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Veröffentlicht am 27.04.2022

Ein Pechvogel

Bullet Train
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Nanao, genannt der Marienkäfer, soll im Schnellzug einen Koffer aufnehmen und den Zug an der nächsten Haltestelle verlassen. Doch Nanao ist ein rechter Pechvogel und so ist irgendwann der Koffer weg und ...

Nanao, genannt der Marienkäfer, soll im Schnellzug einen Koffer aufnehmen und den Zug an der nächsten Haltestelle verlassen. Doch Nanao ist ein rechter Pechvogel und so ist irgendwann der Koffer weg und mehr oder weniger versehentlich bringt Nanao jemanden um. Wenn er sich in Gefahr sieht, kann er schon mal schnell werden. Die beiden Auftragnehmer Tangerine und Lemon sollen dagegen den Sohn von Minegishi nach hause bringen, der entführt worden war. Entsetzt müssen sie feststellen, dass der junge Mann tot neben ihnen sitzt. Und der Koffer, in dem das Lösegeld war, ist weg.

Ein ganzer Reigen von Auftragskillern hält sich in diesem Zug auf. Nanao, bei dem fast alles schiefgeht, sticht da besonders hervor. Wie stehen seine Chancen lebend aus dem Zug herauszukommen? Gegen den Prinzen wirken Tangerine und Lemon beinahe sympathisch, wenn sie überleben, was sie mit ihrem Schutzbefohlenen anfangen sollen, der ja als plötzlich Verstorbener keine Hilfe mehr braucht. Aber wie das dem Vater beibringen, der selbst eine Größe unter den Verbrechern ist. Heikel. Der Prinz dagegen scheint ein Glückspilz zu sein, der heimlich die Fäden in der Hand hält. Als Schüler wirkt er auch ausgesprochen harmlos.

Wie gerade festgestellt, wurde dieser Roman bereits verfilmt, wobei der Trailer durchaus ansprechend ist. Das Defilee der Mörder auf dem begrenzten Raum eines Zuges, scheint auch in der Verfilmung gut rüberzukommen. Ebenso ist es im Buch. Dort fängt es ganz harmlos an, die Meute steigt eben in den Zug. Doch je mehr Leute irgendwie plötzlich tot sind, desto mehr verabschiedet man sich von der Harmlosigkeit. Es ergeben aberwitzige Szenen, bei denen man unversehens dazu kommt, Mörder sympathisch zu finden. Eigentlich erstaunlich, aber das macht vermutlich einen Reiz dieses Thrillers aus. Natürlich gibt es auch das personifizierte manipulative Böse, bei dem man sich fragt, wo so viel Garstigkeit überhaupt herkommen kann. Jedenfalls spitzt sich die Lage immer weiter zu und man bleibt gefesselt bis zum Schluss. Wie hier die Idee eines begrenzten Raums umgesetzt wird, ist sehr spannend und originell.

Veröffentlicht am 24.04.2022

Marty

Nordstern
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Im Jahr 1980 in Kiel will der zwanzigjährige Martin Hansen nur ein Bier aus dem Automaten ziehen und wusch landet er im Jahr 2020. Wie konnte das passieren? Etwas desorientiert landet er in einer Kneipe, ...

Im Jahr 1980 in Kiel will der zwanzigjährige Martin Hansen nur ein Bier aus dem Automaten ziehen und wusch landet er im Jahr 2020. Wie konnte das passieren? Etwas desorientiert landet er in einer Kneipe, in der Sophia als Kellnerin arbeitet. Die beiden sind sich sofort sympathisch, vielleicht auch, weil Sophia die Möglichkeit nicht ausschließt, dass Martins irre Geschichte einfach wahr ist. Sie will Martin helfen, wieder in seine Zeit zurückzukommen. Sie haben allerdings keine Ahnung, wie das gehen soll. Also kommt Martin erstmal mit in die WG, Sophias Mitbewohner Liam studiert schließlich Physik. Vielleicht hat der eine Idee.

Es hat sich schon eine ganze Menge verändert in den vierzig Jahren, die zwischen Martins und Sophias jeweiligen Wirklichkeiten vergangen sind. Das fängt schon mit dem komischen bunten Geld an. Trotz der Unterschiede finden Martin und Sophia schnell einen Draht zueinander und machen Kiel unsicher. Wenn sie nur wüssten wie es geht, könnte Sophia einen Besuch in der Vergangenheit wagen. Sollte mehr daraus werden? Martin hat sich selten so wohl gefühlt. Er wüsste nicht, ob Sabine, mit der er geht, ihn überhaupt vermissen würde. Martin, der Wanderer durch die Zeiten?

