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Veröffentlicht am 24.04.2022

Kluge Auseinandersetzung mit Glaube und Organisation

Vertrauen
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Dror Mishanis neuer Krimi ist keine typisch actiongeladene Verfolgungsjagd, die Tathergänge sind auch nicht besonders beängstigend beschrieben, vielmehr geht es um die Ermittlungsarbeit an augenscheinlichen ...

Dror Mishanis neuer Krimi ist keine typisch actiongeladene Verfolgungsjagd, die Tathergänge sind auch nicht besonders beängstigend beschrieben, vielmehr geht es um die Ermittlungsarbeit an augenscheinlichen Bagatellfällen. Inspektor Avi Avraham wünscht sich eigentlich Fälle, wo das Ergebnis noch einen Nutzen für die Nachwelt hat. Was nutzt es einem Toten und dessen Hinterbliebenen, wenn der Mörder gefasst und verurteilt ist? Avi Avraham liebäugelt mit einem Wechsel zu einer anderen Ermittlungsbehörde oder zum Geheimdienst, um mehr bewegen zu können.

Doch zunächst muss er sich mit zwei Fällen, die wir Leser:innen abwechselnd weiterverfolgen, auseinandersetzen, ein vor einen Krankenhaus ausgesetztes Neugeborenes und ein verschwundener Schweizer Tourist beschäftigen ihn. Zwischen den Zeilen wird Mishani politisch. Er öffnet uns die Welt des jüdischen Glaubens, der in extremer Auslegung die Freiheiten des Lebens stark einschränkt. Mishani ist dabei ein Erzähler der leisen Töne, der mit Andeutungen arbeitet. So entsteht ein Gesamtbild von latenter Unterdrückung, die sonst anderen Glaubensgemeinschaften zugeordnet wird. Mishani lenkt seinen kritischen Blick auch auf den Geheimdienst und dessen Vorgehensweisen. In diesem Zusammenhang entsteht auch die Spannung im Roman, weil man unterschwellig spürt, wie sich Avi Avraham mit jeder weiteren Frage mehr in Gefahr begibt.

Vom Sprachniveau her liest sich der Roman flüssig, auch wenn es sich hier nicht um einen thrillermäßigen Pageturner handelt. Die Bezeichnung als ungemein dichten literarischen Kriminalroman finde ich passend. Er regt zu Nachdenken an, öffnet die Augen für andere Kulturen. Das hat mir hier sehr gefallen. Sympathisch fand ich zudem die kleinen Querverweise zu Orna, die wir schon aus „Drei“ kennen, und ihren Ermittlungen.

Allen, die auch gern im Genre Literatur unterwegs sind, empfehle ich diesen Kriminalroman sehr gern.

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Veröffentlicht am 17.04.2022

Liebe mit Hindernissen

Liebesheirat
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Yasmin und Joe sind ein frisch verliebtes Paar, beide Ärzte, die von ihrer jungen Liebe so überzeugt sind, dass sie bald heiraten wollen. Doch zunächst müssen sich die sehr unterschiedlichen Familien kennenlernen. ...

Yasmin und Joe sind ein frisch verliebtes Paar, beide Ärzte, die von ihrer jungen Liebe so überzeugt sind, dass sie bald heiraten wollen. Doch zunächst müssen sich die sehr unterschiedlichen Familien kennenlernen. Joes Mutter ist eine sehr offenherzige Feministin, Yasmins bengalische Eltern sind extrem konservativ. Ob das gut geht?

Yasmin macht sich große Sorgen deswegen und natürlich gibt es Probleme, sie gehen nur in eine ganz andere Richtung als die Leser:innen zunächst vermuten. So lernen wir nach und nach die beiden Familien kennen. Dabei führt uns Monica Ali vor Augen, wie die britische bzw. westliche Gesellschaft so tickt. Wir mögen spontan die erfolgreichen Charaktere, die hart gearbeitet haben, um ihren Platz im Leben zu finden. Dabei haben auch die Underdogs ihre liebenswerten Züge und hoch gebildete Menschen benehmen sich manchmal kindisch, was sie dann ziemlich nervig erscheinen lässt.

Ich habe diese Gesellschaftskritik gern gelesen, weil sie als solches überhaupt nicht penetrant war, geschweige denn vorwurfsvoll. Viele Themen unserer Zeit wie Alltagsrassismus, Frauenfeindlichkeit und Diversität, aber auch verdienstabhängige Wertschätzung und Arbeitsverdichtung werden angesprochen, jeweils als kleiner Anschubser für weitere eigene Gedanken dazu. Dabei schwingt immer mal wieder Situationskomik mit, die den Geschehnissen ein Stückweit die Schwere nimmt. Darüber hinaus bedient sich Monica Ali einer attraktiven Sprache, die leichtgängig zu lesen ist.

