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Veröffentlicht am 29.01.2022

Das war´s

Der letzte Sommer in der Stadt
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Leo Gazzarra zieht als junger Mann von Mailand nach Rom. An Rom reizt ihn vor allem die Nähe zum Meer, das er über alles liebt. Freunde leihen ihm ihre Wohnung und verkaufen ihm für wenig Geld ihren alten ...


Leo Gazzarra zieht als junger Mann von Mailand nach Rom. An Rom reizt ihn vor allem die Nähe zum Meer, das er über alles liebt. Freunde leihen ihm ihre Wohnung und verkaufen ihm für wenig Geld ihren alten Alfa Romeo. Er nimmt einen anspruchslosen Job beim Corriere dello Sport an, wo er lediglich die Texte anderer transkribiert. Er könnte sich vorstellen, Bücher zu schreiben oder Filme zu drehen, was aber nicht bedeutet, dass er irgendwelche Pläne macht, die er auch umsetzt. Er taucht schnell in das Nachtleben der Stadt ein, findet Freunde, lernt Frauen kennen und wird innerhalb kurzer Zeit zum Alkoholiker. Bei einer privaten Party lernt er die wunderschöne Arianna kennen und verliebt sich in sie. Es entwickelt sich ein merkwürdiges Spiel im Wechsel von Anziehung und Abstoßung. Wenn er ihr sagt, dass er sie liebt, beteuert sie, ihn nicht zu lieben. Geht sie einen Schritt auf ihn zu, weist er sie ab. Dennoch ist er sicher, dass sie die Frau seines Lebens ist. Am Ende steht die seltsame Erkenntnis: “Ich wusste, (…) dass sie nur zu mir gehören konnte, wenn sie einem anderen gehörte.“ (S. 199).
Calligarichs als Kultroman bezeichnetes Buch aus dem Jahr 1973 erzählt die traurige Geschichte eines Scheiterns. Nach zwei Jahren in Rom bleibt nur die Resignation: " Das war´s." (S. 204). Positiv bleibt die Beschreibung von Rom mit all seiner Schönheit im Wechsel der Jahreszeiten, bei unterschiedlichem Licht und mit all seinen Farben im Gedächtnis. Der Roman ist handlungsarm, lebt von seinen Stimmungen, was mich nicht gestört hat. Störend fand ich eher die Qualität der deutschen Übersetzung mit ihren Kreationen wie „handabschneidender Wind“, „regenleichte Küsse“, „traumtriefend“, „erdbebend“ usw. sowie die gefühlt 50malige Wiederholung der Formulierung „die Segel setzen“, wenn jemand aufbricht.
Ich habe “Der letzte Sommer…“ gern gelesen, auch wenn es für mich nicht unbedingt ein Meisterwerk war.

Veröffentlicht am 21.01.2022

Unzuverlässige Erinnerung

Der Erinnerungsfälscher
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Der gebürtige Iraker Said Al-Wahid hat vor vielen Jahren den Irak verlassen und in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Er ist mit einer Deutschen verheiratet und hat mit ihr einen kleinen Sohn. ...


Der gebürtige Iraker Said Al-Wahid hat vor vielen Jahren den Irak verlassen und in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Er ist mit einer Deutschen verheiratet und hat mit ihr einen kleinen Sohn. Said will gerade von einer Podiumsdiskussion in Mainz nach Berlin zurückkehren, als er durch einen Anruf seines Bruders Hakim erfährt, dass seine Mutter im Sterben liegt. Sofort organisiert er seine Reise nach Bagdad, weil er sie noch einmal sehen will. Während er auf Zug- und Flugverbindungen wartet, erinnert er sich an die Etappen seiner Flucht aus dem Irak: nach Jordanien, durch Ägypten nach Libyen und schließlich München und Berlin. Er erinnert sich an die schier unüberwindlichen bürokratischen Hürden und die Götter in den deutschen Dienststellen, die über sein weiteres Schicksal entschieden. Über einen langen Zeitraum drohte ihm ein „grenzüberschreitender Fußtritt eines Polizisten“ (S. 9). Said erinnert sich auch an sein Leben im Irak, seine Kindheit und die Mitglieder seiner Familie, die ums Leben kamen. Er wollte seine Geschichte schon längst aufschreiben, hat aber inzwischen festgestellt, dass es große Erinnerungslücken gibt, die er mit erfundenen Geschichten füllen muss und er kann oft nicht sagen, welche Erinnerungen wahr sind und welche nicht. Immer wieder erlebt er peinliche Momente, wenn Freunde und Bekannte die Vergangenheit beschwören mit der Frage „Weißt du noch…?“ Er will nicht zugeben, dass er an einer schwerwiegenden Gedächtnisstörung leidet.
Khiders neuer Roman berührt ebenso wie die mir bekannten Vorgänger „Der falsche Inder“ und „Die Orangen des Präsidenten“. Im neuen Buch kann der Leser sich in die Situation von Flüchtlingen versetzen, die, kaum dass sie Folter und Tod entronnen sind, jahrelang deutscher Behördenwillkür ausgesetzt sind. Ein schmales, aber eindrucksvolles Bändchen.

