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Veröffentlicht am 10.08.2022

Wenn’s mal etwas einfacher gestrickt sein darf…

Die Hyänen
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Es beginnt wie immer. Greyhound-Fan Jack Reacher sitzt mit Kreditkarte und seiner Zahnbürste im Bus, fährt ziellos durch die Gegend und beobachtet die Fahrgäste. Aus der Tasche eines alten Mannes (Aaron ...

Es beginnt wie immer. Greyhound-Fan Jack Reacher sitzt mit Kreditkarte und seiner Zahnbürste im Bus, fährt ziellos durch die Gegend und beobachtet die Fahrgäste. Aus der Tasche eines alten Mannes (Aaron Shevick) ragt ein prall gefüllter Umschlag heraus, der offenbar eine größere Menge Bargeld erhält, was nicht nur Reacher sondern auch dem Kerl im Sitz vor ihm aufgefallen ist. Und der hat keine guten Absichten, folgt dem Mann, als er an der Haltestelle den Bus verlässt, passt eine günstige Gelegenheit ab und überfällt ihn. Hätte er besser nicht getan, denn natürlich ist unser einsamer Rächer als Retter in der Not zur Stelle und vereitelt den Überfall. So weit, so gut. Die klassische Einleitung, die den Boden bereitet für den Hauptteil, der den bekannten Mustern der Reihe folgt.

Reacher landet in einer nicht näher benannten Stadt, in der es von Kriminellen wimmelt. Rivalisierenden Albaner und Ukrainer tragen hier ihre Revierkämpfe aus, und natürlich gibt es da auch noch die Russen, die im Hintergrund auf ihre Chance lauern. Mittendrin jede Menge Unschuldige, die Reachers Hilfe benötigen, da die Polizei weitgehend tatenlos zuschaut. Unterstützung findet er bei seiner neuen Freundin, der Barkeeperin Abby, die ihn ohne groß Fragen zu stellen unterstützt und mit ihm in den Kampf zieht.

„Die Hyänen“ ist das vierundzwanzigste Buch und der letzte Band der Reihe, für den Lee Child allein verantwortlich zeichnet, bevor er die Fackel an seinen Bruder weiterreicht. Und er geht von Beginn an in die Vollen. Eine Actionszene reiht sich an die nächste, was zwar für Tempo sorgt, aber natürlich zu Lasten der Personen geht, die allesamt reichlich blass bleiben. Aber man weiß ja, was man bekommt, zumindest dann, wenn man die Vorgänger kennt. Wo Reacher draufsteht, ist Reacher drin, und diese Romane sind ja weder für den gewaltfreien Widerstand der Hauptfigur noch für deren filigran ausgearbeiteten Dialoge populär. Hier heiligt der Zweck die Mittel, und die Bösen bekommen am Ende das, was sie verdient haben. Basta.

Ein spannender Thriller mit jeder Menge Action, spannend erzählt, routiniert geschrieben und wie immer flüssig zu lesen. Wenn’s mal etwas einfacher gestrickt sein darf…

Veröffentlicht am 07.08.2022

Amateurdetektei Rizzoli

Mutterherz
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Amy Antrim, eine Jugendliche, wird von einem Auto angefahren. Der Fahrer kümmert sich nicht um das verletzte Mädchen und begeht Fahrerflucht.

Sofia Suarez, eine bei Nachbarn und Kollegen beliebte Krankenschwester, ...

Amy Antrim, eine Jugendliche, wird von einem Auto angefahren. Der Fahrer kümmert sich nicht um das verletzte Mädchen und begeht Fahrerflucht.

Sofia Suarez, eine bei Nachbarn und Kollegen beliebte Krankenschwester, wird nach Schichtende in ihrer Wohnung mit einem Hammer erschlagen.

Als wäre das nicht genug, tritt auch noch Angela, Jane Rizzolis Mutter, in die Fußstapfen von Miss Marple und beobachtet verdächtige Vorkommnisse in ihrer Nachbarschaft: Ein Mann und eine Frau, die bei Nacht und Nebel mit einem Umzugswagen vorfahren und das leerstehende Haus in der Straße beziehen, Gitter an den Fenstern einbauen und das Willkommensgeschenk, Angelas legendäres Zucchinibrot, nicht annehmen. Sehr verdächtig! Aber wozu hat man denn eine Tochter bei der Bostoner Mordkommission, soll die sich doch darum kümmern. Zu dumm nur, dass Jane, die mit ihrem Kollegen Barry Frost damit beschäftigt ist, den Mord an Sofia Suarez aufzuklären, und absolut keine Lust hat, sich mit den Ergebnissen von Hobby-Detektivin Angelas Schnüffeleien auseinanderzusetzen.

