Platzhalter für Profilbild

Ulrike55

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Ulrike55 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Ulrike55 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.06.2017

Gefährliche Expedition ins Reich der Mitte

Der englische Botaniker
0


Der aus Schottland stammende Botaniker Robert Fortune wird im Jahre 1843 von der englischen Horticultural Society mit minimaler Ausstattung aber klarem Auftrag nach China geschickt!
Er soll in Europa ...


Der aus Schottland stammende Botaniker Robert Fortune wird im Jahre 1843 von der englischen Horticultural Society mit minimaler Ausstattung aber klarem Auftrag nach China geschickt!
Er soll in Europa noch nicht heimische Pflanzen suchen, beschreiben und nach England schicken.
Besonderen Wert legt die Society dabei auf die Päonie - und die Teepflanze, die nach Fortunes Expedition ihren Siegeszug in die ganze Welt antreten wird.
Die Reise gestaltet sich nicht nur abenteuerlich sondern auch sehr gefährlich - denn es ist streng verboten, die Teepflanze aus China zu exportieren.
Dass es ihm dennoch gelingt, verdankt der Botaniker, der übrigens den realen Robert Fortune zum Vorbild hat, nicht zuletzt den Menschen, die ihm in dem unbekannten, exotischen Land zur Seite stehen und die ihn darüberhinaus viel lehren über das Land, seine Bewohner und in nicht geringem Maße auch über das Leben und über sich selbst.
Als veränderter Mensch wird er nach England zurückkehren....

Dieser wunderschöne Roman voller Zartheit und Poesie mit seinen unvergesslichen Charakteren hat mich, je weiter ich las, immer stärker in seinen Bann gezogen. Er hat mich auf eine Weise berührt, wie kaum ein Buch vorher. Und wenn ich mich frage, warum das so ist, komme ich zu dem Schluss, dass dies vor allem der Sprache zu verdanken ist, mit der sich Nicole Vosseler direkt in mein Herz schreibt, mit der sie ein Land malt, das von geradezu märchenhafter Schönheit ist, Personen erschafft, die man nicht mehr loslassen möchte, die nachklingen und die mich noch lange begleiten werden!
Die Sprache mutet an wie die Seide Chinas - zart, transparent, alle Sinne umschmeichelnd, die Seele streichelnd!

Demgegenüber steht die harte Realität Chinas als auch Englands Mitte des 19. Jahrhunderts, die die Autorin kenntnisreich und klar umreißt, stehen unbarmherzige Konventionen hier wie dort, die gerade den Frauen einen Platz zuweisen, die keinerlei selbstständiges Denken und Handeln gestatten und die kaum jemand zu durchbrechen wagte.
Die beiden weiblichen Protagonistinnen des Romans aber tun genau das!

Da ist einmal Roberts Frau Jane in England, die während der Abwesenheit ihres Mannes, mit ihren beiden kleinen Kindern allein auf sich gestellt, zu einem selbstbestimmten Leben findet, ohne jedoch jemals von ihrer Loyalität dem fernen Ehemann gegenüber abzuweichen.
Und in China ist es das freiheitsliebende Schwertmädchen Lian, das sich einem grausamen, von den Traditionen vorherbestimmten Schicksal widersetzt hat und geflüchtet ist, und das nun ganz alleine durch die Lande zieht und die so gewonnene Unabhängigkeit trotz aller Einsamkeit nie mehr aufgeben wird.

Mit den Augen der beiden mutigen, dem Leser Respekt und Bewunderung einflößenden Frauen, aus ihrem jeweiligen Blickwinkel, genauso wie aus dem des Botanikers, der zwischen beiden Frauen steht, lässt die Autorin die Handlung ihres Romans sich entwickeln und voranschreiten, wodurch sie ihre Leser tief in die drei Hauptfiguren, ihre Gedanken, Erwartungen, Hoffnungen, inneren Konflikte und Zwiespälte hineinblicken und dadurch besser verstehen lässt.

So ist ein unvergleichliches, tiefgründiges Buch von hoher Qualität entstanden, an dem anspruchsvolle Leser und Liebhaber historischer Romane nicht vorübergehen sollten!

Veröffentlicht am 15.06.2017

Maries Ausweg

Ponts de Paris
0

Marie lebt seit acht Jahren als Obdachlose unter den Brücken von Paris.
Ihr Mann, ein Schönheitschirurg, hatte ihr nach seinem Tod einen Berg Schulden hinterlassen und Marie verlor buchstäblich alles, ...

