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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.06.2017

Spannung pur - obwohl man eigentlich schon vorher Alles weiß

Hades
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Ein Szenario wie aus einem Albtraum: Auf einer Müllkippe werden die Leichen zweier Kinder angeliefert, denn Alle wissen, dass dort ‚Entsorgungen‘ völlig rückstandsfrei erfolgen sollen. Doch Hades, der ...

Ein Szenario wie aus einem Albtraum: Auf einer Müllkippe werden die Leichen zweier Kinder angeliefert, denn Alle wissen, dass dort ‚Entsorgungen‘ völlig rückstandsfrei erfolgen sollen. Doch Hades, der Herr über diesen Ort, hat sein eigenes Rechtssystem. Und Mord an Kindern geht überhaupt nicht. Als sich herausstellt, dass die Beiden noch leben, nimmt er sie an Kindes statt an. Beide, Eden und Eric, werden Polizisten bei der Mordkommission, wo Frank Bennett ihnen begegnet.
Ich fand es schon ziemlich widersinnig, dass ich beinahe atemlos Seite um Seite las (mehr oder weniger alle 340 Seiten am Stück), obwohl Täter, Opfer und auch Motiv praktisch schon von Anfang an bekannt sind. Natürlich nicht in allen Details, aber schon der Beginn macht klar, was den beiden Kindern geschah und dass es ihr Leben bestimmen wird. Der Thriller ist in zwei Hauptstränge und diverse Nebenstränge aufgeteilt, was zumindest zu Beginn vielleicht kurz für Verwirrung sorgen könnte. Der Eine wird von Frank Bennet erzählt, der frisch zur Mordkommission kommt und der neue Partner von Eden wird. Im zweiten Strang erfährt man die Geschichte der beiden Kinder, wie sie zu dem wurden, wer und was sie jetzt sind. Dazwischen liest man teils vom Täter, teils von den Opfern. Wie ich schon geschrieben habe: Es ist praktisch klar, was geschehen wird (bis auf ein paar eher wenige Überraschungen). Doch trotzdem sind die Details hinter diesem Fall (bzw. eigentlich sind es zwei, wenn nicht sogar drei Fälle) so packend und fesselnd erzählt, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen. Was macht Hades mit den Kindern? Was geschah mit dem verschwundenen Mädchen? Was trieb den Täter? Zeitweise hatte ich das Gefühl, mehrere spannende Geschichten gleichzeitig zu lesen, die in eine ebensolche Rahmenhandlung gepackt wurden. Und kaum die war die Eine beendet, kam die Nächste und die Rahmenhandlung hielt mich zudem noch gefangen.
Ein rundum gelungener klasse Thriller, der Wahnsinnslust macht auf den nächsten Band.

Veröffentlicht am 08.03.2026

Wo früher Kühe standen

Melken
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Sanna Samuelssons Debütroman verbindet Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Bauernhof mit der stillen Gegenwart eines Ortes, der seine ursprüngliche Funktion verloren hat. Ellen, die Tochter eines Bauern, ...

Sanna Samuelssons Debütroman verbindet Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Bauernhof mit der stillen Gegenwart eines Ortes, der seine ursprüngliche Funktion verloren hat. Ellen, die Tochter eines Bauern, kehrt während der Ferien spontan auf den Hof zurück, auf dem sie aufgewachsen ist. Die neuen Besitzer sind verreist, der Schlüssel liegt noch immer unter dem Topf – und so betritt sie einen Ort, der gleichzeitig vertraut und fremd geworden ist.
Der Hof ist inzwischen zur eleganten Villa umgebaut: Die Weide ist leer, die Scheune verschlossen, und aus ehemaligen Stallmaterialien sind Designobjekte geworden. Ellen richtet sich in ihrem alten Kinderzimmer ein, trinkt den Kaffee der neuen Bewohner und bleibt länger, als geplant. Während sie durch Räume und Erinnerungen streift, tauchen Bilder ihrer Kindheit auf – von harter Arbeit, Nähe zu den Tieren und einem Leben, das untrennbar mit dem Hof verbunden war.
Der Roman erzählt von der Entfremdung zwischen Land und Stadt, Vergangenheit und Gegenwart. Ellen schämte sich früher für den Geruch von Mist in ihrer Kleidung und musste das Dorf einst mit ihren Eltern verlassen. Zwar brachte die Stadt ihr Freiheit, aber weder Ruhe noch Orientierung. Als sie zurückkehrt, stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt noch etwas gibt, zu dem man wirklich zurückfinden kann.
Samuelsson beschreibt das Landleben ohne Nostalgie. Sie zeigt sowohl die harte Arbeit der Bauern als auch die ambivalenten Seiten der Tierhaltung. Immer wieder blitzen auch agrarpolitische Hintergründe auf, die zeigen, warum solche Höfe verschwinden. Gleichzeitig überrascht der Text mit ungewöhnlichen, manchmal bissig-humorvollen Bildern: Gedanken über Kühe, Menschen und sogar Darmflora werden zu eigenwilligen Vergleichen über Nähe, Prägung und Identität.
Am Ende wirkt Ellens Aufenthalt wie ein stiller Heilungsprozess – und wie ein verspäteter Abschied von einer Lebensform, die langsam verschwindet.

