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Veröffentlicht am 08.03.2022

Geheimnis in Rot

Geheimnis in Rot
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"Geheimnis in Rot" ist ein klassischer, britischer Krimi. Wer das goldene Zeitalter der englischen Spannungsliteratur liebt, der ist mit diesem Buch genau richtig beraten. Es wurde erstmal im Jahre 1935 ...

"Geheimnis in Rot" ist ein klassischer, britischer Krimi. Wer das goldene Zeitalter der englischen Spannungsliteratur liebt, der ist mit diesem Buch genau richtig beraten. Es wurde erstmal im Jahre 1935 veröffentlicht und das merkt man der Geschichte auch an, denn sie kommt ohne Blutvergießen und viel Action aus, welches aus heutigen Thrillern kaum noch wegzudenken ist. Stattdessen ist es ein cleveres Rätselraten, bei dem der Leser selbst gefragt ist seinen Kopf zu benutzen und den Hinweisen und Ungereimtheiten zu folgen. Die Spannung liegt im Versuch das Geschehene zu rekonstruieren und die einzelnen Aussagen miteinander zu vergleichen. Dabei wird der Leser mehrfach gekonnt von Mavis Doriel Hay auf die falsche Spur geführt! Gleichzeitig ist es ein Spiegel der damaligen Gesellschaft mit dem niederen Adel und ihren Angestellten und den Problemen, die dieses Leben mit sich brachte. Der Krimi schlägt keine lauten Töne an und konzentriert sich stattdessen ganz auf die klassische Ermittlungsarbeit.

CHARAKTERE
Dem Großteil der Geschichte folgen wir Colonel Halstock, der als Chief Constable versucht dem Täter auf die Spur zu kommen. Obwohl diese Erzähltechnik die beste Herangehensweise für so einen Krimi darstellt, wird gleichzeitig verhindert, dass der Leser eine wirkliche Verbindung zu den Charakteren aufbauen kann. Mir blieben die Familienmitglieder und die Angestellten im Anwesen der Melburys dadurch eher fremd und wenngleich ich gespannt war den Täter zu finden, hätte es jeden treffen können ohne das ich allzu entsetzt gewesen wäre. Es wird stetig an der Oberfläche der einzelnen Verdächtigen gekratzt, aber keiner von ihnen gewinnt wirklich an Tiefe, was mir ein wenig den Spaß am lesen genommen hat. Insbesondere die Familienmitglieder entsprechen oftmals eher den gängigen Klischees, wodurch individuelle Charaktere leider vergebens gesucht werden. Meiner Meinung nach ist dies ein Problem, welches hauptsächlich der Erzählweise geschuldet ist.

Durch die Größe der Familie wird der Leser besonders am Anfang der Geschichte zunächst einmal mit Namen und Hintergrundinformationen erschlagen. An dieser Stelle wäre ein Personenregister hilfreich gewesen, da ich mehrmals zurück blättern musste um die Übersicht zu behalten und die Charaktere nicht durcheinander zu bringen. Dies legt sich aber nach einigen Kapiteln glücklicherweise, wodurch dem Rätselraten nichts mehr im Wege steht. Während die Hauptcharaktere einem nach dem holprigen Einstieg im Gedächtnis blieben, waren die Nebencharaktere leider sehr farblos und nichtssagend. Zwar bekamen sie alle einen Namen, aber der Widererkennungswert fehlte. Dies war letztendlich jedoch nicht weiter tragisch, weil ihre Rollen nur sehr unbedeutend ausfielen und es nicht weiter tragisch war wenn man sich die Namen nicht merken konnte. Das Rätselraten um den Mörder macht unheimlich viel Spaß, weil so viele Motive im Raum stehen und jeder Verdächtige zu einem Mord fähig scheint. Leider hat mich die Auflösung ziemlich enttäuscht, weil man daraus wesentlich mehr hätte machen können. Mir war es zu einfach und langweilig, da hätte ich ein spektakuläres Finale vorgezogen, zudem man in den letzten Kapiteln bereits erahnen kann wer der Mörder ist.