„Mutterherz“, der 13. Teil der Rizzoli & Isles Reihe hat mich überrascht, ähnelt die Story inhaltlich doch sehr stark dem, was wir von der mittlerweile eingestellten Fernsehserie kennen. Viel Familiengedöns und Drumherumgerede, die eigentlichen Ermittlungen im Fall der ermordeten Krankenschwester laufen eher nebenher.

Und dennoch, mich hat dieser Roman (Thriller würde ich ihn nicht unbedingt nennen) gut unterhalten, was den beiden sympathischen Protagonistinnen, in diesem Fall das Mutter-Tochter-Gespann, sowie den Fähigkeiten der Autorin geschuldet ist. Zum einen halten die Kapitel aus wechselnden Perspektiven das Interesse an dem Fortgang der Handlung hoch, zum anderen gelingt es Gerritsen, wie wir es von ihr gewohnt sind, die unterschiedlichen Baustellen der Handlung am Ende logisch und souverän zusammenzuführen.

Ein solider „Summer read“, den ich auch Leserinnen empfehlen kann, die es eher unblutig mögen.

Veröffentlicht am 05.07.2022

Hexenjagd

Unser Feuer erlischt nie
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Zwischen 1550 und 1650 gehört die Hexenverfolgung zum Alltag. Und wer sich intensiver mit der englischen Geschichte beschäftigt, stolpert mit Sicherheit auch über die Hexenprozesse von Pendle Hill: 1612 ...

Zwischen 1550 und 1650 gehört die Hexenverfolgung zum Alltag. Und wer sich intensiver mit der englischen Geschichte beschäftigt, stolpert mit Sicherheit auch über die Hexenprozesse von Pendle Hill: 1612 wird neun Frauen und zwei Männern der Prozess gemacht, zehn Angeklagte werden schuldig gesprochen und gehenkt.

1620 sind die Nachwirkungen dieses Prozesses in den verstreuten Weilern in Lancashire noch immer zu spüren. Die Menschen bespitzeln einander, begegnen sich mit Misstrauen, wer anders ist wird ausgegrenzt. So auch Sarah Haworth, die mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einem verlassenen Weiler außerhalb des Dorfes lebt. Am Tag ausgestoßen, in der Nacht oft die letzte Rettung, denn Mutter und Tochter sind heilkundig, haben für fast jedes Problem eine Tinktur zur Hand. Aber Sarah möchte nicht länger eine Ausgestoßene sein, sie sehnt sich nach der Akzeptanz der Dörfler, möchte dazu gehören, ein Leben in Würde führen und einen guten Mann finden. Und es kommt natürlich wie es kommen muss. Sie begegnet Daniel, Sohn des örtlichen Bauern, er ist freundlich zu ihr, sie verlieben sich ineinander und zack sind sie ein Paar. Aber schon Friedrich Schiller wusste, dass der Frömmste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Und bald machen hässliche Gerüchte die Runde…

Elizabeth Lee ist mit „Unser Feuer erlischt nie“ ein atmosphärischer historischer Roman gelungen, der die aufgeladene und misstrauische Stimmung innerhalb einer Dorfgemeinschaft anschaulich widerspiegelt. Natürlich kommt auch sie nicht ohne Klischees aus, aber interessanterweise ist es der Pfarrer, nicht Daniel, bei dem sie Unterstützung findet, was so nicht zu erwarten war. Er hilft ihr, beschützt sie und fungiert quasi als Brücke zwischen mittelalterlicher Ignoranz und längst fälliger Aufklärung.

Randnotiz: Bis 1950 wurden in England auf Grundlage des Witchcraft Act von 1735 Frauen angeklagt und verurteilt. Abgeschafft wurde dieses Gesetz erst 1951.

Veröffentlicht am 03.07.2022

Neues aus Painters Mill

Blinde Furcht
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Rachael Schwartz wird in einem Motel in Painters Mill tot aufgefunden. Sie wurde erschlagen, und ihre Verletzungen deuten darauf hin, dass der Täter in blinder Wut auf sie eingeprügelt hat. Kate Burkholder, ...

Rachael Schwartz wird in einem Motel in Painters Mill tot aufgefunden. Sie wurde erschlagen, und ihre Verletzungen deuten darauf hin, dass der Täter in blinder Wut auf sie eingeprügelt hat. Kate Burkholder, die Polizeichefin, übernimmt mit ihrem Team den Fall. Sie kannte diese junge Frau von früher, hatte als Teenager dieses eigenwillige, wilde Mädchen, für das es keine Grenzen gab, beaufsichtigt. Rachael testete Grenzen aus, haderte mit den strengen Vorschriften der amischen Glaubensgemeinschaft und wurde wegen ihrem rebellischen und unangemessenen Verhalten nach der Rumspringa von den Kirchenoberen aus der Gemeinde verbannt. Aber was wollte sie ausgerechnet jetzt in ihrer Heimatstadt? Und wer könnte ein Motiv haben, sie so sehr hassen, dass er sie zu Tode prügelt?

