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Veröffentlicht am 20.04.2022

Kooperation

Grenzfall - Ihr Schrei in der Nacht
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Im Grenzgebiet zwischen Österreich und Deutschland verschwinden mehrere junge Menschen. Da die Vorfälle diesseits und jenseits der Grenze passieren, sind auch Polizeidienststellen auf beiden Seiten der ...

Im Grenzgebiet zwischen Österreich und Deutschland verschwinden mehrere junge Menschen. Da die Vorfälle diesseits und jenseits der Grenze passieren, sind auch Polizeidienststellen auf beiden Seiten der Grenze zuständig und beginnen getrennt zu ermitteln. In der Nähe von Innsbruck werden zwei Studentinnen vermisst und in Deutschland ist eine junge Frau, die auf dem Weg zu ihren Eltern war, im Schneetreiben nicht zu hause angekommen. Alexa Jahn hat sich inzwischen an ihrer neuen Wirkungsstätte eingelebt. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen klappt immer besser. Doch der Vertrauensbruch ihrer Mutter liegt ihr noch sehr auf der Seele. Bernhard Krammer auf österreichischer Seite fragt sich, ob er sich die Pension herbeiwünscht.

In ihrem zweiten Fall ermitteln Alexa Jahn und Bernhard Krammer eine ganze Weile nebeneinander her. Da die Geschehnisse einen unterschiedlichen Hintergrund zu haben scheinen, werden Informationen nicht groß ausgetauscht. Auf Deutscher Seite gerät bald ein Ortsansässiger in Verdacht, der schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, während sich in Österreich Hinweise ergeben, dass ein ganz alter Bekannter von Inspektor Krammer wieder aktiv geworden ist. Dieser Fall war wie ein Nadelstich, der nie verheilt. Schließlich hat die Sache zu Krammers Versetzung nach Innsbruck geführt.

Immer ein gutes Zeichen ist es, wenn man nach dem ersten Teil auch zum zweiten greift. In diesem zweiten Band der Reihe kann man sich über lebendige Schilderungen der Ermittlertätigkeit und dem zwischenmenschlichen Miteinander freuen. Alexa Jahn und Bernhard Krammer sind sympathische Persönlichkeiten, die in ihrem Beruf schon einiges gesehen haben und im Privatleben mit einer neuen Situation konfrontiert werden. Der Fall an sich ist in einem Moment etwas vorhersehbar, ansonsten aber interessant aufgebaut und dramatisch gelöst. Was im Ungewissen bleicht, bildet schließlich einen Hinweis auf den nächsten Fall, der Jahn und Krammer im nächsten Jahr wieder zusammenführen wird. Diese Krimireihe ist eine zum gerne Lesen.

Veröffentlicht am 20.04.2022

Wer schreibt da nicht?

Bartleby, der Schreibgehilfe
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Ein Anwalt in New York Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Seine kleine Kanzlei läuft in ruhigen Bahnen. Zwei Schreibgehilfen und ein Lehrling bewältigen ihre Aufgaben mit gewissem Murren, aber doch zuverlässig. ...

Ein Anwalt in New York Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Seine kleine Kanzlei läuft in ruhigen Bahnen. Zwei Schreibgehilfen und ein Lehrling bewältigen ihre Aufgaben mit gewissem Murren, aber doch zuverlässig. Nachdem der Anwalt eine weitere Aufgabe zugewiesen bekommt, stellt er einen weiteren Kopisten ein, Bartleby. Zunächst erweist sich dieser als durchaus fleißig, doch als es daran geht, seine Abschriften nochmal Korrektur zu lesen, weigert er sich freundlich mit den Worten „Ich möchte lieber nicht“, die ihm übertragene Aufgabe zu übernehmen. Der Anwalt ist konsterniert, findet aber keine richtige Antwort auf das Verhalten seines Angestellten.

Bartleby ist schon ein komischer Kauz, er erklärt sein Verhalten nicht und der Anwalt findet keinen richtigen Umgang für ihn. Es wirkt nicht einmal so, als würde Bartleby sein Verhalten genießen. Er scheint nicht in der Lage zu sein, es zu ändern. Mit der Zeit versucht der Anwalt, Bartleby loszuwerden, doch auch das nicht sehr erfolgreich. Tragisch ist schließlich das Ende der Geschichte. Da es keine großen Erklärungen gibt, kommt man bald ins Grübeln, was Bartleby zu seinem Verhalten geführt hat. Auch das Nachwort ist da nicht sehr aufschlussreich. Betont wird die realistische Erzählweise, die man dem Autor sofort abnimmt. Man kann sich gut vorstellen, dass es in den Schreibbüros und Anwaltskanzleien so zugegangen ist. Die ruhige gelassene, aber stetige Art, die noch nichts von der heutigen Hektik hatte. Warum ist selbst diese Geruhsamkeit für Bartleby zu viel? Man weiß es nicht. Hat Bartleby ein traumatisches Erlebnis hinter sich? Doch warum erzählt er nichts von sich? Man kann sich an seiner Persönlichkeit reiben und doch froh sein, dass man nur von ihm liest.