Veröffentlicht am 08.12.2021

Wer ist der Serienkiller?

Thirteen
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In Steve Cavanaghs Thriller “Thirteen“ wird der berühmte junge Schauspieler Bobby Solomon beschuldigt, seine Frau Ariella Bloom und ihren Bodyguard Carl Tozer aus Eifersucht ermordet zu haben. Ihre Leichen ...

In Steve Cavanaghs Thriller “Thirteen“ wird der berühmte junge Schauspieler Bobby Solomon beschuldigt, seine Frau Ariella Bloom und ihren Bodyguard Carl Tozer aus Eifersucht ermordet zu haben. Ihre Leichen wurden im Schlafzimmer seiner Wohnung nackt auf dem Bett gefunden. Es sieht nicht gut für Bobby aus, denn alle Indizien sprechen gegen ihn. In dieser schwierigen Situation engagiert Staranwalt Rudy Carp Strafverteidiger Eddie Flynn, der nach einer kriminellen Vergangenheit ehrlich geworden ist. Er soll sich intensiv mit den beteiligten Cops beschäftigen, um den Weg für einen Freispruch zu ebnen. Auch Flynn hält es für möglich, dass Bobby unschuldig ist, obwohl er natürlich als hervorragender Schauspieler manches geschickt verbergen kann. Der Leser weiß vom ersten Augenblick an, dass sich ein Serienkiller unter die Geschworenen mischt. Wir kennen seinen Namen – Joshua Kane – und beobachten ihn bei seinen Vorbereitungen. Er mordet, um auf die Kandidatenliste der Jury zu kommen und mordet weiter, um einen Schuldspruch für Solomon wahrscheinlicher zu machen. Da abwechselnd aus Kanes und Flynns Perspektive erzählt wird, erfährt der Leser eine Menge über den Mörder – seine schlimme Kindheit, sein Motiv und seine Vorgehensweise bei der Mordserie, die sich über viele Jahre erstreckt, ohne seine wahre Identität zu kennen. Das Ergebnis ist eine überwiegend spannende Mischung aus zwei Genres, einem Gerichtsthriller mit allem, was dazu gehört – Auswahl der Geschworenen Zeugenvernehmung, Plädoyers usw. – und einem Roman über einen gnadenlosen Serienkiller.
Cavanagh hat einen Thriller geschrieben, dessen Handlung teilweise nicht besonders plausibel ist, einerseits, weil über einen sehr langen Zeitraum niemand dem Täter auf die Spur kommt, obwohl er an jedem Tatort seine Signatur hinterlässt, zum anderen, weil es bis zum Schluss immer neue überraschende Wendungen gibt. Als Nebenthemen fand ich besonders interessant, welche Rolle korrupte Polizisten spielen und Ankläger und Strafverteidiger, denen es vor allem darauf ankommt, sich in der Öffentlichkeit vorteilhaft zu präsentieren. Der Ire Cavanagh erweist sich als Kenner des amerikanischen Justizsystems und zeigt kritisch, wie problematisch die Geschworenengerichte sind. Es geht nicht um die Wahrheitsfindung, sondern darum, die Jury mit allen möglichen Tricks auf seine Seite zu bringen. Es ist von daher kein Zufall, dass in den USA besonders viele Unschuldige verurteilt oder sogar hingerichtet werden.
Fazit: Ein lesenswerter Roman, trotz gewisser Schwächen zu empfehlen.

Veröffentlicht am 04.12.2021

Versprechen muss man halten

Was wir verschweigen
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In Arttu Tuominens Kriminalroman “Was wir verschweigen“ vergraben die 13jährigen Freunde Jari und Antti im Sommer 1991 eine Kapsel an einem Findling. Jeder hat dem anderen einen Brief geschrieben, in ...


