernsthafte Hoffnung beworben hatte, bevor sie tatsächlich genommen wurde.

Um über die Runden zu kommen, lebt sie mit ihrer neuen besten Freundin Laurie zur günstigen Untermiete bei einem völlig verrückten, dominanten Ehepaar, das irre Regeln aufstellt, bevor sie die beiden zu Neujahr vor die Tür setzt. Und singt sie Jazz in einer Hotelbar, in der Laurie arbeitet und in der sie von Max angesprochen wird. Max, der Annas Winter beherrschen will.

Sie trifft sich mit ihm zum Abendessen, dann noch mal, irgendwann wird eine Affäre daraus, mit ihm, den noch verheirateten Bänker, der sich immer mal wieder meldet. Und immer wieder Annas Handeln kommentiert, mal subtil, mal mit der Brechstange. Der sie überredet, das Jazzsingen aufzugeben und ihr stattdessen das Geld gibt, das ihr so durch die Lappen geht. Ihr eine neue Wohnung besorgt. Und in ihr Zweifel sät, ob die Zukunft in der Opernwelt das richtige für Anna ist.

Imogen Crimp ist ein latent perfider Gesellschaftsroman gelungen, der nie ganz klar macht, welche Rollen in dieser Londoner Bank- und Opernwelt aufgeführt werden. Ist es eine toxische Beziehung, in der Max Anna immer mehr seinen Stempel aufdrückt, sie aus ihrem geschätzten Umfeld zieht, ihre Freunde für deren Lebensstil kritisiert und sich manchmal für Tage oder Wochen zurückzieht – zu seiner Frau aufs Land oder in andere Betten Englands? Oder ist das nur der von Laurie eingeflüsterte Eindruck, der sich in Anna mehr und mehr verhärtet und genau dann wieder aufweicht, wenn Max beim nächsten Treffen so ganz anders agiert und reagiert wie zuletzt.

Ist es die Stärke oder die Schwäche von „Unser wirkliches Leben“, dass dieses Spannungsfeld nie richtig aufgelöst wird? Diese Entscheidung, müssen die Leser:innen entscheiden. Am schönsten aber ist Crimps Debütroman, wenn Anna alleine ist. Auf der Bühne. An der Uni. Beim Opern-Workshop in Frankreich. Da fühlt sich auch dieses Buch wie der zitierte ausgeleierte Pulli an – gemütlich, freundlich, wie ein Zuhause. Ein echter safe space eben.

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Veröffentlicht am 31.01.2022

Exzellent geschrieben, unerträglich zu lesen

Der fürsorgliche Mr. Cave
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Bryony sitzt auf dem Dach. Eingesperrt von ihrem Vater. Er will sie nur beschützen, vor dem Leben, den anderen Menschen. Aber vor seinem Wahn kann er sie nicht retten. Im Gegenteil – es wird noch schlimmer.

Zurück ...

Bryony sitzt auf dem Dach. Eingesperrt von ihrem Vater. Er will sie nur beschützen, vor dem Leben, den anderen Menschen. Aber vor seinem Wahn kann er sie nicht retten. Im Gegenteil – es wird noch schlimmer.

Zurück zum Anfang. Terrence Cave ist alleinerziehender Vater von 14 Jahre alten Zwillingen. Bis sein Sohn Reuben bei einer Mutprobe von einer Straßenlampe abrutscht und auf dem Asphalt der Straße stirbt. Etwas zerbricht in ihm, einem Antiquitätenhändler aus York. Und auch das Band zu seiner Tochter Bryony beginnt zu reißen, da Mr. Cave es nicht erträgt, wie sie ihre Trauer bewältigt und gleichzeitig voll in der Pubertät steckt, das Leben und Lieben und Erwachsenwerden lernt.

Bremsen kann Mr. Cave zunächst nur die Cynthia, die Mutter seiner Frau Helen, die bei einem Raubüberfall auf ihren Antiquitätenhändler starb, als die Zwillinge noch klein waren. Doch auch ihr Einfluss wird geringer, immer weniger traut er ihr, immer mehr traut er nur seinen Gefühlen.

