Profilbild von kalligraphin

kalligraphin

Lesejury Star
offline

kalligraphin ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit kalligraphin über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.04.2022

Brillanter Roman über den Alltag im Nazi-Deutschland

Nach Mitternacht
0

„Wo Vollkommenheit ist, hört die Dichtung auf. Wo keine Kritik mehr möglich ist, hast du zu schweigen.“ 59%

Sanna, gerade einmal 19 Jahre jung, wohnt seit einiger Zeit bei Verwandten in Frankfurt. Die ...

„Wo Vollkommenheit ist, hört die Dichtung auf. Wo keine Kritik mehr möglich ist, hast du zu schweigen.“ 59%

Sanna, gerade einmal 19 Jahre jung, wohnt seit einiger Zeit bei Verwandten in Frankfurt. Die Zeiten sind - sehr milde formuliert - unruhig, denn wir befinden uns im Jahr 1937. Die Nazis haben einen Denunziantentum angeregt, das sich durch den Alltag der Menschen in Deutschland zieht. Sanna selbst ist recht naiv, würde sich eigentlich mehr auf ihr Liebesleben konzentrieren wollen als auf Politik. Doch niemand kann sich der Problematik entziehen. Jeder verrät seinen nächsten. Niemand ist mehr Freund; in jedem muss man den Feind sehen. Und dabei scheint es fast unmöglich, die „richtige“ Position zu beziehen.

Sannas Perspektive erlaubt einen Blick auf den Alltag im Nazi-Deutschland, der unglaublich nah dran und dadurch sehr erschütternd ist. Ich habe schon sehr viel über diese Zeit gelesen (Wir alle haben vermutlich schon viel darüber gelesen, oder?), aber dieser für mich neue Blick auf die Dinge, den Irmgard Keun hier bietet, hat mich absolut ergriffen.

Möchte man sich aufgrund dieses Romans mit der Opferrolle befassen, wird man vor ein moralisches Problem gestellt. Ja, aus heutiger Sicht können wir vieles besser einordnen und auch bewerten. Auch der Roman stellt nicht die abgrundtiefe Bösartigkeit des NS-Regimes in Frage. Aber wurden nicht auch viele zu Mittätern gemacht, die man genauso als Opfer betrachten muss?

In „Nach Mitternacht“ wird deutlich, dass jeder einzelne, der zu dieser Zeit in Deutschland lebte und überleben wollte, in eine prekäre Alltagssituation gebracht wurde. Mit eigenen Werten und Ansichten kam man nicht weit. Sie konnten gefährlich werden. Aber sogar wenn man bereit war, sich der vorgegebenen Meinung anzupassen, bekam man Probleme.
Selbst der jüdische Händler bevorzugt (zu diesem Zeitpunkt) das Nazi-Regime gegenüber dem des Kommunismus. Der Schriftsteller möchte weiterhin seine Werke verkaufen können, der SS-Mann ist eigentlich ein freundlicher Trinkgeselle. Wenn alle gegeneinander ausgespielt werden und gleichzeitig zu Geselligkeit und Miteinander aufgerufen werden, steht man plötzlich mitten unter Menschen sehr allein da.

Man weiß als Leser selbst nicht, was man denken soll. Alles ist so ungewiss und unruhig und vor allem: gefährlich.
Abgesehen von der Thematik, ist Irmgard Keun der Roman nämlich auch stilistisch herausragend gelungen. Besonders zu erwähnen ist die Figur des Heini. „Heini ist vierzig Jahre alt und war ein bekannter Journalist. Jetzt schreibt er kaum noch, und das hat auch wieder politische Gründe.“ (46%) Und Heini ist ein gern gesehener Gast, der allen und allem den Spiegel vorhält. Das führt zu bizarren Gesprächssituationen, bei denen dem Leser kurzzeitig der Atem stocken kann.

