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Veröffentlicht am 11.05.2022

Ein tiefgründer Roman mit einem interessanten Figurengeflecht

Als hätte jemals ein Vogel verlangt, dass man ihm ein Haus baut
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Inhalt: Die hochschwangere Iona steht vor dem Haus von Tahvo, ihrem Vater, den sie noch nie getroffen hat. Doch auf ihr Klingeln reagiert niemand. Kurzerhand bricht sie in das Haus ein. Allerdings bleibt ...

Inhalt: Die hochschwangere Iona steht vor dem Haus von Tahvo, ihrem Vater, den sie noch nie getroffen hat. Doch auf ihr Klingeln reagiert niemand. Kurzerhand bricht sie in das Haus ein. Allerdings bleibt der Einbruch nicht lange unbemerkt: Tine, eine Nachbarin, die eine besondere Beziehung zu Tahvo hat, wird bei Iona vorstellig. Da Tahvo verschwunden bleibt, begeben sich die beiden auf Spurensuche. Und ehe sie es sich versehen, schließt sich eine dritte Frau der Suche an…

Persönliche Meinung: „Als hätte jemals ein Vogel verlangt, dass man ihm ein Haus baut“ ist ein Roman von Marie Malcovati. Erzählt wird die Handlung von einem auktorialen Erzähler, der wechselweise Leben und Gedankenwelt der drei weiblichen Figuren (Iona, Tine und Karolin), die Tahvos Verbleib nachspüren, beleuchtet. Gerade zu Beginn der Handlung ist die Beziehung der drei suchenden Frauen, die gewissermaßen eine Schicksalsgemeinschaft bilden, eher durch rivalisierende Gedanken geprägt. Einziger gemeinsamer Bezugspunkt ist zunächst allein die Suche nach Tahvo, der Abdrücke in jedem der drei Leben hinterlassen hat. Je weiter der (unfreiwillige) Road-Trip jedoch voranschreitet, desto stärker entwickeln sich Sympathien zwischen den dreien. Was Iona, Tine und Karolin bewegt, was genau sie antreibt, bleibt anfangs eher offen und wird erst sukzessiv deutlich: Nach und nach, in Vergangenheitssequenzen, werden die Hintergrundgeschichten der drei weiblichen Figuren erzählt, wodurch sich eine latente Spannung durch den Roman zieht. Tahvo, gewissermaßen das Ziel der Handlung, ist im Vergleich zu den Protagonistinnen schemenhaft gezeichnet. Er agiert fast nur in den Vergangenheitssequenzen und bleibt – bis zuletzt – in einem diffusen Licht. Nicht Tahvo ist Kern des Romans, sondern die Lebenslinien von Iona, Tine und Karolin, die sich an einem bestimmten Punkt mit Tahvos Linie überschnitten. Auch der Erzählstil von Marie Malcovati hat mir sehr gut gefallen. Er ist immer klar und deutlich, zugleich poetisch und psychologisch-sezierend. So werden vergangene und gegenwärtige Problemlagen der Figuren geöffnet, innere Konflikte ausgefochten, Brüche im Leben thematisiert und traumatische Ereignisse behandelt. Dabei finden sich immer wieder tiefgründige Gedanken, die auch jenseits der Denke der einzelnen Figuren Relevanz besitzen. Insgesamt ist „Als hätte jemals ein Vogel verlangt, dass man ihm ein Haus baut“ ein sprachlich schöner, tiefgründiger Roman mit einem interessanten Figurengeflecht.

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Veröffentlicht am 27.04.2022

Eine bunte Mischung

Frühlingsgedichte
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„Frühlingsgedichte“, ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell, versammelt 51 Gedichte, die sich thematisch mit dem Frühling beschäftigen. Der Gedichtband ist in drei Rubriken unterteilt. ...

