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Veröffentlicht am 25.07.2022

Fesselnder Agententhriller mit einigen Schwächen

Die Cellistin
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MEINE MEINUNG
Mit „Die Cellistin“ legt der US-amerikanische, preisgekrönte New-York-Times Bestsellerautor Daniel Silva bereits den 21. Band seiner Gabriel Allon-Thriller-Reihe vor, in deren Mittelpunkt ...

MEINE MEINUNG
Mit „Die Cellistin“ legt der US-amerikanische, preisgekrönte New-York-Times Bestsellerautor Daniel Silva bereits den 21. Band seiner Gabriel Allon-Thriller-Reihe vor, in deren Mittelpunkt der inzwischen in die Jahre gekommene, charismatische Gabriel Allon steht, einem Kunstrestaurator, legendären Ex-Mossad-Agenten und mittlerweile Chef des mächtigen israelischen Geheimdienstes.
Auch wenn man die Vorgänger-Bände aus der Gabriel-Allon-Reihe nicht kennt, ist der Einstieg in diese problemlos möglich, da jeder Band in sich abgeschlossen ist.
In seinem neuen fesselnden Roman zeigt Silva erneut, dass er ein sehr versierter Geschichtenerzähler ist. Durch detaillierte Recherchen und Erfahrungen in seinem langjährigen Job als Journalist lässt er in seine Agenten-Thriller immer auch beeindruckendes Hintergrundwissen und tiefgründige Einblicke in die Welt des weltweiten Terrorismus und die Arbeit der Geheimdienste einfließen.
In „Die Cellistin“ kombiniert er einmal mehr gekonnt seine Fiktion und brisante politische Themen zu einem spannenden Agententhriller. Vor allem beweist Daniel Silva sein untrügliches Gespür für hochaktuelle, geopolitische Entwicklungen und politische Brandherde unserer Zeit. Diesmal greift er mit der heimtückischen Ermordung des russischen Dissidenten und wohlhabenden Putin-kritischen Zeitungsverlegers Wiktor Orlow in seiner Londoner Wohnung den hochinteressanten Themenkomplex rund um russische Geldwäsche und den demokratiegefährdenden Disinformationskrieg Russlands gegen den Westen auf. So dauert es auch nicht lange bis der vom MI6 hinzugezogene Experte und Chef des israelischen Geheimdienstes Gabriel Allon die Tragweite und wahren Hintergründe des Attentats erfasst. Über eine die Spur von massiven Finanzverbrechen stößt er schließlich auf eine gefährliche, im Verborgenen agierende russische Untergrundorganisation, die eine perfide Unterwanderung des Westens plant und selbst vor dem Äußersten nicht zurückschreckt, und webt in Zusammenarbeit mit weiteren herausragenden Agenten und der titelgebenden deutschen „Cellistin“ und Finanzexpertin Isabel Brenner als Lockvogel ein geniales Spinnennetz, um die Hintermänner zu Fall zu bringen.
Mit der faszinierenden Mischung aus Fakten von topaktueller Brisanz und Fiktion nimmt Silva uns schnell gefangen und zieht uns in die temporeiche Handlung hinein. Trotz ausführlicher, eher trockener Detailinformationen zu den komplexen Mechanismen der internationalen Geldwäsche gelingt es Silva mit geschickten Szenenwechseln, Cliffhangern und einigen überraschenden Wendungen ausreichend Spannung entstehen zu lassen. Die Planung und Ausführung des brillant eingefädelten Coups sowie die packende Jagd nach den Hintermännern ist mitreißend inszeniert und führt uns von London, Amsterdam, Tel Aviv, Genf und schließlich auch nach Washington DC. Es ist sehr spannend mitzuverfolgen, wie sich immer mehr Puzzlestücke zusammensetzen und die involvierten Agenten ihre Aufgaben schrittweise umsetzen, um an ihre Zielpersonen zu gelangen und die Gesamtoperation umzusetzen, die schließlich in einem fesselnden Finale gipfelt. In einem letzten Teil – der Zugabe – legt Silva noch einmal nach, spitzt seinen Plot erneut zu und lässt seinen Thriller mit einem hochdramatischen und folgenschweren Showdown enden. Man darf gespannt sein, wie es für Allon nun weitergehen wird.
Insgesamt versucht David Silva seine Figuren lebensecht und interessant anzulegen, doch wirkten viele der Charaktere (sicherlich auch der Vielzahl an eingeführten Nebenfiguren geschuldet) auf mich recht schablonenhaft und flach. Wir begegnen vielen alten Bekannten aus vorangegangenen Bänden wie beispielsweise dem MI6-Agenten und ehemaligen Profi-Killer Christian Keller, der Kunsthändlerin und Ex-CIA-Agentin Sarah Bancroft oder der Mossad-Legende Ari Schamron, deren Persönlichkeiten aber nur sehr grob umrissen werden. Auch bei der im Mittelpunkt stehenden Protagonistin Isabel Brenner hat Silva ihre persönlichen Beweggründe für ihr Handeln und ihren Gesinnungswechsel erstaunlich wenig herausgearbeitet, so dass sie insgesamt sehr eindimensional und klischeehaft wirkte. Bedauerlicherweise bedient sich Silva auch bei der Darstellung der gesamten Akteure einer allzu platten Schwarz-Weiß-Malerei – gewisse Zwischentöne vermag er bei der Glorifizierung seiner „Helden“ angesichts des allgegenwärtigen „Bösen“ kaum einfließen lassen. Schade eigentlich, denn bei seinen früheren Werken verstand er es durchaus, seine Protagonisten mit all ihren Ecken und Kanten vielschichtig, überzeugend und authentisch auszuarbeiten.