„Der fürsorgliche Mr. Cave“ ist eine faszinierende Psychoanalyse eines überforderten Vaters. Und sie ist kaum zu ertragen. Schon die ersten Regeln, die er aus Liebe zu seiner Tochter aufstellt, überschreiten Grenzen und sie sind erst der Anfang, in seinem Versuch, die Kontrolle über Bryonys Leben zu behalten. Er verfolgt sie, er hört sie ab, er bietet ihrem Freund Geld, damit er sie in Ruhe lässt, er …

Matt Haigs Buch, das er viele Jahre vor seinen Erfolgen mit „Ein Junge namens Weihnacht“ und „Die Mitternachtsbibliothek“ geschrieben hat, ist ein echter Pageturner, gleichzeitig aber so angsteinflößend, triggernd und abstoßend, dass hier keine höhere Wertung als drei Sterne stehen kann. Dafür nur eine Bitte an alle Väter da draußen: Seid nicht so! Werdet nicht so!

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Veröffentlicht am 12.10.2021

Hard Knock Life

Die Hebamme
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Norwegen im 19. Jahrhundert. Das Leben der Menschen im Nordwesten ist karg. Das Erntewetter entscheidet, wie gut sie über den Winter kommen. Der Napoleonische Krieg reißt Familien auseinander und prägt ...

Norwegen im 19. Jahrhundert. Das Leben der Menschen im Nordwesten ist karg. Das Erntewetter entscheidet, wie gut sie über den Winter kommen. Der Napoleonische Krieg reißt Familien auseinander und prägt die überlebenden Soldaten bis zum Tod. Kinder kommen ohne Geburtshilfe zur Welt, nicht alle schaffen es, auch nicht alle Mütter. Doch es gibt Hoffnung. Hebammenschulen in Molde und Oslo, das damals noch Christiania hieß. Und junge Frauen, die diesen Beruf erlernen wollen – gegen alle Widrigkeiten.

Edvard Hoem zeichnet in „Die Hebamme“ das Leben seiner Ururgroßmutter nach. Einträge in Staats- und Reichsarchiven, in Kirchen- und Amtsbüchern sind die Grundlage des Romans, der mehr eine Chronik von Nesjestrand und dem Leben von Marta Kristine Andersdotter Flovik ist, eine fiktionale Geschichte anhand von echten Geschehnissen und Menschen, von denen, so schreibt Hoem selbst, niemand mehr weiß, wer sie waren.

Marta Kristine, auch Stina genannt, wuchs als Tochter der Dorfschuhmachers auf. Sie hatte ein enges Vertrauensverhältnis zum örtlichen Pfarrer, der immer ein offenes Ohr für sie hatte, auch, als sie unverheiratet schwanger wird, von einem Mann, der nicht der ist, den sie liebt. Der Pfarrer ist es, der sie auf die Hebammenschule aufmerksam macht, ihr ein Lehrbuch bestellt und ihr eine Ausbildung bei der Hebammenschule im nahen Molde verschafft.

Den Mann, den sie liebt, ihr alter Schulfreund Hans, lässt sie erst zappeln, bereut es dann, flüchtet sich in den Gedanken, dass dieser sie aufgegeben habe, und heiratet ihn dann doch, als dieser gebrochen, aber gesund aus dem Krieg zurückkehrt und seinen Antrag erneuert, den er ihr schon zu Schulzeiten gab. Sie bekommen Kinder, sie ziehen in ein größeres Haus, doch sie werden immer wieder von Schicksalsschlägen erwischt. Zwei ihrer Kinder sterben viel zu früh. Hans macht mehr und mehr Schulden. Der Schatten des Krieges wird ihn nie verlassen.

Und die Menschen in der Region, die verpflichtet sind, eine Hebamme zur Geburt zu bestellen, begehren dagegen auf und sehen in Stina keine richtige Hebamme, sie habe nicht die richtige Schule in Christiania besucht. Also macht sie sich auf, trotz der Kinder zuhause, um die sich Hans und ihre älteste Tochter kümmern, und zieht zu Fuß 600 Kilometer von Nesjestrand in die Hauptstadt, um die Ausbildung zu erhalten, die ihr Respekt und Einkommen bringen soll.