WELTENBAU
"Geheimnis in Rot" kommt mit einem sehr kleinen Setting aus und konzentriert sich hauptsächlich auf das Anwesen der Familie Melbury. Britische Herrenhäuser sind unglaublich reizvoll und ein spannendes Ambiente für einen Mordfall und besonders zur Weihnachtszeit könnte es kaum einen stimmungsvolleren Schauplatz geben. Allerdings kommt dieses ganz spezielle Flair nicht wirklich rüber. Es wäre schön gewesen, wenn das Anwesen näher beschrieben worden wäre und die Autorin es vor den Augen ihrer Leser hätte lebendig werden lassen. Doch auch hier kommt wieder einmal die Erzählweise in die Quere. Alles konzentriert sich auf die Suche nach dem Mörder, wodurch die Atmosphäre etwas zu kurz kommt. Zwar gibt es einige Beschreibung zu den einzelnen Räumen, aber diese sind alle sehr sachlich, da sie lediglich der Rekonstruktion des Falles dienen. Zum Ende der Geschichte gibt es auch einen kleinen Ortswechsel, wobei erneut auffällt wie sachlich und neutral alles beschrieben ist. Das Hauptaugenmerk liegt durchgehend auf dem Fall und es fällt schwer ein Gefühl für das Setting zu bekommen! Obwohl sich alles über die Weihnachtstage ereignet, geht auch dies etwas unter und wäre der Mörder nicht als Weihnachtsmann verkleidet gewesen, hätte es auch zu jeder anderen Jahreszeit spielen können.

SCHREIBSTIL
"Geheimnis in Rot" wird fast durchgehend aus der Sicht von Colonel Halstock erzählt. Zu Beginn des Buches fassen einige der Familienmitglieder das Geschehen vor Weihnachten bis zum Mord selbst zusammen und auch zum Ende hin treten noch andere Erzähler auf. Allgemein lässt sich der Schreibstil als sehr förmlich beschreiben. Es finden sich keine Ausschmückungen und keine bildhaften Beschreibungen. Durch die Wahl des Erzählers folgt man ganz sachlich den Ermittlungen und fühlt sich stellenweise in einen Polizeibericht hineinversetzt. Diese Erzählweise hat bei mir sehr widersprüchliche Gefühle hervorgerufen. Auf der einen Seite ist es perfekt für das clevere Rätselraten und der Suche nach dem Mörder, da man sich nur auf die Fakten und die verschiedenen, teils widersprüchlichen Aussagen konzentriert. Andererseits fehlt es der Geschichte durch die Erzählweise an Atmosphäre. Es fällt schwer sich in die Geschehnisse hineinzuversetzen, da man sich eher als Außenstehender fühlt und auch den Charakteren fehlt es dadurch an Tiefe. Der Schreibstil von Mavis Doriel Hay ist sicherlich Geschmackssache, aber man sollte sich im Klaren sein, dass sich das Buch in keinerlei Weise mit modernen Thrillern vergleichen lässt.

COVER
Das Cover zeigt das verschneite Anwesen der Familie Melbury und ist dabei ganz in blau und weiß Tönen gehalten. Im Vordergrund finden sich ein Weihnachtsbaum und davor die Silhouette eines Weihnachtsmannes. Das Cover ist definitiv ein stimmungsvoller Hingucker und schafft es viel Atmosphäre zu vermitteln, da es perfekt zum Inhalt passt. Der Vollmond im Hintergrund und die fallenden Schneeflocken geben dem Cover stimmige Details. Das Buch ist in Leinenband gefasst, wodurch es sich schön in der Hand halten lässt und zwar nicht so dick wie ein gebundenes Buch ist, aber wesentlich fester als ein Taschenbuch. Klappt man das Buch auf findet sich ein Grundriss des Erdgeschosses vom Anwesen, was im späteren Verlauf sehr hilfreich ist um die Geschehnisse zu rekonstruieren. Ich hätte es schön gefunden auch noch eine Karte vom Grundstück und der Umgebung zur Hilfe zu haben.

