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Veröffentlicht am 13.03.2022

Schichten eines Lebens

Geschichte einer großen Liebe
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Auch in ihrem neuen Roman „Geschichte einer großen Liebe“ bleibt die italienische Schriftstellerin Susanna Tamaro ihrem unverwechselbaren Stil treu, in dem sie existenzielle Lebensfragen feinsinnig, melancholisch ...

Auch in ihrem neuen Roman „Geschichte einer großen Liebe“ bleibt die italienische Schriftstellerin Susanna Tamaro ihrem unverwechselbaren Stil treu, in dem sie existenzielle Lebensfragen feinsinnig, melancholisch und philosophisch betrachtet.

Ich-Erzähler Andrea ist ein zielstrebiger Kapitän auf einer Fähre und hinterfragt gerne tiefsinnig die Dinge in seinem Leben – als er auf die suchende, stürmisch-rebellische Edith trifft, ist es der Anfang einer lebenslangen Verbundenheit und Liebe, die auch mit längeren Trennungen und der Gegensätzlichkeit des Paares zurecht kommt. Klug konstruiert schwenkt die Geschichte zart zwischen der Gegenwart und den vielen Rückblenden im Leben und in den Schicksalen von Andrea und Edith. Dabei steht vor allem Andreas Sichtweise erzählerisch im Vordergrund: Alleine im stillen, einsamen Haus auf einer Mittelmeer-Insel, resümiert Andrea über die gemeinsame Zeit, reflektiert ergreifend über das menschliche Da-Sein und spricht seine Edith direkt an, obwohl sie nicht mehr da ist. Dabei verwebt die Autorin subtil und atmosphärisch die Schauspiele der Natur und das Pflegen des Bienenstocks in die Emotionen und Schichten eines Lebens und baut mit der Frage, was mit Edith passiert ist, einen gekonnten Spannungsbogen.

In kurzen Kapiteln mit prägnant-passenden Überschriften blickt Tamaro kaleidoskopartig nicht nur in die Geschichte einer großen Liebe, sondern in wesentliche Aspekte eines menschlichen Lebens im ständigen Wandel samt familiären Verstrickungen, das vor allem gegen Ende des Buches tieftraurig und doch hoffnungsvoll auch schmerzvolle Themen wie Tod, Verlust, Trauer und Versöhnung aufgreift. Vom Suchen und Finden, Loslassen und Wiedertreffen, Freiheit und Verbundenheit, Geburt und Tod – zärtlich und intensiv zeigt Tamaro die Facetten einer Liebe und eines Lebens in steter Veränderung. Im Wind und Licht auf der Insel findet Andrea aus seiner Hoffnungslosigkeit und Verwirrung heraus, indem er seine Geschichte neu zusammensetzt.

Ein sehr emotionaler, flüssig-geschriebener Roman voller klug-pointierten Reflexionen und schönen Metaphern, die ohne Kitsch auskommen und die faszinierende Welt der Natur auf den Menschen und seine Bindungen spiegelt. In beunruhigenden Zeiten wie diesen ist eine Kur mit Tamaro-Literatur ein kleiner Trost.

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Veröffentlicht am 02.03.2022

Dunkle Seite der Sehnsucht

Blinder Spiegel
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Nach dem Erfolg von „Das perfekte Grau“ ist nun der neue Roman von Salih Jamal im Septime-Verlag erschienen – in „Blinder Spiegel“ schildert Jamal auf nur knapp 150 Seiten eine drastische, tragische und ...

Nach dem Erfolg von „Das perfekte Grau“ ist nun der neue Roman von Salih Jamal im Septime-Verlag erschienen – in „Blinder Spiegel“ schildert Jamal auf nur knapp 150 Seiten eine drastische, tragische und leidenschaftliche Liebesaffäre zwischen Lui und Elle in Paris in fünf präzisen Akten. Samt passendem Soundtrack voller berührender französischer Chansons und traurigen Balladen, die zum Abtauchen in die Stadt der Liebe einladen.

Atmosphärisch, melancholisch und voller Pariser Flair taucht der Leser ein in Luis Welt – er wechselt wie ein Nomade schnell die Städte, ist ein Rastloser und verliert in Paris wie auch im Leben trotz seines Berufs als Fluglotsen oft die Orientierung. Düster und leidenschaftlich ist seine Stimmung, alles schwankt zwischen Freiheit und Sehnsucht, als er auf die schöne Elle trifft – gekleidet in gelbem Mantel und roten Stiefeln mitten in einem eher grau gezeichneten Weltbild. Und während der Leser poetisch und hart der sexuellen Leidenschaft von Elle und Lui folgt, mit ihnen auf den Père Lachaise, in Museen und in Elles vereinsamte Luxuswohnung wandert, schwebt über allem die dunkle Vorahnung, dass die Amour fou nicht gut ausgehen kann. Denn Lui schreibt voller Hoffnungslosigkeit in einer grauen Gefängniszelle seine schmerzvolle Geschichte auf und zögert voller Schmerz mit dem fünften Akt.