FAZIT
Insgesamt ein spannender, unterhaltsamer Agententhriller mit einem hochbrisanten politischen Thema – aber aufgrund der sehr klischeehaften Charaktere ein eher schwächerer Band aus der Gabriel-Allon-Reihe.

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.04.2022

Mitreißende Histo-Fantasygeschichte

Der Uhrmacher in der Filigree Street
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MEINE MEINUNG

Mit ihrem Romandebüt „Der Uhrmacher in der Filigree Street“ hat die Engländerin Natasha Pulley, die für ihren Auftaktband mit dem Betty Trask Award ausgezeichnet wurde, den Grundstein für ...

MEINE MEINUNG

Mit ihrem Romandebüt „Der Uhrmacher in der Filigree Street“ hat die Engländerin Natasha Pulley, die für ihren Auftaktband mit dem Betty Trask Award ausgezeichnet wurde, den Grundstein für eine vielversprechende historische Fantasy-Reihe gelegt.
Mit einem im viktorianischen London angesiedelten Setting, vielen originellen Ideen, faszinierenden Fantasy-Elementen sowie interessanten Charakteren ist es der Autorin hervorragend gelungen, mich in ihre stimmungsvolle Geschichte hinein zu ziehen und mir sehr abwechslungsreiche Unterhaltung zu bieten. Ihren Ausgang nimmt die wendungsreiche Geschichte um den bescheidenen Telegrafie-Mitarbeiter im Innenministerium Thaniel Steepleton mit einer geheimnisvollen goldenen Taschenuhr, einem rätselhaften Bombenanschlag auf Scotland Yard und dem heiklen Auftrag den höchst mysteriösen japanischen Uhrmacher Keita Mori auszuspionieren. In einem weiteren Handlungsstrang lernen wir die junge Oxford-Studentin Grace kennen, die aus gutem Hause stammt, sich aber mehr für ihre naturwissenschaftlichen Studien interessiert und sich als selbstbewusste, freiheitsliebende Frau den damaligen Konventionen nicht unterwerfen möchte.
Die Autorin hat einen sehr lebendigen, bildhaften Erzählstil. Sie versteht es hervorragend, die verschiedenen Schauplätze und das tolle viktorianische Flair sehr atmosphärisch einzufangen, so dass man rasch in ihre faszinierende Welt mit den zahllosen fantasievollen Details, witzigen Steampunk-Elementen und höchst ungewöhnlichen Geschehnissen eintauchen kann.
Die auf den verschiedenen Handlungsebenen spielende Geschichte kommt erst allmählich in Gang. So dauert es auch eine Weile bis man zunächst verwirrende Details zuordnen und gewisse Zusammenhänge erkennen kann. Mit zahlreichen unerwarteten Wendungen gewinnt die vielschichtige Geschichte schließlich immer mehr an Dynamik und Spannung, wobei mich einige Verwicklungen doch sehr überraschten. Auch die Handlungen einiger Charaktere waren für mich nicht immer ganz nachvollziehbar. Die wendungsreiche Handlung gipfelt schließlich in einem packenden Finale und der unerwartete Ausgang macht neugierig auf die Fortsetzung dieser ideenreichen und mitreißend erzählten Fantasy-Geschichte.
Einfühlsam und facettenreich sind die verschiedenen Figuren mit ihren charakterlichen Besonderheiten und Verletzlichkeiten beschrieben, so dass man ihnen gerne durch die Geschichte folgt. Insbesondere der japanische Uhrmacher Mori ist eine sehr faszinierende Figur, die mit seinen mechanischen Erfindungen und so einigen bemerkenswerten Fähigkeiten zu überraschen weiß, und über dessen erstaunliches Vorleben wir in eingeschobenen Rückblenden allmählich spannende Details erfahren. Auch sein kleines Haustier Katsu, ein mechanischer Oktopus, brachte mich mit seinen Eigenheiten so manches Mal zum Schmunzeln.
Zum Hörbuch:
Der Schauspieler Jonas Minthe konnte mich als Sprecher mit seiner angenehm ruhigen Stimme überzeugen. So gelingt es ihm mühelos, uns rasch in die fantastisch-mystische Welt eintauchen zu lassen und das viktorianische Zeitalter zum Leben zu erwecken. Mit geschickten Wechseln des Lesetempos, Verändern von Intonation und Lautstärke gestaltet der Sprecher die Handlung sehr abwechslungsreich. Insgesamt eine sehr gelungene Lesung dieser ungekürzten Hörbuchausgabe!

