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Veröffentlicht am 28.02.2022

Eine Meisterleistung, die unsere Sprache prägte

Martin Luthers Bibel
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Dieses liebevoll gestaltete Buch nimmt den Leser mit auf eine lange geschichtliche Reise, die vor tausenden von Jahren mit den ersten Niederschriften der Bibel beginnt. Mit Tierhäuten und Pergamenten fängt ...

Dieses liebevoll gestaltete Buch nimmt den Leser mit auf eine lange geschichtliche Reise, die vor tausenden von Jahren mit den ersten Niederschriften der Bibel beginnt. Mit Tierhäuten und Pergamenten fängt diese faszinierende Geschichte an. Anschließend erfährt der Leser von der Entstehung des biblischen Kanons, also der Festlegung welche Schriften zur Bibel gehören, und lernt von wem die ersten Übersetzungen, die Septuaginta und Vulgata, stammen. Und schon geht es um Übersetzungen ins Deutsche, denn schon vor Luther gab es vereinzelte Bibel-Teilausgaben. Der Schwerpunkt des Buchs liegt auf der Bibelübersetzung Martin Luthers und den anderen Übersetzern seiner Zeit. Zum Schluss erfährt der Leser von Revisionen und neuen Ausgaben der Lutherbibel.

Besonders aufschlussreich sind die Hinweise auf das Leben Luthers, vor allem seine Einstellung zu bestimmten biblischen Büchern und den Apokryphen. Lesenswert ist auch der Abschnitt über die neue Buchdruckindustrie, die nicht nur auf Gutenberg zurückgeht. Interessant ist auch das Kapitel über die deutsche Sprache, denn Luther hat ja bekanntlich, „dem Volk aufs Maul geschaut“.

Entgegen landläufiger Meinung übersetzte Luther die Bibel nicht allein, sondern gemeinsam mit mehreren guten Freunden. Bei jeder neuen Drucklegung überprüfte er nochmals sorgfältig den Text und nahm Änderungen vor. Das Ergebnis ist die wohl bekannteste deutsche Bibelübersetzung, deren Worte in den Herzen vieler Menschen wohnen.

Es macht Spaß in diesem großformatigen Buch mit seinen vielen Kunstdrucken zu blättern. Die Texte enthalten zwar viele Details und Namen, sind aber trotzdem leicht verständlich. Man spürt beim Lesen die Liebe des Autors zu diesem besonderen Buch, der Bibel. Und trotzdem berichtet er sachlich, selbst über theologische Differenzen. So kann der Leser sich selbst eine Meinung bilden.

Fazit: Dieses ausführliche Buch enthält viel mehr Hintergrundinformation als die Beschreibung vermuten lässt. Wunderschön gestaltet und mit aufschlussreichen Texten, wird es Bibelliebhaber begeistern. Sehr zu empfehlen!

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  • Handlung
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Veröffentlicht am 27.02.2022

Wenn sich zwei vielseitig interessierte Theologen unterhalten

Der Ideen-Entzünder
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In der christlichen Szene Deutschlands kennen viele den Namen Ulrich Eggers, entweder als Herausgeber christlicher Zeitschriften, als Verlagsleiter oder als Willow Creek Vorsitzenden. Vielleicht auch wegen ...

In der christlichen Szene Deutschlands kennen viele den Namen Ulrich Eggers, entweder als Herausgeber christlicher Zeitschriften, als Verlagsleiter oder als Willow Creek Vorsitzenden. Vielleicht auch wegen einer seiner vielen anderen Aufgaben und Positionen. Denn er ist ein Mann, der vor Ideen und Initiativen übersprudelt. Die Aufgabe eine Biografie über solch ein vielfältiges und bewegtes Leben zu schreiben, ist eine herausfordernde Aufgabe.