In Arttu Tuominens Kriminalroman “Was wir verschweigen“ vergraben die 13jährigen Freunde Jari und Antti im Sommer 1991 eine Kapsel an einem Findling. Jeder hat dem anderen einen Brief geschrieben, in dem sie sich die Zukunft des Freundes ausmalen. Diese Briefe wollen sie in 27 Jahren gemeinsam wieder ausgraben. Sie versprechen sich ewige Freundschaft.
Im Herbst 2018 tötet ein Mann bei einem Besäufnis in einem entlegenen Wochenendhaus einen anderen mit einem Messer und flieht in den Wald. Er wird gefasst und behauptet, sich an nichts erinnern zu können. Die Anwesenden können kaum brauchbaren Zeugenaussagen liefern, da alle sturzbetrunken sind. Der leitende Ermittler, Jari Paloviita, stellt entsetzt fest, dass Täter und Opfer alte Bekannte sind: sein Freund Anttii Johannes Milonen und Rami Nieminen, ihr Feind aus der Kindheit, der sie mit seinen Kumpanen brutal schikanierte und Jari erheblich verletzte. Alle drei lebten in der Kleinstadt Pori und gingen zeitweise in dieselbe Klasse. Statt den Fall wegen Befangenheit abzugeben, überlegt Jari, wie er dem Verdächtigen helfen kann. Er empfindet Scham und Schuld angesichts seiner eigenen Karriere bei der Polizei und seines persönlichen Versagens gegenüber dem Freund. Die Wege der Beiden trennten sich früh aufgrund der unterschiedlichen Schullaufbahn und der daraus folgenden Berufschancen. Antti stammt aus einem prekären Milieu und landete schnell bei Drogen, Alkohol und Kriminalität, was zu einer Serie von Gefängnisaufenthalten führte.
Der Autor erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen, Sommer 1991 und Herbst 2018, wobei er durch einen sprachlichen Kniff verdeutlicht, dass es eigentlich um die Ereignisse von 1991 geht und weniger um den aktuellen Kriminalfall. Für die Ereignisse in der Vergangenheit benutzt er das Präsens, für die Gegenwart dagegen das Imperfekt. Der Kommissar verhält sich auffällig unprofessionell und greift unangemessen in die Ermittlungen ein. Seine Untergebenen Linda Toivonen und Henrik Oksam kommen ihm auf die Schliche, aber weder die Frage, ob Jaris Verhalten berufliche Konsequenzen hat noch ob der Täter verurteilt wird, spielt zum Schluss eine Rolle – vielleicht auch, weil der Autor eine Fortsetzung plant. Gezeigt wird das moralische Dilemma eines Mannes, der einst ein Versprechen gegeben, aber seinen Freund im Stich gelassen hat. Angesichts seiner lange verdrängten quälenden Erinnerungen muss er eine Entscheidung treffen.
Daneben gibt es weitere Themen: die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht mit allen Konsequenzen, außerdem Alkoholismus und häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern. Die ungeschönt dargestellte Brutalität trägt dazu bei, dass dieser Roman mit dem traurigen Ende wie eine Tragödie wirkt. Mich hat es sehr beeindruckt, auch wenn die sprachliche Qualität der Übersetzung das Lesevergnügen erheblich gemindert hat.

Veröffentlicht am 07.11.2021

Alles wird gut

Wir sind schließlich wer
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Im Mittelpunkt von Anne Gesthuysens neuem Roman steht die dem Landadel angehörende Familie von Betterray: die verwitwete Mutter Mechthild mit den Töchtern Maria und Anna. Die vier Jahre ältere Maria ist ...


Im Mittelpunkt von Anne Gesthuysens neuem Roman steht die dem Landadel angehörende Familie von Betterray: die verwitwete Mutter Mechthild mit den Töchtern Maria und Anna. Die vier Jahre ältere Maria ist die Vorzeigetochter, die alles richtiggemacht hat, indem sie den Adligen Gottfried von Moitzfeld heiratete und nicht ihre nicht standesgemäße erste Liebe. Die unkonventionelle Anna dagegen ist zum Protestantismus konvertiert und nach einigen Umwegen Pastorin geworden. Nach einem traumatischen Erlebnis mit dem Zwillingsbruder ihres Mannes ließ sie sich scheiden und vertritt in der niederrheinischen Gemeinde Alpen den erkrankten Pastor. In der Gemeinde stößt sie auf Ablehnung und sieht sich sofort Klatsch und übler Nachrede ausgesetzt. Vor allem Frau Erbs, die Haushälterin des Pfarrers, begegnet ihr äußerst feindselig und verbreitet jede durch Lauschen erlangte Information sofort weiter. In dieser Zeit trifft die Familie ein Schicksalsschlag, der ihren Ruf nachhaltig schädigt. Marias Mann wird wegen krimineller Finanzgeschäfte verhaftet. Ihn erwartet eine längere Gefängnisstrafe. Kurz nach Bekanntwerden des Skandals verschwindet Sascha, der 11jährige Sohn des Paares, und bald darauf treffen Erpresserbriefe mit einer Millionenforderung ein. Die alte Ottilie,92 wird zur größten Stütze der Familie. Sie war schon immer Annas einzige Vertraute. Anna hat Erfahrung mit dem Ertragen von Leid und stellt sich der Herausforderung mit großer Stärke. Auch Maria, die ihre Schwester ein Leben lang verachtet hat, muss umdenken und ihr Leben angesichts der Katastrophe ändern. Arroganter Dünkel nützt hier gar nichts.
Gesthuysen hat einen einfühlsamen Roman geschrieben, der zeigt, dass wir einander mit Liebe begegnen und zusammenhalten müssen. Ihre Charaktere helfen einander mit viel Empathie, wodurch es im letzten Teil gewaltig menschelt. Sehr berührend ist auch Annas Verhältnis zu ihrem Hund Freddy, dem wichtigsten männlichen Wesen in ihrem Leben. Ich habe das Buch gern gelesen und empfehle es allen, die eine ungewöhnliche Familiengeschichte schätzen.