FAZIT
"Geheimnis in Rot" ist ein clever konstruierter Krimi, der den Leser zum Rätselraten verführt und diesen dabei mehrmals in die Irre führt. Das britische Herrenhaus bietet ein stimmungsvolles Ambiente und durch die verschiedenen Motive der Charaktere ist der Fall lange Zeit sehr undurchsichtig. Durch die sachliche und ermittlerische Erzählweise mangelt es den Charakteren allerdings an Tiefe und besonders zum Ende hin zieht sich das Buch etwas in die Länge. Für Fans von klassischen Krimis ist dieses Buch definitiv empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 11.05.2025

Ein leiser Roman, der wenig erzählt

Perlen
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Siân Hughes’ Perlen beginnt mit einer starken Prämisse: Ein achtjähriges Mädchen wird Zeugin des plötzlichen Verschwindens ihrer Mutter, ein Verlust, der wie ein Echo durch ihr gesamtes weiteres Leben ...

Siân Hughes’ Perlen beginnt mit einer starken Prämisse: Ein achtjähriges Mädchen wird Zeugin des plötzlichen Verschwindens ihrer Mutter, ein Verlust, der wie ein Echo durch ihr gesamtes weiteres Leben hallt. Marianne bleibt mit ihrem kleinen Bruder und dem emotional überforderten Vater zurück. Was folgt, ist eine Erzählung über Erinnerung, Trauer und die Sehnsucht nach Antworten – und doch verliert sich der Roman streckenweise in der eigenen Zartheit.

Hughes schreibt leise, mit Bedacht, fast meditativ – und genau darin liegt sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Buchs. Die Sprache ist klar und poetisch, viele Passagen haben eine beinahe lyrische Qualität. Besonders gelungen ist, wie Marianne sich die Welt über Gerüche, Märchen und kleine Details der Vergangenheit erschließt. Dabei funktioniert die Erzählung weniger über Handlung als über Stimmung. Doch diese Entscheidung führt auch dazu, dass der Roman stellenweise fast stehen bleibt. Die Erinnerungsfragmente wirken manchmal repetitiv, der Erzählfluss stockt – und die eigentliche Frage, warum die Mutter gegangen ist, verliert an Schärfe.

Einige der literarischen Bezüge, insbesondere zur mittelalterlichen Dichtung („Pearl“), geben dem Roman Tiefe, aber sie bleiben für viele Leserinnen eher schwer zugänglich. Wer diese Kontexte nicht kennt, wird möglicherweise einige symbolische Ebenen übersehen. Auch Mariannes psychische Entwicklung wird nur angedeutet – ihre Selbstverletzung, das Schwänzen der Schule, ihre Isolation – vieles davon wird beschrieben, ohne dass es wirklich greifbar wird. Als Leser fühlt man sich dadurch manchmal außen vor, als würde man an einer verschlossenen Tür lauschen.

Spannend ist hingegen, wie sich die Erzählung verschiebt, als Marianne selbst Mutter wird. Erst dann beginnt eine zaghafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Das mag realistisch sein – denn nicht jeder Verlust lässt sich erklären –, aber es hinterlässt auch eine gewisse Unzufriedenheit. Besonders da der Roman sich emotional viel zumutet, aber narrativ eher zurückhaltend bleibt.

Perlen ist ein sensibles, literarisch feinfühliges Debüt, das in seiner Melancholie berührt – aber auch Geduld erfordert. Für Leser, die klare Auflösungen oder eine treibende Handlung erwarten, dürfte der Roman trotz seines zarten Tons eher frustrierend wirken.

Veröffentlicht am 30.03.2025

Verloren im Faktenmeer

Heimweh im Paradies
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„Heimweh im Paradies“ verspricht eine atmosphärische Reise in das kalifornische Exil großer deutscher Intellektueller, allen voran Thomas Mann. Was man jedoch bekommt, ist ein Buch, das in seiner nüchternen ...

