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Veröffentlicht am 12.07.2022

Im Ferienhaus

Sieben Tage Sommer
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Max Torberg wurde vor 30 Jahren von einer Gruppe Wanderer das Leben gerettet. Nach einem gemeinsamen Essen verlieren sich die Wege der sechs Personen. Nun lädt Max die fünf als Gäste in sein großzügiges ...

Max Torberg wurde vor 30 Jahren von einer Gruppe Wanderer das Leben gerettet. Nach einem gemeinsamen Essen verlieren sich die Wege der sechs Personen. Nun lädt Max die fünf als Gäste in sein großzügiges Ferienhaus an der Cote d’Azur ein, er selbst ist jedoch verhindert. Zu Recht fragen sich die einander fremd gewordenen Menschen, warum sie ihre Zeit hier verbringen.

Rotwein, Champagner, erlesene Gerichte, ein Pool und die aufmerksame Anja als Gastwirtin – ein gewisses Urlaubsflair kommt schnell auf in dieser knappen Geschichte, die sich als E-Mail-Korrespondenz herausstellt. Nach und nach erfährt der Leser, was Anja als Angestellte von Torberg zu tun hat und welche Beobachtungen sie zu den fünf Gästen anstellt. Über den Mailkontakt erfährt nicht nur Anja, sondern auch der Leser, welche Bedeutung die damaligen Wanderer für Max haben und langsam kristallisiert sich heraus, welche Absicht hinter dem 30 Jahre späteren Treffen liegt.

Ruhig, manchmal witzig, manchmal ironisch, treten Anja und Max auf und zeigen im Dialog über die anderen auch einiges von sich selbst. Trotz wenig Handlung liest sich dieses Büchlein angenehm, die Charaktere und ihre Verhaltensweisen stellen eine nette Studie dar, deren Zweck sich am Ende logisch und nachvollziehbar ergibt.

Kurze, aber sympathische Unterhaltung im etwas anderen Format.



Titel Sieben Tage Sommer

Autor Thommie Bayer

ISBN 978-3-492-07044-7

Sprache Deutsch

Ausgabe Fester Einband, 160 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 30. Juni 2022

Verlag Piper

Veröffentlicht am 21.06.2022

Geschlossene Gesellschaft

Nur du und ich
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Die 23jährige Studentin Ellie und ihr 40jähriger Literaturprofessor Steven sind seit sechs Monaten ein Paar. Aus diesem Anlass fahren sie für ein verlängertes Wochenende in ein einsames Ferienhaus auf ...

Die 23jährige Studentin Ellie und ihr 40jähriger Literaturprofessor Steven sind seit sechs Monaten ein Paar. Aus diesem Anlass fahren sie für ein verlängertes Wochenende in ein einsames Ferienhaus auf Long Island. Spaziergänge am nahen Strand, gemütliche Stunden vor dem Kamin, ausgiebige kulinarische und sexuelle Genüsse bieten verlockende Aussichten. Der einsetzende Schneesturm und der fehlende Handyempfang können die Freude über drei Tage zu zweit in aller Abgeschiedenheit jedenfalls nicht trüben. Aber dann kommt doch alles anders, als erwartet. Geheimnisse über längst vergangene Tage werden Stück für Stück in die Geschichte gepackt.

Nach einem kurzen Blick Richtung Ende geht es auch schon los im Jänner 2018. Der Leser begleitet Ellie und Steven mit einem eleganten Lexus ins Wochenende. Während der Professor mit seinen Lederschuhen auch auf Schnee und Glatteis eine gute Figur abgibt, muss die junge Frau aufpassen, dass sie nicht stürzt und in eine peinliche Situation gerät. Von Anfang an wird Ellie als ein wenig tollpatschig dargestellt, eine zwar intelligente Studentin, mit der man gerne über Dostojewski oder Jane Eyre plaudert, aber dennoch ein kleines Lämmchen, das unterwürfig zum renommierten Herrn Professor aufblickt.

Der Ausdruck der Autorin bzw. der Übersetzerin ist ausgezeichnet, knapp und schnörkellos, aber dennoch so, dass der Text an markanten Stellen unter die Haut geht. In unregelmäßiger Abfolge erzählt Ellie als „Ich“, Stevens Erleben wird aus neutraler Sicht geschildert. Dazwischen gibt es immer wieder kurze Kapitel, bei denen man erst im Laufe der Geschichte erkennt, worum es denn im Grunde geht. Insbesondere der Beginn und die ersten eineinhalb Tage sind überaus spannend. Das Hauptaugenmerk nur auf zwei Figuren gerichtet, bietet ein besonderes Lesevergnügen. Irgendwann im Laufe des zweiten Tages kommt dann aber ein wenig Langatmigkeit auf und die überraschende Wende kann bei genauem Hinsehen (zu) früh entlarvt werden, was natürlich schade ist. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte klug aufgebaut und teils von persönlichen Erlebnissen betroffener Frauen geprägt, wodurch das Motiv wiederum absolut glaubwürdig dargestellt wird.

