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Veröffentlicht am 28.01.2026

Reise in die eigene Vergangenheit

Halber Stein
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Iris Wolffs Debütroman "Halber Stein" von 2012 erzählt in poetischer Sprache von Erinnerung, Herkunft und dem Wiederfinden einer verlorenen Vergangenheit. Auch wenn es noch nicht ganz die sprachliche Perfektion ...

Iris Wolffs Debütroman "Halber Stein" von 2012 erzählt in poetischer Sprache von Erinnerung, Herkunft und dem Wiederfinden einer verlorenen Vergangenheit. Auch wenn es noch nicht ganz die sprachliche Perfektion ihrer späteren Werke wie beispielsweise "Lichtungen" erreicht und manche Beschreibungen etwas zu ausführlich geraten, ist es dennoch eine eindrucksvoll erzählte Geschichte.
Im Mittelpunkt steht Sine, die nach dem Tod ihrer Großmutter gemeinsam mit ihrem Vater nach Michelsberg in Siebenbürgen reist. Seit der Auswanderung nach Deutschland war sie nicht mehr dort, während ihr Vater seine Mutter regelmäßig besuchte. Sines Mutter hat diese Vergangenheit bewusst hinter sich gelassen und Sine darin bestärkt, es ebenso zu tun – weshalb Sine nur noch vage Erinnerungen an ihre Kindheit dort hat.
Doch kaum betritt sie das Haus der Großmutter, wird sie von Erinnerungen überflutet. Besonders die Begegnung mit ihrem früheren besten Freund Julian lässt die Vergangenheit lebendig werden.
In poetischer, sehr bildhafter Sprache beschreibt Wolff Sines Wahrnehmung von Landschaft und Menschen – so, dass man alles beinahe sehen und riechen kann. Dabei wird deutlich, wie sehr diese Gegend Teil von Sines Identität ist. Neben all der Schönheit zeigt der Roman aber auch die Schattenseiten: Einsamkeit, Verbitterung und die Folgen der Abwanderung vieler Menschen unter dem rumänischen Regime. Die Jungen gehen, die Alten bleiben zurück.
Besonders faszinierend fand ich, dass Michelsberg und viele andere Orte tatsächlich existieren. Man kann Sines Wegen auf Google Maps folgen und sogar den Halben Stein finden – für mich war das der Punkt, an dem aus Lektüre plötzlich Reiselust wurde.

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Wenn der Körper mehr weiß als man selbst

Junge Frau mit Katze
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Schon in Lügen über meine Mutter erzählte Daniela Dröscher von einem Körper – dem der Mutter. In Junge Frau mit Katze steht nun der Körper der Tochter im Mittelpunkt.
Die Erzählerin Ela lebt in Berlin, ...

Schon in Lügen über meine Mutter erzählte Daniela Dröscher von einem Körper – dem der Mutter. In Junge Frau mit Katze steht nun der Körper der Tochter im Mittelpunkt.
Die Erzählerin Ela lebt in Berlin, arbeitet an einem Uni-Projekt und steht kurz vor ihrer mündlichen Promotionsprüfung. Doch Prüfungsstress, Selbstzweifel und eine komplizierte Liebesgeschichte bringen sie körperlich aus dem Gleichgewicht: Halsschmerzen, Herzklopfen, Ausschlag, Allergien – ihr Körper rebelliert, während sie von Arzt zu Arzt läuft, auf der Suche nach einer Erklärung.
Bald verschwimmen Grenzen zwischen Psyche und Physis, Diagnose und Deutung. Dröscher schildert diese Odyssee mit feiner Ironie, sodass man trotz aller Selbstbespiegelung gern bei Ela bleibt. Ihr Leiden wird zur Bühne größerer Fragen: Wie normiert unsere Gesellschaft Körper? Was gilt als „gesund“, was als „krank“ – und wer entscheidet das? Wie reagiert das medizinische System auf weibliche Körper, oft bevormundend oder herablassend?
Dröscher verknüpft diese Themen mit literarischen Bezügen – etwa zu Virginia Woolf, Susan Sontag oder Siri Hustvedt – und zeigt, wie Krankheit, Identität und Sprache miteinander verwoben sind.
Am Ende steht nicht nur eine medizinische, sondern auch eine seelische Erkenntnis: Die junge Frau begreift ihr Leiden als Signal, sich selbst neu zu entwerfen – als Künstlerin, als Autorin, als eigenständige Person. So wird Junge Frau mit Katze zugleich ein Roman über Krankheit und Heilung, über Selbstermächtigung und die Kunst, im Chaos des Körpers sich selbst zu finden.