Etwas kritisch sehe ich den anteilig großen Umfang zum Aufbau des Problemfeldes und die meinem Empfinden nach zu schnelle und zu harmonische Auflösung kurz vor Schluss. Beim Aufbau verliert sich die Autorin zeitweise in Nebenhandlungen, die für die eigentliche Geschichte gar nicht notwendig wären. Vielleicht übernimmt sie sich auch ein wenig, was die Gesamtanzahl an Problemen innerhalb der beiden Familien angeht. Jedenfalls wird bis kurz vor Schluss ein Berg scheinbar unlösbarer Probleme angehäuft, die sich dann in der Folge eines cleveren Schachzuges in der Handlung mehr oder weniger auflösen. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit. Wenn man diesen Fakt nicht all zu ernst nimmt, kann man hier gut unterhalten werden.

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Veröffentlicht am 17.04.2022

Mystisch und Düster

Unser Teil der Nacht
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Ich habe mich selten so schwer getan, einen Roman zu bewerten wie diesen. „Unser Teil der Nacht“ löst bei mir ambivalente Gefühle aus, weshalb ich nicht so recht weiß wie ich den Roman einordnen soll. ...

Ich habe mich selten so schwer getan, einen Roman zu bewerten wie diesen. „Unser Teil der Nacht“ löst bei mir ambivalente Gefühle aus, weshalb ich nicht so recht weiß wie ich den Roman einordnen soll. Über weite Strecken mochte ich den Roman sehr, die literarische Aufbereitung der Umgebung, die Natur, die Mystik und die eindrucksvollen Gebäude. Doch von dem Schönen wechselt der Roman mehrfach in die Abgründe des Menschseins, schockiert die Leserschaft.

Zunächst begleiten wir Juan und seinen Sohn Gaspar auf der Flucht. Wovor die beiden fliehen erschließt sich erst nach uns nach, die Notwendigkeit zur Flucht ist schon direkt ersichtlich. Juan scheint verletzt, mindestens unheimlich erschöpft zu sein. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn wirkt unbeholfen, man merkt sofort, dass die Mutter fehlt. Sie ist unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen.

Eingebettet ist die Geschichte in die Zeit der Militärjunta in Argentinien, andauernd verschwinden Menschen spurlos, überall lauert Gefahr. Es gibt okkulte Glaubensgemeinschaften und allerlei befremdliche Formen der Huldigung gottähnlicher Gestalten, insbesondere auch der Dunkelheit. Genau hier liegt die Ursache für meine gegensätzlichen Gefühle. Das Mystische rund um den Orden, dem Juan und Gaspar angehören gefällt mir gut, auch die Beschreibungen zu den sogenannten dunklen Orten. Die Rituale zur Stärkung von Juan sind für mich zwar noch akzeptabel, lassen mich allerdings schon ein wenig die Nase rümpfen. Manche Szene der Gewalt, ganz besonders wenn auch Kinder davon betroffen sind, löst Abscheu und Ekel aus. Das war einfach nur abstoßend. Es hat mich nach so einer Passage Überwindung gekostet, weiter zu lesen.

Letztlich zeigt uns Mariana Enriquez, dass Macht auf wenige Schultern verteilt, keine ausgewogene und gerechte Gesellschaft garantiert, auch wenn die Wenigen hochgebildet und mit besten Absichten gestartet sind. Den höheren Zielen fallen die Schwachen zum Opfer. Dabei ist es ganz egal, wer die Elite darstellt, ob Militärjunta oder Ordensgemeinschaft. Die Demonstration dieses Sachverhalts gelingt der Autorin so eindrucksvoll, dass es den Leser:innen eigentlich schon körperlich weh tut.

Ich kann jetzt nicht behaupten, die Lektüre durchgehend genossen zu haben, aber ich bin zufrieden, dass ich mir diese Geschichte zugemutet habe. Der Mensch an sich kann eben auch böse und zu perfiden Handlungen fähig sein. Das Wissen darüber blenden wir nur all zu gern aus. Insgesamt sollte man für diesen Roman nicht zart besaitet sein. Für mich war „Unser Teil der Nacht“ eine intensive, gleichzeitig interessante Leseerfahrung.

