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jules_jude

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.10.2022

Fehlende Intimität und Emotionalität

Intimitäten
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Katie Kitamuras "Intimitäten" ist ein ruhiger Roman, direkt und schnörkellos geschrieben, dem, obwohl in der ersten Person aus Sicht der Protagonistin erzählt wird, eine persönliche und emotionale Note ...

Katie Kitamuras "Intimitäten" ist ein ruhiger Roman, direkt und schnörkellos geschrieben, dem, obwohl in der ersten Person aus Sicht der Protagonistin erzählt wird, eine persönliche und emotionale Note fehlt.
Es ist ein Roman mit einem sehr interessanten Schauplatz, der mich leider jedoch nicht komplett überzeugen konnte.

Nach dem Tod ihres Vaters und dem Umzug ihrer Mutter nach Singapur verlässt die namenlose Erzählerin New York, um ein Jahr lang als Dolmetscherin in Den Haag zu arbeiten. Dort wird sie mit einem wichtigen Job betraut. Privat dagegen gerät ihr Leben ins Wanken. Ihr Freund ist weggezogen, um mit seiner ihm entfremdeten Frau über das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder zu streiten, die Nachbarschaft ihrer besten Freundin fühlt sich nach einem brutalen Überfall nicht mehr sicher, und sie muss sich mit Intimität (oder dem Fehlen derselben) in all ihren Formen auseinandersetzen.

Gut gefallen haben mir die Szenen, in denen die Vorgänge am Internationalen Gerichtshof dargestellt werden, als sie dort für einen afrikanischen Staatschef, dem Völkermord vorgeworfen wird, dolmetscht und die Rolle des Gerichts als "unwirksames Instrument des westlichen Imperialismus" beschreibt. Man erhält einen detaillierten Einblick in die Aufgaben von Dolmetscher*innen. Die Erzählerin beschreibt, wie sie sich so sehr auf die korrekte Übersetzung konzentriert, dass sie schließlich den Sinn der Worte, die sie sagt, verliert.
Die Arbeit als Dolmetscherin ist auch die einzige Stelle im Roman, an der die Protagonistin irgendeine Verletzlichkeit zeigt, ansonsten sind ihre Beziehungen und Freundschaften sehr subtil und ohne wirkliche Tiefe dargestellt.
Der Ton des Romans ist oft so unpersönlich, dass es mir sehr schwerfiel, irgendeine eine emotionale Nähe zur Protagonistin herzustellen. Es gibt nicht viel Handlung und die Dialoge wiederholen sich. Die Figuren wirken sehr oberflächlich, und ich hätte mir mehr von den Interaktionen der Erzählerin gewünscht. Vielleicht war das beabsichtigt, weil es zeigen sollte, dass sie keine Intimität hat, aber es hat die Lektüre nicht spannend gemacht.

Insgesamt ist "Intimitäten" von Katie Kitamura eine interessante Meditation über Sprache, Übersetzung und zwischenmenschliche Beziehungen, der einen tollen Einblick in das Haager Gericht und all die Faktoren, die bei den Prozessen eine Rolle spielen, liefert. Das sind zwar alles interessante Themen und Gedankengänge, die am Ende leider nirgendwo wirklich hinführten, sodass der Roman mich am Ende unbefriedigt zurücklässt. Ich hatte mir mehr erhofft.

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Veröffentlicht am 07.09.2022

Klassischer Kriminalroman über einem Mord in einem verschlossenen Raum

Die rätselhaften Honjin-Morde
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„Die rätselhaften Honjin-Morde“ spielt 1937 in einem ländlichen japanischen Dorf namens Okamura, wo nach der Hochzeit des ältesten Sohnes der wohlhabenden Familie Ichiyanagi ein grausamer Mord geschieht. ...

„Die rätselhaften Honjin-Morde“ spielt 1937 in einem ländlichen japanischen Dorf namens Okamura, wo nach der Hochzeit des ältesten Sohnes der wohlhabenden Familie Ichiyanagi ein grausamer Mord geschieht. In der Hochzeitsnacht hört die Familie schreckliche Schreie aus dem Schlafzimmer des frisch vermählten Paares. Kurz darauf wird das Brautpaar ermordet aufgefunden. Das Mysteriöse daran ist, dass die Tür und die Fenster des Schlafzimmers verschlossen waren und somit der Mord in einem geschlossenen Raum stattgefunden hat.
Warum musste das Brautpaar sterben? War der ominöse Mann mit drei Fingern, der durch das Dorf streifte und der von den Dorfbewohnern gesehen wurde, der Mörder? Und was hat es mit der mysteriösen Koto-Musik auf sich, die man in der Nacht vernehmen konnte? Um den Fall zu lösen, bittet der trauernde Onkel der ermordeten Braut den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi um Hilfe.

Bei „Die rätselhaften Honjin-Morde“ handelt es sich um einen klassischen Kriminalroman über einen Mord in einem verschlossenen Raum. Es ist der erste Teil einer Serie, in der der junge, zerzauste und stotternde Detektiv Kosuke Kindaichi die Hauptrolle spielt.