„Frühlingsgedichte“, ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell, versammelt 51 Gedichte, die sich thematisch mit dem Frühling beschäftigen. Der Gedichtband ist in drei Rubriken unterteilt. Den Anfang macht „Frühlingsboten“. Die Gedichte, die in dieser Rubrik zusammenkommen, handeln vom beginnenden Frühling, der aufkeimenden Natur und der langsam einsetzenden Wärme, die den Winter vertreibt. So beschäftigt sich bspw. das Gedicht „Vorfrühling“ von Ernst Stadler mit den frühlingshaften Winden und was diese mental im lyrischen Ich auslösen; „Frühling“ von Selma Meerbaum-Eisinger beschreibt, wie die Frühlingssonne schrittweise den Winter verdrängt. Die erwachende Tier- und Pflanzenwelt spielt in den Gedichten von Detlev von Liliencron („Märztag“) und Rainer Maria Rilke („Wenns Frühlings wird“) eine Rolle. Den Weg ins Grüne thematisieren Johann Anton Friedrich Reil („Das Lied im Grünen“) und Johann Wolfang von Goethe („Osterspaziergang“). Die zweite Rubrik „Des Lenzens Widerspruch“ handelt vom Schein des Frühlings. Dass der Winter keineswegs schon gebannt ist, die Eisheiligen vor der Türe stehen, steht im Fokus der Gedichte „Der wilde April“ (Georg Britting), „Die Eisheiligen“ (Max Herrmann-Neisse) und „Die drei Eisheiligen“ (Carl Zuckermayer). Die gesellschaftskritischen Gedichte „Über das Frühjahr“ von Bertold Brecht und „Der März in der Luft des Hochhauses“ von Jürgen Becker beschäftigen sich mit der Entfremdung des (modernen) Menschen von der Natur. Die letzte Rubrik „Wonnemonat Mai“ zentriert den fünften Monat des Jahres. Hier finden sich ausgelassene Gedichte wie Goethes „Mailied“ oder „Der Mai“ von Friedrich von Hagedorn. Der Tag der Arbeit spielt in Brechts „Mailied der Kinder“ eine Rolle; Melancholie strahlt das Gedicht „Maienregen“ von Else Lasker-Schüler aus. Insgesamt ist der Ton der Gedichte meist feierlich, fröhlich und – da die wärmere Jahreszeit ansteht – euphorisch; teilweise ist er – besonders in der zweiten Rubrik – aber auch betrübt bis depressiv. In der Sammlung „Frühlingsgedichte“ finden sich außerdem experimentelle Lyrik wie H. C. Artmann oder Ernst Jandl („frühlingsbeginn“) und humorvolle Gedichte (Robert Gernhardt: „Osterballade“). Insgesamt sind die in „Frühlingsgedichte“ ausgewählten Texte eine schöne Mischung aus Klassikern des 18. und 19. Jahrhunderts, der Moderne und der Nachkriegs-/Gegenwartsliteratur.

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Veröffentlicht am 16.04.2022

Eine rasant erzählte Neuinterpretation des Tell-Stoffes

Tell
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Inhalt: Gemeinsam mit seinem Sohn Walter begibt Wilhelm Tell sich auf Bärenjagd. An einer schroffen, alpinen Felswand treffen die beiden auf den neuen habsburgischen Landvogt Hermann Gessler, der gemeinsam ...

Inhalt: Gemeinsam mit seinem Sohn Walter begibt Wilhelm Tell sich auf Bärenjagd. An einer schroffen, alpinen Felswand treffen die beiden auf den neuen habsburgischen Landvogt Hermann Gessler, der gemeinsam mit dem Soldaten Harras die Berge durchstreift. So zufällig die Begegnung der vier ist, so groß sind ihre Auswirkungen auf die Zukunft.