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Veröffentlicht am 28.01.2026

Reise in die eigene Vergangenheit

Halber Stein
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Iris Wolffs Debütroman "Halber Stein" von 2012 erzählt in poetischer Sprache von Erinnerung, Herkunft und dem Wiederfinden einer verlorenen Vergangenheit. Auch wenn es noch nicht ganz die sprachliche Perfektion ...

Iris Wolffs Debütroman "Halber Stein" von 2012 erzählt in poetischer Sprache von Erinnerung, Herkunft und dem Wiederfinden einer verlorenen Vergangenheit. Auch wenn es noch nicht ganz die sprachliche Perfektion ihrer späteren Werke wie beispielsweise "Lichtungen" erreicht und manche Beschreibungen etwas zu ausführlich geraten, ist es dennoch eine eindrucksvoll erzählte Geschichte.
Im Mittelpunkt steht Sine, die nach dem Tod ihrer Großmutter gemeinsam mit ihrem Vater nach Michelsberg in Siebenbürgen reist. Seit der Auswanderung nach Deutschland war sie nicht mehr dort, während ihr Vater seine Mutter regelmäßig besuchte. Sines Mutter hat diese Vergangenheit bewusst hinter sich gelassen und Sine darin bestärkt, es ebenso zu tun – weshalb Sine nur noch vage Erinnerungen an ihre Kindheit dort hat.
Doch kaum betritt sie das Haus der Großmutter, wird sie von Erinnerungen überflutet. Besonders die Begegnung mit ihrem früheren besten Freund Julian lässt die Vergangenheit lebendig werden.
In poetischer, sehr bildhafter Sprache beschreibt Wolff Sines Wahrnehmung von Landschaft und Menschen – so, dass man alles beinahe sehen und riechen kann. Dabei wird deutlich, wie sehr diese Gegend Teil von Sines Identität ist. Neben all der Schönheit zeigt der Roman aber auch die Schattenseiten: Einsamkeit, Verbitterung und die Folgen der Abwanderung vieler Menschen unter dem rumänischen Regime. Die Jungen gehen, die Alten bleiben zurück.
Besonders faszinierend fand ich, dass Michelsberg und viele andere Orte tatsächlich existieren. Man kann Sines Wegen auf Google Maps folgen und sogar den Halben Stein finden – für mich war das der Punkt, an dem aus Lektüre plötzlich Reiselust wurde.

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Wenn der Körper mehr weiß als man selbst

Junge Frau mit Katze
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Schon in Lügen über meine Mutter erzählte Daniela Dröscher von einem Körper – dem der Mutter. In Junge Frau mit Katze steht nun der Körper der Tochter im Mittelpunkt.
Die Erzählerin Ela lebt in Berlin, ...