Dieses Buch im Interview-Stil zeigt eine ungewöhnliche, einmalige Lösung. Der Leser darf einem vertrauten Gespräch zwischen zwei Freunden lauschen. Beide Interviewpartner, Thomas Härry, Theologe und Psychologe, und Ulrich Eggers sprechen über viel mehr als nur die schillernde Ereignisse in einem reich gefüllten Leben. Härry versteht es an spannenden Stellen nachzufragen, tieferzubohren, nach Motiven und Hintergründen zu fragen. Das Ergebnis ist ein spannendes und aufschlussreiches Gespräch über den Glauben, das gelebte Christsein und die bunte Welt der christlichen Denominationen in Deutschland. Auch umstrittene und heikle Themen werden angesprochen, wie Ökumene, die charismatische Bewegung oder die Frauenfrage.

Ein Thema kommt zieht sich durch das ganze Buch, Authenzität, denn das ist Ulrich Eggers ein Herzensanliegen. Er weiß, dass vieles in christlichen Kreisen Schein ist. Christen geben einen idealen Ist-Zustand vor, der nicht wirklich vorhanden ist. Wie befreiend wäre es, wenn Menschen den Mut hätten über Zweifel und Versagen zu sprechen. Eggers macht selbst den Anfang. Er erzählt offen von Glaubensfragen und Konflikten.

Die Gestaltung dieses Buchs ist sehr schön. Viele passende Bilder zeigen die jeweilige Lebensphase. Die Kapitel beginnen mit einem kurzen Beitrag, der Fragen aufwirft, und enden mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken. Ein Plus für Lesebegeisterte sind die Gespräche über Bücher und die Buchempfehlungen.

Fazit: Eine super Idee, überzeugend umgesetzt. Diese Biografie im Dialog ist spannend und mit seinen vielen wertvollen Gedankenanstöße regt es zum Nachdenken an. Sehr empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 01.02.2022

Familie ist da, wo man vermisst wird

Durchbrecherin
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Die kleine Florida kennt als Kind keine Sicherheit. 1975 geboren, erlebt sie den Bürgerkrieg im Libanon hautnah mit. Ihre alleinerziehende Mutter ist eine rebellische Muslimin, die wechselnde Männerbekanntschaften ...

Die kleine Florida kennt als Kind keine Sicherheit. 1975 geboren, erlebt sie den Bürgerkrieg im Libanon hautnah mit. Ihre alleinerziehende Mutter ist eine rebellische Muslimin, die wechselnde Männerbekanntschaften hat. Florida wird oft entwurzelt; mal lebt sie bei Verwandten, mal bei ihrer Mutter, einige Zeit sogar in Deutschland und Kuwait.

Als 9jährige ist sie bereits eine begeisterte Anhängerin der Amal Miliz, einer bewaffneten Widerstandsbewegung im Libanon. Sie lernt schießen und darf einmal sogar einen Wachposten mit ihrer eigenen Waffe bewachen. In dieser Zeit bemüht sie sich alle Regeln des Islams einzuhalten, doch sie verzweifelt daran, dass sie trotzdem nicht die Gewissheit hat, dass Gott sie annimmt.

Kurze Zeit später darf sie alleine in die Schweiz reisen, zu einer befreundeten Familie, die sie als Pflegetochter aufnimmt. Die Umstellung fällt ihr schwer, doch insgesamt genießt Florida ihr neues Leben. Dort erfährt sie auch, dass Gott ein liebender Vater ist. Wie sehr freut sich das vaterlose Kind, dass sie einen Vater im Himmel hat, der gut für sie sorgt.

Und doch sind da so viele Lebenswunden, die Florida nach und nach mühsam aufarbeitet. Sie stürzt in Krisen, erfährt in allem aber, dass sie von Gott getragen ist. Die Erfahrung, dass ihr mit ihrer Pflegefamilie eine neue Familie geschenkt wurde, lässt eine Vision in ihr entstehen. Sie möchte heimatlosen jungen Menschen ein Zuhause bieten. So entsteht ein offenes Haus, in dem junge Erwachsene für Monate oder Jahre Teil ihrer Familie werden. „Zuhause ist, wo du geliebt bist. Wo du sein darfst, wie du bist, und vermisst wirst, wenn du fehlst.“

Die Autorin dieses Buchs hat viel erlebt. Es ist faszinierend von der fremdartigen Kultur des Libanons zu lesen und interessant zu sehen, wie ein junges Mädchen den Neuanfang in einer ganz fremden Welt erlebt. Was sie über ihre seelischen Verletzungen und deren Aufarbeitung schreibt, ist wertvoll und hilfreich. Sie berichtet nicht nur, sie sucht Zusammenhänge und Erklärungen für ihr Verhalten und Denken. Und schließlich ist es einfach beeindruckend, wie sie und ihr Mann ihr Zuhause öffnen, um Liebe ganz praktisch weiterzugeben.