Klar, schonungslos und kraftvoll konstruiert Salih Jamal seine Tragödie in fünf kurze Kapitel, in denen er wie gewohnt versiert und verspielt wunderschöne Sätze zum Mehrfachlesen schafft, obwohl der Inhalt teils schwer verdaulich ist. Elle und Lui haben beide traumatische Kindheiten hinter sich, sind seelisch verletzt und suchen voller Begierde aneinander Halt und trotz der Einsamkeit die Freiheit. Ihre schicksalshafte Begegnung und Rastlosigkeit spiegelt Jamal brillant im Geschriebenen wider – bei dem der Leser trotz der Rasantheit und Dringlichkeit das Tempo in Adagio drosseln sollte, um die Lyrik sich vollständig entfalten zu lassen.

Ein berührender, gelungen komponierter Roman voller Gegensätze und einem leicht verstörenden Ende – die fesselnde Tragödie wird von Jamal in all ihrer morbid-melancholischen Schönheit und Traurigkeit stringent, intensiv und zuspitzend zu Ende erzählt. „Blinder Spiegel“ erinnert in seiner Melodie an eine traurig-schöne Ballade über die dunkle Seite der Sehnsucht und regt an, weiter über bestimmte Themen wie beispielsweise der Willensfreiheit zu reflektieren.

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Veröffentlicht am 01.03.2022

Schwimmzüge eines Lebens

Der Papierpalast
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Die erfolgreiche Drehbuchautorin Miranda Cowley Heller hat mit ihrem schriftstellerischen, bewegenden Debüt „Der Papierpalast“ nicht nur die heile Welt eingefangen, die ein Familienclan Sommer für Sommer ...

Die erfolgreiche Drehbuchautorin Miranda Cowley Heller hat mit ihrem schriftstellerischen, bewegenden Debüt „Der Papierpalast“ nicht nur die heile Welt eingefangen, die ein Familienclan Sommer für Sommer am Cape Cod in den Back Woods erlebt, sondern zeigt auch auf eindringliche Weise die schmerzvollen Traumata und Verletzungen, die ein Menschenleben umspannen können. Was sich also im ersten Moment als leichte Lektüre für den Sommerurlaub anhört, entpuppt sich als feinfühliges und teils aufrüttelndes Psychogramm einer sensiblen und verletzten Seele und welch bewegtes Leben einer großen Entscheidung vorausging.

Seit 50 Jahren kehrt Mutter und Ich-Erzählerin Elle Bishop in das Sommer-Familienhaus Papierpalast Jahr für Jahr zurück – nun erzählt sie an nur einem Tag, an dem sie überlegt, ihren Mann Peter für ihre Jugendliebe zu verlassen, detailreich und einfühlsam ihr Leben und das ihrer ganzen Familie. Dabei verwebt Heller klug konstruiert viele chronologisch sortierte Szenen aus der Vergangenheit, bei denen zahlreiche Figuren und ihre Lebenslinien an verschiedenen Orten auftauchen, um szenisch und atmosphärisch packend auch den Plot in der Gegenwart weiterzuentwickeln. Die lebenslangen Gefühle zu Elles Jugendfreund Jonas, aber auch Gedanken zu Trauer, Schuld und Liebe spielen dabei eine tragende Rolle.

Die Autorin lässt in der fesselnden Geschichte präzise ihr ganzes Geschick als Drehbuchautorin freien Lauf und webt in das Zwischenmenschliche gekonnt viele leise und meisterhaft beschriebene Momente der Natur, das Ritual des Schwimmens und alltägliche authentisch-scharfsinnige Beobachtungen mit ein. Die Familiengeschichte von Elle, ihre Kindheit, Jugend und ihre Ehe sind sehr subtil, wahrhaftig und mit vielen poetischen Sätzen geschildert und schicken den Leser soghaft und bildgewaltig in das weit umfassende Familienepos und in Elles packende Memoiren und ihren schmerzhaften Zwiespalt zwischen zwei äußerst unterschiedlichen Männern.