Marie lebt seit acht Jahren als Obdachlose unter den Brücken von Paris.
Ihr Mann, ein Schönheitschirurg, hatte ihr nach seinem Tod einen Berg Schulden hinterlassen und Marie verlor buchstäblich alles, was ihr Leben bis dahin ausgemacht hatte und sah sich zu guter letzt mittellos mit einem Leben auf der Straße konfrontiert, ohne Aussicht, dem je wieder entfliehen zu können.
Doch eines Tages erhält sie ein Angebot, dessen Tragweite sie erst langsam begreift. Sie soll dem Bordell eines reichen Geschäftsmannes vorstehen, der ihr sehr bald klarmacht, dass nicht nur ihr eigenes Leben keinen Pfifferling mehr wert ist, wenn sie sich nicht seinen Anordnungen beugt, sondern dass auch ihr Sohn und dessen Familie sterben müssen.
So fügt sich Marie vorerst; doch ersinnt sie allmählich Wege, ihrem Gefängnis und den tödlichen Machenschaften ihres Auftraggebers zu entkommen....

Man könnte meinen, nicht viel Neues mehr zu erfahren, wenn man einen Kriminalroman aufschlägt. Unzählige sind geschrieben worden, die Themen scheinen erschöpft und wiederholen sich in den unterschiedlichsten Variationen.
"Ponts de Paris" jedoch wartet mit einem Stoff auf, der überraschend neu und in eine Handlung verwoben ist, die aufmerken lässt ob ihrer Originalität!

Dieser Stoff ist ein grausamer, beschäftigt sich mit den, im wahrsten Sinne des Wortes, Niederungen und Abartigkeiten, mit der die Spezies Mensch ihre vermeintliche Vorrangstellung als "Krone der Schöpfung" ad absurdum führt und starke Zweifel an das Gute aufkommen lässt.

Wäre da nicht Marie, die alleinige Hauptfigur des gewandt geschriebenen, sehr spannenden und psychologisch ausgefeilten Kriminalromans, der in einem den meisten Touristen unbekannten Paris angesiedelt ist, dem Paris der Armen, der von einer satten, gutbürgerlichen Gesellschaft Ausgestoßenen.
Marie, die ohne Verschulden auf der niedrigsten Stufe der sozialen Skala gelandet ist, bemüht sich darum, dennoch ihre Würde zu bewahren und anständig zu bleiben. Weder verfällt sie dem Alkohol oder den Drogen noch verkauft sie ihre Seele dem Teufel.
Sie bleibt mitleidend und mitfühlend - und als sie gar nicht mehr weiterweiß, stellen sich ihr zwei imaginäre "Helfer" zur Seite, deren Stimmen nur sie alleine hören kann, mit denen sie lebhafte Diskussionen führt und die sie davor bewahren, den Verstand zu verlieren und dazu ermutigen, ihre logischen Fähigkeiten und ihren Einfallsreichtum zu reaktivieren und schließlich eigenständig zu gebrauchen.

Marie überlebt dank dieser Helfer, die in Wirklichkeit Teil ihrer selbst sind, die tief aus ihr heraus kommen, aus dem Menschen, der sie vielleicht einmal war oder eigentlich ist, und zu dem sie wieder zurückzufinden lernen muss.

Mara Ferr ist in der Tat ein außergewöhnlicher Kriminalroman gelungen!
Sie hat Marie so liebevoll und feinfühlig und doch so realistisch gezeichnet, dass ihr mein Herz sofort zuflog, dass ich ihren beschwerlichen und mutigen Weg, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, nicht nur als Zuschauer verfolgte, sondern bis zum Ende des Buches mit ihr ging, - um die Hoffnung auf das kleine Glück bangend, die Marie während der ganzen Zeit, die sie für ihren Arbeitgeber, diesen Teufel in Menschengestalt tätig sein musste, aufrecht hielt, die ihr half, nicht aufzugeben.

Möge sich ihr Traum von einem Häuschen auf dem Land, weitab von Paris, das ihr nie zur Heimat wurde, nicht werden konnte, schließlich erfüllen!

Veröffentlicht am 15.06.2017

Mörderisches Krimifestival

Bitterer Calvados
0

In "Bitterer Calvados" gibt es ein spannendes Wiedersehen mit Kommissar Jacques Leblanc aus Deauville in der Normandie.
Hier findet alljährlich das Krimifestival "Mord am Meer" statt, das in diesem Frühling ...