Obwohl die Autorin in einigen Punkten zu anderen Glaubensentscheidungen kommt als ich, spüre ich, dass ihre Gottesbeziehung und Liebe zu Jesus echt sind und ihr Leben prägen, und ich denke darauf kommt es vor allem an.

Fazit: Die spannende Lebensgeschichte einer Frau, die als bewaffnetes Kind ihr Land verteidigen will, später eine Lebenswende erlebt, und als Erwachsene ihr Haus öffnet, um seelisch verwundeten Menschen ein Zuhause zu geben. Sehr empfehlenswert!

Veröffentlicht am 31.01.2022

Denn Mensch ist Mensch, egal in welchen Land geboren

Am Abgrund der Menschlichkeit
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Der Arzt und Sozialmediziner Gerhard Trabert setzt sich tatkräftig für soziale Gerechtigkeit ein, sowohl in der Politik als auch vor Ort an den Brennpunkten der Erde. So war er 2004 nach dem Tsunami in ...

Der Arzt und Sozialmediziner Gerhard Trabert setzt sich tatkräftig für soziale Gerechtigkeit ein, sowohl in der Politik als auch vor Ort an den Brennpunkten der Erde. So war er 2004 nach dem Tsunami in Sri Lanka und 2010 half er bei der Versorgung der Erdbebenopfer auf Haiti. Neben der Unterstützung von notleidenden Menschen nach Umweltkatastrophen, reist er zu Flüchtlingslagern rund um die Welt, immer mit dem Anliegen den armen Menschen dort so gut es geht zu helfen.

In diesem Buch berichtet der Autor von seinen Einsätzen in einer Vielzahl von Ländern im Laufe der letzten dreißig Jahren. Griechenland, Syrien, Bosnien, Afghanistan, Irak und Benin sind nur einige der Länder, von denen dieses Buch erzählt. Neben Berichten über seine medizinischen Dienste, erzählt der Autor von den persönlichen Schicksalen einiger Menschen, die er kennenlernt. Die Schilderungen werden von Infoblöcken unterbrochen. Diese Ergänzungen bieten hilfreiche Hintergrundinformationen über angesprochene Probleme. Dabei geht es beispielsweise um Genitalverstümmelung, Kinderhandel oder Prostitution.

Trotz seines großen persönlichen Einsatzes klingt eine wohltuende Demut aus den Worten des Autors. Er kommt nicht als weißer Retter zu den Armen. Er betont immer wieder, dass alle Menschen gleich wertvoll sind, darum ist es ihm sehr wichtig die Würde jedes Patienten zu wahren. Außerdem schildert er ehrlich seine Gefühle und berichtet auch von seinem Versagen. Diese Demut und Offenheit machen den Autor sehr sympathisch.

Auch wenn kaum explizit auf den christlichen Glauben hingewiesen wird, ist dieses Buch durchdrungen von den biblischen Prinzipien der Gerechtigkeit und tätigen Nächstenliebe. Denn, „Wegschauen, nicht handeln, bedeutet, selbst Teil eines Unrechtsystems zu sein.“

Fazit: Ein packender Bericht über medizinische Hilfseinsätze in den verschiedensten Ländern der Erde, der aufrüttelt und auf die große, ungerechtfertigte Not von Flüchtenden aufmerksam macht. Sehr empfehlenswert!

