Platzhalter für Profilbild

Venatrix

Lesejury Star
offline

Venatrix ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Venatrix über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.01.2022

Fesselnder Auftakt einer Familiengeschichte

Abschied von der Heimat
0

Der Schauplatz dieses historischen Romans, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, ist der kleine idyllische Ort Hohenfurth nahe Bad Leonfelden an der Grenze zu Österreich. Einst hat es zu Böhmen und ...

Der Schauplatz dieses historischen Romans, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, ist der kleine idyllische Ort Hohenfurth nahe Bad Leonfelden an der Grenze zu Österreich. Einst hat es zu Böhmen und damit zu Österreich-Ungarn gehört. Jetzt, nach Ende des Ersten Weltkriegs heißt die Stadt Vyšší Brod und ist Teil der neu entstandenen Tschechoslowakei. Die Mehrheit der Bevölkerung spricht deutsch und sieht auf die Tschechen herab. Soweit, der geschichtliche Hintergrund.

Zum Inhalt:

Weil die Bevölkerung im entfernten Rheinland wegen der Reparationszahlungen an Frankreich seit Jahren hungert, entschließt sich Olga 1929, ihre fünfjährige Tochter Erika von Köln nach Hohenfurth zu ihrer Schwester Maria „Mimi“ Minich zu schicken, um sie dort aufzupäppeln. Was als temporäre Maßnahme gedacht war, entpuppt sich als einschneidender Eingriff in Erikas Leben. Die unverheiratete Tante ist herrisch, unnachgiebig und hat ihr eigenes (geheimes) Schicksal zu tragen. Nach und nach lebt sich Erika ein. Eine Rückkehr nach Köln weiß die Tante geschickt zu verhindern. Erika lebt das beinahe unbeschwerte Leben eines Teenagers und findet Freundinnen.

Mit der Besetzung des Sudetenlandes 1938 durch das NS-Regime erweist sich die kleinstädtische Idylle als trügerisch. Jetzt werden offen alte Rechnungen beglichen. Erika verliebt sich in Heinz, einem Offizier der Marine, träumt von Hochzeit und eigener Familie und wacht aus ihren Träumen jäh auf, als es 1945, nach der Niederlage des NS-Regimes heißt, alle deutschsprachigen Bewohner werden ausgewiesen.

Meine Meinung:

Ein gelungener Auftakt zu einer dreiteiligen Familien-Saga, die sich so oder ähnlich sicherlich häufiger als vermutet abgespielt haben kann.

Die Charaktere sind vielschichtig gestaltet. Maria Minich, die, so scheint es, ihre Nichte so selbstlos bei sich aufnimmt, ist einerseits eine egoistische intrigante Frau, der es in erster Linie um sich selbst, und nicht um das Wohl ihrer Nichte geht, und andererseits eine durch ihre (angedeutete) Andersartigkeit, vom Leben gezeichnete Person.

Erika hingegen ist durch die Trennung von Eltern und Geschwistern zu Beginn verunsichert, mausert sich dann zu einer starken Persönlichkeit, an der die Tante einen großen Anteil hat und sei es nur, dass Erika sich der einen oder anderen Anordnung der Tante widersetzt. Sie reift zu einer wachen Persönlichkeit, die Unrecht erkennt und dieses mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. Diese Kämpfernatur wird ihr vermutlich im nächsten Band sher nützlich sein.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und bildhaft. Er lässt die Zeit in Hohenfurth während der Jahre lebendig auferstehen. Die kleinen oder größeren Intrigen der Tante bzw. Das Zusammenleben im Ortsverband können sich die Leser gut vorstellen. Ich bin in diese Geschichte, die Elemente aus der Familiengeschichte der Autorin enthält, hineingekippt.

Fazit:

Ein fesselnder Auftakt einer Familien-Saga, der ich gerne 5 Sterne gebe und ungeduldig auf die Fortsetzung, die in Wien spielt, warte.

Veröffentlicht am 09.01.2022

Hat der Secret Service sein in ihn gesetztes Vertrauen verspielt?