Der Beginn dieses Romans ist echt genial. Unter eigenartigeren Umständen können sich zwei junge Leute kaum treffen und dann noch in diesem besonderen Ort namens Kiel, wie prosaisch. Besonders gut funktioniert das Buch möglicherweise, wenn man sich beim Lesen in beiden Zeiten zurechtfindet. Es ist sehr humorvoll aufbereitet, welche Schwierigkeiten einen in unterschiedlichen Jahrzehnten erwarten können. Je länger man liest, desto mehr fragt man sich allerdings, ob die Vernunft über das Abenteuer siegen wird. Es entsteht der Eindruck, dass zumindest Martin und Sophia sich da einig sind. Im weiteren Verlauf vertut sich der spritzige Beginn ein wenig. Dieser Roman bietet dennoch eine andere interessante Herangehensweise an das Thema Zeitreisen und kann nicht unbedingt als Science Fiction bezeichnet werden. Gleichwohl bietet er ein tolles Leseerlebnis, eine Entdeckung, die sich lohnt.

Veröffentlicht am 23.04.2022

Kinderstube

Schlaflos
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Eigentlich hat sie ein Forschungsstipendium in Oxford.Tatsächlich versucht die Historikerin Dr. Anna Bennet auf einer einsamen Insel vor der Küste Schottlands mit Mann und zwei Kindern, den Haushalt zu ...

Eigentlich hat sie ein Forschungsstipendium in Oxford.Tatsächlich versucht die Historikerin Dr. Anna Bennet auf einer einsamen Insel vor der Küste Schottlands mit Mann und zwei Kindern, den Haushalt zu stemmen, trotzdem an ihrem Buch weiterzuarbeiten und hin und wieder eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. Ihre Kinder sind anspruchsvoll. Der siebenjährige Raph ist weit für sein Alter und diskutiert gerne über Umweltproblematiken. Dagegen braucht der zweijährige Moth noch einiges an Betreuung, ist lieb, aber trotzig und das Durchschlafen will überhaupt nicht gelingen. Giles, ihr Mann, erforscht die Population der Papageientaucher, und geht dann mal weg.

Ein turbulentes Familienleben führt die Familie auf der Insel, die Giles’ Vorfahre Hugo gekauft hatte. Um wenigstens etwas von den Kosten hereinzuholen, haben sie ein Ferienhaus eingerichtet und die Gäste kommen bald. Anna müht sich mit Kochen und Saubermachen. Die Kinder sind eigentlich ein Vollzeitjob. Manchmal wünscht sie sich die Zeit an der Uni zurück, wo ihr Bauch noch flach war. Der Schlaf fehlt ihr einfach und doch kann sie ihre Jungs nicht alleine lassen, wenn einer von ihnen nachts aufwacht. Giles ist nur manchmal eine Hilfe. Für ihr Buch gibt es einen Abgabetermin und dann, beim Versuch die Apfelbäume einzupflanzen, findet Raph ein paar winzige Knochen.

Zu Beginn stellt sich die Frage: Was soll das. Möglicherweise kennt man den Verlag eher aus Veröffentlichungen des Krimigenres. Der vorliegende Band ist zurecht als Roman bezeichnet und hat man sich daran gewöhnt, dass man eher die Geschichte einer von außen betrachtet leicht überforderten Familie liest, überzeugt das Buch gerade durch das Lamentieren und Straucheln. Denn trotz des Stress und des Schlafmangels, Anna stiehlt sich die Zeit für ihr Buch und nebenbei deckt sie noch interessante Details zur Inselgeschichte auf. Und sie schafft es auch, sich um die Feriengäste zu kümmern, die ihre eigenen Probleme im Gepäck haben. Nimmt man den Roman einfach wie er ist, hat man ein fesselndes Sittengemälde aus einem Teil der schottischen Geschichte und die Erzählung einer sympathisch chaotischen Familie.

Veröffentlicht am 20.04.2022

Kooperation

Grenzfall - Ihr Schrei in der Nacht
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Im Grenzgebiet zwischen Österreich und Deutschland verschwinden mehrere junge Menschen. Da die Vorfälle diesseits und jenseits der Grenze passieren, sind auch Polizeidienststellen auf beiden Seiten der ...