„Jedes Wort ist Krieg, ob es Kampf heißt oder Frieden. Solange es Worte gibt auf der Welt, wird es Kriege geben. Und wenn es keine Kriege mehr gibt, ist auch das Wort erlegen dem ewigen Frieden.“ 59%

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.03.2022

Ein herausragendes, uneingeschränkt empfehlenswertes Buch

D-Zug dritter Klasse
0

„Neues Leben hieß vor allem, kein altes Leben mehr haben. Man zieht das alte Leben aus, wie man Schuhe auszieht, die drücken, und alles ist gut. Man ist ohne Qual und ohne Makel, Gewesenes gilt nicht mehr.“ ...

„Neues Leben hieß vor allem, kein altes Leben mehr haben. Man zieht das alte Leben aus, wie man Schuhe auszieht, die drücken, und alles ist gut. Man ist ohne Qual und ohne Makel, Gewesenes gilt nicht mehr.“ (46%)

Lenchen, Anfang 20, stolpert so durch ihr Leben. Sie ist eine Träumerin und unbedingt abhängig von anderen. Allerdings ist sie dabei nicht loyal und sehr, sehr sprunghaft. Innerhalb eines Wimpernschlags ändern sich ihr Wünschen und ihre Gefühle. Zur Zeit ist sie unter anderem an einen herrischen, angsteinflößenden und wankelmütigen Arzt namens Karl geraten, der über sie verfügt. Gemeinsam fahren die beiden mit dem D-Zug dritter Klasse von Berlin nach Paris. Dort möchte Karl ein neues Leben beginnen; Lenchen - so hat er entschieden - darf bei ihm bleiben.
Im gemeinsamen Abteil sind fünf weitere Fahrgäste, deren Lebensgeschichten wir nach und nach auch erfahren.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt ein Buch an einem Abend durchgelesen habe, aber dieses hier konnte ich nicht mehr aus der Hand legen. Es ist witzig und gleichzeitig so bitter. Keine der Heldinnen ist wirklich sympathisch, ganz besonders Lenchen nicht. Und doch leidet man mit ihnen, möchte ins Geschehen eingreifen und sie alle voneinander trennen.

Die Sprache ist unheimlich klar und gleichzeitig dicht. Ein kluger Satz folgt dem anderen - viele kann man sich als kleine Sinnsprüche auf Postkarten gedruckt vorstellen. Und die Erzählung wird von Seite zu Seite schneller, wie ein Strudel. Während man immer mehr über die Protagonistinnen erfährt und sich ihre Schicksale während der Fahrt miteinander verweben, muss man gleichzeitig akzeptieren, dass unter den sieben Reisenden vielleicht nur eine einzige Person einen verlässlichen Charakter hat.
Endsprechend ist das Ende der Geschichte großartig und passt perfekt.

Ein herausragendes, uneingeschränkt empfehlenswertes Buch! Und bestimmt für mich der Auftakt zur Lektüre von Irmgard Keuns Gesamtwerk.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.02.2022

Gemeinsam sind wir stark!

Es kann nur eine geben
0

„Dies ist ein feministisches Buch, und ich verstehe unter Feminismus, dass wir für die Gleichberechtigung aller Menschen kämpfen. Damit wir uns nicht gegenseitig bekämpfen müssen.“ (2%)

Frauenquote? Brauchen ...

„Dies ist ein feministisches Buch, und ich verstehe unter Feminismus, dass wir für die Gleichberechtigung aller Menschen kämpfen. Damit wir uns nicht gegenseitig bekämpfen müssen.“ (2%)

Frauenquote? Brauchen wir die? Es gibt doch inzwischen überall Frauen - auch in höheren Position und auf vielbeachteten Posten. Es gibt Schlumpfine, Barbara Schöneberger, in jedem Märchen EINE rettenswerte Prinzessin oder zumindest EINE schöne Frau, die vom Prinzen geheiratet wird. Es gab die Bundeskanzlerin. Und tatsächlich gibt es in einigen Firmen auch (wenige) weibliche Führungskräfte.