FAZIT
Eine mitreißende historische Fantasy-Abenteuergeschichte mit einer komplexen, ideenreichen Geschichte, tollem atmosphärischen Setting und interessanten Charakteren, deren Handlungen ich allerdings nicht immer nachvollziehen konnte.

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Veröffentlicht am 01.11.2021

Mitreißendes Finale der Spannungstrilogie aus Island

Der Käfig
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MEINE MEINUNG
»Der Käfig« von der isländischen Autorin Lilja Sigurðardóttir ist der fesselnde abschließende Band, ihrer in Island angesiedelten Trilogie, die mit den behandelten gesellschaftlichen Themen ...

MEINE MEINUNG
»Der Käfig« von der isländischen Autorin Lilja Sigurðardóttir ist der fesselnde abschließende Band, ihrer in Island angesiedelten Trilogie, die mit den behandelten gesellschaftlichen Themen für frischen Wind im hart umkämpften Markt der sogenannten „Nordic Noir“ sorgen sollte.
Leider ist das Finale des Spannungsromans zwar recht unterhaltsam zu lesen, aber längst nicht so packend wie die beiden vorangegangenen Bände. Da die Autorin uns einen zufriedenstellenden Ausklang ihrer Geschichte schuldig geblieben ist, und zu viele Aspekte bis zum Ende hin offen blieben, hinterlässt der nicht ganz runde Abschluss der Island-Trilogie bei mir einen etwas schalen Nachgeschmack.
Thematisch kreist die Handlung erneut um Drogenschmuggel und das skrupellose Drogengeschäft, um Wirtschaftskriminalität, politische Intrigen und Verrat.
Im Mittelpunkt des letzten Bands steht diesmal Agla, Finanzexpertin und Sonjas Ex-Geliebte, die wegen ihrer Rolle in einem großen isländischen Bankenskandal eine längere Haftstrafe abgesessen hat und nun bald entlassen wird. Agla erhält den Auftrag, den illegalen Aktivitäten eines undurchsichtigen, international tätigen Geschäftskonglomerats im lukrativen Aluminiumgeschäft auf die Spur zu kommen. Zusammen mit ihrer ehemaligen Erzfeindin Maria, die inzwischen als freiberufliche Investigativ-Journalistin arbeitet, versucht sie dubiose Manipulationen aufzudecken und Hintermänner zu ermitteln – doch viel zu spät bemerken sie, in welches gefährliches Komplott sie da geraten sind. In einem zweiten Nebenstrang erfahren wir eher nur am Rande, wie es mit der weiteren bereits bekannten Akteurin Sonja, die ehemalige Kokain-Kurierin, die sich mit ihrem Sohn Tómas nach London abgesetzt hat, weitergegangen ist. Anton, der 15-jährige Sohn des skrupellosen und sehr zwielichtigen Ingimar steht im Zentrum eines weiteren Handlungsstrangs, der mit Fremdenhass und Islamfeindlichkeit hochaktuelle gesellschaftliche Themen behandelt und mich sehr fesseln konnte.
Die Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungssträngen sind dramaturgisch gut gewählt, sodass die Spannung immer mehr gesteigert wird. Die recht kurzen Kapitel und raschen Perspektivwechsel sorgen zudem für viel Tempo.
Vom Plot her ist die komplexe Geschichte hochinteressant und abwechslungsreich angelegt. Die verschiedenen Handlungsfäden ziehen sich durch die gesamte Geschichte und sind von der Autorin gekonnt ineinander verwoben. Je mehr man in die undurchsichtige Geschichte dringt, umso deutlicher wird, dass hier so einiges im Argen liegt und nichts ist, wie es zunächst scheint. Erst allmählich offenbaren sich die Verstrickungen der Charaktere, ihre ausweglose Lage aber auch die Abgründe ihres Handelns, die die Autorin sehr anschaulich vermittelt.
Obwohl die Autorin ihre Charaktere sehr vielschichtig und lebensnah angelegt hat, und wir Einblicke in die Gedankenwelt und Beweggründe für ihr Verhalten erhalten, wurde ich diesmal allerdings nicht so richtig warm mit ihnen. Insbesondere die Weiterentwicklung von Sonjas Charakter konnte mich keineswegs überzeugen und hat mich sehr enttäuscht zurückgelassen. Schade auch, dass ihr Sohn Tómas keinen zusätzlichen Part erhalten hat.
Lange Zeit ist es sehr undurchsichtig, welche Zusammenhänge zwischen den Figuren und ihren Taten bestehen und wie sehr ihre Schicksale miteinander verwoben sind. Nach einigen unerwarteten Wendungen ziehen Tempo und Spannung zum Ende hin enorm an, die Ereignisse überschlagen sich regelrecht und die Handlung mündet in einem sehr unvorhersehbaren Finale.

FAZIT
Ein fesselnder Abschluss der Island-Trilogie über Drogenschmuggel, Finanzkriminalität und kriminelle Machenschaften, der so einige Überraschungen für uns bereit hält - mich aber nicht völlig überzeugen konnte!

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Veröffentlicht am 03.04.2021