Schon in Lügen über meine Mutter erzählte Daniela Dröscher von einem Körper – dem der Mutter. In Junge Frau mit Katze steht nun der Körper der Tochter im Mittelpunkt.
Die Erzählerin Ela lebt in Berlin, arbeitet an einem Uni-Projekt und steht kurz vor ihrer mündlichen Promotionsprüfung. Doch Prüfungsstress, Selbstzweifel und eine komplizierte Liebesgeschichte bringen sie körperlich aus dem Gleichgewicht: Halsschmerzen, Herzklopfen, Ausschlag, Allergien – ihr Körper rebelliert, während sie von Arzt zu Arzt läuft, auf der Suche nach einer Erklärung.
Bald verschwimmen Grenzen zwischen Psyche und Physis, Diagnose und Deutung. Dröscher schildert diese Odyssee mit feiner Ironie, sodass man trotz aller Selbstbespiegelung gern bei Ela bleibt. Ihr Leiden wird zur Bühne größerer Fragen: Wie normiert unsere Gesellschaft Körper? Was gilt als „gesund“, was als „krank“ – und wer entscheidet das? Wie reagiert das medizinische System auf weibliche Körper, oft bevormundend oder herablassend?
Dröscher verknüpft diese Themen mit literarischen Bezügen – etwa zu Virginia Woolf, Susan Sontag oder Siri Hustvedt – und zeigt, wie Krankheit, Identität und Sprache miteinander verwoben sind.
Am Ende steht nicht nur eine medizinische, sondern auch eine seelische Erkenntnis: Die junge Frau begreift ihr Leiden als Signal, sich selbst neu zu entwerfen – als Künstlerin, als Autorin, als eigenständige Person. So wird Junge Frau mit Katze zugleich ein Roman über Krankheit und Heilung, über Selbstermächtigung und die Kunst, im Chaos des Körpers sich selbst zu finden.

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Veröffentlicht am 12.11.2021

Folgen der modernen Sklaverei

Wenn ich wiederkomme
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Auf der ganzen Welt verlassen Frauen ihre Familien um Geld zu verdienen, damit ihre Kinder eine bessere Zukunft haben sollen. Doch um welchen Preis? Von einer dieser Frauen und ihrer Familie handelt Marco ...

Auf der ganzen Welt verlassen Frauen ihre Familien um Geld zu verdienen, damit ihre Kinder eine bessere Zukunft haben sollen. Doch um welchen Preis? Von einer dieser Frauen und ihrer Familie handelt Marco Bolzanos neues Buch, und es macht deutlich, welche Bürde auf solchen Familien lastet.

Daniela aus einem kleinen Dorf in Rumänien verschwindet ohne jemandem Bescheid zu sagen buchstäblich bei Nacht und Nebel nach Italien, um sich dort wie viele ihrer Landsfrauen eine Arbeit als Pflegerin zu suchen, damit sie ihren Kindern ein Studium finanzieren kann. Nur einen Brief hinterlässt sie für den zwölfjährigen Manuel und die 20jährige Angelica und so versuchen sie sowie ihr Vater und die Großeltern, ihr Leben so gut wie möglich weiterzuleben.

Erzählt wird aus den Perspektiven Danielas sowie der Kinder, und so unterschiedlich diese auch sein mögen, ist schnell klar, dass alle sehr unter der Situation zu leiden haben. Als der mittlerweile 16jährige Manuel einen schrecklichen Unfall erleidet, ist Daniela sofort an seiner Seite, voller Schuldgefühle und schlechtem Gewissen, das durch die Distanz zu ihrer nunmehr 24jährigen Tochter noch verstärkt wird.

Marco Bolzano macht mit den unterschiedlichen Sichtweisen deutlich, welche Probleme durch die Entscheidung Danielas entstanden sind und was diese Arbeit in der Ferne für Alle bedeutet. Manuel, mit 12 Jahren noch ein Kind, fehlt die ihn unterstützende und liebende Mutter am meisten; als sein Großvater stirbt, der einzig verbliebene Vertraute, bricht ihm sein letzter Halt weg. Daniela hingegen, die in der Fremde in einer Art modernem Sklaventum lebt und daran fast zugrunde geht, erwartet dafür zumindest in gewisser Weise eine Form der Dankbarkeit, die ihr jedoch verwehrt wird. Zu stark ist das Gefühl der Kinder, verraten worden zu sein; zu groß der Abstand geworden in den Zeiten zwischen ihren jährlichen Besuchen; zu erdrückend das Schweigen über die Dinge, die gesagt werden müssten. Und Angelica findet sich mit 20 Jahren ungefragt in der Rolle einer Erziehungsberechtigten wieder, in der sie sich nicht sieht, die sie aber dennoch versucht auszufüllen; einer Rolle, der sich der Vater verweigert und stattdessen davor flüchtet.

Es ist ein belastendes weil realistisches Szenario, das hier dargestellt wird; insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass dieser Exodus von Frauen, die ihre Familien hinter sich lassen, um ihnen eine bessere Zukunft zu bieten, noch immer alltäglich ist und vermutlich so bald kein Ende finden wird. Nicht nur in Italien – überall auf der Welt, auch bei uns.

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