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Veröffentlicht am 12.11.2021

Folgen der modernen Sklaverei

Wenn ich wiederkomme
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Auf der ganzen Welt verlassen Frauen ihre Familien um Geld zu verdienen, damit ihre Kinder eine bessere Zukunft haben sollen. Doch um welchen Preis? Von einer dieser Frauen und ihrer Familie handelt Marco ...

Auf der ganzen Welt verlassen Frauen ihre Familien um Geld zu verdienen, damit ihre Kinder eine bessere Zukunft haben sollen. Doch um welchen Preis? Von einer dieser Frauen und ihrer Familie handelt Marco Bolzanos neues Buch, und es macht deutlich, welche Bürde auf solchen Familien lastet.

Daniela aus einem kleinen Dorf in Rumänien verschwindet ohne jemandem Bescheid zu sagen buchstäblich bei Nacht und Nebel nach Italien, um sich dort wie viele ihrer Landsfrauen eine Arbeit als Pflegerin zu suchen, damit sie ihren Kindern ein Studium finanzieren kann. Nur einen Brief hinterlässt sie für den zwölfjährigen Manuel und die 20jährige Angelica und so versuchen sie sowie ihr Vater und die Großeltern, ihr Leben so gut wie möglich weiterzuleben.

Erzählt wird aus den Perspektiven Danielas sowie der Kinder, und so unterschiedlich diese auch sein mögen, ist schnell klar, dass alle sehr unter der Situation zu leiden haben. Als der mittlerweile 16jährige Manuel einen schrecklichen Unfall erleidet, ist Daniela sofort an seiner Seite, voller Schuldgefühle und schlechtem Gewissen, das durch die Distanz zu ihrer nunmehr 24jährigen Tochter noch verstärkt wird.

Marco Bolzano macht mit den unterschiedlichen Sichtweisen deutlich, welche Probleme durch die Entscheidung Danielas entstanden sind und was diese Arbeit in der Ferne für Alle bedeutet. Manuel, mit 12 Jahren noch ein Kind, fehlt die ihn unterstützende und liebende Mutter am meisten; als sein Großvater stirbt, der einzig verbliebene Vertraute, bricht ihm sein letzter Halt weg. Daniela hingegen, die in der Fremde in einer Art modernem Sklaventum lebt und daran fast zugrunde geht, erwartet dafür zumindest in gewisser Weise eine Form der Dankbarkeit, die ihr jedoch verwehrt wird. Zu stark ist das Gefühl der Kinder, verraten worden zu sein; zu groß der Abstand geworden in den Zeiten zwischen ihren jährlichen Besuchen; zu erdrückend das Schweigen über die Dinge, die gesagt werden müssten. Und Angelica findet sich mit 20 Jahren ungefragt in der Rolle einer Erziehungsberechtigten wieder, in der sie sich nicht sieht, die sie aber dennoch versucht auszufüllen; einer Rolle, der sich der Vater verweigert und stattdessen davor flüchtet.

Es ist ein belastendes weil realistisches Szenario, das hier dargestellt wird; insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass dieser Exodus von Frauen, die ihre Familien hinter sich lassen, um ihnen eine bessere Zukunft zu bieten, noch immer alltäglich ist und vermutlich so bald kein Ende finden wird. Nicht nur in Italien – überall auf der Welt, auch bei uns.

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Veröffentlicht am 30.09.2021

Die rote Betty

Die Tote mit der roten Strähne
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Bettys Einstand als Serienheldin ist stürmisch: Gerade mal nach fünf Monaten bei der Polizei in Brooklyn wird sie mit ihrem Kollegen zu einem Schusswechsel gerufen, sie entdecken vier Leichen und einen ...

Bettys Einstand als Serienheldin ist stürmisch: Gerade mal nach fünf Monaten bei der Polizei in Brooklyn wird sie mit ihrem Kollegen zu einem Schusswechsel gerufen, sie entdecken vier Leichen und einen durchgeknallten Amokläufer. Elf Jahre später beginnt sie ihre Arbeit in Dallas, Texas und ist weitere zwei Jahre später, September 2013, die leitende Ermittlerin bei der Überwachung eines großen Kokaindeals. Doch der Einsatz geht schief, es gibt mehrere Tote und die Schützen können fliehen. Auf der Jagd nach den Tätern und dem Verantwortlichen für den Kokainhandel gibt es weitere Opfer und es sieht so aus, als ob Betty dabei direkt ‚angesprochen‘ wird.