Ein bitterböses, derbes und recht schräges Leseabenteuer

Tote Vögel singen nicht
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MEINE MEINUNG
Mit seinem neuesten Roman „Tote Vögel singen nicht“ beschert uns der österreichische Autor Christian Klinger ein unterhaltsames, humorvolles und ziemlich schräges Leseabenteuer, in dessen ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem neuesten Roman „Tote Vögel singen nicht“ beschert uns der österreichische Autor Christian Klinger ein unterhaltsames, humorvolles und ziemlich schräges Leseabenteuer, in dessen Mittelpunkt der etwas zwielichtige und recht unsympathisch daher kommende Wiener Anwalt Cosinus Gauß steht. Vom Verlag interessanter Weise mal als Thriller und mal als Kriminalroman zugeordnet ist „Tote Vögel singen nicht“ auf jeden Fall ein sehr ungewöhnlicher Spannungsroman, an dem sich sicherlich die Geister scheiden werden. Und dies liegt vor allem an der sehr gewöhnungsbedürftigen Hauptfigur Cosinus Gauß und einer derben, recht sexistischen Sprache, die natürlich hervorragend passt zu diesem windigen, geld- und sexbesessenen Anwalt, der es mit Recht und Gesetz nicht allzu genau nimmt und sich ziemlich fragwürdiger Ermittlungsmethoden bedient.
Nach einem äußerst skurrilen Auftakt, bei dem sich der Protagonist in einer äußerst misslichen Lage befindet, nur mit knapper Not fliehen kann und sich nun gezwungen sieht, auf eigene Faust die Hintergründe zu ermitteln, befinden wir uns schon bald mittendrin in den sehr turbulenten Nachforschungen. Diese führen uns nicht nur in skrupellose Unterwelt, mit der Gauß beruflich stark verbandelt ist, sondern auch in die schillernde und äußerst korrupte Welt der Reichen, Schönen und Mächtigen der Stadt. Der Autor lässt uns mit viel Augenzwinkern und bitterbösen Seitenhieben in einen etwas bizarren und sehr undurchsichtigen Fall eintauchen, der für Kenner der österreichischen Politik durchaus gewisse Ähnlichkeiten mit dem legendären „Ibiza-Fall“ aufweist. Mit dem gewissen politischen Insider-Wissen mag man hier so einige reale Persönlichkeiten unter den Wiener Politgrößen erkennen und sich köstlich amüsieren über die hier so trefflich geschilderte politische Kultur in Österreich. Mit seinem abgehalfterten, etwas schlicht gestrickten Anwalt Cosinus Gauß hat der Autor einen Unsympathen und wirklichen Antihelden geschaffen, der in etliche Fettnäpfen tritt, oft mehr Glück als Verstand hat und von einer misslichen Lage in die nächste stolpert. Höchst amüsant sind da schon seine Ohnmachtsanfälle zu unpassendsten Zeit, für die sich mit POTS schließlich eine medizinische Erklärung findet. Neben Gauß mangelt es auch nicht an etlichen verschrobenen, bemerkenswerten und teilweise recht überzeichneten Charakteren. Zu meinem besonderen Highlight gehörte die clevere und sehr patente Sekretärin, von der ich gerne noch mehr gelesen hätte.
Mit hohem Tempo treibt der Autor seine kuriose Handlung voran, präsentiert uns schier unglaubliche Verwicklungen und lässt den Fall schließlich in einem fesselnden Showdown gipfeln, der mich doch sehr überraschen konnte.
Der Autor verwendet einen sehr flotten Schreibstil; angereichert mit einer ordentlichen Portion Wortwitz, bissigem Humor und Situationskomik konnte mich der etwas abgedrehte Roman insgesamt gut unterhalten.
FAZIT
Ein unterhaltsames, turbulentes und ziemlich schräges Leseabenteuer mit viel derbem Humor und einem gewöhnungsbedürftigen, sehr unsympathischen Protagonisten, der aber auch seinen besonderen Charme entwickelt.

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Veröffentlicht am 02.03.2021

Fesselnde, aber etwas überladene Familiengeschichte

Die vier Gezeiten
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MEINE MEINUNG
„Die vier Gezeiten“ von der deutschen Autorin Anne Prettin ist ein spannender und Familienroman, der mit vielen Familiengeheimnissen, traurigen wie dramatischen Entwicklungen sowie zahlreichen ...