Eine erstaunliche kleine Erzählung, mit der man sich gedanklich länger befasst, als man zunächst vermutet hätte.

Veröffentlicht am 18.04.2022

Der Trauzeuge

Revanche
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Für seine Freunde, die Archäologen Horst und Clothilde, soll Bruno, Chef de Police, als Trauzeuge fungieren. Seine Rede ist im Entwurf schon fertig, da bekommt er die Nachricht, dass am nahen Schloss eine ...

Für seine Freunde, die Archäologen Horst und Clothilde, soll Bruno, Chef de Police, als Trauzeuge fungieren. Seine Rede ist im Entwurf schon fertig, da bekommt er die Nachricht, dass am nahen Schloss eine tote Frau gefunden wurde. Erstmal ist das Brunos Sache, denn noch ist nicht klar, ob es sich um einen Unfall oder ein Verbrechen handelt. Im Falle eines Falles wird er J. J., den Kollegen von der Kriminalpolizei hinzuziehen. Aber natürlich wird auch Bruno sein Möglichstes tun, um die Frau zu identifizieren. Dass er die junge Amélie aus dem Ministerium aufs Auge gedrückt bekommt, schmeckt ihm zunächst nicht.

In seinem zehnten Fall hätte Bruno Courreges eigentlich nicht viel mit Verbrechen am Hut, wenn ihm nicht die Realität dazwischen käme. Die Tote, die in der Nähe des Schlosses gefunden wurde, hatte offensichtlich eine Botschaft. Leider hat sie es nicht mehr geschafft, ihre Nachricht zu schreiben. So gibt es also das Rätsel um ihre Identität als auch das Rätsel um das Wort. Brunos neue Beobachterin Amélie erweist sich überraschend als echter Gewinn. Wie versiert ihre Finger über den Bildschirm ihres Handys fliegen und welch erstaunliche Informationen sie dem kleinen Gerät entlockt. Bruno und sie finden heraus, dass es sich bei der Toten um eine Archäologin mit einer Mission handelte.

Egal. ob man die Reihe vollständig kennt oder nicht, man findet sich schnell in Brunos Welt zurecht. Als eine Art Dorfpolizist ist Bruno ein Mittelpunkt des Ortes St. Denis, er kennt jeden und jede und hat freundliche Beziehungen über die Grenzen des Ortes hinaus. Eigentlich im Waisenhaus aufgewachsen, hat er in dem Ort eine Heimat und in seinen Bewohnern eine Familie gefunden. Doch die Wirklichkeit macht auch vor dem beschaulichen Ort nicht Halt und der Tod der Unbekannten erweist sich als Teil eines perfiden Plans. Auch wenn es manchmal so erscheint, als sei Bruno einfach zu gut, so hat man hier eine liebevolle Beschreibung des Lebens in einer geschichtsträchtigen Region in Frankreich und gleichzeitig einen spannenden Kriminalroman, der durchaus einen Bezug zur heutigen Realität hat.

Veröffentlicht am 15.04.2022

Das vergessene Fest

Die Aosawa-Morde
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Im Sommer 1973 feierte die Familie Aosawa einen dreifachen Geburtstag. Im Verlauf des Festes fielen 17 Personen einer Vergiftung zum Opfer. Eine Tragödie. Nur die blinde Tochter der Aosawas überlebt erstarrt ...

Im Sommer 1973 feierte die Familie Aosawa einen dreifachen Geburtstag. Im Verlauf des Festes fielen 17 Personen einer Vergiftung zum Opfer. Eine Tragödie. Nur die blinde Tochter der Aosawas überlebt erstarrt im Schock. Nach einer Weile wird der mutmaßliche Täter erhängt in seiner Wohnung gefunden. Der Fall scheint damit abgeschlossen. Er ist jedoch nie aus den Gedanken der Menschen verschwunden. Zehn Jahre später schreibt eine Studentin eine Arbeit über das Verbrechen, welche dann als Roman erscheint und dieser wird ein Bestseller. Und noch immer sind die Rätsel nicht gelöst.