„Die Hebamme“ ist ein eindrucksvoller, aber auch schwermütiger Einblick in das Norwegen im 19. Jahrhundert, in das Leben und in das Leid seiner Familien. Hochemotional in seinen besten Momenten, aber leider zu oft auch zu nüchtern, zu sehr Chronik als Roman, zu oft mit kurzen Anekdoten gespickt, zu sehr mit Blick von außen als mit Fokus auf das Innere seiner Figuren.

Aber das Buch ist auch ein interessantes Portrait der Frauen dieser Zeit, besonders der Marta Kristine Andersdotter Flovik, der Hebammen-Stina, die 150 Jahre nach ihrem Tod ein würdiges literarisches Denkmal gesetzt bekommt. Von ihrem Ururenkel, den ihre Geschichte nicht los ließ, der nur wusste, was sein Vater ihm erzählen konnte: „Deine Ururgroßmutter, Marta Kristine«, sagte Vater, »ist nach Christiania gegangen, um Hebamme zu werden [...] dann ist sie wieder nach Hause gegangen und nicht weniger als fünfzig Jahre lang Hebamme gewesen.“

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Veröffentlicht am 12.10.2021

Vier Leben lang

Die letzten Romantiker
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Vier Geschwister, vier Leben. Die Skinners wachsen zu Beginn der 80er-Jahre in schwierigen Verhältnissen auf. Ihr Vater stirbt mit Anfang 30, ihre Mutter wird damit nicht fertig, leidet an Depressionen ...

Vier Geschwister, vier Leben. Die Skinners wachsen zu Beginn der 80er-Jahre in schwierigen Verhältnissen auf. Ihr Vater stirbt mit Anfang 30, ihre Mutter wird damit nicht fertig, leidet an Depressionen und verlässt ihr Zimmer für drei Jahre nur für das Nötigste. Die Kinder müssen das Leben alleine bewältigen und sich selbst auf die für sich abzeichnenden Lebenspfade begeben. Renee wird Ärztin, Caroline früh Mutter, Joe hat eine Zukunft als Baseball-Star vor sich und Fiona, die Hauptfigur in Tara Conklins „Die letzten Romantiker“, arbeitet bei einer NGO und schreibt einen feministischen Blog über ihre Sexualpartner.

Eine interessante, kurzweilige, manchmal tieftraurige Familiengeschichte über rund 100 Jahre, die insgesamt aber darunter leidet, dass die Autorin zu viel möchte. Die Figuren sind alle für sich durchaus spannend gezeichnet, aber dennoch bleiben manche Charaktere, manche Handlungen, gerade im Erwachsenenleben der vier Geschwister, zu unausgefüllt. Die letzten Jahre der Familie werden lediglich im Schnelldurchlauf erzählt, was zwar ein bekannter, aber häufig unbefriedigender Stil ist. Die Rahmenhandlung einer dystopischen, von Umwelteinflüssen stark in Mitleidenschaft gezogenen Zukunft hat für die Geschichte keinen Mehrwert, die charmante und interessante Verbindung zwischen der 102-jährigen Fiona im Jahr 2079 und der jungen Frau namens Luna bei ihrer Lesung hätte auch in einen kleineren, weniger aufgeladenen Rahmen ohne Stromausfälle und Soldaten gepasst.

Die letzten Romantiker ist ein gutes Buch, aber kein sehr gutes. Es ist unterhaltsam, es ist spannend und es ist mitfühlend, aber leider mit den genannten Punkten am Ende etwas unbefriedigend. Das Gute: Es ist alles in allem eine gute Grundlage für eine spannende Netflix Mini-Serie – die dann die Schwächen des Buches ausmerzen kann.

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Veröffentlicht am 25.04.2025

Zu bemüht für mein Gemüt

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Über autofiktionale Geschichten zu urteilen ist immer schwierig. Schließlich steckt darin ja oft mehr als „Opa erzählt vom Krieg“ – wahre, traurige bis traumatische Erlebnisse, die in Buchform kanalisiert ...

