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Veröffentlicht am 14.08.2022

Ein wagemutiger Aufbruch

Susanna
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Der Bestseller-Autor Alex Capus mischt auch in seinem neuen Roman gekonnt historische Fakten mit Fiktion und erzählt atmosphärisch dicht von der Porträt-Malerin Susanna Faesch, spätere Caroline Weldon, ...

Der Bestseller-Autor Alex Capus mischt auch in seinem neuen Roman gekonnt historische Fakten mit Fiktion und erzählt atmosphärisch dicht von der Porträt-Malerin Susanna Faesch, spätere Caroline Weldon, im Aufbruch.

In mehreren szenischen und bildgewaltigen Episoden fächert der Autor auf knapp 300 Seiten das turbulente Leben der Protagonistin Susanna auf – angefangen von ihrer Kindheit Anfang der 1840er-Jahre im wohlhabenden aristokratischen Elternhaus in Kleinbasel bis hin zur emanzipierten Frau, die dem Sioux-Häuptling Sitting Bull zu den Aufständen ins Dakota-Gebiet folgt. Mit acht Jahren wandert sie zusammen mit der Mutter nach New York aus, wo sie sich später zur erfolgreichen Malerin entwickelte. Mit viel Gespür fürs Detail und einer flüssig-humorvollen Schreibweise versetzt Capus den Leser präzise in die zeitlichen Rahmenbedingungen mit entsprechenden Ereignissen und in die familiären Umstände von Susanna – besonders Vater Lucas und sein Freund Karl Valentiny nehmen eine bedeutende Rolle ein, doch auch die gescheiterte Ehe von Susanna und die Geburt des Sohnes Christie haben ihre angemessene Präsenz. Christie mit seiner Leidenschaft für die Geschichte und Lebensweise der Indigenen wird Susanna für ihre spätere Reise inspirieren. Die bunt gezeichneten Nebencharaktere fließen samt ihren Schauplätzen wie der Revolution in Europa, der Elektrifizierung in New York oder den mystischen Geistertänzen in den Dakotas mitein.

Alex Capus ist ein wortgewandter, unterhaltsamer und soghafter Geschichtenerzähler – doch trotz Spannung und einer gut komponierten Handlung fehlt es Susanna und ihren Nebenfiguren etwas an psychologischer Tiefenschärfe. Die unkonventionellen Lebensstationen samt packender Atmosphäre sind wunderbar herausgearbeitet, unklar bleiben Susannas private und politische Motive für diesen emanzipierten Aufbruch in die Freiheit im 19. Jahrhundert. So ist „Susanna“ zwar eine lesenswerte biografische Geschichte zwischen Dokumentation und literarischer Fiktion, aber es bleibt das Gefühl, dass dieser Stoff voller verwebten Lebensbiografien und einer außergewöhnlichen Frau noch mehr hergegeben hätte. Aber Capus inspiriert mit seiner gut recherchierten und lebendigen Susanna-Geschichte zum Nachdenken über eigene Lebensträume, die viel Mut und Unerschrockenheit zum Verwirklichen benötigen.

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Veröffentlicht am 03.06.2022

Die Überlebende

Amelia
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Das erschütternde und bereits vor 20 Jahren veröffentlichte Debüt der mit Preisen ausgezeichneten, nordirischen Autorin Anna Burns über eine Belfaster Kindheit während der brutalen Troubles erscheint nun ...

Das erschütternde und bereits vor 20 Jahren veröffentlichte Debüt der mit Preisen ausgezeichneten, nordirischen Autorin Anna Burns über eine Belfaster Kindheit während der brutalen Troubles erscheint nun auf Deutsch. Das düstere Heranwachsen des Mädchens Amelia Boyd Lovett unter den finsteren, bürgerkriegsähnlichen Zuständen des jahrzehntelangen Nordirlandkonflikts im gebeutelten Land trifft mit all seinen lebenslangen Konsequenzen tief ins Mark.