„Heimweh im Paradies“ verspricht eine atmosphärische Reise in das kalifornische Exil großer deutscher Intellektueller, allen voran Thomas Mann. Was man jedoch bekommt, ist ein Buch, das in seiner nüchternen Faktenfülle und seinem bemüht kunstvollen Stil kaum über das Niveau einer Aneinanderreihung biografischer Notizen hinauskommt.

Martin Mittelmeier hat zweifellos akribisch recherchiert – das zeigt sich in der Vielzahl an Anekdoten und historischen Details, die er zusammenträgt. Leider bleibt es genau dabei: Das Buch ist mehr ein Register der Ereignisse als ein erzählerisches Werk mit Atmosphäre oder innerem Spannungsbogen. Der Leser wird Zeuge dessen, was Thomas Mann im Exil tat, mit wem er verkehrte, wann er welchen Vortrag hielt – doch das Wie, das Erleben, das menschliche Drama dahinter, bleibt blass. Dialoge? Fehlanzeige. Stattdessen werden Beobachtungen nüchtern wiedergegeben.

Der Stil des Autors wirkt teils gekünstelt, was den Text häufig schwerfällig und verkopft erscheinen lässt. Besonders Leser, die sich nicht tief im philosophisch-literarischen Diskurs des frühen 20. Jahrhunderts auskennen, könnten sich rasch verloren fühlen. Die Folge: ein Buch, das intellektuell fordern möchte, aber emotional kaum berührt.

Dabei hätte das Thema Potenzial: Die Begegnungen der Exilanten, die Spannungen zwischen Künstlern und politischen Flüchtlingen, die Frage nach Kunst und Verantwortung in Zeiten der Diktatur – all das ließe sich packend, lebendig und aufwühlend erzählen. Stattdessen liest sich das Buch streckenweise fast wie ein Pflichttext, nicht wie eine lebendige literarische Auseinandersetzung.

Wer ein Faible für biografische Daten und intellektuelle Name-Dropping-Exkurse hat, wird hier bedient. Wer jedoch auf eine fesselnde, literarisch anspruchsvolle und gleichzeitig zugängliche Darstellung des Exils hofft, dürfte enttäuscht sein. Heimweh im Paradies verpasst die Chance, mehr als bloße Exilchronik zu sein – und bleibt letztlich ein trockenes Stück Literaturgeschichte.

Veröffentlicht am 01.03.2025

Familiengeheimnisse und der Preis des Reichtums

Die Fletchers von Long Island
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Taffy Brodesser-Akner entwirft in ihrem Roman Die Fletchers von Long Island das vielschichtige Porträt einer reichen, jüdisch-amerikanischen Familie, die von einem traumatischen Ereignis aus den 1980er-Jahren ...

Taffy Brodesser-Akner entwirft in ihrem Roman Die Fletchers von Long Island das vielschichtige Porträt einer reichen, jüdisch-amerikanischen Familie, die von einem traumatischen Ereignis aus den 1980er-Jahren – der Entführung des Familienvaters Carl Fletcher – geprägt ist. Jahrzehnte später zeigt sich, wie dieses Erlebnis nicht nur Carl, sondern auch seine Frau Ruth und die drei Kinder nachhaltig beeinflusst hat. Mit einem scharfen Blick für gesellschaftliche Dynamiken und einem Hauch von bitterbösem Humor beleuchtet Brodesser-Akner die Schattenseiten von Privilegien und den Nachwirkungen familiärer Traumata.

Die Handlung beginnt temporeich mit der Entführung Carls und ihrer unmittelbaren Folgen, bevor sich der Roman stärker auf die Lebenswege der drei Kinder Beamer, Nathan und Jennifer konzentriert. Dabei behandelt Brodesser-Akner große Themen wie generationenübergreifendes Trauma, den American Dream, familiäre Dysfunktionalität und soziale Ungleichheit. Der Erzählton schwankt zwischen satirischem Humor und tiefgründigen Reflexionen, was den Roman sowohl unterhaltsam als auch nachdenklich macht.

