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Nilchen

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Veröffentlicht am 17.02.2022

Das Mädchen für alles

Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung
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Wer glaubt, dass die Hausfrau eine historisch uralte Institution ist, irrt gewaltig. Eine Entwicklung die Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt hatte und hoffentlich bald zu Grabe getragen wird.
Sehr ...

Wer glaubt, dass die Hausfrau eine historisch uralte Institution ist, irrt gewaltig. Eine Entwicklung die Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt hatte und hoffentlich bald zu Grabe getragen wird.
Sehr erhellend für diesen Erkenntnisgewinn ist das Sachbuch ‚Die Erfindung der Hausfrau - Eine Geschichte der Entwertung‘ von der Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes. Dieses Buch war erhellend wie kein anderes für mich zum Thema, vor allem was unser heutiges Rollenverständnis angeht.
Der Bogen wird gespannt vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Es wird der Leserschaft vor Augen geführt wie es dazu kam, dass Frauen unentgeltlich die gesamte Haushaltsarbeit leisten. Wahnsinn wie die Veränderung sich durch die Jahrhunderte zog. Stelle man sich vor, dass Frauen im Mittelalter noch Teil vieler Zünfte waren und es undenkbar war, dass Frauen nicht gearbeitet haben, weil Familien das Geld einfach brauchten.
Die Veränderung fand schleichend statt. Erst der Wandel vom Stand zum Bürgertum brachte den Stein ins Rollen. Denn die Repräsentanz sollte gewahrt werden, aber das Bürgertum hatte nicht das nötige Geld um Angestellte zu haben somit musste die Ehefrau und Mutter hier tätig werden.
Den negativ Höhepunkt erreichte es 1900 als die Hausfrauenehe im BGB landete und Ehefrauen schlicht nicht mehr geschäftsfähig waren, da sie keine Entscheidungsgewalt mehr hatten und es gesetzlich verpflichtend war für Ehefrauen sich um das Heim und Kinder zu kümmern. In der BRD erst 1977 wieder abgeschafft. Dieses Hausfrauendasein ersparte dem Patriachat viel Geld, da sie ihren Lebensstandard halten konnte ohne Personal.
Ein weiterer Aspekt ist die Einsamkeit der Hausfrau durch die Konzentration auf die Kernfamilie und eine Art Boreout durch die technischen Errungenschaften der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Ein wirklich äußerst lesenswertes Sachbuch! Eine geschichtliche Entwicklung verknüpft mit den heutigen schier unerreichbaren Anforderungen an Mütter ausgelöst durch gesellschaftlichen Druck und eigen kreiertem Anspruch.
Fazit: Auch gekaufter Kuchen macht Kinder glücklich.

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Veröffentlicht am 14.02.2022

Dunkle Ecken ausleuchtend um Identität zu finden

Grenzgänge
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Was bedeutet Heimat? Was Zugehörigkeit? Wer bestimmt wann und wo man ein Teil von wird? Und wann endet die rastlose Suche? Einiger dieser Fragen und noch viele mehr treibt den Protagonisten in dem Roman ...

Was bedeutet Heimat? Was Zugehörigkeit? Wer bestimmt wann und wo man ein Teil von wird? Und wann endet die rastlose Suche? Einiger dieser Fragen und noch viele mehr treibt den Protagonisten in dem Roman ‚Grenzgänge‘um. Es ist der Ich-Erzähler Bujar, der in Albanien groß wird und dem Elend mit seinem Freund Agir entschwinden will. Nicht nur wegen der ärmlichen Verhältnisse, auch die sexuelle Orientierung hat im traditionell verhafteten Umfeld keine Chance auf Entfaltung.
Die beiden flüchten sich zunächst nach Italien und Bujars Flucht setzt sich dann durch die verschiedensten Länder und Städte fort. Nicht nur das, auch er selbst wechselt nach außen hin die Identitäten, mal täuscht er vor Italiener zu sein, mal eine Frau. Er traut sich, versteckt sich und vor allem sucht er sich selbst und seinen Platz. Letztendlich landet er in Finnland.
Dieses Buch beschreibt grandios die inneren und äußeren Grenzgänge, die der Protagonist durchmacht und nimmt uns mit. Bujar kämpft mit allen Tricks und Täuschungen nach außen hin und lässt uns an seinem inneren Aufgewühlten teil haben mit sehr klugen Gedanken.
Wahnsinnig gut erzählt und das auch noch verwoben mit albanischen alten Mythen, die der Autor hier gekonnt einflicht. Pajtim Statovci, 1990 im Kosovo geboren, wanderte mit 2 Jahren mit seinen Eltern nach Finnland aus. Nun ist er einer DER Nachwuchsautoren Finnlands und legt mit ‚Grenzgänge‘ aus dem Jahr 2016 einen tollen zweiten Roman vor, der nun auch in deutscher Übersetzung von Stefan Moster vorliegt.
In diesem Roman wird aufgezeigt was Anderssein bedeutet, was Ungleichheit ausmacht und wie Multikulturalität gelebt wird. Übrigens auch ein Roman, der Jugendliche zusagen könnte, die auch auf der Suche sind.
Ich wünsche dem Roman viele viele Leser! Er ist herausragend aus meiner Sicht.

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Veröffentlicht am 13.02.2022

Unglaublich, aber wahr!

Der Blauwal
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„Der Blauwal“ ist einer der spannendsten und faszinierendsten Tiere auf unserem Planeten. Kein Wunder, dass der Norweger Andreas Tjernshaugen sich dem Tier angenommen hat und nun ein großartiges Bilderbuch ...

„Der Blauwal“ ist einer der spannendsten und faszinierendsten Tiere auf unserem Planeten. Kein Wunder, dass der Norweger Andreas Tjernshaugen sich dem Tier angenommen hat und nun ein großartiges Bilderbuch für ältere Kinder aus seinem gesammelten Wissen machte!
Es startet mit dem Lebenszyklus des Blauwals, wie er aufwächst, was er frisst und wie er lebt. Es ist sehr detailliert beschrieben. Auch ein Vergleich zu anderen Walen, wie beispielsweise dem Pottwal, wird gezeigt. Apropos gezeigt, die Illustrationen von Line Renslebraten sind einfach grandios. Detailliebend und genau, da schaut man sich das Buch auch gerne mal ohne Text an. Der Text ist, aus meiner Sicht leider, recht klein geschrieben, sprich keine Erstleserschrift und gibt den Zeichnungen mehr Raum. Die Schrift hätte für die Grundschulzielgruppe ruhig einen ticken größer sein dürfen. Das Buch ist mit einer Altersempfehlung ab 8 Jahren eingestuft. Für das selbstständige lesen passt das gut, aber ich denke, wer sich für das Thema interessiert und vorgelesen bekommt, kann dies auch schon ab 6 Jahren anschauen und sich begeistern lassen. Früher erscheint mir schon recht schwierig. Im zweiten Abschnitt geht es dann um die Evolution und zeigt uns anschaulich wie der Wal vom Vierbeiner zum Wal wurde! Spannend!
Auch finde ich den folgenden Abschnitt gut in dem auf die fürchterliche Waljagd eingegangen wird. Wie sie immer weiter ausgebaut wurde und dann endlich in einem Walfangverbot 1966 mündete.
Abschließend gibt es noch ein Kapitel zum Jungwal mit dem das Buch begann und wie er in die Selbstständigkeit erwächst. Ach und zu allerguter Letzt gibt es noch ein paar Fakten, sehr hilfreiche für anstehende Tier-Grunschul-Projekte! Dort gibt es Infos zu Walrekorden und ein paar weitere spannende Fragen und deren Antworten.
Fazit: Uns hat das Buch bereichert und begeistert!

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Veröffentlicht am 11.02.2022

Für Miss Marple Liebhaber!

Mrs Potts’ Mordclub und der tote Nachbar
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Mit 13 Jahren habe ich begonnen alle Miss Marple Bücher zu verschlingen und habe als Jugendliche immer gerne die etwas schrullige Serie „Mord ist ihr Hobby“ angeschaut. Was hab ich mich gefreut als dieser ...

Mit 13 Jahren habe ich begonnen alle Miss Marple Bücher zu verschlingen und habe als Jugendliche immer gerne die etwas schrullige Serie „Mord ist ihr Hobby“ angeschaut. Was hab ich mich gefreut als dieser Krimi angekündigt wurde: „Mrs Potts' Mordclub und der tote Nachbar“!
Und ich kann schon mal so viel verraten: Wer ähnliche Favoriten hat(te), sollte auch zu diesem Krimi greifen. Definitiv hat Robert Thorogood hier eine Hommage an Agatha Christie und ihrer großartigen Ermittlerin Miss Marple entworfen. Hier haben wir es mit Judith Potts zu tun, eine 77jährige alte dickliche Frau, die in einem geerbten Haus and er Themse wohnt im beschaulichen Marlow. Sie liebt nicht nur wiskytrinkend zu puzzlen sondern auch täglich abends nackt (!) in der Themse zu schwimmen dank direktem Zugang zum Wasser. Dort war sie hörbare Zeugin eines Mordes gegenüber. Natürlich hat sie die Polizei alarmiert, aber ein Mord wurde hier nicht protokolliert eher ein Selbstmord. Das kann und will Ms Potts natürlich nicht so stehen lassen und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Natürlich mit kräftiger Unterstützung: der Pfarrersfrau Becks Starling, die sonst nur gelangweilt Kinder und Haus betreut sowie die rauchende bodenständige Hundesitterin Suzie Harris. Herrlich dieses Trio. Es gibt natürlich auch die polizeiliche Ermittlerin Tanika Malik die es zu überzeugen gibt.
Mir hat dieser Auftaktband, in dem alle Charaktere ausführlich beleuchtet werden, mächtig viel Spaß beim Lesen bereitet. Denn es ist eine gelungene Mischung aus einem klassischen Whodunit und einem kuriosen Figurenkabinett wo mit schwarzem britischem Humor nicht gegeizt wird!
Ich freue mich auf Band 2 „Death comes to Marlow“ der auf Englisch im Herbst erscheint und zu Beginn 2023 auch auf Deutsch!

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Veröffentlicht am 11.02.2022

Gibt es eine objektive Wahrheit?

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
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Das 30jährige Mauerfallsjubiläum steht an und ein Journalist recherchiert die größte Massenflucht aus der DDR. Eine fehlgeleitete S-Bahn brachte 1983 127 DDR-Bürger in die Freiheit, in den Westen. Nun ...

Das 30jährige Mauerfallsjubiläum steht an und ein Journalist recherchiert die größte Massenflucht aus der DDR. Eine fehlgeleitete S-Bahn brachte 1983 127 DDR-Bürger in die Freiheit, in den Westen. Nun findet dieser Journalist den abgewrackten Michael Hartung, der damals bei der Reichsbahn angestellt war und laut Stasi Unterlagen diese Massenflucht durch die Manipulation einer Weiche die Flucht ermöglich hat. Nach einiger Bearbeitung des Journalisten ist Hartung bereit sich als Drahtzieher der Öffentlichkeit zu Bekennen und der Journalist hat DIE Story des Jubiläums präsentiert. Win, win?
Hartung wird zum Helden stilisiert, lange gab es keine neuen Gesichter, die man mit Lob und Ehre überschütten konnte. Endlich kommt mal ein bescheidener Helfer zu Wort. Da Hartung aber kein Held, sondern eher ein Anti-Held ist, nimmt dieses ganze Spiel ihn persönlich sehr mit. Er verstrickt sich in Lügen und wird wie eine Trophäe herumgereicht. Wie das ganze ausgeht, lass ich lieber offen, sonst fehlt die Spannung beim Lesen.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen, ist es doch eine sehr gelungene Mischung aus fiktivem historischem Geschehen (es gibt keine echten/historischen Vorbilder), dass uns mit der Frage konfrontiert: Gibt es eine objektive Wahrheit über Vergangenes? Wie schnell kommt ein gängiges erzähltes Motiv ins Wanken? Wie viel Interpretationsspielraum gibt es? Außerdem schwingt dem Roman noch der klassische Ossi vs Wessi Konflikt mit, wer wem für was keine Anerkennung zollt. Eine gut verpackte Analyse. Aber zu guter Letzt ist es auch ein humorvoller gut erzählter Roman, daher: Ein absolutes Lesevergnügen – alles drin! Unbedingt lesen.

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