Die rothaarige schlagfertige Betty, die niemandem etwas schuldig bleibt, ist eine Bereicherung in der Flut der Krimineuerscheinungen. Mit ihrer Frau ins offenbar ultrakonservative Texas gezogen, fällt sie nicht nur mit ihrer Erscheinung (1,80m, wilde rote Locken) auf, sondern auch durch ihren unkonventionellen Umgangston. Mit Empathie für die Benachteiligten und fähig, Vorurteile zu revidieren, ist sie knallhart in der Sache.

Der Fall selbst scheint zu Beginn ein üblicher Drogendeal zu sein, der ‚etwas‘ aus dem Ruder läuft. Doch nach und nach zeichnet sich ab, dass hier offenbar noch andere Interessen bestehen als nur ein größerer Kokainverkauf. Erst nach mehr als zwei Dritteln des Buches wird offensichtlich, was wirklich dahintersteckt und das ist so abgedreht, dass ich doch hin und wieder den Kopf schütteln musste. Dennoch, spannend ist es auf jeden Fall (und teilweise auch eklig-blutig) und die Auflösung hinterlässt noch eine kleine Spur von Unsicherheit: Hat der Anfang vielleicht doch etwas mit dem Ende zu tun?

Bemerkenswert sind manche der Bilder, die die Autorin erzeugt:

"… die Hitze hockt jetzt schon auf meinem Kopf wie ein fettes, mit Spiegelschuppen bedecktes Monster, das mir mit feuchtheißer Zunge in die Ohren und den Nacken hinunterfährt." Seite 17

"… ein riesiges Ohrenstäbchen auf Steroiden, …" Seite 19

Alles in allem ein guter Auftakt einer neuen Serie – den zweiten Band gibt es ja bereits in Englisch und vermutlich auch demnächst auf Deutsch. Ich werde ihn mir vormerken.

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Veröffentlicht am 30.08.2021

Dave Robicheaux in Montana

Keine Ruhe in Montana
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Nachdem der Hurrikan Katrina den Süden Louisianas verwüstet hat, gönnt sich Dave Robicheaux mit seiner Frau Molly und seinem besten Freund Clete eine Auszeit in Montana. Aber schon nach kurzer Zeit werden ...

Nachdem der Hurrikan Katrina den Süden Louisianas verwüstet hat, gönnt sich Dave Robicheaux mit seiner Frau Molly und seinem besten Freund Clete eine Auszeit in Montana. Aber schon nach kurzer Zeit werden in der Nähe ihres Aufenthaltsortes zwei ermordete Studenten aufgefunden und Dave und Clete werden um Mithilfe bei der Suche nach dem Mörder gebeten. Doch bei ihren Nachforschungen kommen sie manch Mächtigen zu nahe, vor allem Clete, der Schwierigkeiten geradezu zu suchen scheint.

Einige Bände mit Dave Robicheaux habe ich bereits gelesen und dachte immer, übler als in Louisiana kann es kaum irgendwo zugehen – aber weit gefehlt. Daves Aufenthalt in Montana toppt Alles, was ich bisher gelesen habe: so viele Verrückte und Psychopathen (andere gibt es kaum in diesem Krimi) habe ich bisher selten in einem Buch erlebt. Wobei man Montana zugute halten muss: Es handelt sich bei Allen um ‚Zugereiste‘ 😉 Ob das Klima dort eine Rolle spielt?

Wie auch immer, der Fall ist verzwickt, wie man es von James Lee Burkes Romanen gewohnt ist und natürlich werden auch gesellschaftliche Missstände angesprochen: die Behandlung von Gefangenen, der alltägliche Rassismus, unbehandelte Kriegstraumata.
Doch was diesen Band von anderen unterscheidet, ist die unglaubliche Menge an Gewaltausbrüchen in übelster Form, die nicht immer wirklich nachzuvollziehen sind und selbst mir (die ich nicht gerade empfindlich bin) fast schon etwas zu viel waren. Auch Clete, Daves bester Freund, erschien mir mit zunehmender Seitenzahl immer seltsamer. Obwohl nicht allzu gut aussehend und schon etwas älter, hat er einen Schlag bei Frauen als wäre er Mr. Universum. Und sein Handeln scheint eher das eines pubertierenden Teenagers zu sein als das eines gestandenen Veteranen.

Dennoch – auch ein nicht ganz so guter Dave Robicheaux-Krimi ist immer noch ein guter Krimi, verglichen mit vielem, was sich so in den Bestsellerlisten tummelt.

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