Secret Service
0

Kann der Secret Service seinen Aufgaben, den Präsidenten der USA und die Demokratie zu beschützen, noch nachkommen? Dieser zentralen Frage geht Carol Leonnig in ihrem Buch nach.

In 5 Teilen, die in weitere ...

Kann der Secret Service seinen Aufgaben, den Präsidenten der USA und die Demokratie zu beschützen, noch nachkommen? Dieser zentralen Frage geht Carol Leonnig in ihrem Buch nach.

In 5 Teilen, die in weitere Kapitel untergliedert sind, erzählt Pulitzer-Preisträgerin und Investigativjournalistin Carol Leonnig über Aufstieg und Fall (?) des Secret Service.

Die Tragödie, aus der ein neuer Secret Service erwuchs: Kennedy bis Nixon (1963 bis 1974)
Feuerprobe: Ford-Clinton (1974-1999)
Terror und Politik: Die Bush-Jahre (2000-2007)
Es läuft aus dem Ruder: Die Obama-Jahre (2008-2015)
Rückwärts und abwärts: Die Trump-Jahre (2016-2021)

Die Autorin hat penibel recherchiert und dabei eine beispiellose Serie von Pleiten, Pech und Pannen zutage gefördert. Sie hat zahlreiche ehemalige Agenten des Secret Services interviewt. Agenten, die nach Erreichen ihres Alterslimits regulär in Pension gegangen sind, solche, die gefeuert wurde oder solche, die wegen der Missstände den Dienst quittiert haben.

Herausgekommen ist ein Bericht über jenen Dienst, der den Wahlspruch „Worthy of Trust and Confidence“ (Wir sind das Vertrauen wert) auf die Fahnen heftet, aber mehr denn je dieses Vertrauen verspielt hat.

Interne Machtkämpfe, Geld- und Personalmangel, Unfähigkeit sowie Präsidenten, die den Dienst nicht ernst nehmen, haben aus einer Eliteeinheit ein trauriges Kapitel der amerikanischen Geschichte gemacht.

Braucht es wieder einen Mord an einem Präsidenten der USA, dass der Secret Service wie ein Phönix aus der Asche aufsteigt oder braucht man den Dienst nicht mehr?

Fazit:

Ein Bericht, der mich erschaudern lässt, wenn ich mir die Konsequenzen ausmale. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 09.01.2022

Hat mich gut unterhalten

Die Frauen von Schönbrunn (Die Schönbrunn-Saga 1)
0

Beate Maly entführt ihre Leser in den Tiergarten von Schönbrunn, der 1752 von Franz Stephan von Lothringen, Ehemann von Maria Theresia und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, gegründet ...

Beate Maly entführt ihre Leser in den Tiergarten von Schönbrunn, der 1752 von Franz Stephan von Lothringen, Ehemann von Maria Theresia und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, gegründet worden ist. Was ursprünglich, als kaiserliche Menagerie und zum Plaisir gedacht war, ist nun ein Ort der Ablenkung für die Menschen und gleichzeitig Schauplatz eines Mädchentraumes.

Denn Emma, die Tochter des Schönbrunner Tierarztes Karl Moser, will in die Fußstapfen ihres Vaters treten. Doch ein Studium der Veterinärmedizin ist den Frauen in der Donaumonarchie verwehrt. Nach Zürich müsste sie gehen, um sich ihren Traum zu erfüllen. Dafür nimmt sie jede Arbeit, die sich für eine Bürgerstochter schickt an. Im Sommer 1914, wenige Tage vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, kann sie als Tierpflegerin in Schönbrunn beginnen.
Innerhalb kürzester Zeit werden fast alle Männer, darunter ihr Vater und der Ehemann ihrer schwangeren Schwester Greta, eingezogen. Im Tiergarten bleiben nur mehr der Direktor, der alte Tierpfleger Franz und der aufgeblasene Zoologe Hubert von Kochauf, der den Zoo als Ressource für seine privaten Studien ansieht, bleiben zurück. Den überwiegenden Anteil der Arbeit übernehmen die dort angestellten Frauen, bis Julius Winter, „Pferdedoktor“ und traumatisierter Kriegsveteran seinen Dienst antritt.