MEINE MEINUNG
„Die vier Gezeiten“ von der deutschen Autorin Anne Prettin ist ein spannender und Familienroman, der mit vielen Familiengeheimnissen, traurigen wie dramatischen Entwicklungen sowie zahlreichen Wendungen zu unterhalten weiß.
Hinter dem ungewöhnlichen und etwas rätselhaften Titel „Vier Gezeiten“, dessen Bedeutung sich einem im Laufe der Handlung erschließt, verbirgt sich eine opulente, mitreißend erzählte Familiengeschichte über die angesehene Juister Hoteliersfamilie Kießling, die sich über vier Generationen hinweg erstreckt und geschickt einen Bogen über viele Jahrzehnte mit verschiedenen Zeitepochen spannt.
Im Mittelpunkt der ereignisreichen Geschichte stehen die verschiedenen, außergewöhnlichen Frauen der Familie mit ihren faszinierenden Lebensgeschichten, die teilweise erschreckende parallele Entwicklungen aufweisen, ihren sorgsam gehüteten Geheimnissen und folgenschweren Entscheidungen, die bis in die Gegenwart nachwirken und das Leben der nachfolgenden Generationen mit beeinflusst haben.
Angelegt ist der Roman in zahlreichen, sich abwechselnden Handlungssträngen, die aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden und auf verschiedenen Zeitebenen und Zeitepochen angesiedelt sind, so dass sich die komplexe Familiengeschichte erst allmählich durch die unterschiedlichen Rückblenden zusammenfügt. Gerade zu Beginn des Romans hat man als LeserIn allerding mit der verwirrenden Vielzahl der Charaktere, ihrem Bezug zueinander inklusive der verzwickten Verwandtschaftsverhältnisse zu kämpfen. Später fällt einem die Zuordnung dann naturgemäß sehr viel leichter. Dennoch hätte ich mich sehr über ein kurzes Personenregister gefreut, um einen schneller Überblick über die vielen Figuren zu erhalten.
Nach dem packenden Einstieg in die Geschichte mit dem rätselhaften und verhängnisvollen Tagebucheintrag einer jungen Frau von 1978, setzt die eigentliche Handlung in der Gegenwart von 2008 auf der Nordseeinsel Juist ein. Mit dem überraschenden Auftauchen der jungen Neuseeländerin Helen, die aufgrund ihrer frappierenden Ähnlichkeiten mit den Kießlings auf irgendeine Weise verwandt zu sein scheint, entspinnt sich für uns eine spannende Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Gemeinsam mit ihr lernen wir allmählich die verschiedenen Familienmitglieder und ihre Besonder- und Eigenheiten kennen. Plötzlich scheint das jahrzehntelange beharrliche Schweigen der Familie ins Wanken zu geraten, bislang streng gehütete Geheimnisse warden enthüllt und in vielen Rückblenden erfahren wir schrittweise immer neue Details aus dem bewegten Leben von Johanne aber auch ihrer Tochter Adda, ihre Hoffnungen, Sehnsüchte, Träume, Verluste und Enttäuschungen.
