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Veröffentlicht am 02.04.2022

Eine bewegende Geschichte, nüchtern erzählt

connect
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„Connect“ von Thea Mengeler fällt sicher zuallererst durch seine wundervoll bibliophile Gestaltung auf: Mit farbigem Buchschnitt, bedrucktem Buchrücken und einem traumhaften Cover-Design hat der leykam-Verlag ...

„Connect“ von Thea Mengeler fällt sicher zuallererst durch seine wundervoll bibliophile Gestaltung auf: Mit farbigem Buchschnitt, bedrucktem Buchrücken und einem traumhaften Cover-Design hat der leykam-Verlag offenbar keine Kosten und Mühen gescheut, um ein rundum ästhetisches Buch herzustellen. Der Inhalt wird dieser aufwendigen Aufmachung zum Glück auch weitgehend gerecht.

Ava, eine 28-jährige Designerin, ist quasi mit ihrer Arbeit verheiratet. Als sie eine zunehmende Leere in ihrem Leben verspürt, gerät sie zufällig in Kontakt mit einer Sekte, Connect – nur, dass Ava sie nicht als solche wahrnimmt. Mehr und mehr Zeit verbringt sie bei den gemeinsamen Treffen und isoliert sich zunehmend von ihrem sozialen Umfeld. Gefährliche Strukturen nimmt sie als besondere Aufmerksamkeit wahr und verweigert sich möglichen kritischen Deutungen. Die Situation eskaliert, als Ava ihren Job hinwirft und ihr komplettes Leben Connect widmet.

Das Spannende an Thea Mengelers Debütroman ist seine Perspektive: Die Erzählerin Ava ist, ohne es zu merken, ein Opfer von Gehirnwäsche und vermittelt uns Lesenden entsprechend ihre verzerrte Wahrnehmung der Realität. Aus diesen unzuverlässigen Schilderungen müssen wir uns die „Wahrheit“ selbst zusammenpuzzeln und sehen uns so mit der Frage konfrontiert, wie wir an ihrer Stelle handeln, wie wir das Geschehen interpretieren würden. Denn die Beurteilung von außen fällt immer leicht („es ist ja völlig offensichtlich, dass das Betrug ist“), die Sicht einer Betroffenen verändert jedoch die Sicht.

Nicht ganz passend zu dieser vielschichtigen und hochemotionalen Thematik scheint der leider sehr nüchterne Sprachstil. Echte Empathie mit der Hauptfigur will sich aufgrund der sachlichen Schilderungen nicht so ganz einstellen, sodass eine deutliche Distanz zwischen mir als Leserin und Ava als Protagonistin bestehen bleibt. Ihr Schicksal berührt weniger auf einer emotionalen Ebene, sondern lässt sich eher auf einer rationalen Ebene begreifen und analysieren. Dadurch geht dem vielversprechenden Roman ein längerer Nachhall verloren, den er sonst zweifellos hätte hervorrufen können.

„Connect“ ist ein gelungener Roman mit einer hochinteressanten Thematik und einer überzeugenden Entwicklung, dem es leider ein wenig an Emotionalität mangelt. Alles in allem ein vielversprechender Start von Thea Mengelers Autorinnenkarriere.

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Veröffentlicht am 28.02.2022

Psychologisch interessant und emotional bewegend

Unser wirkliches Leben
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„Unser wirkliches Leben“ von Imogen Crimp ist nur auf den ersten Blick eine klassische Liebesgeschichte: junge, mittellose Sängerin mit großen Träumen trifft, älteren, gut betuchten Mann und sie beginnen ...

„Unser wirkliches Leben“ von Imogen Crimp ist nur auf den ersten Blick eine klassische Liebesgeschichte: junge, mittellose Sängerin mit großen Träumen trifft, älteren, gut betuchten Mann und sie beginnen eine Affäre. Trotz dieses eher klischeehaften Set-ups ist der Autorin hier jedoch ein etwas anderer Roman gelungen, einer, der seine Protagonistin nicht als Liebeskranke mit einem Mann als einzigem Lebensinhalt darstellt, sondern ihr komplettes Leben ausleuchtet und ihr somit echte Tiefe verleiht.

Anna ist vom Land nach London gezogen, um am Konservatorium Operngesang zu studieren. Sie hält sich mit Singen im Jazzclub über Wasser und lebt kontinuierlich am Existenzminimum, um ihren großen Traum von der Opernkarriere zu verwirklichen. Von der überbehütenden und kontrollierenden Mutter und dem schweigsamen Vater zu Hause kann sie sich nicht viel Unterstützung erhoffen, denn diesen Lebensweg halten sie für viel zu unsicher. Als sie eines Abends Max kennenlernt, fühlt sie sich sofort zu ihm hingezogen, obwohl er sie von Anfang an auf Abstand hält. Ihre Beziehung entwickelt sich nach und nach in eine ungesunde Richtung, und Anna droht den Bezug zu sich selbst und ihren eigenen Wünschen zu verlieren, entfremdet sich von ihrem Umfeld und macht sich mehr und mehr abhängig von Max. Was anfängt wie ein seichtes Liebesdrama, entwickelt sich bald zu einem ernsthaften Psychogramm einer unsicheren jungen Frau, der es an Halt im Leben mangelt.

