Profilbild von lizlemon

lizlemon

Lesejury Star
offline

lizlemon ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit lizlemon über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.03.2022

Social Media trifft auf reale Welt

Die Kinder sind Könige
0

Der Roman nimmt die Leser:innen mit in den (Alp-)Traum Social-Media-Ruhm: Er erzählt die Geschichte von Melanie und ihrer Bilderbuchfamilie aus Ehepaar und zwei Kindern, die ihr scheinbar perfektes Leben ...

Der Roman nimmt die Leser:innen mit in den (Alp-)Traum Social-Media-Ruhm: Er erzählt die Geschichte von Melanie und ihrer Bilderbuchfamilie aus Ehepaar und zwei Kindern, die ihr scheinbar perfektes Leben auf YouTube und Instagram ausleben. Mutter Melanie ist der Motor hinter der erfolgreichen Online-Präsenz, dabei ist sie regelrecht verblendet: Sie erkennt nicht, wie unglücklich ihre kleine Tochter ist und wie sie ihr Leben zerstört. Sie ist überzeugt, dass Kimmy - genau wie ihre Mutter - die Aufmerksameit liebt und süchtig nach der Liebe fremder Menschen ist. In diesem Glauben handelt Melanie auch: Sie lässt Merchandise mit den Namen ihrer Kinder entwickeln, organisiert ihnen Autogrammstunden und hält beinahe jede Minute filmisch fest, egal wie banal sie ist.
Alles kommt zum Stillstand, als die sechsjährige Kim entführt wird. Zwischen Gesellschaftskritik und Krimi erzählt "Die Kinder sind Könige" einerseits die Suche nach dem berühmten verschwundenen Mädchen und setzt sich andererseits mit der Auswirkung von Social Media und Berühmtheit auf die Gesellschaft und speziell auf Kinder auseinander.
Die Handlung erzählt Autorin Delphine de Vigan abwechselnd aus Perspektive der Mutter und der Polizistin Clara, die in dem Fall ermittelt. Die beiden ungefähr gleichaltrigen Frauen könnten kaum unterschiedlicher sein: Die eine hat die scheinbar perfekte Bilderbuchfamilie, Geld durch lukrative Werbedeals, Ruhm und Erfolg, die andere ist Single, kinderlos, blickt auf gescheiterte Beziehungen zurück und hat mit Social Media gar nichts am Hut. Aber Clara arbeitet sich mit Empathie und Dringlichkeit in die ihr fremde Welt des Internetruhms ein. Das zeigt die Autorin u.a. anhand von Protokollen, die Clara beispielsweise zu Insta-Storys oder YouTube-Videos der Familie erstellt. Die nüchternen Beschreibungen führen die Banalität und Absurdität des Ganzen perfekt vor Augen und schaffen einen eindringlichen Kontrast zu Melanie, die diesen Content mit voller Hingabe und Überzeugung entwickelt.
Nicht nur die Auflösung der Entführung, sondern auch das Ende des Buches hat mich überrascht. Die Autorin hat aktuelle Medienphänomene kritisch beleuchtet und gleichzeitig in eine spannende Geschichte verpackt. Empfehlenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.11.2021

Sollte Pflichtlektüre in Schulen werden

Schwarzes Herz
0

Knallhart und ungeschönt erzählt Jasmina Kuhnke die Geschichte einer Schwarzen, namenlosen Frau, die in Deutschland mit Rassismus und Sexismus aufwächst und die ständige Herabwürdigung und Diskriminierung ...

Knallhart und ungeschönt erzählt Jasmina Kuhnke die Geschichte einer Schwarzen, namenlosen Frau, die in Deutschland mit Rassismus und Sexismus aufwächst und die ständige Herabwürdigung und Diskriminierung irgendwann so verinnerlicht, dass sie ohne jegliches Selbstwertgefühl in eine scheinbar ausweglosen Situation gelangt: Mit zwei Kindern und ohne abgeschlossene Berufsausbildung lebt sie mit ihrem gewalttätigen Partner zusammen. Mit viel Kraft kämpft sie sich selbst aus dieser Lage.

Die Geschichte springt atemlos zwischen verschiedenen Altersstufen der Protagonistin hin und her, sodass sich nach und nach ein immer komplexeres und erschreckenderes Bild ihrer Erlebnisse und Erfahrungen aufbaut. So führt das Buch direkt vor Augen, welche krassen Auswirkungen die ständige Diskriminierung hat. Besonders erschreckend ist das Verhalten derer, die eigentlich helfen und fördern sollen. Da ist beispielsweise der Sportlehrer, der die Protagonistin trotz herausragender Leistungen schlechter bewertet, weil er irgendwas von der unterschiedlichen Anatomie Schwarzer und Weißer Menschen schwurbelt. Oder die Krankenschwester, die sich weigert, ihren Job zu machen und der Protagonistin zu helfen, weil sie nach eigener Aussage Schwarze Menschen nicht gerne anfasse.

Die Autorin zeigt klug, anschaulich und schonungslos, jedoch ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken, wie die Protagonistin unter struktureller Diskriminierung leidet und welche Kraft es kostet, damit umzugehen und sich aus der Opferrolle zu befreien. Besonders Menschen, die solche Erfahrungen im Alltag (zum Glück) selbst nicht machen müssen, profitieren von der Lektüre und erhalten wichtige und schockierende Einblicke. Das Buch sensibilisiert und sollte möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden, z.B. in der Schule.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.09.2021

Ein Muss für Feminist:innen und alle, die es werden wollen

Frausein
0

In ihrem ausdrucksstarken, charakteristischen Schreibstil hinterfragt Mely Kiyak schonungslos ihre persönlichen Erfahrungen als Frau von der Kindheit bis in die Gegenwart, teilt ihre Beobachtungen und ...

