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Veröffentlicht am 03.04.2022

Nicht nur lang vergangene Ereignisse kommen wieder zum Vorschein

Das versunkene Dorf
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Die bei einem Einsatz durch einen Schuss ins Gesicht halbseitig entstellte Hauptkommissarin Noémie Chastain wird von ihrem Vorgesetzten vorübergehend in ein Dorf in Südfrankreich abgeschoben, da er ihr ...

Die bei einem Einsatz durch einen Schuss ins Gesicht halbseitig entstellte Hauptkommissarin Noémie Chastain wird von ihrem Vorgesetzten vorübergehend in ein Dorf in Südfrankreich abgeschoben, da er ihr nach dem erlittenen Trauma weder Teamleitung noch Außeneinsatz zutraut. Noémie ist unsicher, verletzt, und abweisend. Psychologisch wird No, wie sie sich jetzt nennt, weiterhin von Melchior betreut, der offen und ehrlich ist, sie unterstützt, ermutigt und aufbaut.
Nach vier ruhigen, ereignislosen Wochen in Avalone taucht im Stausee eine Tonne mit den Überresten einer Kinderleiche auf und No muss am Tag ihrer geplanten Abreise widerwillig die Ermittlungen aufnehmen. Erst jetzt erfährt sie, dass das alte Avalone vor 25 Jahren im Stausee versank und um diese Zeit drei Kinder spurlos verschwanden.

So wie das versunkenen Dorf immer mehr aus dem abgelassenen Stausee auftaucht, kommt auch die alte Noémie wieder zurück, sie wird wieder die hartnäckige, gestandene Ermittlerin. Sehr geschickt und überzeugend entwickelt der Autor die Parallelen zwischen Avalone und Noémie.

Nicht nur die Protagonistin, sondern auch alle anderen Figuren werden von Olivier Norek glaubhaft beschrieben und die Ermittlungen authentisch geschildert. Die Atmosphäre im umgesiedelten Dorf wandelt sich von idyllisch zu geheimnisvoll und bedrohlich, die Figuren entwickeln sich und werden vielschichtiger.

Der Schreibstil ist klar, nüchtern und intensiv, kein Wort ist zu viel, und dennoch berührt die Geschichte. Das Buch liest sich flüssig und angenehm und ich konnte es kaum aus der Hand legen, da die Spannung immer größer wird, je weiter die Ermittlungen fortschreiten. Bis zum schlüssigen Ende gibt es überraschende Wendungen, die Auflösung des Falls ist nicht vorhersehbar.

Selbst die lange, persönlich gehaltene, liebevolle Danksagung des Autors habe ich gern gelesen, weil ich das Buch noch nicht zuklappen wollte.

Olivier Norek ist eine Neuentdeckung für mich, „Das versunkene Dorf“ hat mich beeindruckt und begeistert. Ich vergebe verdiente 5 Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.03.2022

Spannend, brisant und aktuell

Das Jahr der Gier
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Der Überfall auf einen britischen Journalisten in der Altstadt und der Fund einer ermordeten jungen Frau in Düsseldorf scheinen zuerst nichts miteinander zu tun zu haben. Die Ermittlungen führen dann aber ...

Der Überfall auf einen britischen Journalisten in der Altstadt und der Fund einer ermordeten jungen Frau in Düsseldorf scheinen zuerst nichts miteinander zu tun zu haben. Die Ermittlungen führen dann aber im weiteren Verlauf in beiden Fällen zu Worldcard, einem international tätigen Finanzdienstleister mit Sitz im oberbayerischen Moosbruck. Kriminalrätin Melia Adan und Hauptkommissar Vincent Veih wird es äußerst schwer gemacht, die Zusammenhänge zu erkennen und Licht ins Dunkel zu bringen.
Für mich ist dieser dritte Band der Melia-und-Vincent-Reihe der erste, den ich lese, so dass ich die Vorstellung Melias und ihrer Familie zu Beginn hilfreich finde, auch Vincents Hintergrund wird angesprochen, der ist mir jedoch aus früheren Büchern bekannt. Ich hatte keine Schwierigkeiten, jetzt in die Reihe einzusteigen.