Die Charaktere sind gut gezeichnet, wenn auch nicht immer sympathisch. Beamer, ein erfolgloser Drehbuchautor, Nathan, ein neurotischer Anwalt, und Jennifer, die mit ihrem Platz in der Welt hadert, kämpfen allesamt mit den Erwartungen, die ihre privilegierte Herkunft an sie stellt, sowie mit den unausgesprochenen Folgen der Entführung ihres Vaters. Trotz ihrer individuellen Konflikte und Geheimnisse wirkt manches vorhersehbar, und einige Episoden – besonders Beamers Exzesse mit Drogen und Affären – ziehen sich zu sehr in die Länge.

Der Roman ist sprachlich gelungen und bietet viele scharfsinnige Beobachtungen über Reichtum und die damit verbundene Isolation, doch die 600 Seiten hätten gut von einer strafferen Struktur profitiert. Manche Szenen wirken überflüssig und die Thematisierung der Entführung bleibt stellenweise mehr Aufhänger als zentraler Aspekt der Geschichte. Dennoch überzeugt der Roman durch seinen satirischen Witz, die bittersüße Absurdität und die universellen Fragen, die er aufwirft: Wie sehr prägt uns unsere Herkunft? Und können Privilegien ein Segen und Fluch zugleich sein?

Die Fletchers von Long Island ist ein ambitionierter Familienroman, der sich mit den großen Themen des Lebens befasst und dabei unterhält und nachdenklich macht. Trotz einiger Längen und stellenweiser Vorhersehbarkeit ist es ein lesenswerter Roman für alle, die vielschichtige Familiengeschichten und Gesellschaftskritik schätzen.

Veröffentlicht am 03.02.2025

Social Media Diagnosen

Digitale Diagnosen
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Laura Wiesböck nimmt in Digitale Diagnosen den wachsenden Trend unter die Lupe, psychische Gesundheit in sozialen Medien immer stärker zu thematisieren – und dabei oft mit Diagnosen zu jonglieren, die ...

Laura Wiesböck nimmt in Digitale Diagnosen den wachsenden Trend unter die Lupe, psychische Gesundheit in sozialen Medien immer stärker zu thematisieren – und dabei oft mit Diagnosen zu jonglieren, die früher ausschließlich in der Fachwelt diskutiert wurden. Begriffe wie „Trauma“, „triggern“ oder „toxisch“ tauchen ständig auf, oft in einem Kontext, der wenig mit ihrer eigentlichen Bedeutung zu tun hat. Das Buch hinterfragt, wo die Grenze zwischen Aufklärung und problematischer Vereinfachung verläuft.

Die Autorin schreibt klar und verständlich, ohne zu sehr ins Wissenschaftliche abzudriften. Sie liefert eine kompakte Analyse, die viele relevante Aspekte anspricht, von der „Sad Girl Culture“ bis hin zu den Gefahren von Fehldiagnosen durch Influencer. Gleichzeitig bleibt das Buch relativ kurz, wodurch manche Themen eher angerissen als tiefgehend beleuchtet werden. Einige Argumente wiederholen sich zudem im Laufe des Textes, und gegen Ende scheint der rote Faden nicht mehr ganz so deutlich.

Während die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema wertvolle Denkanstöße liefert, schwingt mitunter eine recht persönliche Perspektive mit. Dadurch wirken einige Passagen eher wie ein gesellschaftspolitisches Statement als eine neutrale Analyse. Wer sich ein möglichst vielschichtiges Bild des Themas wünscht, könnte hier eine breitere Einbindung unterschiedlicher fachlicher Sichtweisen vermissen.

Insgesamt ist Digitale Diagnosen ein interessantes Buch mit einer wichtigen Fragestellung. Es regt zum Nachdenken an und bietet einen guten Einstieg ins Thema, bleibt aber in manchen Punkten eher an der Oberfläche. Wer sich intensiver mit der Rolle von Social Media in der Diskussion um psychische Gesundheit beschäftigen möchte, wird sich möglicherweise noch weitere Lektüre wünschen.