In "Bitterer Calvados" gibt es ein spannendes Wiedersehen mit Kommissar Jacques Leblanc aus Deauville in der Normandie.
Hier findet alljährlich das Krimifestival "Mord am Meer" statt, das in diesem Frühling mit einer besonderen Attraktivität aufwartet: Jean-Paul Picard, kurz JPP genannt, seines Zeichens Bestsellerautor einer Reihe von brisanten Kriminalromanen und Frauenschwarm, hat sein Erscheinen angekündigt!
Doch unglücklicherweise wird er bereits kurz nach seiner aufsehenerregenden Lesung tot im Hotelzimmer gefunden, ermordet, wie es schnell offensichtlich wird, durch Zyankali, das ihm mit einem Glas Calvados, seinem bevorzugten Getränk, verabreicht wird...
Auf Kommissar Leblanc und seine Assistentin Nadine kommen sich mühsam gestaltende Ermittlungen zu, in deren Verlauf sich eine Szenerie aus Habgier, Neid, Skrupellosigkeit und Rache entfaltet, die den Leser bis zur Auflösung zum Mitdenken und Miträtseln auffordert.

"Wer Erholung von blutig-düsteren Schweden-Krimis braucht, findet sie in der Normandie" liest man auf dem Klappentext!
Eine treffende Charakterisierung des Romans, wie ich zu meiner Freude bald feststellen konnte!
Der Fall, mit dem es der lebensfrohe Jacques Leblanc zu tun hat, entbehrt dabei keineswegs der Spannung, was wieder einmal beweist, dass ein guter Kriminalroman auch durch andere Elemente fesseln kann als durch blutige, möglichst grausame Details und irre Mörder, deren kranke Phantasie auf mich persönlich eher abstoßend wirkt.

Catherine Simon erzeugt Spannung auf eben jene subtile Art, die ich an einem guten Krimi besonders schätze - auf psychologischer Ebene nämlich!
Leblanc möchte vor allem verstehen, was für eine Art Mensch der Ermordete war und was seinen Mörder veranlasste, ihn zu töten.
Dabei durchleuchtet er JPPs Umfeld, schaut in seine Vergangenheit, geht jeder nur möglichen Spur nach, von denen nicht wenige im Sande verlaufen, beginnt wieder von Neuem...
Als wenig spektakuläre akribische Kleinarbeit möchte ich seine Vorgehensweise bezeichnen.

Und genau so kommt er schließlich zur Lösung des Falles, nicht durch einen wenig glaubwürdigen Zufall, wie man das normalerweise von Kriminalromanen gewohnt ist.
Leblanc ist ein Arbeiter, kein Super-Ermittler, kein Detektiv mit fortwährenden Geistesblitzen - und gerade deshalb realistisch!
Jemanden wie ihn kann man bei der Polizei des öfteren antreffen!

Kein Zweifel - der Kommissar Leblanc ist die eigentliche Hauptfigur des Krimis! Die Handlung dreht sich um ihn, seine Persönlichkeit, seine Befindlichkeiten, seine Beziehungen zu den Menschen in seinem Umfeld.
Auch als Person ist Leblanc angenehm durchschnittlich, doch gleichzeitig sympathisch mitsamt dem Wirrwarr in seinem Gefühlsleben, dem schwierigen Verhältnis zu seiner exzentrischen Mutter, seiner Unentschlossenheit in Bezug auf Frauen und Bindung.
Wie wohltuend, es mit einem so alltäglichen Charakter zu tun zu haben!

Das Stück Erde, in der der Roman spielt, die Normandie, unspektakulär im Vergleich zur Provence, aber mit einem ganz eigenen Zauber, trägt schließlich in nicht geringem Maße dazu bei, dass man gerne in Deauville, bei Leblanc und seinen Freunden verweilen möchte!
Angenehm zurückhaltend, beinahe beiläufig und ohne Zuhilfenahme der Superlative, die oft gebraucht werden, wenn Schriftsteller das besondere Flair Frankreichs zu beschreiben versuchen, gelingt es Catherine Simon dennoch mühelos, genau dieses Flair dem Leser zu vermitteln und Bilder zu erzeugen, die mich mitnehmen an die raue Atlantikküste und zum Bleiben einladen.
Ein schöner, empfehlenswerter Kriminalroman, - fürwahr!

Veröffentlicht am 10.06.2017

Moa Gravens neuer Coup

FREMDER
0

Moa Graven hat wieder zugeschlagen! Zur Freude ihrer zahlreichen Anhänger!
Mit "Fremder" haben wir es mit dem siebten Fall des Profilers Jan Krömer und seiner Kollegin und Untermieterin Lisa Berthold aus ...

