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Veröffentlicht am 23.08.2017

Ein erschütterndes, beklemmendes und auch grandioses Werk über Gewalt, Schmerz und vor allem über das Schweigen.

Wer dann noch lachen kann
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Wow, was für ein Buch. Voller Wort- und Erzählgewalt erzählt Birgit Vanderbeke in ihrem Roman „Wer dann noch lachen kann“ von der eigentlich traumatisierenden Kindheit Karlines, die diese als „Pech“ bezeichnet. ...

Wow, was für ein Buch. Voller Wort- und Erzählgewalt erzählt Birgit Vanderbeke in ihrem Roman „Wer dann noch lachen kann“ von der eigentlich traumatisierenden Kindheit Karlines, die diese als „Pech“ bezeichnet. Karlines Vater schlägt sie grün und blau, obwohl er seine Tochte ja eigentlich nicht „kaputt schlagen“ möchte – manchmal erfordert es eben einfach die „väterliche Hand“, das sagt zumindest ihre Mutter, die bei solchen Episoden dann in die Küche geht und das Radio laut dreht. Ihre Mutter möchte die kleine Karline am liebsten auch mit allen möglichen Medikamenten ruhig stellen, um ihr jegliche Fantasie auszutreiben. Karline tut, was ein Kind in einer solchen Zeit tun muss: Sie flüchtet sich in Fantasiewelten. Dort hört sie eine tiefe Stimme, die ihre eigene sein muss. Daraus schließt sie, dass es für sie eine Zukunft geben muss. Also hält sie weiterhin die Züchtigung und das Vollstopfen mit Medikamenten aus und hofft auf bessere Zeiten. Als Karline eines Abends blutend in ihrem Bett aufwacht, entdeckt sie auf ihrem Nachttisch den Mikrochinesen, der zu dem Ganzen nur zu sagen hat: „Wer dann noch lachen kann“.

Nicht, dass mein Vater mich tatsächlich kaputt geschlagen hätte, sonst wäre ich ja gestorben, aber ich wusste nie so ganz, ob er selber wusste, wann aus dem Schlagen Kaputtschlagen wurde.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com

Veröffentlicht am 06.08.2017

Sci-Fi-Fantastereien à la Solaris, vermischt mit der tschechischen Geschichte, einer Prise Philosophie und einer Nutella-vernarrten Riesenspinne ergeben eines meiner bisherigen Jahreshighlights.

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
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Wie unwahrscheinlich! Und doch sind wir hier.

Ohhh, dieses Cover! ❤ Wie sehr hat es mich gelockt! Und dann klang auch noch der Klappentext so vielversprechend… Wo ist der Haken? Spoiler: Es gibt keinen! ...

Wie unwahrscheinlich! Und doch sind wir hier.

Ohhh, dieses Cover! ❤ Wie sehr hat es mich gelockt! Und dann klang auch noch der Klappentext so vielversprechend… Wo ist der Haken? Spoiler: Es gibt keinen! Jaroslav Kalfars Debütroman „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ hat mich so von den Socken gehauen, dass es echt schwer war, fast drei Monate nichts zu verraten. Aber jetzt ist die Pressesperre vorbei und endlich darf ich euch etwas über dieses wunderbare Buch erzählen. Beginnen wir mit dem Inhalt:

Jakub, ein Astrophysiker aus Tschechien, wird im Frühjahr 2018 mit dem Raumschiff JanHus1 ins All geschossen, um eine mysteriöse Staubwolke zu erkunden, die aus dem Nichts erschienen ist und den Menschen auf der Erde ein permanentes Lichterspektakel beschert. Woher kommt dieser Staub? Wieso scheint er sich zu verändern? Das sind die Fragen, denen Jakub nachgehen muss. Und er soll auch eine Probe mit zurück auf die Erde bringen. Während des doch sehr zeitintensiven Fluges erinnert sich Jakub zurück an seine Kindheit, die irgendwo in einem kleinen tschechischen Dorf seinen Lauf nahm, sein Vater ein Kommunist, dessen Handeln irgendwann der ganzen Familie schadet. Spätestens, nachdem seine Frau Lenka sich weigert, mit ihm zu telefonieren und plötzlich wie vom Erdboden verschluckt scheint, ist Jakub in der Einsamkeit des Alls dazu gezwungen, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Eines Tages bekommt er sogar Gesellschaft an Bord des Schiffes: Ein riesiges Spinnenwesen mit 34 Augen und einer Vorliebe für Nutella („Köstlich, dieser Nutellaaufstrich. Reichhaltig und cremig, wie die Shtoma-Larven zu Hause. Man knackt sie auf und saugt das Fett heraus.“) hat sich in seinem Raumschiff eingenistet und ist auf einen Plausch aus. Doch ist das nur ein Hirngespinst Jakubs oder ist Hanuš real? Und was wird aus seiner Ehe, wenn er wieder zu Hause ankommt?

Ich wollte sehen, wie Gott das Universum berührte und durch den schwarzen Vorhang griff, um die Fäden zu schütteln, an denen die Planeten hängen. Ein Beweis. […] Ich wollte einen Beweis für das Chaos. So sehr wollte ich ihn, dass ich ihn gar nicht wollte. Ich wollte, was jeder Mensch will. Dass jemand mir sagt, wofür ich mich entscheiden soll.

Jaroslav Kalfar hat mit seinem Erstlingswerk eine Perle geschaffen, die inmitten der Belletristik-Neuerscheinungen funkelt und glänzt. „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ ist nämlich nicht nur das, sondern auch eine Geschichte über Tschechien, seine Kriege, seine Kämpfer, und mittendrin Jakub und seine Familie und eigentlich über Jakub gesamtes Leben. Kalfar erzählt hier mit einer derben, aber doch poetischen und nachdenklichen Sprache, wie Jakub im Weltraum über all diese Dinge kontempliert, und ich muss sagen, obwohl ich gar nicht der Geschichts-Typ bin, fand ich das Buch doch zu keinem Zeitpunkt langweilig. Kalfar nimmt uns mit auf eine Reise, nicht nur in vergangene Zeiten Tschechiens, sondern auch in ferne Weiten. Dass Jakub im All Besuch bekommt, ist dank dem Klappentext keine Überraschung mehr, trotzdem ist man positiv überrascht, als Hanuš das erste Mal in der JanHus1 erscheint. Jakub wächst das große Spinnenwesen im Verlauf des Buchs doch ziemlich ans Herz, aber was passiert, wenn er erst einmal wieder auf der Erde ist? Erfährt er Geheimnisse von Hanuš‘ Welt? Bekommt er sie vielleicht sogar zu Gesicht? All diese Fragen geistern dem Leser während der Lektüre im Kopf rum, und auf manche erhält man auch tatsächlich die Antwort. „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ ist so hervorragend erzählt, dass ich, obwohl ich noch nicht ahnte, wohin die Reise geht, von Anfang an schon gemerkt habe, dass ich hier ein wahres Schätzchen in den Händen halte. Humor und Philosophie ecken hier aneinander, gewürzt mit einer kräftigen Ladung „Was ist der Sinn?“.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com

Veröffentlicht am 25.06.2017

Voller Herz erzählt Bi Feiyu nicht nur die Geschichte vieler liebenswürdiger Charaktere, sondern auch über das Leben und die Sitten in China.

Sehende Hände
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„Sehende Hände“ von Bi Feiyu hat mich zuerst mit seinem tollen Cover angesprochen, dann hat mir noch der Klappentext zugesagt und schwupp, wanderte es auf meinen SUB. Als ich zu lesen angefangen habe, ...