Im Grenzgebiet zwischen Österreich und Deutschland verschwinden mehrere junge Menschen. Da die Vorfälle diesseits und jenseits der Grenze passieren, sind auch Polizeidienststellen auf beiden Seiten der Grenze zuständig und beginnen getrennt zu ermitteln. In der Nähe von Innsbruck werden zwei Studentinnen vermisst und in Deutschland ist eine junge Frau, die auf dem Weg zu ihren Eltern war, im Schneetreiben nicht zu hause angekommen. Alexa Jahn hat sich inzwischen an ihrer neuen Wirkungsstätte eingelebt. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen klappt immer besser. Doch der Vertrauensbruch ihrer Mutter liegt ihr noch sehr auf der Seele. Bernhard Krammer auf österreichischer Seite fragt sich, ob er sich die Pension herbeiwünscht.

In ihrem zweiten Fall ermitteln Alexa Jahn und Bernhard Krammer eine ganze Weile nebeneinander her. Da die Geschehnisse einen unterschiedlichen Hintergrund zu haben scheinen, werden Informationen nicht groß ausgetauscht. Auf Deutscher Seite gerät bald ein Ortsansässiger in Verdacht, der schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, während sich in Österreich Hinweise ergeben, dass ein ganz alter Bekannter von Inspektor Krammer wieder aktiv geworden ist. Dieser Fall war wie ein Nadelstich, der nie verheilt. Schließlich hat die Sache zu Krammers Versetzung nach Innsbruck geführt.

Immer ein gutes Zeichen ist es, wenn man nach dem ersten Teil auch zum zweiten greift. In diesem zweiten Band der Reihe kann man sich über lebendige Schilderungen der Ermittlertätigkeit und dem zwischenmenschlichen Miteinander freuen. Alexa Jahn und Bernhard Krammer sind sympathische Persönlichkeiten, die in ihrem Beruf schon einiges gesehen haben und im Privatleben mit einer neuen Situation konfrontiert werden. Der Fall an sich ist in einem Moment etwas vorhersehbar, ansonsten aber interessant aufgebaut und dramatisch gelöst. Was im Ungewissen bleicht, bildet schließlich einen Hinweis auf den nächsten Fall, der Jahn und Krammer im nächsten Jahr wieder zusammenführen wird. Diese Krimireihe ist eine zum gerne Lesen.

Veröffentlicht am 20.04.2022

Wer schreibt da nicht?

Bartleby, der Schreibgehilfe
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Ein Anwalt in New York Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Seine kleine Kanzlei läuft in ruhigen Bahnen. Zwei Schreibgehilfen und ein Lehrling bewältigen ihre Aufgaben mit gewissem Murren, aber doch zuverlässig. ...

Ein Anwalt in New York Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Seine kleine Kanzlei läuft in ruhigen Bahnen. Zwei Schreibgehilfen und ein Lehrling bewältigen ihre Aufgaben mit gewissem Murren, aber doch zuverlässig. Nachdem der Anwalt eine weitere Aufgabe zugewiesen bekommt, stellt er einen weiteren Kopisten ein, Bartleby. Zunächst erweist sich dieser als durchaus fleißig, doch als es daran geht, seine Abschriften nochmal Korrektur zu lesen, weigert er sich freundlich mit den Worten „Ich möchte lieber nicht“, die ihm übertragene Aufgabe zu übernehmen. Der Anwalt ist konsterniert, findet aber keine richtige Antwort auf das Verhalten seines Angestellten.

Bartleby ist schon ein komischer Kauz, er erklärt sein Verhalten nicht und der Anwalt findet keinen richtigen Umgang für ihn. Es wirkt nicht einmal so, als würde Bartleby sein Verhalten genießen. Er scheint nicht in der Lage zu sein, es zu ändern. Mit der Zeit versucht der Anwalt, Bartleby loszuwerden, doch auch das nicht sehr erfolgreich. Tragisch ist schließlich das Ende der Geschichte. Da es keine großen Erklärungen gibt, kommt man bald ins Grübeln, was Bartleby zu seinem Verhalten geführt hat. Auch das Nachwort ist da nicht sehr aufschlussreich. Betont wird die realistische Erzählweise, die man dem Autor sofort abnimmt. Man kann sich gut vorstellen, dass es in den Schreibbüros und Anwaltskanzleien so zugegangen ist. Die ruhige gelassene, aber stetige Art, die noch nichts von der heutigen Hektik hatte. Warum ist selbst diese Geruhsamkeit für Bartleby zu viel? Man weiß es nicht. Hat Bartleby ein traumatisches Erlebnis hinter sich? Doch warum erzählt er nichts von sich? Man kann sich an seiner Persönlichkeit reiben und doch froh sein, dass man nur von ihm liest.

Eine erstaunliche kleine Erzählung, mit der man sich gedanklich länger befasst, als man zunächst vermutet hätte.