Amelia wächst mit ihrer Familie im Nord-Belfaster Stadtteil Ardoyne auf, der später den traurigen Rekord für tödlich Verletzte erlangen sollte – sie ist fünf Jahre alt, als im Jahr 1969 die Unruhen beginnen. Doch auch zuhause in der Familie geht es gewaltvoll zu und Burns folgt Amelia episodenhaft bis zum Jahr 1994 über das schwierige Jugendalter hinaus, wenn sie mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen hat. Selbst als Amelia Belfast den Rücken kehrt, kehren die Dämonen der Vergangenheit auch in London in den Träumen zurück.

Aus verschiedenen Perspektiven und sprunghaft in der Zeitschiene, zwischen Grausamkeit, Ironie und skurrilem Humor zeichnet die Autorin feinfühlig und drastisch ein von Gewalt geprägtes Leben – erschreckende, humorvolle und tiefgründige Szenen wechseln sich ab, wenn die Schulfreunde zwischen Leichen Gummigeschosse an Soldaten verkaufen und abartige Gewaltspiele fabrizieren, während sie auf ein bisschen Normalität bei ihrem trostlosen Heranwachsen zwischen Bürgerkrieg, Schulalltag und Kinderstreichen hoffen. Und überall im familiären Umfeld gibt es auf einmal Menschen, die bei Schießereien oder bei Autobomben-Anschlägen sterben – oft flüchten sich die Heranwachsenden in Drogen und Alkohol, werden selbst gewalttätig und drogensüchtig. Irgendwann schließen sich die Meisten der IRA oder einer anderen gewaltvollen Gruppierung an.

Anna Burns Schreibstil ist messerscharf, unerbittlich, unsentimental und wechselt präzise zwischen absurden und schockierenden Momenten, zwischen Alltäglichem und Unerträglichem sowie zwischen Zartheit und tiefem Schmerz – Burns selbst wuchs Anfang der 1960er-Jahre in Belfast auf und weiß, wovon sie schreibt.

„Amelia“ liefert ein kluges, mutiges und teils schwer zu greifendes, fragmentarisches Porträt einer Kindheit und Jugend im Krieg und über das tiefe, generationsübergreifende Trauma eines ganze Landes – erschütternd aktuell, nicht leicht zu lesen (die Härte der Themen sowie der experimentierfreudige Erzählstil) und doch faszinierend-grotesk umgesetzt. Nicht die historischen Details des Nordirlandkonflikts stehen im Vordergrund, sondern die persönlichen und schonungslosen Schicksale dahinter.

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Veröffentlicht am 14.08.2022

Im explosiven Bienenstock

Verheizte Herzen
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Die erfolgreiche und mit Preisen ausgezeichnete Jugendbuchautorin Sarah Crossan legt mit „Verheizte Herzen“ ihren ersten Roman für Erwachsene vor – originell, dringlich und kraftvoll beschreibt sie darin ...

Die erfolgreiche und mit Preisen ausgezeichnete Jugendbuchautorin Sarah Crossan legt mit „Verheizte Herzen“ ihren ersten Roman für Erwachsene vor – originell, dringlich und kraftvoll beschreibt sie darin die subversiv-dunkle Art einer vergangenen Affäre in düster-poetischer Versform.

Die unglücklich verheiratete Anwältin und zweifache Mutter Ana hatte drei Jahre lang eine intensive Affäre mit dem Familienvater Connor – mit all den Höhen und Tiefen, dem Nervenkitzel und dem Schmerz der Geheimhaltung. Bis Ana den Anruf von Conors Frau Rebecca erhält, dass Connor gestorben ist und sie Hilfe bei dem in ihrer Kanzlei hinterlegten Testament benötigt. Die Gedanken in Anas Kopf beginnen sich zu drehen und es entsteht ein rasant-moderner innerer Dialog, in dem sie ihren verstorbenen Liebhaber direkt anspricht und wild-unterhaltsam in den verschiedenen Zeiten und Phasen der Affäre springt. In der Gegenwart versucht sich Ana stalkerhaft mit der Witwe anzufreunden und scrollt zwanghaft durch die hinterbliebenen Social Media-Einträge von Connor.

