Geheimnis in Rot
Geheimnis in Rot"Geheimnis in Rot" ist ein klassischer, britischer Krimi. Wer das goldene Zeitalter der englischen Spannungsliteratur liebt, der ist mit diesem Buch genau richtig beraten. Es wurde erstmal im Jahre 1935 ...
"Geheimnis in Rot" ist ein klassischer, britischer Krimi. Wer das goldene Zeitalter der englischen Spannungsliteratur liebt, der ist mit diesem Buch genau richtig beraten. Es wurde erstmal im Jahre 1935 veröffentlicht und das merkt man der Geschichte auch an, denn sie kommt ohne Blutvergießen und viel Action aus, welches aus heutigen Thrillern kaum noch wegzudenken ist. Stattdessen ist es ein cleveres Rätselraten, bei dem der Leser selbst gefragt ist seinen Kopf zu benutzen und den Hinweisen und Ungereimtheiten zu folgen. Die Spannung liegt im Versuch das Geschehene zu rekonstruieren und die einzelnen Aussagen miteinander zu vergleichen. Dabei wird der Leser mehrfach gekonnt von Mavis Doriel Hay auf die falsche Spur geführt! Gleichzeitig ist es ein Spiegel der damaligen Gesellschaft mit dem niederen Adel und ihren Angestellten und den Problemen, die dieses Leben mit sich brachte. Der Krimi schlägt keine lauten Töne an und konzentriert sich stattdessen ganz auf die klassische Ermittlungsarbeit.
CHARAKTERE
Dem Großteil der Geschichte folgen wir Colonel Halstock, der als Chief Constable versucht dem Täter auf die Spur zu kommen. Obwohl diese Erzähltechnik die beste Herangehensweise für so einen Krimi darstellt, wird gleichzeitig verhindert, dass der Leser eine wirkliche Verbindung zu den Charakteren aufbauen kann. Mir blieben die Familienmitglieder und die Angestellten im Anwesen der Melburys dadurch eher fremd und wenngleich ich gespannt war den Täter zu finden, hätte es jeden treffen können ohne das ich allzu entsetzt gewesen wäre. Es wird stetig an der Oberfläche der einzelnen Verdächtigen gekratzt, aber keiner von ihnen gewinnt wirklich an Tiefe, was mir ein wenig den Spaß am lesen genommen hat. Insbesondere die Familienmitglieder entsprechen oftmals eher den gängigen Klischees, wodurch individuelle Charaktere leider vergebens gesucht werden. Meiner Meinung nach ist dies ein Problem, welches hauptsächlich der Erzählweise geschuldet ist.
Durch die Größe der Familie wird der Leser besonders am Anfang der Geschichte zunächst einmal mit Namen und Hintergrundinformationen erschlagen. An dieser Stelle wäre ein Personenregister hilfreich gewesen, da ich mehrmals zurück blättern musste um die Übersicht zu behalten und die Charaktere nicht durcheinander zu bringen. Dies legt sich aber nach einigen Kapiteln glücklicherweise, wodurch dem Rätselraten nichts mehr im Wege steht. Während die Hauptcharaktere einem nach dem holprigen Einstieg im Gedächtnis blieben, waren die Nebencharaktere leider sehr farblos und nichtssagend. Zwar bekamen sie alle einen Namen, aber der Widererkennungswert fehlte. Dies war letztendlich jedoch nicht weiter tragisch, weil ihre Rollen nur sehr unbedeutend ausfielen und es nicht weiter tragisch war wenn man sich die Namen nicht merken konnte. Das Rätselraten um den Mörder macht unheimlich viel Spaß, weil so viele Motive im Raum stehen und jeder Verdächtige zu einem Mord fähig scheint. Leider hat mich die Auflösung ziemlich enttäuscht, weil man daraus wesentlich mehr hätte machen können. Mir war es zu einfach und langweilig, da hätte ich ein spektakuläres Finale vorgezogen, zudem man in den letzten Kapiteln bereits erahnen kann wer der Mörder ist.