Vielleicht hätte dem bemerkenswerten Debüt die ein oder andere Kürzung der sehr schwer verdaulichen Themen und vielen Nebenfiguren gut getan und doch tragen diese zu der literarischen Tiefenschärfe von Elle bei – und alle Details aus der Geschichte der Eltern und Großeltern decken transgenerationale Traumata auf und führen wie rote Fäden zur konkreten Nachvollziehbarkeit von Elles berührender Entscheidung ihres Lebens am Ende des Romans.

Ein feinfühlig-kluger Einblick mit einer reichhaltigen Prosa in ein halbes Jahrhundert unglücklicher Familiengeschichte, vieler Sommer am Cape Cod und feinsinnige Reflexionen über das Leben – so filmreif geschrieben, dass man sich auf die Verfilmung sicher freuen kann!

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Veröffentlicht am 22.02.2022

Goldglänzender Wohlgeschmack

Butter
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Der internationale Bestseller „Butter“ der japanischen Erfolgsautorin Asako Yuzuki nimmt psychologisch und kriminologisch messerscharf das Rollenbild der Frau in Japan ins Blickfeld.

Die strebsame Journalistin ...

Der internationale Bestseller „Butter“ der japanischen Erfolgsautorin Asako Yuzuki nimmt psychologisch und kriminologisch messerscharf das Rollenbild der Frau in Japan ins Blickfeld.

Die strebsame Journalistin Rika hat eine anstrengende Arbeit in einem diskriminierenden und männerdominierten Umfeld und isst lieber schnelles Convenience Food als zuhause aufwendig zu kochen. Bei der Recherche zu einem neuen Artikel lässt sie der Fall Manako Kajii nicht los – die Frau mit prominentem Food Blog wurde zur lebenslanger Haft verurteilt, da sie drei Männer erst durch ihre Kochkunst bezirzt und dann umgebracht haben soll, auch wenn alles nach Selbstmord aussieht. Nach einer gelungenen Überzeugung wird Rika die geheimnisvoll-einnehmende Kajii, die Margarine und Feministinnen hasst, im Gefängnis besuchen und ihr sowie ihren exquisiten Kochkünsten mit viel hochwertiger Butter verfallen und sich von dem japanischen sehr schlanken Weiblichkeitsideal peu à peu verabschieden. Denn Prämisse für die Besuche sind: Es wird nur über Essen und Rezepte geredet und Rika muss alles nachkochen. Die manipulative Kajii übt eine verhängnisvolle und delikate Anziehung aus und ehe sich Raki versieht, werden noch weitere Menschen wie ihre innige Freundin Reiko verwickelt.

Bereits in zehn Sprachen übersetzt und in Japan ein Kultbuch, zeichnet Asako Yuzuki in ihrem gesellschaftspolitischen und feministischen Kriminalroman eine humorvoll-spannende und aufschlussreiche Abwicklung über die Stellung der Frau in Japan, während sie nonchalant und gekonnt nebenbei noch eine faszinierende Kriminalgeschichte aus der Sicht einer akribischen und ambitionierten Reporterin erzählt. Ihr Gegenüber: eine Mörderin, die sich zwar Konventionen entgegenstellt, aber nichts von Feminismus hält und Frauen in der Küche sieht und doch von ihr abhängige Männer ermordet. Dabei kämpfen aktuell japanische Frauen in der Berufswelt um Gleichstellung und Anerkennung in patriarchal geprägten Strukturen. Und Raki wird in ihrem Berufsethos, das einen neutralen Blick fordert, erschüttert und doch lernt sie sich selbst näher kennen.

Feinfühlig, szenisch und sinnlich entführt Asako Yuzuki in eine detaillierte Genusswelt voller leckerer Gerichte, die Reue auslösen können – denn Rika nimmt an Gewicht zu, was bei den japanischen Männern nicht gerne gesehen wird. Kochen und die Familie verwöhnen ja, aber dabei bitte gertenschlank bleiben. Die Butter steht dabei für ein Produkt, das in Japan schwerer und teurer zu erhalten ist und die Rika im Roman nur in Feinkostläden besorgen kann. Das Psychogramm der mutmaßlichen Mörderin Kajii ist sehr fesselnd und rätselhaft (und scheint auf dem wahren Fall der Kanae Kijima zu beruhen) – in der Öffentlichkeit als dick und hässlich beleidigt und in der Strafverteidigung vernachlässigt, wird nie ganz genau klar, ob sie wirklich die Morde begangen hat.