Moa Graven hat wieder zugeschlagen! Zur Freude ihrer zahlreichen Anhänger!
Mit "Fremder" haben wir es mit dem siebten Fall des Profilers Jan Krömer und seiner Kollegin und Untermieterin Lisa Berthold aus Aurich zu tun.
Diesmal sehen sich die beiden mit einem offensichtlich psychisch stark gestörten Serienmörder konfrontiert, der scheinbar wahllos Menschen in seine Gewalt bringt, grausam tötet und dann zerstückelt.
Jan und Lisa haben, nachdem ein Sack mit Leichenteilen, die zu mehreren unterschiedlichen Menschen gehören, gefunden wurde, die schier unlösbare Aufgabe, dem Mörder auf die Schliche zu kommen, ihm das schmutzige und perfide Handwerk zu legen und ihn ein für allemal aus dem Verkehr zu ziehen.
Jans Erfahrung als Profiler sowie das sprichwörtliche Quentchen Glück hilft ihnen dabei...

Moa Graven ist in gewohnt guter Form und hat einen neuen Mordfall ausgetüftelt, bei dem sich dem Leser die Haare sträuben, den er aber atemlos bis zum Ende verfolgen wird und der ihn auch danach nur schwer loslässt.
Man mag sich gar nicht vorstellen, dass es Leute mit so kranken Hirnen gibt wie Moas Mörder generell und derjenige im vorliegenden Kriminalroman im Besonderen!

Doch darüber hinaus bietet die Geschichte noch viel mehr, denn die Autorin lässt auch diesmal wieder in menschliche Seelen und deren Abgründe blicken, entlarvt Vorurteile und legt den Finger in so manche Wunde.
Der Roman hat nicht umsonst den Titel "Fremder"! Denn mit dem Fremden haben wir es in der gesamten Geschichte zu tun, der Reaktion der Leute auf das Fremde, ob in ihnen, in uns selbst oder ob es uns leibhaftig gegenübersteht in der Person eines freundlichen jungen Angolaners, der zum Austausch in ein fremdes Land gekommen ist und den dieses weder mit offenen Armen noch Liebenswürdigkeit willkommen heißt.
Nicht nur Jan und Lisa müssen das mit Entsetzen feststellen sondern auch wir Leser. Und der eine oder andere mag zum Nachdenken gebracht werden und seine eigene Einstellung hinterfragen...

Die Ostfriesin Moa Graven hat eine von Anfang bis Ende spannende Handlung entwickelt. Sie tut dies in gewohnter Manier: in ihren Romanen ereignet sich viel, und noch viel mehr geschieht unter der Oberfläche, wird angedeutet, muss erahnt und erspürt werden.
Ja, bei Moa muss man tatsächlich zwischen den Zeilen lesen!
Sie gibt uns Lesern Informationen und erzeugt so Bilder in unsren Köpfen - auch ohne viele Worte!

Dazu passt ihre Art zu schreiben, die ich einmal mehr als friesisch-herb bezeichnen möchte und die klar und eindringlich ist, ohne Schnörkeleien, und immer direkt auf den Punkt kommt.
Ihre Ermittler gehen anders vor als die Detektive, die man aus dem Fernsehen oder aus den herkömmlichen Kriminalromanen kennt.
Nachdenklich, zweifelnd, ohne Getöse tasten sie sich an ihre jeweiligen Fälle heran, vor denen ihnen oft selber graust.

Jan Krömer ist gewiss der stillste ihrer Protagonisten, ein Held, der keiner ist, ein kluger Mann, der sich ständig selbst in Frage stellt.
Mit Lisa Berthold wurde ihm eine perfekte Partnerin zur Seite gestellt - und nicht wenige Leser mögen sich wünschen, die Beiden kämen auch außerhalb ihrer Polizeiarbeit zusammen...
Aber das kann ja noch kommen, denn ein achter Band ist bereits am Horizont zu erkennen!
Moa Gravens Leserkreis wird es freuen!

Veröffentlicht am 26.05.2017

Die starken Frauen der Hirschvogls

Das Haus der schönen Dinge
0

Der Roman beginnt im Jahr 1897 mit der Eröffnung des fiktiven Kaufhauses Hirschvogl im Herzen von München und führt den Leser bis in die Nachkriegszeit ins Jahr 1952.
Er erzählt die wechselvolle Geschichte ...