In ihrem ausdrucksstarken, charakteristischen Schreibstil hinterfragt Mely Kiyak schonungslos ihre persönlichen Erfahrungen als Frau von der Kindheit bis in die Gegenwart, teilt ihre Beobachtungen und ordnet alles in einen großen Kontext ein. Scheinbar kleine Erinnerungen können hier dazu führen, dass sie messerscharf Missstände und Ungleichheiten aufdeckt. Wirklich beeindruckend!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.09.2021

Schon jetzt DAS Buch 2021 für mich!

Heimatsterben
0

Ein Buch, das nicht aktueller hätte sein können: Im Jahr 2023 stehen nach einer gescheiterten Regierung Neuwahlen in Deutschland an. Die eher linke Journalistin Hanna lässt sich von ihrem charismatischen ...

Ein Buch, das nicht aktueller hätte sein können: Im Jahr 2023 stehen nach einer gescheiterten Regierung Neuwahlen in Deutschland an. Die eher linke Journalistin Hanna lässt sich von ihrem charismatischen Schwager Felix dazu überreden, weit hinten auf der Landesliste seiner neurechten Partei zu kandidieren und ihn zu beraten. Die Partei fährt bei der Wahl einen riesigen Sieg ein und Hanna sitzt plötzlich unerwartet im Bundestag. Nur langsam erkennt sie, worauf sie sich eingelassen hat.

In "Heimatsterben" geht es um Politisches genauso wie im Persönliches - die Autorin verwebt gekonnt beide Ebenen zu einer fesselnden und faszinierenden Geschichte. Sie schreibt schnörkellos, aber eindringlich, sodass der Roman zum Pageturner wird. An vielen Stellen wirkt er erschreckend realistisch, sodass er gerade so kurz vor der Bundestagswahl ein eindringliches Plädoyer für die Demokratie liefert.

Am Anfang waren die verwobenen Familienstrukturen der vielen Generationen etwas verwirrend, aber der abgebildete Stammbaum half, die Verwandschaftsbeziehungen zu entwirren.

Insgesamt ein höchst empfehlenswerter Roman!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.08.2021

Berührende Geschichte einer Freundschaft

Der Mauersegler
0

Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und habe es an einem Tag ausgelesen. Im Gegensatz zu seinen tierischen Namensgebern war der Roman in meinen Händen also sehr wohl geerdet. :)

Hier kommt richtig ...

Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und habe es an einem Tag ausgelesen. Im Gegensatz zu seinen tierischen Namensgebern war der Roman in meinen Händen also sehr wohl geerdet. :)

Hier kommt richtig viel Gutes zusammen: Ein poetischer, bildstarker Schreibstil; kluge Naturbeschreibungen, die die Emotionen einfangen und spiegeln; Protagonist:innen, die man trotz (oder wegen) ihrer Ecken und Kanten ins Herz schließt, und ein wirklich hervorragend ausgearbeiteter Spannungsbogen, der mir am Ende die ein oder andere Träne entlockt hat.

Ich finde es richtig toll, dass Jasmin Schreiber eine so emotional reiche und bewegende Geschichte über eine Freundschaft geschrieben hat (und nicht über eine Liebesbeziehung), nämlich über die Freundschaft von Prometheus und Jakob. Die beiden kennen sich seit ihrer Kinderheit und waren immer unzertrennlich. Dann erkrankt Jakob an Krebs und stirbt.

In der Gegenwart begleiten wir den Arzt Prometheus nach Jakobs Tod auf der Flucht vor seiner Schuld und folgen ihm nach Dänemark, wo er unerwartet auf dem Reiterhof von Helle und Aslaug landet. Übrigens richtig erfrischend, einfach ein lesbisches Pärchen in einem Roman zu erleben, ohne dass deren Lesbischsein thematisiert oder als ungewöhnlich dargestellt wird. Stattdessen haben beide ihre Ticks und sind einfach als Menschen interessant, nicht wegen ihrer Sexualität.

Dazwischen gibt es immer wieder Rückblenden in die Vergangenheit: in die gemeinsame Kindheit von Prometheus und Jakob, aber vor allem auch in die Monate vor Jakobs Tod. Dort hat Prometheus seinen sterbenden Freund nicht nur persönlich, sondern auch als Arzt begleitet. Langsam enthüllt die Autorin, was genau passiert ist und wie die Ereignisse nicht nur Jakob und Prometheus, sondern ihr ganzes familiäres Umfeld beeinflusst haben.

Diese emotionale Geschichte hat die Autorin in einem ausdrucksstarken Schreibstil verfasst. Mir gefällt besonders, wie sie die teils sprunghaften Gedankengänge von Prometheus einfängt und wie sie den Druck zeigt, unter dem Prometheus steht. Auch die Naturbeschreibungen bereichern die Geschichte.

Mir hat "Der Mauersegler" noch besser gefallen als "Marianengraben". Sehr empfehlenswert für alle, die emotionale, aber nicht-kitschige Romane mögen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere