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Veröffentlicht am 29.03.2022

Die Rolle der indischen Frauen aus der Kaste der Unberührbaren

Das Mädchen mit dem Drachen
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In diesem erneut feministischen Roman der Autorin greift sie die Figur des Mädchens Lalita aus ihrem früheren Werk „Der Zopf“ auf. Beide Bücher lassen sich vollständig unabhängig voneinander lesen. Lalita ...

In diesem erneut feministischen Roman der Autorin greift sie die Figur des Mädchens Lalita aus ihrem früheren Werk „Der Zopf“ auf. Beide Bücher lassen sich vollständig unabhängig voneinander lesen. Lalita ist ein indisches Halbwaisenkind aus der Kaste er Unberührbaren, das von einem entfernten Verwandten in Südindien am Golf von Bengalen Aufnahme findet und diesem in dessen Gastwirtschaft zur Hand geht. Bei ihren morgendlichen Spielen am Strand mit dem Drachen trifft sie auf Léna, einer Englischlehrerin aus Frankreich, die im fernen Indien ein persönliches Trauma verarbeiten will. Als Léna beim Schwimmen im Ozean zu ertrinken droht, holt Lalita Hilfe in Gestalt der Roten Brigade herbei, einer Gruppe junger Mädchen unter Führung von Preeti, die dort Selbstverteidigung trainieren, damit Mädchen und Frauen sich gegen die in ihrem Land allgegenwärtigen Vergewaltigungen und Unterdrückungen durch Männer wehren können. Aus dieser Bekanntschaft mit den analphabetischen Mädchen entsteht bei Léna die Idee, eine Schule in dem Dorf aufzubauen, da sie richtigerweise nur mit Bildung dem Kreislauf aus Armut, Kinderarbeit, Zwangsverheiratung im Kindesalter, Gewalt entgehen können. Zunächst beginnt sie mit provisorischem Unterricht, bis dann nach zwei Jahren, die auch geprägt sind von Rückschlägen und Widerständen, die Schule eröffnet.
Der Roman zeichnet ein erschreckendes Bild von den gesellschaftlichen Zuständen in Indien, wo noch immer die Kastenordnung tief verwurzelt ist mit ihren so fatalen Folgen für die unterste Kaste der Unberührbaren und vor allem für die ihr zugehörigen Frauen. Für uns westliche Leser kaum vorstellbar. Umso bewundernswerter ist es, wenn zwei tatkräftige Frauen wie Léna und Preeti Veränderungen herbeiführen und Mädchen eine Zukunft ermöglichen wollen, von denen noch dazu nur eine aus dem Land kommt. Jede der drei weiblichen Protagonistinnen hat ihre eigene berührende Lebensgeschichte, die in ihrer Gänze erst nach und nach aufgedeckt werden. Was Preetis Vergangenheit anbelangt, so mag sich die Autorin an dem vor einigen Jahren die Schlagzeilen bestimmenden Fall der Massenvergewaltigung einer Studentin durch indische Männer orientiert haben.
Ein sehr schöner Roman.

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Veröffentlicht am 19.03.2022

Biografische Darstellung der Kindheit der Autorin

Brunnenstraße
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Andrea Sawatzki ist mir als Schauspielerin aus eher humorigen Familienfilmen und als Autorin von ebensolchen Romanen bekannt und als solche mag ich sie sehr gerne. Nie hätte ich gedacht, wie tragisch ihre ...

Andrea Sawatzki ist mir als Schauspielerin aus eher humorigen Familienfilmen und als Autorin von ebensolchen Romanen bekannt und als solche mag ich sie sehr gerne. Nie hätte ich gedacht, wie tragisch ihre ersten 15 Lebensjahre verlaufen sind, besonders die im Alter von acht bis fünfzehn. Sie verdient alle Hochachtung, davon zu erzählen, weil auch sehr viel Unrühmliches ans Tageslicht kommt.
Sie ist das uneheliche Kind einer Mutter aus einfachen Verhältnissen und deren verheiratetem Geliebten, einem erfolgreichen Journalisten. Die ersten Jahre wächst Andrea bei der Mutter auf, die als berufstätige Krankenschwester zwar kaum gegenwärtig ist, ihrer Tochter aber, obwohl Pflegepersonen sich um sie kümmern, dennoch alle Liebe zuteilwerden lässt. Von Andreas Vater, zu dem eher wenig Kontakt besteht, kann sie nicht lassen. Als dessen Ehefrau sich das Leben nimmt, heiraten Andreas Eltern. Sie selbst ist acht. Schon bald erkrankt der sehr viel ältere Vater an schwerer Alzheimer. Die Mutter muss die Familie als Nachtschwester durchbringen. Andrea wird komplett für die häusliche Pflege des Vaters eingespannt. Eine Kindheit ist das nicht. Für ihren anfänglich von ihr bewunderten Vater hegt sie zunehmend negative Gefühle bis hin zu Tötungsgedanken.
Den Roman empfand ich schon deshalb als sehr bereichernd, weil die Autorin nahezu mein Alter hat und ich bei Vielem, was aus den 1970er Jahren erzählt wurde, aus eigener Anschauung sagen konnte, ja, so war es. Typisch waren etwa für diese Zeit die körperlichen Züchtigungen, die Kinder seitens ihrer Eltern und Lehrer ausgesetzt waren. Interessant war der Umgang mit Demenzkranken, deren Familien bei der Pflege auf sich allein gestellt waren und die nicht davor zurückschreckten, den Kranken einzusperren. Sehr berührend war Andreas Lebenslauf. Sie musste so schnell erwachsen werden.
Ein sehr lesenswertes Buch, auch für die, die die Autorin bislang nicht kennen.

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Veröffentlicht am 13.03.2022

Die Geschichte einer Jugendfreundschaft im Jahr 1999

Man vergisst nicht, wie man schwimmt
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Sagenhaft, was alles an einem einzigen Tag passieren kann!
Es ist der 31. August 1999. Der 15jährige Pascal, genannt Krüger, hängt an diesem Ferientag mit seinem besten Freund Viktor ab. Im Plattenladen ...

Sagenhaft, was alles an einem einzigen Tag passieren kann!
Es ist der 31. August 1999. Der 15jährige Pascal, genannt Krüger, hängt an diesem Ferientag mit seinem besten Freund Viktor ab. Im Plattenladen klaut das gleichaltrige Zirkusmädchen Jacky nicht nur das neueste Handy, sondern auch Krügers Rucksack nebst seinem Notizbuch mit von ihm geschriebenen höchst persönlichen Geschichten. Die beiden Freunde spüren Jacky auf und verbringen den Tag zusammen an verschiedenen Stationen. Die Situation eskaliert in der Nacht, als sie es mit dem lokalen Drogenboss zu tun bekommen.
Höchst spannend ist alles, vor allem, weil man schon aufgrund des Klappentextes weiß, dass am Tagesende eine Freundschaft, eine Liebe und ein Tod stehen. Die eine oder andere Vermutung, wie sich das Geschehen entwickeln könnte, darf man anhand von eingestreuten Andeutungen hegen, um am Ende dann aber doch zu erfahren, dass man falsch lag. Daneben sorgt noch ein weiterer Aspekt dafür, dass es fesselnd bleibt. Von Anbeginn an ist nämlich klar, dass Krüger ein Geheimnis birgt, das ihm gebietet, nicht schwimmen zu gehen und sich noch nicht zu verlieben und das seinen Spitznamen erklärt. Natürlich wird auch dieses mit seinem tragischen Hintergrund sehr spät aufgedeckt. Die Sprache ist sehr authentisch gehalten, mit sehr viel Verwendung von Jugendsprache, wie es auf jugendliche Protagonisten eben gut passt. Dennoch ist das Buch kein Jugendroman, spricht vielmehr erwachsene Leser an, die ihre Jugend in den 1990er Jahren erlebt haben und die sich während der Lektüre erinnern, dass das Geschriebene damals tatsächlich so war.

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Veröffentlicht am 10.03.2022

Sylt in den 1980er Jahren

Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehn
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In diesem wirklich lesenswerten Roman knüpft die Autorin an ihr erstes Buch über Sylt „Ozelot und Friesennerz“ an. Während der Corona-Lockdowns kehrt sie auf ihre Heimatinsel zurück und erlebt sie zum ...

In diesem wirklich lesenswerten Roman knüpft die Autorin an ihr erstes Buch über Sylt „Ozelot und Friesennerz“ an. Während der Corona-Lockdowns kehrt sie auf ihre Heimatinsel zurück und erlebt sie zum ersten Mal verlassen und menschenleer ohne Touristen. Sie schildert ihre Erinnerungen an die 1980er Jahre, als sie, 1963 geboren, eine junge Erwachsene war. Die Insel gehört längst nicht mehr den dort geborenen Insulanern, sondern den reichen Stars, Politikern, Industriellen, Investoren und Immobilienspekulanten, die jedes Haus und jeden freien Grund aufkaufen und die Immobilienpreise in eine für Einheimische unerschwingliche Höhe treiben, die sie in der Folge von der Insel vertreiben. Die Anfänge liegen eigentlich bereits in den Jahren des Wirtschaftswunders der 1960er und 1970er Jahren, wovon ja bereits im Vorband die Rede war. Wie schon dort erzählt die Autorin humorig über schöne, aber auch tragische Ereignisse auf Sylt. Die Insel als solche wird sehr bildhaft beschrieben und so mancher Einwohner wird als uriges Original dargestellt. Das Schöne ist, dass ich fast zur selben Zeit wie die Autorin geboren wurde und mir Vieles aus eigener Erinnerung bekannt ist. Sogar von dem Cover-Foto kann ich sagen – ja, exakt so waren die Menschen (und ich) damals angezogen. Zwischendurch hält die Autorin nicht mit berechtigter Kritik an den Ursachen der heutigen unbefriedigenden Situation auf der Insel zurück.
Ein schönes Buch nicht nur für Sylt-Liebhaber.

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Veröffentlicht am 05.03.2022

Die Auswüchse der Social Media

Die Kinder sind Könige
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Ein Gesetzesvorhaben in Frankreich aus dem Jahr 2021 hat die französische Autorin offensichtlich zu diesem fesselnden Roman inspiriert, nämlich gesetzliche Regeln für Online-Kinderstars. Das Buch handelt ...

Ein Gesetzesvorhaben in Frankreich aus dem Jahr 2021 hat die französische Autorin offensichtlich zu diesem fesselnden Roman inspiriert, nämlich gesetzliche Regeln für Online-Kinderstars. Das Buch handelt von der gnadenlosen Vermarktung der eigenen Familie, vor allem der Kinder, in den sozialen Medien mit den furchtbaren Folgen für ihre weitere Entwicklung. Sehr eindringlich und überspitzt wird dieses dem Kindeswohl total zuwider laufende Verhalten mit seinen Auswüchsen an den Pranger gestellt. In gewisser, zutiefst erschreckender Weise wird dem Leser auch ein Spiegel vorgehalten. Denn in dem Verhalten der Protagonistin Mélanie wird sich der eine oder andere selbst ein wenig wiedererkennen. Wer hat nämlich nicht schon einmal Bilder seines Alltags auf Instagram & Co. gepostet? Konträr zu der Influencerin Mélanie steht die weitere Protagonistin, die Polizistin Clara, für die die Welt der sozialen Medien völlig neu ist, ist sie doch bei der von ihr pedantisch betriebenen Polizeiarbeit in der Welt der Papierakten zu Hause. Beide geraten in Kontakt zueinander, als es die vermeintliche Entführung von Mélanies sechsjähriger Tochter aufzuklären gilt.
Eine sehr fesselnde Mischung zwischen Thriller und Gesellschaftsroman.

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