Trotz dieser erfreulichen Tiefe wartet „Unser wirkliches Leben“ auch mit einer ganzen Reihe von Klischees auf, und zwar nicht nur im Bereich der Liebesgeschichte, sondern vor allem auch, wenn es um das Leben von Künstler*innen geht. Die Geschichte suhlt sich häufiger recht stark in der Idee der mittellosen Künste und des freien Lebens. Zudem ist das Erzähltempo extrem gemächlich, wovon die Charakterentwicklung zwar enorm profitiert, was aber insgesamt dafür sorgt, dass sich einige Längen ergeben. So mancher Dialog wiederholt sich dabei, und dieselben Themen werden immer und immer wieder angesprochen. Prinzipiell unterstützt diese Erzählweise das Porträt von Anna und ihrer Gefühlswelt, ihr Sich-im-Kreis-Drehen und Nicht-von-der-Stelle-Kommen, der Grat zwischen Raffinesse und Ermüdung ist jedoch schmal und wird hin und wieder überschritten.

Trotz dieser leichten Schwächen ist „Unser wirkliches Roman“ ein Buch, das berührt und nachdenklich macht, mit einer Protagonistin, die mir als Leserin wirklich und wahrhaftig nahe kommt. Eine lohnenswerte Lektüre!

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Veröffentlicht am 13.02.2022

Betroffen machend und extrem spannend

Ich bin der Abgrund
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„Ich bin der Abgrund“ von Donato Carrisi ist ein Psycho-Thriller im wahrsten Sinne des Wortes: Im Vordergrund steht nicht nur eine geschundene Psyche, sondern mehrere. Sie alle reagieren unterschiedlich ...

„Ich bin der Abgrund“ von Donato Carrisi ist ein Psycho-Thriller im wahrsten Sinne des Wortes: Im Vordergrund steht nicht nur eine geschundene Psyche, sondern mehrere. Sie alle reagieren unterschiedlich auf ihr Trauma. Die Spannung kommt bei diesem Psychogramm nie zu kurz, wenngleich der ein oder andere Zufall etwas unglaubwürdig daherkommt.

Der Müllmann, der namenlose Protagonist des Buchs (Namenlosigkeit herrscht im Buch übrigens prominent vor und verleiht ihm damit einen fast parabelhaften Anstrich), tötet Menschen. Aber nicht aus Lust, sondern aus einem Zwang heraus, der aus einem extremen Kindheitstrauma entstanden ist. Als er eines Tages mehr oder minder aus Versehen das Leben einer jungen Frau rettet, beginnt er eine Verbindung zu spüren, wie er sie zuvor nie erlebt hat. Diese Aktion weckt aber die Aufmerksamkeit der „Fliegenjägerin“, die sich auf seine Fersen heftet – eine Frau mit ihren ganz eigenen Dämonen, die sich der Ausrottung häuslicher Gewalt verschrieben hat. Eine spannende Jagd beginnt.

Das vorherrschende Thema im Buch ist Missbrauch – schonungslos wird geschildert, was jungen Menschen widerfährt und sie zu älteren, grausameren, resignierteren Menschen macht. Das macht diesen Thriller zu einem Buch, das nicht einfach auf billige Art schockieren und seinen Lesenden einen kalten Schauer über den Rücken jagen will, sondern betroffen machen, das Leid greifbar machen. „Ich bin der Abgrund“ präsentiert uns keine Monster, sondern vielschichtige, komplexe Charaktere mit echten Biographien, was ihm im Thriller-Genre eine gewisse Sonderstellung einräumt.

Diese Komplexität überträgt sich leider nicht immer auf den Handlungsablauf, der doch häufiger zu recht unglaubwürdigen Zufällen greift, um die Geschichte voranzutreiben. Das sorgt für so manches Stirnrunzeln, tut aber dem deutlich erkennbaren Spannungsbogen nur wenig Abbruch.

„Ich bin der Abgrund“ ist ein Psycho-Thriller, der den Menschen und seine Psyche an sich in den Vordergrund stellt, was ihm – trotz kleiner Schwächen auf Handlungsebene – meisterhaft gelingt.

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Veröffentlicht am 29.01.2022

Eine humorvoll-düstere, originelle Taxifahrt durch die Zukunft

Born
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Born, das ist der Titel von Kris Brynns neuestem Roman, einem wilden Genremix aus Sci-Fi, Hardboiled Noir und Thriller mit einer ordentlichen Prise Humor. Born ist zugleich der Name der Megacity, in der ...

Born, das ist der Titel von Kris Brynns neuestem Roman, einem wilden Genremix aus Sci-Fi, Hardboiled Noir und Thriller mit einer ordentlichen Prise Humor. Born ist zugleich der Name der Megacity, in der die Romanheldin Nalani mit ihrem Taxi herumkurvt, stets begleitet von Fergus, der Unfall-AI ihres autonomen Fahrzeugs, die einfach nicht verschwinden möchte und sich mit sarkastischen Sprüchen und unangebrachten Vorträgen in unser und Nalanis Herz mogelt.