„Sehende Hände“ von Bi Feiyu hat mich zuerst mit seinem tollen Cover angesprochen, dann hat mir noch der Klappentext zugesagt und schwupp, wanderte es auf meinen SUB. Als ich zu lesen angefangen habe, war ich direkt begeistert von der Schreibweise – und auch von der sich entspinnenden Handlung! Ich konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen, so sehr habe ich die Lebensgeschichten der blinden Tuina-Masseure genossen und so hat mich das Buch schließlich über drei Wochen begleitet, weil ich mich zur Langsamkeit gezwungen habe und das Leseerlebnis so länger angehalten hat. Und selbst jetzt, nachdem ich es vor einigen Tagen beendet habe, schwirrt es und die Geschichten der einzelnen (zahlreichen) Personen mir noch im Kopf herum. Noch eine kurze Erklärung: Tuina ist eine spezielle Art der Massage, bei der besonders die Akupressurpunkte des Rückens stimuliert werden sollen und die auch schmerzhaft sein kann.

Aber mal zurück auf Anfang: Wang Daifu und seine Partnerin Xiao Kong ziehen gemeinsam nach Nanjing, eigentlich, um ein eigenes Tuina-Zentrum zu errichten, doch da Wang Daifu sich an der Börse verzockt hat, kehren die beiden dorthin zurück, um in dem Tuina-Zentrum eines alten Schulfreundes Wang Daifus, Sha Fuming, zu arbeiten. Die beiden sind blind, genau wie alle anderen Tuina-Masseure in China; für die Blinden ist es der einzige Job, bei dem sie ihren Stolz aufrecht erhalten und trotzdem Geld verdienen können. Denn in China gelten Blinde als Menschen zweiter Klasse: sie erhalten vom Staat monatlich 100 Yuan, damit dieser sich von seinem schlechten Gewissen freikaufen kann; sie erhalten keine Arbeitsverträge, da man als blinder Mensch quasi nicht existiert; Blinden-Hochzeiten werden grundsätzlich nicht abgehalten, da sich durch die Heirat zweier Blinder nicht die Qualität, sondern ausschließlich die Quantität der Menschen verändert und man so auch nicht an Ehre gewinnen kann. Beiyu hat für dieses Buch 25 Jahre lang recherchiert, um das Leben der Blinden in China detailreich wiedergeben zu können, und heraus kam dieses wahnsinnig gefühlvolle, herzzerbrechende und teilweise auch poetische Werk, das nicht zu Unrecht schon jetzt zu meinen Jahres-Highlights zählt.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com

Veröffentlicht am 18.06.2017

Gegen den Kapitalismus und für mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein – subtil und wunderschön geschrieben platziert Kenneweg ihre Botschaft.

Haus für eine Person
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Als ich auf „Haus für eine Person“ gestoßen bin, hat mich zunächst der Klappentext angesprochen. Die innere Zerissenheit der Rosa Lux hat mich direkt fasziniert. In Barbara Kennewegs Roman passiert Story-technisch ...

Als ich auf „Haus für eine Person“ gestoßen bin, hat mich zunächst der Klappentext angesprochen. Die innere Zerissenheit der Rosa Lux hat mich direkt fasziniert. In Barbara Kennewegs Roman passiert Story-technisch nicht sehr viel: Frau will sich dem Datenchaos und der permanenten Erreichbarkeit der heutigen Zeit entziehen, Frau trennt sich von ihrem Freund und zieht in ein abgelegenes, ruhiges Viertel der lauten Großstadt. So weit, so gut. Klingt ja eigentlich nicht sehr spannend, ist aber eine große Geschichte: über die innere Zerwürfnis, die stetigen Zweifel und das Erwachsenwerden heutzutage. Was, wenn die Angst dich lähmt und du dich in ihr verlierst? Was, wenn du auf dich allein gestellt bist und versuchst, es selbst mit der ganzen Welt aufzunehmen? Was, wenn dich das alltägliche Leben überfordert?