Freiheit und Selbstbestimmung der Frau – noch immer ein Kampf? Erst skeptisch über einen Zusammenhang mit der #MeToo-Bewegung (siehe Anmerkung der Autorin am Ende), stellt sich dieses Wochenende samt seiner Auslöser für mich jedoch als durchaus nuancenreicher und psychologisch sehr gut umgesetzter Thriller dar, dem man volle Aufmerksamkeit schenken sollte, um kein Detail zu verpassen. 4*



Titel Nur du und ich

Autor Laure van Rensburg

ISBN 978-3-86493-179-6

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 384 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 30. Juni 2022

Verlag Ullstein Taschenbuch Verlag

Originaltitel Nobody But Us

Übersetzer Marie Rahn

Veröffentlicht am 14.06.2022

Eine Insel zum Leben

Als das Böse kam
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Eine abgeschiedene Blockhütte, einsam auf einer Insel, ist der Wohnraum für eine vierköpfige Familie. Routinierte und gleichbleibende Tagesabläufe prägen das Leben der 16jährigen Juno, ihres 12jährigen ...

Eine abgeschiedene Blockhütte, einsam auf einer Insel, ist der Wohnraum für eine vierköpfige Familie. Routinierte und gleichbleibende Tagesabläufe prägen das Leben der 16jährigen Juno, ihres 12jährigen Bruders und deren Eltern. Da stets auf der anderen Uferseite das Böse lauert, weil der Vater vor Jahren jemanden verraten hat, wurde unter den Küche ein geheimer Schutzraum angelegt, der Rückzug dorthin wird regelmäßig geprobt.

Eindringlich und nahegehend schildert Ivar Leon Menger die Situation der völlig zurückgezogenen Familie, lediglich montags kommt der Postbote per Boot und plaudert kurz mit dem Elternpaar und einmal pro Woche erledigt der Vater Einkäufe. Sonst sind die vier völlig auf sich allein gestellt, Haushalt, Unterricht, Freizeitgestaltung sind strikt geregelt. Befremdlich sind so mache Ge- und Verbote, sodass einem die Kinder manchmal richtig leidtun können. Auch kennen sie etliche Gegenstände und Gewohnheiten gar nicht, weil sie abseits der Gesellschaft aufwachsen, vergleichen eine Zigarette mit einem glühenden Stäbchen und sehen zum ersten Mal ein Smartphone.

Als Leser begleitet man also vier eigenwillige Gestalten und weiß nicht so recht, wohin die Reise geht, bis Zufall und Neugierde aufeinander treffen. Völlig Unerwartetes tritt zutage und insbesondere Juno wird auf die Probe gestellt. Eine ungewöhnliche Idee sorgt für Spannung und eine fesselnde Geschichte, auch wenn einzelne Szenen nicht ganz glaubwürdig und nachvollziehbar sind. Dennoch entsteht durch Mengers Schreibstil und die Beschreibung der bewaldeten Insel eine beklemmende Atmosphäre, eine düstere Stimmung, wodurch schnell ein ganz spezieller Sog entsteht, welcher den Leser nur so durch die Seiten fliegen lässt.

Eine besondere Familiensituation besticht hier als Idee für ein lebendiges und unterhaltsames Buch.



Titel Als das Böse kam

Autor Ivar Leon Menger

ISBN 978-3-423-26339-9

Sprache Deutsch

Ausgabe Flexibler Einband, 320 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 20. Juli 2022

Verlag dtv

Veröffentlicht am 05.06.2022

Ein Leben für Wörter

Die Sammlerin der verlorenen Wörter
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Nach dem Tod ihrer Mutter wächst Esme quasi unter dem Schreibtisch ihres Vaters auf, der als Lexikograph am Ersten Oxford English Dictionary arbeitet. Fasziniert ist sie von den Belegzetteln, von denen ...

Nach dem Tod ihrer Mutter wächst Esme quasi unter dem Schreibtisch ihres Vaters auf, der als Lexikograph am Ersten Oxford English Dictionary arbeitet. Fasziniert ist sie von den Belegzetteln, von denen so mancher unter den Tisch segelt und alsbald in ihrer eigenen Sammelkiste landet. Ihre Begeisterung für Wörter und Sprache begleitet sie ihr Leben lang, das weder einfach noch den üblichen Wegen einer Frau entsprechend verläuft.