Die energische Emma reißt Winter aus seinem Selbstmitleid und gemeinsam beginnen sie einige Tiere des Zoos vor der Schlachtung zu retten, denn das Verständnis vieler Wiener, die seit Jahren hungern müssen, die wenigen Nahrungsmittel, die vorhanden sind, mit Zootieren teilen zu müssen, ist enden wollend.

Meine Meinung:

Beate Maly ist wieder ein toller historischer Roman gelungen. Diesmal eben in Wien während des Ersten Weltkrieges.

Wie wir es von der Autorin gewöhnt sind, beschreibt sie ihre Charaktere eindrucksvoll und lebendig. Wie häufig, lassen sich die fiesen Figuren besser darstellen und so kommen die „Guten“, wie der alte Tierpfleger Franz fast ein wenig zu kurz. Eine widerliche Nebenfigur ist der Nachbar, der Greta und Emma bespitzelt und aus ihrer finanziellen Notlage, profitieren und ihnen das Haus um einen Spottpreis abkaufen will. Doch die Schwestern lassen sich, wie so viele Frauen dieser Zeit, nicht unterkriegen.

Beate Malys Schreibstil ist flüssig und das Buch lässt sich leicht lesen.

Was heute zum Alltag eines gut geführten Tiergartens gehört, nämlich eine möglichst artgerechte Unterbringung und Beschäftigung der Tiere, ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur eine Idee der fiktiven Emma. Dass sie sich um Fanny, die Orang-Utan-Dame kümmert und sie mit Bällen spielen lässt, ist eine weitreichende Idee, die in den 1990er Jahren mit „Nonja“, der malenden Orung-Utan-Dame, in den Medien bekannt wurde.

Mögen dem Tiergarten Schönbrunn weitere 250 Jahre gegönnt sein, denn „Der Zoo ist ein Ort der Ablenkung, der Unterhaltung und der Freude.“ (S. 345)

Fazit:

Ein gelungener historischer Roman, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 03.01.2022

Hat mir gut gefallen

Die Geschichte der Pasta in zehn Gerichten
0

Zahlreiche Pasta-Gerichte dürfen auf unserem Speisezettel niemals fehlen. Ob Fettucine Alfredo, Lasagne oder Gnocchi - diese haben einen festen Platz in unserer „italienischen“ Küche. Was aber die wenigsten ...

Zahlreiche Pasta-Gerichte dürfen auf unserem Speisezettel niemals fehlen. Ob Fettucine Alfredo, Lasagne oder Gnocchi - diese haben einen festen Platz in unserer „italienischen“ Küche. Was aber die wenigsten wissen, sie sind nicht immer wirklich italienisch. Denn erstens, ist Italien in zahlreiche Regionen wie Piemont, Neapel oder die Lombardei gegliedert, die jede für sich schmackhafte Gerichte hervorgebracht hat, und zweitens haben einige ihren Ursprung in den USA und sind in den 1950er Jahren nach Europa importiert worden.

Mit viel Humor und Akribie hat sich Luca Cesari, ein passionierter Koch, in zahlreiche historische Kochbücher vertieft und versucht, die Geschichte der Pasta anhand dieser zehn Gerichte nachzuvollziehen:

1. Fettucine Alfredo
2. Amatriciana
3. Carbonara
4. Gnocchi
5. Tortellini alla Bolognese
6. Ragu alla Napoletana
7. Ragu alla Bolognese
8. Lasagne
9. Pesto alla Genovese
10. Spaghetti alla pomodoro

Bei seinem Streifzug geht er auf die unterschiedlichen Auffassungen über die jeweils „richtige“ Zubereitung der einzelnen Gerichte ein.

Ich löse das Problem mit der Herkunft der Speisen ganz einfach. Bei uns heißt es dann immer „Spaghetti/Gnocci alla Casa“, wenn die eine oder andere Zutat gerade einmal aus ist.