WELTENBAU
"Geheimnis in Rot" kommt mit einem sehr kleinen Setting aus und konzentriert sich hauptsächlich auf das Anwesen der Familie Melbury. Britische Herrenhäuser sind unglaublich reizvoll und ein spannendes Ambiente für einen Mordfall und besonders zur Weihnachtszeit könnte es kaum einen stimmungsvolleren Schauplatz geben. Allerdings kommt dieses ganz spezielle Flair nicht wirklich rüber. Es wäre schön gewesen, wenn das Anwesen näher beschrieben worden wäre und die Autorin es vor den Augen ihrer Leser hätte lebendig werden lassen. Doch auch hier kommt wieder einmal die Erzählweise in die Quere. Alles konzentriert sich auf die Suche nach dem Mörder, wodurch die Atmosphäre etwas zu kurz kommt. Zwar gibt es einige Beschreibung zu den einzelnen Räumen, aber diese sind alle sehr sachlich, da sie lediglich der Rekonstruktion des Falles dienen. Zum Ende der Geschichte gibt es auch einen kleinen Ortswechsel, wobei erneut auffällt wie sachlich und neutral alles beschrieben ist. Das Hauptaugenmerk liegt durchgehend auf dem Fall und es fällt schwer ein Gefühl für das Setting zu bekommen! Obwohl sich alles über die Weihnachtstage ereignet, geht auch dies etwas unter und wäre der Mörder nicht als Weihnachtsmann verkleidet gewesen, hätte es auch zu jeder anderen Jahreszeit spielen können.
SCHREIBSTIL
"Geheimnis in Rot" wird fast durchgehend aus der Sicht von Colonel Halstock erzählt. Zu Beginn des Buches fassen einige der Familienmitglieder das Geschehen vor Weihnachten bis zum Mord selbst zusammen und auch zum Ende hin treten noch andere Erzähler auf. Allgemein lässt sich der Schreibstil als sehr förmlich beschreiben. Es finden sich keine Ausschmückungen und keine bildhaften Beschreibungen. Durch die Wahl des Erzählers folgt man ganz sachlich den Ermittlungen und fühlt sich stellenweise in einen Polizeibericht hineinversetzt. Diese Erzählweise hat bei mir sehr widersprüchliche Gefühle hervorgerufen. Auf der einen Seite ist es perfekt für das clevere Rätselraten und der Suche nach dem Mörder, da man sich nur auf die Fakten und die verschiedenen, teils widersprüchlichen Aussagen konzentriert. Andererseits fehlt es der Geschichte durch die Erzählweise an Atmosphäre. Es fällt schwer sich in die Geschehnisse hineinzuversetzen, da man sich eher als Außenstehender fühlt und auch den Charakteren fehlt es dadurch an Tiefe. Der Schreibstil von Mavis Doriel Hay ist sicherlich Geschmackssache, aber man sollte sich im Klaren sein, dass sich das Buch in keinerlei Weise mit modernen Thrillern vergleichen lässt.
COVER
Das Cover zeigt das verschneite Anwesen der Familie Melbury und ist dabei ganz in blau und weiß Tönen gehalten. Im Vordergrund finden sich ein Weihnachtsbaum und davor die Silhouette eines Weihnachtsmannes. Das Cover ist definitiv ein stimmungsvoller Hingucker und schafft es viel Atmosphäre zu vermitteln, da es perfekt zum Inhalt passt. Der Vollmond im Hintergrund und die fallenden Schneeflocken geben dem Cover stimmige Details. Das Buch ist in Leinenband gefasst, wodurch es sich schön in der Hand halten lässt und zwar nicht so dick wie ein gebundenes Buch ist, aber wesentlich fester als ein Taschenbuch. Klappt man das Buch auf findet sich ein Grundriss des Erdgeschosses vom Anwesen, was im späteren Verlauf sehr hilfreich ist um die Geschehnisse zu rekonstruieren. Ich hätte es schön gefunden auch noch eine Karte vom Grundstück und der Umgebung zur Hilfe zu haben.
FAZIT
"Geheimnis in Rot" ist ein clever konstruierter Krimi, der den Leser zum Rätselraten verführt und diesen dabei mehrmals in die Irre führt. Das britische Herrenhaus bietet ein stimmungsvolles Ambiente und durch die verschiedenen Motive der Charaktere ist der Fall lange Zeit sehr undurchsichtig. Durch die sachliche und ermittlerische Erzählweise mangelt es den Charakteren allerdings an Tiefe und besonders zum Ende hin zieht sich das Buch etwas in die Länge. Für Fans von klassischen Krimis ist dieses Buch definitiv empfehlenswert!