Was mir gut gefallen hat, war der flüssige und kurzweilige Schreibstil, die Anspielungen auf klassische Kriminalautoren wie Agathe Christie, die ebenfalls Krimis über Mordfälle in verschlossenen Räumen geschrieben haben und der Einblick in die japanische Kultur.
Als Fan klassischer Detektivgeschichten und Kriminalromane sprach mich auch die Wahl der Erzählperspektive an. Wer hierbei jedoch einen spannenden und wendungsreichen Krimi erwartet, wird eher enttäuscht sein, geht es doch mehr um das Wie und weniger um das Wer und Warum. Dadurch das ein namenloser Erzähler die Ereignisse Jahre nach dem Fall rekonstruiert und sich auf das stützt, was ihm von Personen aus dem Umfeld des Verbrechens berichtet wurde, fehlt der es der Geschichte an Dringlichkeit, vieles wird schon ziemlich früh angedeutet, und die Handlung an sich ist ziemlich Meta-lastig.

Alles in allem ein gut konstruierter Krimi, der ohne unnötige Beschreibungen auskommt und mit einer guten Charakterzeichnung aufwartet. Für Fans klassischer Detektivgeschichten zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 01.09.2022

Cassie überzeugt, die Handlung eher nicht

Wer mit den Toten spricht
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Cassie hatte immer geglaubt, dass ihre Eltern bei einem tragischen Autounfall ums Leben kamen. Wie sich herausstellte, saß ihr Vater über ein Jahrzehnt im Gefängnis, weil er ihre Mutter in einem betrunkenen ...

Cassie hatte immer geglaubt, dass ihre Eltern bei einem tragischen Autounfall ums Leben kamen. Wie sich herausstellte, saß ihr Vater über ein Jahrzehnt im Gefängnis, weil er ihre Mutter in einem betrunkenen Wutanfall zu Tode geprügelt hatte. Erst nach einem Schlaganfall enthüllte ihre Großmutter der erwachsenen Cassie schließlich die Wahrheit. Sie hat gute Erinnerungen an ihre Eltern. Vor allem an ihren Vater. Deshalb ist die wahre Geschichte hinter dem Tod ihrer Mutter und der Inhaftierung ihres Vaters ein großer Schock für sie und löst sehr gemischte Gefühle bei ihr aus. Und in all der Zeit, seit ihr Vater entlassen wurde, hat er sich nie bei ihr gemeldet. Bis jetzt. Er hat immer seine Unschuld beteuert. Aber jetzt liegt es an Cassie, ob sie auf ihn hören will oder nicht.

Die Prämisse des Thrillers klang vielversprechend, doch leider konnte mich das Buch nicht restlos begeistern. Die Stärke des Buches sind auf jeden Fall der gute und eingängige Schreibstil, man fliegt förmlich durch die Seiten sowie die gut gezeichneten Charaktere, besonders die Protagonistin Cassie gefiel mir gut. Obwohl sie in keiner Weise typisch ist, ist sie durch ihre Freundlichkeit und ihren Respekt vor den Toten wirklich liebenswert. Mir gefällt auch die Tatsache, dass sie die Gedanken der Toten hören kann, auch wenn ich beim Lesen das Gefühl hatte, dass das Potenzial hier nicht vollständig ausgeschöpft wird. Positiv ist auch die Liebe zum Detail bei Beschreibung von Cassies Arbeit in der Gerichtsmedizin anzumerken. Die Fülle anschaulicher Leichenbeschreibungen und anatomischer Details zeugt von der umfassenden Recherche der Autorin.

Probleme habe ich vor allem mit der Handlung. Zu Beginn kommt nur wenig Spannung auf und die Geschichte zieht sich etwas, auch wird viel Nebensächliches zu ausführlich behandelt, was dann aber immerhin zum Schluss besser wird. Außerdem gibt es inhaltlich einige Stellen, bei denen ich beim Lesen mit den Augen rollen musste, da durch sie meiner Meinung nach die Geschichte nur unnötig dramatisiert wird, wodurch ihr etwas von ihrer Glaubwürdigkeit genommen wird. Auch konnte ich nie wirklich eine emotionale Nähe zu den Charakteren aufbauen.

Insgesamt ist „Wer mit den Toten spricht“ ein kurzweiliger Thriller mit einer außergewöhnlichen Protagonistin und interessanter Prämisse, jedoch inhaltlich etwas langatmig und teils mit Schwächen.
Da dieses Buch so viel mit Cassies Familie zu tun hat, funktioniert es auch gut als Standalone und es ist einfach als Neuling in die Serie und in das Buch einzutauchen.

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Veröffentlicht am 25.08.2022

Trauer surreal dargestellt

Schlangen im Garten
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Familie Mohn trauert, denn sie hat die Mutter Johanne verloren. Doch die Art und Weise, wie sie trauert, gefällt nicht jedem, dass Traueramt melden sich bei ihnen und sie stehen im Verdacht, die Trauerarbeit ...