Einfühlsam und mit angenehmer Leichtigkeit zeichnet die Autorin in den Rückblicken bedeutsame Lebensstationen ihrer Figuren aus der Vergangenheit nach und nimmt uns mit auf eine faszinierende Zeitreise. So tauchen wir gemeinsam mit der jungen Johanne ins Juist der 1934ger Jahre ein, lernen die bekannte Roformschule „Die Schule am Meer“ kennen und bekommen die erstarkenden nationalsozialistischen Einflüsse auf der Insel mit oder erleben gemeinsam mit der jungen Adda nach der schwierigen Nachkriegszeit die Aufbruchstimmung der 1950er Jahren.
Die Autorin versteht es hervorragend, das tolle Inselflair von Juist und die unterschiedlichen Schauplätze der Insel von der Wattlandschaft, den Stränden bis hin zur Inselbahn atmosphärisch dicht und anschaulich zu beschreiben, so dass man alles wunderbar vor Augen hat. Auch das sorgsam recherchierte Zeitkolorit zu den jeweiligen Epochen aber auch die Zwänge der damaligen gesellschaftlichen Realität im Wandel der Zeiten hat sie sehr authentisch und plastisch in die Handlung mit einfließen lassen.
Anne Prettin hat mit ihrer Familiengeschichte beeindruckende, facettenreiche Frauen-Figuren geschaffen, die mit ihren Eigenheiten, Stärken und Verletzlichkeiten einerseits lebensnah und lebendig wirken, mich aber in vielerlei Hinsicht leider nicht erreichen konnten. Viele ihrer Handlungsweisen und zugrunde liegenden persönlichen Entwicklungen waren für mich nicht nachvollziehbar bzw. glaubhaft, so dass ich mit keiner der Hauptfiguren wirklich warm werden konnte.
Während die Spurensuche Helens, ihre geheimnisvolle Herkunft und die Mutmaßungen um ihre leibliche Mutter sich anfangs noch sehr fesselnd gestalteten, so tritt dieser Handlungsstrang leider zunehmend in den Hintergrund. Für meinen Geschmack wirkte die Geschichte irgendwann leider durch die Fülle an Familiengeheimnissen, klischeehaften Verwicklungen und Schicksalsschlägen zu überfrachtet, konstruiert und unglaubwürdig, um mich noch begeistern zu können.
Zum Ende hin verdichtet die Autorin ihre Geschichte nach einigen sehr konstruiert wirkenden Wendungen und überraschenden Enthüllungen immer weiter, führt die vielen losen Handlungsfäden zusammen und lässt ihre schließlich etwas überladene Familiengeschichte zwar überstürzt aber recht versöhnlich ausklingen.
Schade, diese Familiengeschichte hatte wirklich viel Potential, konnte mich aber ab dem Mittelteil immer weniger überzeugen.

FAZIT
Eine komplexe Familiengeschichte mit fesselnden Familiengeheimissen, tollem atmosphärischen Inselflair und lebendigem, stimmigem Zeitkolorit, die leider nicht ganz überzeugend und etwas klischeebehaftet umgesetzt wurde.

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  • Handlung
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