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Veröffentlicht am 25.02.2022

Aktueller denn je

Farm der Tiere
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Die Tiere der Manor Farm haben ein beschwerliches und entbehrungsreiches Leben unter dem Regiment des Säufers Mr Jones. Deshalb motiviert ein kluges Schwein namens Old Major die Tiere zu einer Revolution. ...

Die Tiere der Manor Farm haben ein beschwerliches und entbehrungsreiches Leben unter dem Regiment des Säufers Mr Jones. Deshalb motiviert ein kluges Schwein namens Old Major die Tiere zu einer Revolution. An die Umsetzung der Revolution macht sich Jahre später das Schwein Napoleon. Jones wird vertrieben, sieben Gebote werden aufgestellt, hohe Ziele werden der Farm, die jetzt Animal Farm heißt, gesetzt.

George Orwell thematisiert in seinem „Märchen“ die Entstehung von Eliten, Macht und Machtmissbrauch, die Erosion von Verhaltenskodexen. Er zeigt auf, welche Wirkung Propaganda haben kann. Interessant war für mich auch, wie schnell auch Mächtige unter die Räder der noch Mächtigeren geraten können und wie die Legenden um sie schleichend verändert werden.

Abgesehen von Orwells Trick reales Geschehen auf eine von Tieren geführte Farm zu verfrachten, hat mir in literarischer Hinsicht Animal Farm nicht so gut gefallen. Satzbau und Wortwahl sind mir zu einfach. Natürlich ist dieses Werk dadurch Schülern zugänglicher, mich konnte der Autor sprachlich nicht überzeugen. Die Übertragung des stalinistischen Regimes in die Tierwelt empfinde ich dennoch als genial, da sofort jedem die Ungerechtigkeit offensichtlich wird. Man empfindet sofort Mitleid mit den schwer schuftenden Tieren, die im Winter trotzdem hungern und frieren müssen. Gleichzeitig hofft man, selbst nie in eine solche Situation zu geraten.

Das Lehrstück ist also gut gelungen. Ich habe es ganz bewusst jetzt gelesen und empfehle es mir gleich zu tun.

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Veröffentlicht am 16.02.2022

Amüsanter Roman über die Wahrheit

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
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Michael Hartung ist ein Bilderbuch-Loser aus dem Osten, wenig einträglicher Job, mit davongelaufener Ehefrau. Schon zu DDR-Zeiten hat sich Hartung nicht lange an einer Arbeitsstelle halten können. Mangelnde ...

Michael Hartung ist ein Bilderbuch-Loser aus dem Osten, wenig einträglicher Job, mit davongelaufener Ehefrau. Schon zu DDR-Zeiten hat sich Hartung nicht lange an einer Arbeitsstelle halten können. Mangelnde Motivation, Jugendlicher Leichtsinn und ein ordentliches Pfund Dusseligkeit haben ihn immer wieder in schwierige Situationen, wie die Verursachung der Massenflucht per S-Bahn, hineinmanövriert.

Genau diese Massenflucht wird zum Aufhänger der Reportagen zum 30-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung und beschert Michael Hartung unerwarteten Ruhm. Wie er, sein Umfeld und auch alle Anderen damit umgehen, erzählt dieser witzige, gleichzeitig ernste Roman.

Mir gefällt Maxim Leos Darstellung der Medien und der Politik. Für die Medien ist die Suche nach DER Story zum Jubiläum nach dreißig Jahren schwierig, bloß nicht schon wieder die gleichen Lobpreisungen auf die friedliche Revolution, zu lange gab es schon nichts Spektakuläres zum Thema mehr. So muss der Aktenfund zu Hartungs Massenflucht-Debakel heranwachsen zu einer attraktiven Heldengeschichte. Als der Held geboren ist, soll er sofort auch der Politik dienlich sein.

In lockerem, erfrischenden Schreibstil schwelgen die Leser mit dem Helden in Kindheitserinnerungen, streifen so manches, hier wunderbar aufbereitetes Klischee. Das Ausschlachten der Heldengeschichte fühlt sich an wie ein Wettlauf, ein Run, wo nur die ersten etwas vom großen Kuchen bekommen. Die Geschichte ist aber auch ein Kampf um die Wahrheit, wessen Wahrheit, welchen Teil der Wahrheit oder um die ganze Wahrheit?

Ich habe mich beim Lesen sehr amüsiert. Es gab auch einige nachdenkliche Momente. Insgesamt war es eine witzige Angelegenheit, die ich gern weiterempfehle.

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