Veröffentlicht am 30.01.2022

Den Hilflosen eine Stimme geben

Mein Leben für die Hexenkinder
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Die 1982 geborene Autorin dieses Buchs ist überzeugte Christin. Es ist ihr ein Anliegen ihr Leben nicht zu verschwenden, sondern da einzusetzen, wo sie eine positive Veränderung bewirken kann. Doch sie ...

Die 1982 geborene Autorin dieses Buchs ist überzeugte Christin. Es ist ihr ein Anliegen ihr Leben nicht zu verschwenden, sondern da einzusetzen, wo sie eine positive Veränderung bewirken kann. Doch sie ist sich nicht sicher, wie Gott sie gebrauchen will.

Als sie mit einer Freundin eine Dokumentation über Hexenkinder ansieht, bittet ihre Freundin sie eindringlich nach Nigeria zu reisen, um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen. Maïmounas Vater stammt aus Nigeria, darum hat sie dort Verwandtschaft. Trotzdem hatte sie nie den Wunsch dorthin zu reisen, zu groß ist ihre Angst vor Insekten und Malaria.

Der Gedanke an die Kinder, die als Hexenkinder beschimpft werden, lässt sie jedoch nicht los, also nimmt sie Kontakt auf zu einem Heim, im dem einige Kinder Unterschlupf gefunden haben, und reist schließlich selbst dorthin. Die Schicksale der Kinder bewegen sie zutiefst. Sie unterstützt die Mitarbeiter des Heims nach Kräften, doch ihr Geld geht angesichts der großen Not schnell aus. Zurück in Deutschland gründet sie einen Verein, in der Hoffnung damit mehr bewirken zu können. Sie möchte nicht nur möglichst viele Kinder retten, sie will vor allem aufklären, damit nicht noch mehr Kinder als Hexen beschimpft und ausgestoßen werden.

Neben einem Bericht über Maïmounas Arbeit, werden in diesem Buch insgesamt sechs wahre Geschichten von Kindern, die gerettet wurden, erzählt. Diese Geschichten sind mehr als bewegend, sie sind erschütternd. Viele der Kinder hatten liebevolle Eltern, doch wegen dem Tod eines Elternteils oder anderer Schicksalsschläge, wurden sie von einem Tag auf den anderen zu Außenseitern. Als Hexen beschimpft und verfolgt, mussten sie oft um ihr Leben fliehen.

Die Kapitel über die Kinderschicksale werden aus Sicht der Kinder erzählt. Die Trauer über den Verlust von geliebten Menschen, der Wunsch alles richtig zu machen, die Unsicherheit und Angst, die Suche nach Identität - das alles wird so beschrieben, dass man beim Lesen mit dem betroffenen Kind mitfühlt. Dazu werden Land und Leute so beschrieben, dass man einen sehr guten Eindruck vom Leben in Nigeria erhält.

In den Kapiteln über Maïmounas Erlebnisse sind vor allem ihre Erfahrungen als Kind einer Deutschen und eines Nigerianers interessant. In Deutschland als Schwarze angesehen, ist sie in Nigeria eine privilegierte Weiße. Anstatt dieses Privileg einfach zu ihren Gunsten auszunutzen, überlegt sie, „Und ich begreife, dass es nicht ausreicht, sich seines Privilegs bewusst zu sein, vielmehr muss man dieses Privileg auch aktiv zurückweisen, damit alle eine faire Chance haben.“ Ihre Gedanken über die Missstände in Nigeria sind wohltuend demütig. So schreibt sie, „Bevor man eine andere Person, ein anderes Land oder gar einen ganzen Kontinent richtet, sollte man sich zunächst einmal selbst untersuchen.“

Dieses wichtige Buch ist schnell gelesen, da es spannend und gut geschrieben ist. Abwechselnd wird aus Sicht der Autorin und der Kinder berichtet. Beides ist sehr bewegend. An Schluss macht die Autorin deutlich, dass dieses Problem mehr mit uns in Europa zu tun hat, als uns vermutlich bewusst ist.

Fazit: Ein bewegender und beeindruckender Bericht über den Einsatz einer jungen Frau für entrechtete Menschen in Nigeria. Sehr empfehlenswert!