Barbara Kenneweg hat mit „Haus für eine Person“ ein kleines Meisterwerk geschaffen. Bereits auf den ersten Seiten war ich komplett vom grandiosen Schreibstil begeistert, und die sympathische Protagonistin hat ihr weiteres getan. Rosa ist Anfang dreißig und hat das Leben, wie wir es kennen, satt: Ständige Erreichbarkeit, die Tiefen des Internets, der Lärm der Großstadt – von alldem hat sie die Nase voll und kauft sich von ihrem Erbe ein kleines Häuschen in einem abgelegenen Stadtteil. Es ist unklar, ob der Tod ihrer Mutter vor nicht allzu langer Zeit der Auslöser für diesen Schritt ist, die beendete Beziehung zu ihrem Freund Olaf, oder eine allgemeine Unzufriedenheit. Jedenfalls stellt Rosa ihr gesamtes Leben auf Ruhe und Abgeschiedenheit um, ihr Job als Fotografin erschien ihr sowieso mehr und mehr sinnlos, und nun versucht sie sich in all der Stille mit sich selbst zu befassen und sich einig zu werden, was sie im Leben will – und vor allem, wie sie zunächst einmal den Alltag bewältigen will. Denn Rosa hat den Kapitalismus, die ständige Beschallung und Bewerbung, die künstlich hervorgerufenen Wünsche, satt, sie hat sich allerdings so in ihrem Gedankenchaos verloren, dass es ihr schwer fällt, noch zu leben, oder zumindest zu „funktionieren“.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com

Veröffentlicht am 28.05.2017

Herzerwärmend, liebevoll und einfach großartig – die Geschichte zwischen einem Mann und seiner großen Liebe, einer Dackelhündin.

Lily und der Oktopus
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Dass ich euch über dieses Buch berichte, ist für mich eine Herzenangelegenheit. Schon letztes Jahr habe ich den herzerwärmenden Roman von Steven Rowley als Ebook regelrecht eingeatmet, aber ich habe jetzt ...

Dass ich euch über dieses Buch berichte, ist für mich eine Herzenangelegenheit. Schon letztes Jahr habe ich den herzerwärmenden Roman von Steven Rowley als Ebook regelrecht eingeatmet, aber ich habe jetzt die deutsche Veröffentlichung zum Anlass genommen, mal ein paar Worte darüber zu verfassen, zumal die deutsche Übersetzung einfach nur gelungen ist. „Lily und der Oktopus“ die wahnsinnig gefühlvolle Geschichte von der Liebe auf den ersten Blick – zu Lily, einer Dackelhündin. Er fährt zu einer kleinen Farm auf dem Land, um sich dort einen Hundewelpen auszusuchen, doch hier geschieht es und Lily sucht ihn aus:

DAS! IST! JETZT! MEIN! ZUHAUSE!

Die beiden sind sofort Feuer und Flamme füreinander und führen von da an fast schon ein Bilderbuchleben – Ted (der in Wirklichkeit Steven Rowley persönlich ist, da der gesamte Roman auf wahren, ihm widerfahrenen Tatsachen basiert), der Drehbücher schreibt, und Lily, die… einfach bezaubernd ist. Die beiden führen lange Gespräche miteinander, haben einen Abend in der Woche, an dem sie über Jungs reden, und Rowley gibt Lily eine richtige Persönlichkeit und lässt sie sogar zu Wort kommen, indem er die Gespräche der beiden für uns schriftlich ausführt, obwohl ja klar ist, dass die zwei sich auch ohne Worte verstehen. Doch dann wird von einem auf den anderen Tag alles schlagartig anders, als Ted ihn morgens entdeckt: den Oktopus. Wie er dreist auf Lilys Kopf sitzt, als würde sie ihm schon gehören, und keine Anstalten macht, zu verschwinden. Die Ärzte bestätigen seine schlimmsten Befürchtungen: Lily hat einen Tumor. Rowley gibt auch ihm eine Stimme, steckt alles Böse der Welt in diesen Oktopus, der sich seine Liebe geschnappt hat und sie sich ihm langsam zu Eigen macht. Doch Ted gibt nicht auf, gemeinsam mit Lily will er den Oktopus vertreiben. Gemeinsam beginnen sie den Kampf gegen das Böse, das sie zu trennen versucht, und begeben sich nicht nur auf die Reise in die Vergangenheit, um nochmal alle schönen Momente zu erleben, sondern auch auf einem Schiff, der Traumfisch, wo sie sich ein für alle Mal ihrem Erzfeind stellen müssen.



Die komplette Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com