Persönliche Meinung: „Tell“, verfasst von Joachim B. Schmidt, ist eine moderne Interpretation des Tell-Stoffes. Erzählt wird der Roman in fast 100 kurzen Sequenzen (meist 2-3 Seiten lang) aus der Ich-Perspektive von 20 verschiedenen Figuren (u.a. dem Dorfpriester, Bauern, Mitgliedern der Familie Tell, Soldaten). Das Erzähltempo ist dementsprechend hoch; die Handlung wird rasant erzählt, sodass man nur so durch die Seiten fliegt. Spannend ist bei diesen Perspektivierungen, dass die Sichtweise des titelgebenden Helden erst zum Schluss des Romans eingenommen wird. Wer Tell wirklich ist, was ihn antreibt und bewegt, erfahren die Lesenden daher erst zum Ende hin. Zuvor lernen die Lesenden Tell nur aus den Perspektiven der anderen Ich-Erzähler kennen. Diese beurteilen Tell meist aus der Distanz, können aber nicht zu seinem Kern vordringen. Dadurch, dass sie Tell nicht greifen können, aber trotzdem über ihn reden, nähren sie gewissermaßen den Mythos „Tell“. Tell ist eine interessant ausgestaltete Figur mit einer modernen Hintergrundgeschichte, die man in dieser Form nicht erwartet hätte: Er tritt mürrisch auf, ist verschlossen und besitzt Züge eines Anti-Helden. Insgesamt ist er eine äußerst tragische Figur, geplagt von Geistern der Vergangenheit, gefangen in einer Rolle, die er nicht einnehmen wollte. Kurzum: Ein Freiheitskämpfer wider Willen. Tell gegenüber steht der habsburgische Landvogt Gessler, der Antagonist, der eigentlich keiner ist. Ähnlich wie Tell ist er eine tragische Figur, der eine Rolle übergestülpt worden ist, wodurch Gessler an Vielschichtigkeit gewinnt. Dem unfreiwilligen Freiheitskämpfer wird ein Despot wider Willen entgegengesetzt. Doch „Tell“ geht nicht allein in der Gestaltung dieser beiden Charaktere auf. Der im Tell-Stoff angelegte Hang zum Familiendrama wird in „Tell“ weitergedacht. Ohne inhaltlich zu viel spoilern zu wollen: „Tell“ erzählt nicht nur eine moderne Version des legendären Schweizer Freiheitskämpfers, sondern thematisiert in gleichem Maße die Familie Tell, deren Vergangenheit und Gegenwart nicht reibungslos ist. Der Schreibstil von Joachim B. Schmidt lässt sich angenehm und flüssig lesen. Insgesamt ist „Tell“ eine moderne, vielstimmige und rasant erzählte Neuinterpretation des Tell-Stoffes.

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Veröffentlicht am 14.04.2022

Eine breite Sammlung literarischer Texte rund um das Osterfest

Der kleine Osterspaziergang
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„Der kleine Osterspaziergang“ ist eine Anthologie, in der Gedichte und Kurzgeschichten versammelt sind, die sich um das Osterfest und den Frühling drehen. Die Anthologie besteht insgesamt aus 17 Gedichten ...

„Der kleine Osterspaziergang“ ist eine Anthologie, in der Gedichte und Kurzgeschichten versammelt sind, die sich um das Osterfest und den Frühling drehen. Die Anthologie besteht insgesamt aus 17 Gedichten und 11 Erzählungen. Thematisch sind die Texte breit aufgestellt: So finden sich einerseits religiös angehauchte Texte (wie Anton Tschechows „Der Student“, Annette von Droste-Hülshoffs „Am Ostersonntage“ oder Matthias Claudius‘ „Osterlied“), die sich mit der Auferstehung Jesu auseinandersetzen. Auf der anderen Seite stehen Naturgedichte, die das Erwachen des Frühlings thematisieren (bspw. Emanuel Geibels „Ostermorgen“ oder Joseph v. Eichendorffs „Ostern“). Zusätzlich dazu finden sich in „Der kleine Osterspaziergang“ Texte, die eher die Realität des Osterfestes behandeln. So beobachtet man mit Adalbert Stifter die „Karwoche in Wien“; mit Hans Christian Andersen reist man nach Griechenland („Das Osterfest in Griechenland“). „Pesach“, ein Auszug aus Pauline Wengerhoffs „Memoiren einer Großmutter“, gibt einen Einblick in eines der wichtigsten Feste des Judentums. Eine weitere Rubrik beschäftigt sich – auch auf humorvolle Art – mit dem Osterei (Heinz Erhardts „Ei vor Ostern“ oder Joachim Ringelnatz‘ „Rätselhaftes Ostermärchen“). Zuletzt finden sich Märchen bzw. Texte, die legendenartige Strukturen aufweisen: Selma Lagerlöf erklärt in „Das Rotkehlchen“, woher das Rotkehlchen seine Farbe hat, Anatole France berichtet von einer besonderen Christusdarstellung („Der Christus aus dem Ozean“) und Wladimir Dal erzählt ein Märchen aus dem russischen Kulturkreis („Osterregen“). Insgesamt ist „Der kleine Osterspaziergang“ eine schöne und breite Sammlung von Texten, die auf das Osterfest einstimmen. Besonders hat mir gefallen, dass nicht nur die typischen deutschen Klassiker versammelt sind, sondern auch Klassiker aus anderen Kulturkreisen, sodass man auch neue Texte - jenseits der üblichen Verdächtigen - kennenlernt.