Der Autor spricht mir aus der Seele, wenn er sagt:

„ Glücklicherweise ist und bleibt Kochen ein unerschöpfliches, ständig anwachsendes kollektives Erbe, und dazu tragen große Köche und Köchinnen ebenso bei wie Großmütter. Keiner kann sagen, wie es weitergehen wird. Aber wenn die Geschichte der Pasta uns eines lehrt, dann dies: Die einzige Konstante der Tradition ist Veränderung.“ (S. 217)

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen!

Fazit:

Ich gebe diesem köstlichen Kochbuch gerne 5 Sterne und überlasse die Diskussion ob Pancetta oder Guanciale den Puristen. Hauptsache, es schmeckt.

Veröffentlicht am 03.01.2022

Eine Hommage an einen fast Vergessenen

Der stille Held
0

Wer an die Antarktis denkt, hat sofort die Namen Robert Falcon Scott, Ernest Shackleton oder Roald Amundsen im Kopf. Manchen, die sich mit Schiffen beschäftigen, sind dann noch die „Discovery“, die „Terra ...

Wer an die Antarktis denkt, hat sofort die Namen Robert Falcon Scott, Ernest Shackleton oder Roald Amundsen im Kopf. Manchen, die sich mit Schiffen beschäftigen, sind dann noch die „Discovery“, die „Terra Nova“, „Nimrod“ und die „Endurance“ ein Begriff. Doch die vielen Männer, die Scott und Shackleton auf ihren Expeditionen begleiteten sind im Dunkel der Geschichte verschwunden.

Einem dieser Männer, der unter Einsatz seines Lebens, andere vor dem sicheren Tod bewahrt hat, widmet sich nun dieses Buch: Thomas „Tom“ Crean (1877-1938).

Der irische Bauernsohn tritt als Halbwüchsiger in die Royal Navy ein und wird später an insgesamt drei Antarktis-Expeditionen teilnehmen.
Er nimmt an der „Discovery-Exepedition“ (1901-1904) mit Robert F. Scott teil und ist Mitglied der Crew der „Terra Nova“ (1910-1913), die Scott zum Verhängnis werden sollte. Dem sicheren Tod beim Wettlauf um den Südpol entkommt Tom Crean, weil Scott auf seine Anwesenheit in der Gruppe verzichtet.

Sein längstes Eisabenteuer wird er aber mit Ernest Shackleton haben, der mit der „Endurance“ 635 Tage im Eis festsitzt, bevor er, gemeinsam mit 27 anderen, in einem Beiboot Hilfe holen können.

Dem Aufruf Ernest Shackletons zu einer vierten Expedition, kann Tom Crean widerstehen, da er inzwischen sesshaft geworden und verheiratet ist.
„Männer für gefährliche Reise gesucht. Geringer Lohn, bittere Kälte, lange Monate kompletter Dunkelheit, ständige Gefahr, sichere Rückkehr ungewiss. Ehre und Anerkennung im Erfolgsfall.“ (Ernest Shackleton (1874–1922))

Meine Meinung:

Michael Smith ist hier nicht nur eine großartige Biografie eines Mannes gelungen, der nicht mit dem sprichwörtlichen „Goldenen Löffel“ geboren worden ist, sondern auch die Darstellung der unmenschlichen Strapazen, die die Männer auf ihren Expeditionen aushalten mussten.
Dazu hat der Autor in diversen Archiven recherchiert, die Tagebuchaufzeichnungen der Expeditionsleiter, Logbücher sowie Briefe eingesehen. Zahlreiche Fotos ergänzen diese penibel rekonstruierten Ereignisse. Damit sich der Leser von heute die Strapazen und Qualen der Männer vorstellen kann, sind zahlreiche Zitate eingeflochten.

Fazit:

Diese Biografie ist eine Hommage an einen außergewöhnlichen Mann, der beinahe vergessen ist. Durch dieses Werk von Michael Smith werden Tom Crean und seine Kameraden wieder dem Vergessen entrissen. Gerne gebe ich dieser Biografie 5 Sterne.