Aber es sieht so aus, als könnte es - wenn überhaupt - nur eine geben! Die eine Frau, die sich so durch die patriarchalen Strukturen gewurschtelt hat, dass sie auserkoren wurde. Oftmals gehören zu diesem Erfolg allerdings Schönheit, Anpassungsfähigkeit und ein harter Konkurrenzkampf. Manchmal auch - gut versteckte - Intelligenz.

Carolin Kebekus macht sich stark für eine Welt mit weniger Konkurrenzkampf unter Frauen (denn der ist nur durch das Patriarchat überhaupt entstanden und wird nach wie vor dadurch befeuert).
Wer ihre Auftritte kennt, weiß, dass sie dabei nicht zurückhaltend ist. Im Gegenteil: Carolin Kebekus wird sehr deutlich! Sie prangert Gesellschaftsstrukturen an, die nach wie vor Männer bevorzugen und Frauen diskriminieren. Und immer wieder weist sie darauf hin: Wir Frauen sollten aufhören, uns als Konkurrenz zu betrachten und gegeneinander zu kämpfen. Es gilt vielmehr einen gemeinsamen Kampf gegen strukturelle Ungerechtigkeiten zu führen. Denn eigentlich kann es mehr als eine geben und genau dafür sollten wir uns einsetzen.

„Es kann nur eine geben“ ist in starkes und wichtiges Buch; und ein witziges, unterhaltendes noch dazu. Ich finde es wunderbar, dass Carolin Kebekus ihre Stimme dafür nutzt, dieses wichtige und ernste Thema anzusprechen. Ein tolles und sehr empfehlenswertes Buch!

„Ich hasse keine Männer, aber ich hasse Strukturen, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität benachteiligen. Patriarchale Strukturen bevorzugen Männer und setzen sie gleichzeitig unter Druck. Geschlechtergerechtigkeit würde uns alle bereichern und wir würden alle in allen Lebenslagen davon profitieren.“ (89%)

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.01.2022

Alles zum Thema Autos

Wieso? Weshalb? Warum? Wir entdecken Autos
0

„Mama, was steht da? A-I-R-B-A-G?“ - „Und was ist das?“ - „Wie wird ein Airbag denn ausgelöst?“

Diese Fragen stellte mein Sohn vor einigen Tagen, als er die Buchstaben am Armaturenbrett vor dem Beifahrersitz ...

„Mama, was steht da? A-I-R-B-A-G?“ - „Und was ist das?“ - „Wie wird ein Airbag denn ausgelöst?“

Diese Fragen stellte mein Sohn vor einigen Tagen, als er die Buchstaben am Armaturenbrett vor dem Beifahrersitz sah. Der neue Band aus der „Wieso? Weshalb? Warum?“-Sachbuchreihe für Kinder weiß darauf Antwort. Und auch auf viele andere Fragen zum Thema Autos.
Die Reihe richtet sich an Kinder zwischen vier und sieben Jahren, also hauptsächlich an Vorschulkinder, die noch nicht lesen können. Entsprechend sind die Bücher aus dieser Reihe sehr detailreich bebildert. Die Illustrationen sind realistisch und geben den Informationsgehalt sehr gekonnt wieder. Jeder Textabschnitt, den das Kind vorgelesen bekommt, wird in den Bildern dargestellt. Somit wird das Vorgelesene auch für den kleinen Zuhörer greifbar und erlebbar.
Die vielen Klappen im Buch sorgen dafür, dass das Kind interessiert und neugierig bleibt. Es kann sich „seinem“ Thema selbst nähern, Bilder und Informationen eigenständig entdecken.

Diese Sachbuchreihe ist eine der besten für Kinder. Die Texte sind in kindgerechter Sprache gehalten. Aber dem Kind wird auch die Kompetenz zugesprochen, die - teils sehr komplexen - Inhalte verstehen zu können.

Der Band 28 „Wir entdecken Autos“ greift sehr umfassend Fragen zum Thema auf. Warum fahren wir Auto? Woraus besteht ein Auto? Wie wird ein Auto gebaut? Auch die Aspekte Verkehrssicherheit, die Geschichte des Autos, Berufskraftfahrer oder das Warten und Pflegen von Autos werden angesprochen.