Crossan beginnt ihre kreativ-dramatische Erzählung mit einem spannenden Einstieg und der schnelle Ton im Erzählstil bleibt bis zum überraschenden Schluss bestehen und wird zum Ende hin immer düsterer, wenn Ana tief in ihrem Schmerz stochert und dem Unheil näherrückt. Der Einblick in Anas angespannt-explosiven und doch zerbrechlichen Gemütszustand ist feinfühlig-klar dargestellt, ohne rührselig zu werden. Im Gegenteil: Crossan wirft ein empathisches Licht auf das Zerstörerische während und nach dieser Affäre, lotet die Gegensätze offen aus und spielt mit Bezügen zur klassischen Literatur über Ehebrüche – an die Charaktere außerhalb ihrer Beziehung gelangt der Leser hingegen eher weniger. Der Hauptaugenmerk liegt auf der Wucht der Untreue und des Zusammenseins mit all seiner tiefen, teils destruktiven Kraft.

Crossans dynamische Sprache punktet dabei mit psychologischer Dichtheit und einer melancholischen Poesie, eingebettet in einen klug konzipierten und tragischen Plot mit kleineren Schwächen. Ein roh-intensiver und fesselnder Roman über Verlust, versteckte Trauer, das Aufrechterhalten der Fassade, wenn es innerlich brodelt und die Frage, was am Ende bleibt.

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Veröffentlicht am 13.04.2022

Wald aus Feuertreppen

Auf der Zunge
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Die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Clement entführt in ihrem neuen rund 150 Seiten kurzen Werk „Auf der Zunge“ surreal und lyrisch auf einen Spaziergang durch Manhattan, East Village, und in die ...

Die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Clement entführt in ihrem neuen rund 150 Seiten kurzen Werk „Auf der Zunge“ surreal und lyrisch auf einen Spaziergang durch Manhattan, East Village, und in die träumerische Gedankenwelt einer Frau.

Nur als die Frau bezeichnet, verlässt diese ihre Wohnung und begibt sich auf einen mystischen Streifzug durch Alphabet City – die Liebe der Bibliothekarin zu ihrem Anwalt-Mann ist verblasst, sie fühlt sich teils schuldig und sinniert gedanklich über ihre geheimen Träume und Sehnsüchte. Bei ihrem verzweigten Gang in Bars, aber auch auf den Straßen, die in diesem Stadtteil charakteristisch durch viele Feuertreppen geprägt sind, begegnet sie Männern, die sie kurz und auf fantastische Weise in andere Welten versetzen. Kapitelweise als der Arzt, Polizist, Soldat oder Dichter betitelt, sind die mystischen Begegnungen teils poetisch-verwirrend, philosophisch und auch von den assoziativen Gedanken der Männer geprägt, die sich fiebertraumhaft in die der Frau verweben. Daneben fließen auch kleinere Sequenzen über die jüdische Herkunft und lang vergangene Feuerunglücke der Stadt mitein, aber auch sehr eindringlich die Liebe der Bibliothekarin zu Büchern.

„Während sie durch die Regalreihen marschiert, denkt die Frau an Leuchtkraft. Alle Bücher, die sie je gelesen hat, bewegen sich in ihr und bilden Äste in ihren Adern, die ebenfalls Äste sind. Die Bücher beleuchten sie von innen.“ S. 125

Zum Ende des lyrisch-dichterischen, melodischen und faszinierenden Werks verdichten sich die traumgleichen Begegnungen und erscheinen noch unwirklicher – da tauchen ein Astronaut, Räuber und ein Löwenbändiger auf, vermischen sich mit Vergangenem , den Fantasien und Lebensmut der Frau und den repetitiven hohen Feuertreppen, bis die Frau wieder ihre Wohnung erreicht und sich einen Tee zubereitet.

Jennifer Clement, die mit dem bewegenden und bereits verfilmten Roman „Gun Love“ erfolgreich war, hat hier ein außergewöhnliches und sehr sinnliches Werk geschaffen, das sich keinem Genre zuordnen lässt und ein etwas kreatives Einlassen auf die Zeilen seitens des Lesers erfordert. Dann regt es schriftstellerisch versiert zum eigenen fantasiereichen Reflektieren über geheime Träume, Wünsche und Leidenschaften an.