Über autofiktionale Geschichten zu urteilen ist immer schwierig. Schließlich steckt darin ja oft mehr als „Opa erzählt vom Krieg“ – wahre, traurige bis traumatische Erlebnisse, die in Buchform kanalisiert werden. Und manche davon sind für mich als Leser vielleicht nicht so berührend, wie es für die jeweiligen Autor:innen ist. Das ist auch leider bei „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ von Sarah Lorenz der Fall. Was, bei längerem Nachdenken, für mich an zwei Dingen liegt: Es fehlt mir an Tiefe – und das Gespräch mit Mascha Kaleko ist mir zu bemüht und am Ende auch fast nicht mehr existent.

Sarah Lorenz gehört zu den Bluesky-Sweethearts des Landes. Launige Skeets, früher Tweets, als man noch nicht von Schwurblern auf diesem anderen Netzwerk überrannt wurde, nachdenkliche Einblicke ins Familienleben, ehrenwerter Antifaschismus, Mumin-Bilder, manchmal etwas quatschig. Große Fan-Bases im Netz mit Schreibtalent sorgen nicht selten für Buchverträge. Und manchmal geht’s gut, manchmal weniger. Die Autorin nimmt ihre Leser:innen mit auf eine fiktionalisierte Reise durch ihr Leben. Ob alles wahr ist, who knows, wer ihr schon länger folgt, kennt auf jeden Fall die ein oder andere Episode und freut sich sicher, mehr über Sarahs, hier Elisas, Leben zu erfahren. Trennung der Eltern, Monate im Heim, Punk-Leben mit Dosenbier und Domplatte, irgendwann zur Ruhe kommen in Hamburg, der Tod des Vaters in Eckernförde.

Kein einfaches Leben – Liebesmangel der Mutter, übergriffiges Verhalten von Männern gegenüber einer Minderjährigen, Krebserkrankung des Mannes. Stoff für sehr, sehr traurige, böse, wachrüttelnde Bücher. Leider kratzt die Autorin hier nur an der Oberfläche, als wolle sie es weglächeln. Es erzählen, aber dann mit einem Abwinken vom Tisch wischen. Das ist schade, vielleicht aber auch verständlich, wer spricht schon gerne über selbsterlebte Traumata, wie nackt möchte man sich vor tausenden Leser:innen wirklich machen? Daher: kein Vorwurf, nur schade.

Doch in „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ gibt es noch eine weitere Hauptfigur, eigentlich: Mascha Kaleko. Die Dichterin, 1907 in Polen geboren, 1975 in der Schweiz gestorben, hat die Buchfigur Elisa und vermutlich auch die Autorin ihr Leben lang begleitet. Jedes Kapitel wird durch ein Gedicht Kalekos eingeleitet, das zum Geschehen danach passt. Eigentlich eine hübsche Idee. Immer wieder spricht die Erzählerin Mascha daraufhin an, versucht ihre Erfahrungen in Linie zum Gedicht zu bringen, stellt ihr rhetorische Fragen zum Leben oder zu historischen Figuren. Aber das geht, für mich zumindest, ziemlich schief, ist bemüht, wirkt mehr wie ein Geplapper eines Kindes, das mit Lego-Figuren oder Puppen spielt. Am Anfang noch halbwegs charmant, ist der Abnutzungseffekt recht hoch – und am Ende finden diese Einschübe kaum noch statt, was zwar für mich als Lesenden erleichternd, aber aus Buchsicht recht inkonsequent ist.

Weniger Zwiegespräche, mehr emotionale Tiefe, und Sarah Lorenz‘ Debüt hätte mich mit dem Mix aus Familiendrama, Punk und Antifaschismus zu 100 % gepackt – so leider so ziemlich gar nicht. Aber eines hat die Autorin dann doch geschafft: Ich möchte mehr von Mascha Kaleko lesen. Und ich glaube, das würde ihr dann zumindest doch gefallen.

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