Der Roman beginnt im Jahr 1897 mit der Eröffnung des fiktiven Kaufhauses Hirschvogl im Herzen von München und führt den Leser bis in die Nachkriegszeit ins Jahr 1952.
Er erzählt die wechselvolle Geschichte dreier Generationen der jüdischen Familie Hirschvogl vor dem historischen Hintergrund des Ersten Weltkriegs, der Weimarer Republik bis hinein in die Zeit nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem unaufhaltsamen Weg in den Zweiten Weltkrieg.
Drei Frauen vor allem sind es, die die Geschicke des Kaufhauses über die Jahre lenken: Thea, ihre Tochter Lily und ihre Enkelin Edna. Drei starke Frauen, die mit Phantasie, Tatkraft und einer gehörigen Portion Geschäftssinn das Hirschvogl zum ersten Haus am Platz machen und es auch über schwere Zeiten hinweg erhalten - bis es schließlich, wie alle jüdischen Geschäfte, ein Opfer der bösen braunen Zeit wird...

Mit fundiertem Hintergrundwissen ausgestattet beschreibt Heidi Rehn die Welt der Kaufhäuser, der Häuser "der schönen Dinge" und ihrer Anfänge. Fasziniert lässt sich der Leser durch die Konsumtempel von einst führen, die exzellente Warensortimente von hoher Qualität zum Kauf anboten oder auch nur zum Schauen einluden.
Die Autorin schildert dies so anschaulich und verführerisch, dass bei so manchem Leser der Wunsch geweckt werden mag, eine Zeitreise in die so liebevoll eingerichteten Märkte von damals zu unternehmen, für die das Hirschvogl stellvertretend ist und die so gar nichts mit den Kaufhäusern heutzutage gemein haben, um sich staunend dem Sinnesgenuss hinzugeben.

Aber es ist nicht nur die schillernde Welt der Warenhäuser, die den Roman so reizvoll macht, - es sind vor allem auch die Charaktere, die Heidi Rehn zeichnet und an deren Schicksal ich bis zur letzten Seite lebhaft Anteil genommen habe, die mich bewegten, anrührten, beschäftigten, ob ich sie und ihre so unterschiedlichen Handlungsweisen nun mochte oder nicht. Und da die Sprache der Autorin so prägnant ist, bedarf es nicht vieler Worte, um sich ihre Figuren auf das Lebhafteste vorstellen zu können!

Von Tragödien bleiben weder die Hirschvogls noch deren treue oder weniger treue Freunde verschont - wie denn auch, in einer Zeit, als den Deutschen jüdischen Glaubens das Leben zunehmend erschwert wurde, sie nicht nur den Schikanen eines unmenschlichen Systems sondern auch unzähliger ihrer Mitbürger ausgesetzt waren.
Als Leser kann ich hier nicht bloß Zuschauer sein! Man ist, ob man das nun möchte oder nicht, unwillkürlich mittendrin, ist entsetzt, voll ohnmächtigem Zorn und voller Trauer.
Dies umso mehr, als man weiß, dass das, was den Hirschvogls zugestoßen ist, keine Fiktion ist, dass es tausendfach so oder so ähnlich geschehen ist.

Auch was die Vorgänge in Hitlerdeutschland anbelangt, erweist sich die Autorin als genaue Kennerin der Materie!
Als Schriftstellerin von hohem Niveau lässt sie sich zu keinem Zeitpunkt zu Sentimentalitäten hinreißen, ihre Sprache ist immer klar und sachlich, ihre Aussagen sind präzise. Und sicher übt ihr Roman gerade auch deshalb eine so nachdrückliche Wirkung auf mich als Leser aus.
Sie zerredet nichts. Vieles lässt sie ungesagt, lässt sie zwischen den Zeilen erahnen. Sie überlässt dem Leser so manche Schlussfolgerung, gibt ihm Raum zum Nach- und Weiterdenken, Raum auch für eigene Interpretationen.
Gerade das ist es, was für mich den Roman so besonders macht, denn es hebt ihn ab von der Flut der Bücher, die in der gleichen Epoche angesiedelt sind und die mit ausführlichsten Schilderungen der Dinge angefüllt sind, die keiner Erwähnung mehr bedürfen, weil hinlänglich bekannt ist, wie Nazideutschland mit der jüdischen Bevölkerung umsprang...

So gesehen ist "Das Haus der schönen Dinge" ein wenig spektakulärer, ein leiser Roman, der gerade deshalb so eindringlich ist, so berührend, dass man ihn nach dem Lesen nicht einfach beiseite legen und rasch vergessen kann.
Mir selbst wird er, bedrückend und verstörend, aber nachhaltig, im Gedächtnis bleiben!