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Veröffentlicht am 13.04.2022

Gesetze der Kinderwelt

Die Molche
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In seinem Debüt „Die Molche“ taucht Volker Widmann szenisch tief ein in das betrübte Nachkriegsdeutschland und zeichnet mit einer düster-dichten Atmosphäre eine schmerzvolle Lebensepisode des 11-jährigen ...

In seinem Debüt „Die Molche“ taucht Volker Widmann szenisch tief ein in das betrübte Nachkriegsdeutschland und zeichnet mit einer düster-dichten Atmosphäre eine schmerzvolle Lebensepisode des 11-jährigen Max nach.

Dieser ist zusammen mit seiner Familie ein Zugezogener in einem kleinen bayerischen Dorf und findet nur schwer Anschluss – sein Vater ist unter der Woche berufsbedingt abwesend, in sich gekehrt und auch gewalttätig. Auf langen Streifzügen durch die Natur und Wälder beobachtet Max sehr detailliert und poetisch die Schönheiten der Tier- und Umwelt und sucht Trost vor einer unliebsamen Erwachsenenwelt voller Verschwiegenheit, Kriegstraumata und Gewalt. Doch die seelischen Verletzungen wurden auch auf die Kinder weitergegeben und so tyrannisiert der extrem gewalttätige Tschernik zusammen mit seiner Bande die Heranwachsenden im Dorf – und tötet bei einem Überfall Max' verträumten und herzkranken Bruder mit Steinschlägen. Auch hier verschließen die Erwachsenen die Augen und sehen den Vorfall als Unglücksfall eines kranken Jungen, während Max als Beobachter des Geschehens geplagt von Schuldgefühlen und Schmerz tief leidet.

In dem heißen Sommer entdeckt er zudem seine eigene Sexualität und sammelt neben seinen geliebten Molchen auch erste prägende Erfahrungen bei den Mädchen. Mit den ersten Fernsehgeräten, geheimen Spielen und Verstecken wie das verlassene Bahnwärterhäuschen oder ein Schuppen, der als Varieté-Bühne dient, erschaffen sich die Kinder, die viel zu schnell erwachsen werden müssen, ihre eigenen geheimen Gesetze zu mehr Freiheit sowie Aufbegehren und als Max erste richtige Freunde findet, schmieden sie gemeinsam einen Racheplan an Tschernik und seinem Gefolge.

Mit vielen präzisen Beobachtungen und Schilderungen der Nachkriegszeit wie der schweren häuslichen Arbeit, der Gewalt von Kriegsversehrten und in der Schule belegt Volker Widmann sein Debüt mit einer dichten und bedrückenden Atmosphäre aus der Perspektive von Kinderaugen, die durch zahlreiche längere Passagen von poetischen Naturbeobachtungen bereichert, aber auch in der Dramaturgie unterbrochen wird. Die Flucht der Kinder in ihre eigene Welt ist stellenweise packend und doch manchmal nicht authentisch für einen 11-jährigen Jungen, was seine poetisch-melancholische Sichtweise und sexuellen Handlungen betrifft. Auch wirken manche Dialoge etwas hölzern und sperrig.

Und trotzdem ist es eine kraftvolle und faszinierende Coming-of-Age-Geschichte, die den Leser auf eine Zeitreise in die 1950er-Jahre entführt und mit den subtil-feinen und fantasiereichen Entdeckungen der Kinder auf ihren Streifzügen in ruhig erzählten Tönen fesselt. Auch die schwerwiegende Enge und emotionale Vernachlässigung der Kinder in dieser Nachkriegszeit ist berührend zu spüren und das Finale spannend konstruiert. Eine ausgewogenere Gewichtung der ansonsten sehr schönen lyrischen Einschüben, die den Lesefluss weniger bremst und dafür noch feinfühliger in eine Kinderseele blickt, wäre von Vorteil gewesen.

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