Eine ungewöhnliche Herangehensweise wählt die Autorin dieses Kriminalromans. Die eigentliche Tat hat vor etlichen Jahren stattgefunden und auch das Erscheinen des Buches liegt schon einige Zeit zurück, da erfährt der Leser oder die Leserin aus Interviews, Zeitungsausschnitten oder Tagebucheintragungen vom Geschehen. Dabei muss man sich beim Lesen selbst darüber klarwerden, was wohl passiert sein mag. Siebzehn Tode dürfen nicht ungesühnt bleiben und besteht auch nur der kleinste Zweifel, dass der mutmaßliche Täter es wirklich war, müssen die Tatsachen ans Licht gezerrt werden. Doch wer ist der Interviewer? Und was kann sich nach der langen Zeit überhaupt noch ändern.

Dieser Kriminalroman hat wahrlich eine besondere Note, etwas, worauf man sich einlassen muss, um sich fesseln zu lassen und gefesselt zu sein. Es werden keine fertigen Lösungen angeboten. Das ist ein Pluspunkt und gleichzeitig ein Minuspunkt für die, denen eine klare Aussage lieber ist. Davon abgesehen fühlt man sich wie beim Schälen einer Zwiebel, nach jeder Lage meint man, dem Geheimnis etwas näher gekommen zu sein, und doch sind es eher die Tränen oder noch größere Rätsel, die näher rücken. Auch wenn man sich selbst ein wenig unzulänglich vorkommt, so besticht dieser Krimi durch seine verschachtelte Handlung und besonders durch seine einzigartige Form. Freunde von Kriminalromanen aus dem japanischsprachigen Raum werden hier einen tollen Vertreter des Genres finden.

Veröffentlicht am 04.04.2022

Guter Vater

Was es braucht in der Nacht
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Seine Frau stirbt an Krebs als die Jungs Fus und Gillou zehn und sieben Jahre alt sind. Viel zu früh, um die Mutter zu verlieren. Der Vater versucht sein Bestes, die Mutti zu ersetzen. Im ersten Jahr fährt ...

Seine Frau stirbt an Krebs als die Jungs Fus und Gillou zehn und sieben Jahre alt sind. Viel zu früh, um die Mutter zu verlieren. Der Vater versucht sein Bestes, die Mutti zu ersetzen. Im ersten Jahr fährt er mit den Kindern zelten. Ein schönes Erlebnis, das leider einmalig bleibt. In den folgenden Jahren lassen die schulischen Leistungen von Fus nach. Er beginnt sich herumzutreiben. Der Vater merkt, dass es ausgerechnet die Rechten sind, denen sich Fus zugewandt hat. Wenigstens schafft es Gilliou an eine gute Hochschule in Paris. Doch der Vater weiß nicht mehr, was er mit Fus anfangen soll.

Welche Chance hat man als Elternteil, wenn der Nachwuchs sich in eine Richtung entwickelt, die man sich wirklich nicht wünscht? Hat man selbst Fehler gemacht? Kann man noch etwas unternehmen? Gibt es eine Möglichkeit wieder einen Zugang zu dem Sproß zu finden? Soll wenigstens der Bruder gerettet werden? Der Vater weiß sich nicht zu helfen. Der Versuch, schweigend auf das Beste zu hoffen, scheitert ebenso wie der Versuch, sich gänzlich von seinem Sohn abzuwenden. Kann sein Kind immer sein Kind bleiben, auch wenn er die Ansichten so überhaupt nicht teilt?

Dieser eindringliche Roman über den Verlust des Halts in der Familie fordert die ganze Aufmerksamkeit. Aus Sicht des Vaters muss man miterleben, wie seine Welt zerbricht. Das beginnt schon mit dem Tod der geliebten Frau. Über seine Ehe denkt er, er sei einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen als er ihr begegnete. Der Vater scheitert darin, für ihren Verlust einen Ausgleich zu bieten. Natürlich muss das nicht dazu führen, dass ein Kind sich einer nationalistischen Partei zuwendet. Beim Lesen ist man ebenso ratlos wie der Vater. Wo hätte eingegriffen werden können? Irgendwann ist es einfach zu spät und nichts mehr zu retten. Und so ist man nach dem Ende der Lektüre schockiert, frustriert und sogar ein Hoffnungsschimmer hat einen bitteren Beigeschmack. Das Buch gibt keine Antworten. Man sollte sich ihm trotzdem aussetzen.