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Veröffentlicht am 12.04.2022

Figuren der Weltliteratur aus einer psychologischen Warte betrachtet

Monster auf der Couch
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Inhalt: Es ist Dr. Jekyll, Carmilla, Dorian Gray und der Familie Frankenstein gelungen, durch die Zeit zu reisen. Hier, in der Gegenwart, begeben sie sich in die Praxis der Psychotherapeutin J. B., wo ...

Inhalt: Es ist Dr. Jekyll, Carmilla, Dorian Gray und der Familie Frankenstein gelungen, durch die Zeit zu reisen. Hier, in der Gegenwart, begeben sie sich in die Praxis der Psychotherapeutin J. B., wo sie auf Hilfe bei ihren persönlichen Problemen hoffen. Doch nach einigen Sitzungen verschwindet J. B. spurlos. Zurück bleiben nur die Akten, die sie über ihre Patienten geführt hat. Geben diese einen Hinweis darauf, was mit J. B. passiert ist?

Persönliche Meinung: In „Monster auf der Couch“ von Jenny Jägerfeld und Mats Strandberg begeben sich literarische Figuren der Schauerliteratur (im weiteren Sinne) in psychotherapeutische Behandlung. So trifft die Psychotherapeutin J. B. auf Dr. Jekyll und sein Alter Ego Mr. Hyde, die Familie Frankenstein (bestehend aus Dr. Frankenstein, dem „Monster“ und Elizabeth Lavenza), Dorian Gray und die Vampirin Carmilla und deren Freundin Laura (aus der Novelle „Carmilla“ von Joseph Sheridan Le Fanu). „Monster auf der Couch“ besitzt keine kontinuierliche Handlung: Jeder der vier Fälle wird in einer eigenen Akte dargestellt. Hierbei wird das Prinzip der literarischen Montage benutzt: Jede Akte setzt sich aus unterschiedlichen Schriftstücken wie Transkriptionen der Sitzungen, Bildern, E-Mails, Zeitungsausschnitten oder Auszügen aus anderen Büchern zusammen. Den größten Raum nehmen dabei die Transkriptionen der Sitzungen ein, die sich wie Interviews lesen. Demnach existiert innerhalb des Buches auch keine übergeordnete Erzählinstanz. Spannend ist, dass jeder Fall anders behandelt wird. Während es sich bei Dr. Jekyll/Mr. Hyde und Dorian Gray jeweils um Einzeltherapien handelt, wird bei den „Frankensteins“ eine Familientherapie durchgeführt. Bei Carmilla und Laura hingegen wird eine Paartherapie angeboten. In jeder der vier Therapien untersucht J. B. die psychischen Auffälligkeiten der Patienten und kategorisiert diese nach dem heutigen psychologischen Wissensstand. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei Dorian Gray diagnostiziert J. B. eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Daher werden innerhalb des Buches auch einige psychoanalytische Theorien/Modelle (wie bspw. das Freud’sche Instanzenmodell mit Es, Ich und Über-Ich) diskutiert. Spannend ist hierbei auch, wie die Welten der literarischen Figuren, die im 19. Jahrhundert leben, mit der Welt der Therapeutin (Gegenwart) aufeinandertreffen: Verhaltensmuster, die in der Vergangenheit (fälschlicherweise) pathologisiert worden sind, sind es heute nicht mehr, weshalb es zwischen J. B. und ihren Patienten jeweils zu einem Kulturclash kommt. Das Buch endet mit einem überraschenden Twist, der das Verschwinden von J. B. auflöst (Der Klappentext suggeriert, dass man bei der Aufklärung miträtseln kann. Das ist aber eher weniger der Fall). Das Buch ist sehr abwechslungsreich und detailliert gestaltet: Jede Akte setzt sich aus anderen Schriftstücken zusammen, die Schriftstücke besitzen unterschiedliche Layouts und teilweise finden sich kurze handschriftliche Notizen, Fotografien o.Ä. Insgesamt ist „Monster auf der Couch“ ein schön gestaltetes Buch, in dem Figuren der Weltliteratur aus einer psychologischen Warte betrachtet werden.

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