Die komplexe Handlung entwickelt sich mit hohem Tempo, dazu tragen auch die kurzen Kapitel mit verschiedenen Erzählperspektiven und die unterschiedlichen Handlungsorte bei. Eine Übersicht der handelnden Personen am Anfang des Buchs hilft, den Überblick nicht zu verlieren.
Horst Eckerts Schreibstil ist klar, geradlinig und nüchtern, die Protagonisten werden auch durch ihr Auftreten charakterisiert (ein Mitglied der CSU: „Trachtenjacke mit Hirschhornknöpfen“), das reicht, um Assoziationen beim Leser auszulösen.

Die Spannung steigert sich, je mehr der Leser die Zusammenhänge erahnt, er ist dabei den Ermittlern einen Schritt voraus. Horst Eckert wirft ein Schlaglicht auf die Verflechtung von Politik und Wirtschaft, zeichnet ein klares, verständliches Bild vom Interesse und vom Einfluss der Politik, insbesondere der Geheimdienste, an international agierenden Firmen und deren mögliche kriminelle Verstrickungen auf dem Weg, Macht und Reichtum stetig zu vermehren. Die Geschichte um den Finanzdienstleister ist sehr gut recherchiert, brisant, aktuell, authentisch erzählt und erinnert unverkennbar an Aufstieg und Fall eines real existierenden Unternehmens.

Der Thriller ist durchgehend sehr spannend mit einem rasanten Showdown und hat mich nicht nur sehr gut unterhalten, sondern macht mich auch nachdenklich. Es ist typisch für Horst Eckert, politisch aktuelle Themen aufzugreifen, sei es auf internationaler Ebene (der Finanzdienstleister), national gesehen (geheime Gruppierungen und Rechtsextremismus in Behörden) oder auch lokal: der schöne Schein Düsseldorfs, auch hier ungleich verteilter Reichtum, Wohnungsnot, Mietwucher, die mangelhafte Verkehrsinfrastruktur.

Ich kann das Buch jedem Leser von Spannungsliteratur uneingeschränkt empfehlen.

Veröffentlicht am 02.03.2022

Vergangenheit und Zukunft

Athos 2643
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Zusammen mit seiner Assistentin Zack, einer Künstlichen Intelligenz, die ihn als Hologramm begleitet, reist Inquisitor Rüd Kartheiser nach Athos, einem Neptunmond, auf dem ein Mensch zu Tode gekommen ist. ...

Zusammen mit seiner Assistentin Zack, einer Künstlichen Intelligenz, die ihn als Hologramm begleitet, reist Inquisitor Rüd Kartheiser nach Athos, einem Neptunmond, auf dem ein Mensch zu Tode gekommen ist. Er soll untersuchen, wie es dazu kommen konnte und das lebenserhaltende KI-System (Marfa genannt) des Mondes überprüfen.

Die Geschichte wird aus Zacks Perspektive erzählt, was durch ihre nüchterne nicht-emotionale Sicht humorvoll und unterhaltsam zu lesen ist und einen ganz neuen Blick auf das Menschsein wirft. Der Weltenbau ist anspruchsvoll, einfallsreich und voller technologischer Details, die beim Lesen Konzentration voraussetzen. Es gibt am Ende des Buchs ein Glossar, das viele der vom Autor erfundenen Begriffe erklärt.

Es werden bei der Auseinandersetzung mit den Bewohnern des Mondes und der Marfa viele interessante ethische und philosophische Fragen aufgeworfen und diskutiert, die aufmerksames Lesen erfordern.
Da Rüd auf ihre Hilfe angewiesen ist, erfährt die KI Zack im Zuge der Arbeit auf Athos einige technische Modifizierungen, d.h. Freischaltungen von ihren einschränkenden Grundeinstellungen. Nicht nur Zack, sondern auch ihr Erzählstil ändern sich und sie beginnt, das Menschsein zu reflektieren und zu verstehen. Das waren für mich teilweise neue und auf jeden Fall bereichernde Gedankengänge.

Die Protagonisten sind interessante, gut ausgearbeitete Charaktere, der Schreibstil ist anspruchsvoll, detailliert und lebendig, der Handlungsverlauf ist spannend, komplex und bietet einige überraschende Wendungen.

Die Idee des Buchs und die in die Tiefe gehende Erörterung so vieler Themen sind faszinierend, vielschichtig und fesselnd. Athos 2643 beschäftigt mich auch nach Tagen noch.