Das skurrile Duo landet unversehens mitten in einem großen Politskandal, denn korrupte Politiker bereichern sich an den knappen Ressourcen und füllen ihre Taschen mit Schwarzmarkt-Geschäften. Um ihre eigene Haut und die ihrer Familie und Freunde zu retten, muss Nalani einige Skills zum Einsatz bringen, die in ihrem Taxifahrerinnen-Vertrag wohl kaum vorgesehen waren. Zusammen mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus leicht zwielichtigen Gestalten macht sie sich auf, ein Komplott aufzudecken und ihren Bruder zu retten, der durch unglückliche Verquickungen in die Geschichte verwickelt wurde.

„Born“ brilliert vor allem durch sein originelles und farbenfrohes Worldbuilding: Das hier entworfene Szenario spielt in einer nahen Zukunft, in der die Menschheit sich in riesige und hoch technologisierte Megacitys zurückgezogen hat und um Ressourcen kämpfen muss. Lebensmittel sind streng rationiert und werden planwirtschaftlich angebaut, Wasser ist Mangelware. Dass in einer solchen Welt manche gleicher sind als andere, ist beinahe vorprogrammiert. Und so deckt der Roman vor allem schonungslos die soziale Ungerechtigkeit auf, die in Born herrscht – und trifft damit einen Nerv. Denn dass die einen auf Kosten der anderen im Luxus leben, ist uns ja auch heute nicht ganz unbekannt.

Der einzige Makel von „Born“, einem ansonsten absolut wunderbar schrägen, klugen und spannenden Roman, ist der Stil. Der Versuch, durch eine oft besonders hochgestochene und schwülstige Sprache Komik zu erzeugen, geht leider manchmal ganz schön in die Hose und sorgt für Stirnrunzeln im ansonsten guten Lesefluss. Das soll nicht heißen, dass einige der so erzeugten Gags nicht sitzen – aber das Prinzip „Weniger ist mehr“ wäre stellenweise durchaus angebracht.

Insgesamt ist „Born“ jedoch ein erfrischend anderer, origineller, witziger und zugleich sozialkritischer Roman mit phantastischem Worldbuilding, skurrilen Charakteren und viel Potenzial für Diskussionen. Ein wilder Ritt, der sicher Fans vieler Genres begeistern kann!

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Veröffentlicht am 29.01.2022

Ein spannender, unter die Haut gehender Thriller mit enttäuschender Auflösung

Das Loft
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An „Das Loft“, dem ersten für sich allein stehenden Thriller von Bestseller-Autor Linus Geschke, stimmt zunächst einmal eigentlich alles: Figuren, Atmosphäre und Erzählperspektiven vermischen sich zu einem ...

An „Das Loft“, dem ersten für sich allein stehenden Thriller von Bestseller-Autor Linus Geschke, stimmt zunächst einmal eigentlich alles: Figuren, Atmosphäre und Erzählperspektiven vermischen sich zu einem dichten psychologischen Roman, der eine toxische Beziehung auf schonungslose Art seziert und eine spannende Mordermittlung in Gang setzt, bei der man niemandem trauen kann. Leider bleibt die Auflösung hinter den bis zum großen Finale aufgebauten Erwartungen etwas zurück.

„Das Loft“ schildert aus den Perspektiven eines jungen Paars, Sarah und Marc, und einer Mordkommissarin die Ermittlungen im Fall des Verschwindens von Henning, dem Mitbewohner der beiden. Schnell ist klar, dass er wohl einem Mord zum Opfer fiel, und beinahe ebenso schnell sind Sarah und Marc in den Fokus der Ermittlungen gerückt. Nach und nach wird aufgedeckt, was für eine Art Beziehung sie miteinander führten und wie sie zu Henning standen – es dauert nicht lange, bis sich Zweifel regen, wie aufrichtig die beiden sind und was sie in ihren jeweiligen Beziehungen zu Henning zu verbergen suchen.

Der Thriller ist eher langsam erzählt und geprägt von den vielen Rückblenden, die Episoden aus Sarahs und Marcs gemeinsamer Geschichte erzählen. Dabei schwebt immer die Vermutung über dem Geschehen, dass sie ein Geheimnis hüten, und der Wunsch, diesem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, gepaart mit der Erwartung, dass es der Schlüssel zur Auflösung des Mordfalls ist, wird im Laufe des Romans nahezu übermächtig. Es wird eine bedrohliche Atmosphäre aufgebaut, die weniger durch Action, sondern eher durch psychologische Spannung besticht. Leider sorgt die Auflösung zum Schluss für einen jähen Abfall dieser Spannung – was sicher für einige Lesende eine Enttäuschung bedeuten wird. Andererseits wird es für viele als Überraschung kommen.

Linus Geschke ist mit „Das Loft“ trotz dieser leichten Schwächen im Plot ein psychologischer Thriller gelungen, der die Menschlichkeit seiner Figuren in den Vordergrund stellt und dabei sehr gründlich vorgeht. Das wahre Kunststück ist, dass dabei stets auch eine hohe Grundspannung vorhanden bleibt. Lesenswert!

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