Familie Mohn trauert, denn sie hat die Mutter Johanne verloren. Doch die Art und Weise, wie sie trauert, gefällt nicht jedem, dass Traueramt melden sich bei ihnen und sie stehen im Verdacht, die Trauerarbeit zu verschleppen. Doch der Vater Adam und die Kinder Linne, Steve und Micha halten sich nicht daran. Sie wollen und können noch nicht Abschied nehmen von ihrer Mutter, haben sie doch Angst, sie zu vergessen. Familie Mohn will die Erinnerung an Johanne wachhalten und das mutet mitunter sehr skurril an, da werden z. B. Tagebucheinträge der Mutter gegessen, um sie in Erinnerung zu behalten, auch scheinen die Dinge der Familie Mohn um Johanne zu trauern.

All das wird in einer surrealen und märchenhaften Geschichte erzählt, bei der man manchmal zweimal lesen muss oder pausieren muss, um das Geschriebene auf einen wirken zu lassen. Ausdrucksstark und voller Metaphern wird der Trauerprozess der Familie aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Als Leser*in ist man fasziniert, teilweise aber auch verwirrt.

Es ist kein rein trauriges oder bedrückendes Buch, auch wenn es um Trauer geht, sondern auch ein Buch voller Liebe und Hoffnung auf bessere Zeiten. Wie die ganze Familie in der Trauer wieder einander näherkommt, sich nach außen hin öffnet und Johanne in Geschichten weiterleben lässt, zeigt dies deutlich.

„Schlangen im Garten“ von Stefanie vor Schulte ist ein eigenwilliges, aber kraftvolles Buch über Trauer, das einen nach Beenden des Buches noch länger begleiten wird. Aber sicherlich auch ein Buch nicht für jedermann, den der poetisch, aber teils distanziert und abgehakte Schreibstil sowie das skurrile märchenhafte der Geschichte machen das Lesen nicht leicht. Ein Roman, auf dem man sich einlassen muss, damit er seine Wirkung entfalten kann, doch es lohnt sich.

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Veröffentlicht am 05.08.2022

Coming-of-Age-Story auf Irisch

Snowflake
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„Snowflake“ von Louise Nealon ist die Coming-of-Age-Geschichte der 18-jährigen Debbie White, die im ländlichen Irland aufgewachsen ist und dort mit ihrer Mutter und ihrem Onkel auf einem Milchbauernhof ...

„Snowflake“ von Louise Nealon ist die Coming-of-Age-Geschichte der 18-jährigen Debbie White, die im ländlichen Irland aufgewachsen ist und dort mit ihrer Mutter und ihrem Onkel auf einem Milchbauernhof lebt und nun auf das Trinity College in Dublin geht, um dort Englisch zu studieren. Der Übergang vom Land- zum Stadtleben bringt wenig überraschend Herausforderungen und neue Erfahrungen und Bekanntschaften mit sich. So freundet sie sich mit Xanthe an, deren wohlhabende Erziehung in Süd-Dublin weit entfernt von Debbies Erfahrungen ist. Während Debbie beginnt, sich am College zurechtzufinden, ereignet sich eine Tragödie auf der Milchfarm, wodurch ihr bisheriges Leben auf den Kopf gestellt wird.

Das Buch liest sich leicht und flüssig und ist in einen leicht poetischen und humorvollen Schreibstil geschrieben. Die Autorin schafft es gut, die Gedanken und Gefühle von Debbie einzufangen und zu beschreiben, wie es ist, eine junge Frau zu sein, die das Leben neu kennenlernt. Auch ist Debbie ein sehr sympathischer Charakter. Ihre Unschuld und die Fehltritte, die sich macht, wenn sie versucht, aus ihrer ländlichen Hülle herauszukommen, lassen sie zutiefst menschlich erscheinen. Zusammen mit einigen typischen Merkmalen des irischen Lebens ist dies eine schöne, ehrliche Geschichte über das Erwachsenwerden. Neben der Reise der Selbstfindung spricht Nealon auch ernstere Themen wie z. B. psychische Krankheiten, Suizid und Alkoholismus an. Trotz der – oft unbequemen – Thematik verliert der Roman jedoch nichts an seiner Leichtigkeit, allein der subtile Humor trägt dazu bei.

Allerdings fühlte sich die Geschichte manchmal etwas unzusammenhängend an und ich hätte mir gewünscht, dass einige Dinge und einige der Themen etwas ausgiebiger behandelt worden wären. So passierten z. B. manche Ereignisse oft wie aus dem Nichts, während andere Handlungspunkte als Schlüsselereignisse angesehen wurden, jedoch später auf diese nicht mehr großartig eingegangen wurde. Auch manche Veränderungen Debbies kamen ziemlich abrupt.

Insgesamt ist „Snowflake“ von Louise Nealon ein überzeugendes Debüt, das die chaotischen Emotionen und Erfahrungen des frühen Erwachsenenalters gut einfängt. Man folgt Debbie gerne, wie sie ihren Weg findet, lernt sich selbst zu lieben und beginnt ihre eigene Identität zu formen.

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