Melodisch und ruhig verfasst Pip Williams diesen Roman über die Entstehung des bekannten Wörterbuches. Der Leser lernt Esme als kleines Mädchen kennen, begleitet sie in ihren Jugendjahren, wobei viele Einzelheiten zwischen den Zeilen zu erahnen sind, jedoch schon wenige Andeutungen ein klares Bild ergeben. Später, als sich Esme den Kämpferinnen für Frauenrechte anschließt und der Erste Weltkrieg ins Land zieht, werden die Schilderungen detaillierter. Immer jedoch steht das Sammeln von Wörtern für die wissbegierige junge Dame an erster Stelle, insbesondere Wörter, die mit Frauen zu tun haben oder aus weniger angesehenen Gesellschaftsschichten stammen. Denn wie soll Sprache und Tradition an spätere Generationen weitergegeben werden, wenn wesentliche Wörter fehlen?

Während sich zu Beginn die Handlung vorwiegend auf das Skriptorium und den dortigen Tagesablauf bezieht, kommt in der zweiten Hälfte des Romans deutlich mehr Schwung ins Geschehen. Die Stimmung wirkt oft melancholisch, fast traurig, ist das Leben Esmes doch keineswegs das, welches üblicherweise einer Frau Anfang des 20. Jahrhunderts zugeschrieben wurde. Aber sie nimmt jede Hürde mit Gelassenheit und stellt sich ihrem Schicksal.

Durch gründliche Recherche der Autorin fließen viele historisch belegte Einzelheiten in das Buch ein und tragen zu einer recht authentischen Schilderung bei. Wenngleich auch leise, so entsteht dennoch ein gewisser Sog beim Lesen und Esmes Leben berührt auf eine ganz besondere Art und Weise.

Fazit: ein ungewöhnliches Buch, dessen Flair mit fortschreitenden Kapiteln und Abschnitten immer mehr hervortritt. Lesenswert, wenn man sich für Wörter im Allgemeinen und Originalzitate im Besonderen – samt ausgezeichneter Übersetzung – interessiert.



Titel Die Sammlerin der verlorenen Wörter

Autor Pip Williams

ISBN 978-3-453-29263-5

Sprache Deutsch

Ausgabe Fester Einband, 528 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 11. April 2022

Verlag Diana

Originaltitel The Dictionary of Lost Words

Übersetzer Christiane Burkhardt

Veröffentlicht am 16.04.2022

Von Tokio nach Morioka

Bullet Train
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Im japanischen Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen sitzen fünf auf den ersten Blick unauffällige Gestalten, dazu ein Entführungsopfer und ein Koffer, der nicht verloren gehen darf. Je länger der Bullet ...

Im japanischen Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen sitzen fünf auf den ersten Blick unauffällige Gestalten, dazu ein Entführungsopfer und ein Koffer, der nicht verloren gehen darf. Je länger der Bullet Train fährt, umso mehr verstricken sich die Passagiere in abstruse Handlungen. Eine ungewöhnliche Geschichte nimmt ihren Lauf …

Aus gutem Grund besteigt Kimura in Tokio den Shinkansen. Genau hat er recherchiert, in welchen Wagen er muss und überlegt, wie er sein Vorhaben umsetzen will. Doch hat er womöglich einen anderen Fahrgast unterschätzt? Erst nach und nach erkennt der Leser, welche Zusammenhänge sich mit Zitrusfrüchten, einem Prinzen, Wespen und anderen Gestalten aus einem gewissen Milieu ergeben. Diese werden überaus lebendig charakterisiert, sodass man bald eine illustre Gruppe vor seinem geistigen Auge hat. Mit viel Witz, aber auch Gewandtheit und entschlossener Brutalität werden eigene Interessen verteidigt. Die unterschiedlichen Sichtweisen und kurzen Kapitel rauschen gleich der Geschwindigkeit des Japan-Expresses dahin. Allerdings nimmt der Unterhaltungswert mit dem Nahen des Zieles und sich wiederholenden Verfolgungen durch den Zug deutlich ab und kann erst kurz vor Morioka wieder mit einer ausgezeichneten Wendung punkten.

Auch wenn es sich um keinen Thriller im üblichen Sinn handelt, so besticht das Buch durch Tempo, einen außergewöhnlichen Schauplatz und eine skurril anmutende Handlung.

Erfrischende Abwechslung für Leseratten, die unscheinbare Einzelheiten um Thomas, die Lokomotive, Lemon und Tangerine, Marienkäfer & Co zu einem großen Puzzle zusammenfügen möchten. Der Teufel steckt jedenfalls im Detail.



Titel Bullet Train

Autor Kotaro Isaka

ISBN 978-3-455-01322-1

Sprache Deutsch

Ausgabe Fester Einband, 384 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 2. April 2022

Verlag Hoffmann und Campe

Übersetzer Katja Busson

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