Schichten eines Lebens
Geschichte einer großen LiebeAuch in ihrem neuen Roman „Geschichte einer großen Liebe“ bleibt die italienische Schriftstellerin Susanna Tamaro ihrem unverwechselbaren Stil treu, in dem sie existenzielle Lebensfragen feinsinnig, melancholisch ...
Auch in ihrem neuen Roman „Geschichte einer großen Liebe“ bleibt die italienische Schriftstellerin Susanna Tamaro ihrem unverwechselbaren Stil treu, in dem sie existenzielle Lebensfragen feinsinnig, melancholisch und philosophisch betrachtet.
Ich-Erzähler Andrea ist ein zielstrebiger Kapitän auf einer Fähre und hinterfragt gerne tiefsinnig die Dinge in seinem Leben – als er auf die suchende, stürmisch-rebellische Edith trifft, ist es der Anfang einer lebenslangen Verbundenheit und Liebe, die auch mit längeren Trennungen und der Gegensätzlichkeit des Paares zurecht kommt. Klug konstruiert schwenkt die Geschichte zart zwischen der Gegenwart und den vielen Rückblenden im Leben und in den Schicksalen von Andrea und Edith. Dabei steht vor allem Andreas Sichtweise erzählerisch im Vordergrund: Alleine im stillen, einsamen Haus auf einer Mittelmeer-Insel, resümiert Andrea über die gemeinsame Zeit, reflektiert ergreifend über das menschliche Da-Sein und spricht seine Edith direkt an, obwohl sie nicht mehr da ist. Dabei verwebt die Autorin subtil und atmosphärisch die Schauspiele der Natur und das Pflegen des Bienenstocks in die Emotionen und Schichten eines Lebens und baut mit der Frage, was mit Edith passiert ist, einen gekonnten Spannungsbogen.
In kurzen Kapiteln mit prägnant-passenden Überschriften blickt Tamaro kaleidoskopartig nicht nur in die Geschichte einer großen Liebe, sondern in wesentliche Aspekte eines menschlichen Lebens im ständigen Wandel samt familiären Verstrickungen, das vor allem gegen Ende des Buches tieftraurig und doch hoffnungsvoll auch schmerzvolle Themen wie Tod, Verlust, Trauer und Versöhnung aufgreift. Vom Suchen und Finden, Loslassen und Wiedertreffen, Freiheit und Verbundenheit, Geburt und Tod – zärtlich und intensiv zeigt Tamaro die Facetten einer Liebe und eines Lebens in steter Veränderung. Im Wind und Licht auf der Insel findet Andrea aus seiner Hoffnungslosigkeit und Verwirrung heraus, indem er seine Geschichte neu zusammensetzt.
Ein sehr emotionaler, flüssig-geschriebener Roman voller klug-pointierten Reflexionen und schönen Metaphern, die ohne Kitsch auskommen und die faszinierende Welt der Natur auf den Menschen und seine Bindungen spiegelt. In beunruhigenden Zeiten wie diesen ist eine Kur mit Tamaro-Literatur ein kleiner Trost.