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig. Niemand, der die Tote kannte, möchte mit der Polizei reden, selbst ihre Eltern hüllen sich in Schweigen, und so bittet Kate ihren Lieblingsmenschen Tomasetti und dessen Behörde um Hilfe. Im Laufe der Ermittlungen erfährt Kate von Rachaels brisantem Enthüllungsbuch über ihr Leben bei den Amischen, in dem sie ihre Erfahrungen mit deren Regelverletzungen, über die der Mantel des Schweigen ausgebreitet wurde, anprangert und beim Namen nennt. Lag dem Mordmotiv etwa „Blinde Furcht“ vor diesen Enthüllungen zugrunde?

Leser*innen von Kriminalromanen kennen das Gefühl. Wenn man eine Reihe über einen längeren Zeitraum verfolgt, kommt unweigerlich irgendwann der Punkt, an dem man das Gefühl hat, dass jede Fortsetzung nur noch eine Variation des Themas ist, neue Impuls fehlen und nur noch Altbekanntes aufgewärmt wird. So ging es mir mit dem Vorgängerband, und das ist üblicherweise der Zeitpunkt, an dem ich aus einer Reihe aussteige. Allerdings hat mich mein Interesse an den Amischen, dieser Glaubensgemeinschaft, die sich dem Fortschritt verweigert und aus der Zeit gefallen scheint, auch zu diesem Band greifen lassen. Und was soll ich sagen, ich wurde angenehm überrascht. Die Story ist gut geplottet, wendungsreich, spannend erzählt, flüssig geschrieben und lässt sich flott herunterlesen. Ein ideales Urlaubsbuch also. Allerdings hätte ich die überdramatisierte Schlusssequenz so nicht gebraucht. Das war dann doch etwas too much und überflüssigerweise in die Länge gezogen.

Veröffentlicht am 02.07.2022

East meets West

Liebesheirat
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Gesellschaftsromane haben in der britischen Literatur eine lange Tradition, dafür stehen so großartige Autorinnen/Autoren wie Jane Austen, Charles Dickens, William Thackeray und George Eliot, um nur einige ...

Gesellschaftsromane haben in der britischen Literatur eine lange Tradition, dafür stehen so großartige Autorinnen/Autoren wie Jane Austen, Charles Dickens, William Thackeray und George Eliot, um nur einige zu nennen. In der Gegenwart fallen mir dazu als erstes Ian McEwan, Julian Barnes, Zadie Smith und Monica Ali ein, letztere mit ihrem Debüt „Brick Lane“ 2003 in der Endauswahl/Shortlist für den renommierten Booker Prize.

Nun also ihr neuer Roman „Liebesheirat“, in dem sie über die Komplexität von Beziehungen, über kulturelle Identität, über Emanzipation, Rassismus und das multikulturelle Großbritannien nach dem Brexit schreibt. Und diesmal sind wir nicht bei den Migranten im East End, sondern schauen auf zwei Familien aus der gehobenen Mittelschicht. Die Familie der angehenden Ärztin Yasmin, die bengalischen Ghoramis, eine gutsituierte, vierköpfige Einwandererfamilie im Londoner Süden, und die weißen Sangsters in Primrose Hill mit ihrem zukünftigen Ehemann Joe, der bei seiner radikalfeministischen Mutter Harriet aufgewachsen ist. Man könnte meinen, dass diese Ausgangssituation jede Menge Konfliktpotenzial bietet, aber weit gefehlt. Es gibt keine unangenehmen Gesprächspausen, keine politisch unkorrekten Bemerkungen, die beiden Mütter verstehen sich prächtig.

Interessant wird es, als Harriet auf einer traditionellen muslimischen Hochzeitszeremonie besteht, denn damit betritt die Autorin das verminte Gelände der kulturellen Identität und rüttelt an den Stereotypen. Aber das ist nicht das einzige Thema, an dem sie sich in diesem fast 600seitigen Roman abarbeitet. Die mediale Welt, der Brexit und seine Auswirkungen, die Frage danach, wie heutzutage Feminismus gelebt werden kann, plus die persönlichen Baustellen und die sich daraus ergebenden Konflikte. Zu viele Themen, die zwar die Handlung überfrachten, aber dennoch unterhaltsam und stellenweise auch sehr humorvoll sind. Außerdem regen sie dazu an, eigene Positionen zu hinterfragen. Und deshalb habe ich Alis Plädoyer für einen toleranten Umgang miteinander sehr gerne gelesen.