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Veröffentlicht am 28.02.2022

Perfekte Illusion, perfekte Droge – der Untertitel ist Programm

SIMULATION
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Dem Computerspiele-Entwickler Alex ist es gelungen, eine selbstlernende Künstliche Intelligenz zu entwickeln, die rasend schnell lernt und in Verbindung mit dem menschlichen Nervensystem perfekte Simulationen, ...

Dem Computerspiele-Entwickler Alex ist es gelungen, eine selbstlernende Künstliche Intelligenz zu entwickeln, die rasend schnell lernt und in Verbindung mit dem menschlichen Nervensystem perfekte Simulationen, die alle Sinne einbeziehen, erzeugen kann, die weit über das ursprüngliche Ziel der Spiele-Erweiterungen hinausgehen. Für Alex selbst wird die KI zur Droge, die sein reales Leben bedroht und ihn körperlich und geistig krank macht.

Matthias Clostermann hat einen klaren, lebendigen und bildhaften Schreibstil, der flüssig zu lesen ist, die Spannung ist von Anfang an auf hohem Niveau und fesselt bis zum Schluss, so dass mich im Verlauf der Handlung die etwas zu flache Charakterisierung der Protagonisten nicht mehr störte. Notwendige technische Details werden auch für den Laien verständlich erklärt.

Die spannende Handlung eskaliert sowohl in Alex realem Leben als auch in der Simulation, hier wird die beschriebene Entwicklung konsequent zu Ende gedacht und hat mich schockiert und nachdenklich zurückgelassen, als ich am Schluss wieder aus dem Buch auftauchte. Ich denke da besonders an die Definition des Lebens oder das Selbstverständnis der KI als Teil der Evolution.

Der Autor kommt aus dem IT-Bereich und hat ein aktuelles Thema glaubwürdig und überzeugend in eine spannende Geschichte umgesetzt. Kaum zu glauben, dass es sich um einen Debütroman handelt, der aus dem Corona-bedingten Wegbrechen des gewohnten Arbeitsbereichs entstanden ist.

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Veröffentlicht am 28.02.2022

Anspruchsvoller Krimi

Vertrauen
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Inspektor Avi Avraham von der Polizei Tel Aviv steckt beruflich in einer Sinnkrise, er will eigentlich lieber Leben retten und das Böse bekämpfen als sich mit Bagatellfällen und Familiendramen zu beschäftigen. ...

Inspektor Avi Avraham von der Polizei Tel Aviv steckt beruflich in einer Sinnkrise, er will eigentlich lieber Leben retten und das Böse bekämpfen als sich mit Bagatellfällen und Familiendramen zu beschäftigen. Der rätselhafte Fall eines vermissten Touristen kommt ihm da gerade recht und er beginnt zu ermitteln. Am selben Tag wird vor einem Krankenhaus ein ausgesetztes Neugeborenes gefunden und seine Kollegin Esthi kümmert sich um diesen Fall.

Während der Tourist als Person vage bleibt und nicht so richtig zu fassen ist, entpuppt sich die Verdächtige im anderen Fall schnell als unsympathische, manipulative Frau, die in einer eigenen Realität lebt. Und auch Avi wird im Lauf der Ermittlungen manipuliert, aber von ganz anderer Seite. In beiden Fällen ist vieles nicht so, wie es scheint und in Paris kommt Avi dann in beiden Fällen weiter.

Avi betreibt authentisch geschilderte Ermittlungsarbeit, die sich als mühsam erweist und mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Der Handlung zu folgen ist genau so spannend, wie die Gedankengänge und Selbstreflexion des Ermittlers und die menschlichen Begegnungen in diesem ruhigen Krimi mitzuerleben. Das Ende von Avis eigentlichem Fall bleibt offen, im Epilog sieht Avi selbst verschiedene Lösungsmöglichkeiten.

Die Protagonisten sind komplexe Charaktere, glaubwürdig beschrieben, der Schreibstil Dror Mishanis ist anspruchsvoll, intensiv und gut zu lesen.
Das Buch vermittelt über die Krimihandlung hinaus einen Eindruck des Lebens und der Stimmung in Israel und auch vom Konflikt zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

Das ist das zweite Buch, das ich von Dror Mishani gelesen habe und es hat mir genau so gut gefallen wie „Vermisst“.
Das Cover ist Diogenes-typisch und passt sehr gut zum Buch.

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