Eine klug und komplex komponierte Geschichte einer weiblichen Selbstbestimmung zwischen scharfsinnigem Kriminalfall und japanischem Frauenleben mit strengen gesellschaftlichen Konventionen sowie einer innigen Freundschaft – und inspirierend auf mehreren Ebenen, nicht nur der herausragend kulinarischen!

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Veröffentlicht am 22.02.2022

Das vergessene Fest

Die Aosawa-Morde
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Die japanische Erfolgsautorin Riku Onda hat mit „Die Aosawa Morde“ einen außergewöhnlichen Psycho-Mystery-Krimi entworfen, der bis zuletzt ein spannendes und klug arrangiertes Rätsel aus mehreren Perspektiven ...

Die japanische Erfolgsautorin Riku Onda hat mit „Die Aosawa Morde“ einen außergewöhnlichen Psycho-Mystery-Krimi entworfen, der bis zuletzt ein spannendes und klug arrangiertes Rätsel aus mehreren Perspektiven und Zeitebenen bleibt – und einen feinen Blick in die japanische Kultur bietet.

Vor einigen Jahrzehnten wurden auf einer Geburtstagsfeier im renommierten Arzt-Haus der Aosawas 17 Personen, darunter auch einige Kinder, mit angelieferten Getränken vergiftet – zurück blieben einzig die unversehrte blinde Tochter Hisako und ein kryptisches Gedicht auf dem Küchentisch. Jahre später recherchiert die Nachbarstochter und Kindheitsfreundin Makiko Saiga scheinbar als Studienprojekt die Ereignisse, interviewt alle Überlebenden und Involvierten, die sich erinnern, und verfasst über ihre akribisch aufgezeichneten Ergebnisse ein fiktives Bestseller-Buch namens „Das vergessene Fest“. Zwar wurde damals ein mutmaßlich Hauptverdächtiger mit mangelnden Motiven nach dessen Selbstmord festgemacht, aber nicht nur für den damals ermittelnden Kriminalkommissar war jemand anders die Täterin: die hypnotisch-bezaubernd-manipulative Hisako selbst. Aber auch Makiko hat ihre dunklen Seiten, beispielsweise wie sie andere Menschen bis ins Detail imitieren kann, aber auch ihr Roman scheint eine verschlüsselte Botschaft zu beinhalten. Und nach und nach mehren sich auch die Todesfälle bei den Personen, die einst mit dem Aosawa-Fall in Verbindung standen.

Nach den eleganten Erzählmanieren des japanischen Mystery-Genres Honkaku komponiert Riku Onda hier ein fesselndes Puzzle, das mit einigen Metaebenen zwischen Fiktion, Wahrheitssuche und Tatsachen, einem Buch im Buch, dem Schreiben von Literatur an sich, aber auch dem unsicheren Konstrukt von Erinnerungen und Beobachten spielt. Jedes Kapitel ist in seiner Erzählart nuanciert und facettenreich aus einer anderen Perspektive – auktoriales Erzählen wechselt mit vielen interviewartigen Blickwinkeln ab und zudem werden Zeitungsartikel, Romanauszüge, Briefe und andere Elemente eingebunden. Die Zeitebenen sind achronologisch, kleinste Verbindungen zwischen den Kapiteln fügen sich zusammen oder brechen elegant auseinander, bis auch am Ende das Mysterium des traumatischen und unvergesslichen Mordfalls nicht richtig zu fassen ist.

Neben dieser ungewöhnlichen und kreativen Struktur des Romans, der von den Ängsten, Zweifeln und dunklen Dämonen der menschlichen Seele geleitet wird, zeichnet Onda auch ein intensives Bild von Japan und den Städten, den Ritualen und gesellschaftlichen Normen, aber auch der Kluft zwischen Arm und Reich – die Aosawa-Familie war sehr wohlhabend mit vielen „unsichtbaren“ Angestellten und einer außergewöhnlichen Villa („Parasite“ lässt grüßen). Wie die vielen verwirrenden Verästelungen einer japanischen Großstadt entführt Onda hier in eine ideenreiche und faszinierende Kriminalgeschichte, aber auch in japanische Lebenslinien und in eine intelligente Erzählung, die zwischen vermeintlichem Wissen und unterschiedlichen Wahrnehmungen zwischen den Zeiten sehr komplex changiert.

„Wenn man so durch die Stadt läuft, ist das wie bei Synapsen, finde ich. Es gibt kein Zentrum, nur verstreute kleine, lose verbundene Gemeinschaften. Man könnte die ganze Zeit laufen und bekäme nie das Gefühl, am Ende angekommen zu sein. Als würde man Spielsteine beim Sternhalma bewegen.“ S. 17

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