Wir sind wieder einmal sehr begeistert von einem Band aus dieser Sachbuchreihe. Hier bekommt nicht nur das neugierige Kind seine brennenden Fragen beantwortet, sondern auch die Erwachsenen lernen noch eine Menge dazu.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.12.2021

Über die Entwertung weiblicher Arbeit

Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung
0

„Die Verwandlung der Frauen in eine heimliche Dienerklasse war eine ökonomische Leistung ersten Ranges. Diener für niedere Arbeiten konnte sich nur eine Minderheit der vorindustriellen Gesellschaft leisten; ...

„Die Verwandlung der Frauen in eine heimliche Dienerklasse war eine ökonomische Leistung ersten Ranges. Diener für niedere Arbeiten konnte sich nur eine Minderheit der vorindustriellen Gesellschaft leisten; im Zuge der Demokratisierung steht heute fast dem gesamten männlichen Bevölkerungsteil eine Ehefrau als Dienerin zur Verfügung.“ 81%

Mit diesem Zitat vom Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith von 1974 schließt das Buch „Die Erfindung der Hausfrau - Geschichte einer Entwertung“ von Evke Rulffes.
Was wir bis heute noch als wirkmächtig und schwer überwindbar empfinden, ist eine vergleichsweise junge Erfindung. Mit dem Aufkommen des Bürgertums und einer größeren Mittelschicht im 19. Jahrhundert bedurfte es einer Dienerklasse, die sich selbst nicht als solche empfand und kostenlos arbeitete: Die Ehefrau und Mutter in ihrer Rolle als Hausfrau. Eine Rolle, die mit Haut und Haaren auszufüllen war, denn sie appelliert an das Gewissen der Frauen und verlangt die absolute Identifikation und Selbstaufgabe. Im Gegenzug steht der Erfüllung dieser Rolle allerdings weder eine Bezahlung noch die geringste Anerkennung zu.

Es wird erschreckend deutlich, wie perfide und nachhaltig dieses Konzept angelegt ist. Ja, man hat das alles schon mal irgendwo gehört. Und, hey, wir Frauen sind doch inzwischen alle emanzipiert und stehen da drüber. Oder?
Wie sehr uns die Erfindung der Hausfrau bis heute nachhängt, wird spätestens dann deutlich, wenn eine Frau zum ersten Mal Mutter wird. Oder wenn sie auf ihrem beruflichen Weg ausgebremst und schlechter bezahlt wird. All diese Phänomene hängen immer auch damit zusammen, dass die Arbeit von Frauen entwertet und auf die selbstlose Hausfrauenrolle uminterpretiert wurde.

Evke Rulffes Buch basiert auf ihrer wissenschaftlichen Arbeit zur Hausväterliteratur bzw. besonders zu dem Werk „Die Hausmutter“ von Christian Friedrich Germershausen, das um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert in vielen Auflagen erschienen ist. Vor der Erfindung der Hausfrau war die Rolle der Frau noch eine andere. Natürlich war auch damals nicht alles besser; das Gesinde wurde schlecht bezahlt, man hatte viel und körperlich anstrengende Arbeit und darüber hinaus repräsentative Aufgaben. Auch ist eine Rückkehr zu damaligen Verhältnissen von der Autorin nicht gewünscht - sie macht mit der Analyse der damaligen Verhältnisse und der Rolle der Frau aber deutlich, wann und wie es zur Erfindung der Hausfrau kam und dass damit eine Entwertung der weiblichen Arbeit einherging, die bis heute anhält.

Auch wenn „Die Erfindung der Hausfrau“ den Fokus in weiten Teilen auf die Analyse „Der Hausmutter“ legt, ist dieses Buch sehr augenöffnend (und erschreckend) in Bezug auf die Emanzipationsgeschichte und auch auf die Rolle moderner Frauen. Die Lektüre ist aber nicht nur aufschlussreich, sondern auch überaus unterhaltend. Ich kann dieses Buch allen Frauen und Männern nahelegen, die sich für gesellschaftliche Zusammenhänge interessieren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere