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Veröffentlicht am 01.10.2022

Generationsübergreifendes Trauma

Verbrenn all meine Briefe
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Bereits in „Die Überlebenden“ hat der Autor sich autobiographisch mit dem Thema Traumavererbung beschäftigt. Darin ging es um Geschwister, die sich dem prägenden Einfluss ihrer traumatisierten Eltern nicht ...

Bereits in „Die Überlebenden“ hat der Autor sich autobiographisch mit dem Thema Traumavererbung beschäftigt. Darin ging es um Geschwister, die sich dem prägenden Einfluss ihrer traumatisierten Eltern nicht entziehen können und unbewusst fortführen, was sie erlitten haben. Diesmal holt er noch weiter aus. Die tief sitzende Wut des Protagonisten Alex wird auf die tragische Haß-Liebe der Großeltern zurückgeführt. Der Autor hat aus Briefen, Artikeln und Tagebüchern einen Roman gezaubert, der von hoffnungsloser Liebe und von einer toxischen Ehe erzählt. Die Erinnerungen an Aufenthalte im Hause seiner Großeltern erscheinen ihm nach seinen umfangreichen Recherchen plötzlich in neuem Licht. Kann es sein, dass ein uraltes Kindheitstrauma im Leben des Großvaters Sven Stolpe schuld ist an so viel noch immer bestehendem Leid? Müssen Alex‘ Kinder im heutigen Leben an dieser vererbten Wut leiden? Steht deswegen sogar seine eigene Ehe in Gefahr? Sich all dies bewusst zu machen kann Heilung bringen. Oder nicht?
Die Frage steht ganz am Ende, wird aber nicht beantwortet.
Wieder ist Alex Schulman ein bewegender und dichter Roman gelungen.
Ich kann nicht sagen, dass es eine Freude war, ihn zu lesen, denn dazu hat es mich zu betroffen und traurig gemacht. Aber die Wahrhaftigkeit und die Ehrlichkeit, der Wunsch nach Erlösung haben mich tief berührt. Das ist echte Literatur. Die autobiographische Geschichte wird zur Universellen.
Die Sprache ist verdichtet. Ich bin dem Autor dankbar, dass er keine 600 Seiten daraus gemacht hat, sondern die Essenz auf 300 komprimierten Seiten eingedampft hat.

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Veröffentlicht am 27.09.2022

Wow, was für ein Buch!

Heute keine Kekse
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Malik ist cool, witzig, lebenshungrig und er hat eine dunkle Seite. Nach einem Autounfall mit knapp zwanzig Jahren ist er eine „Topfpflanze“ im apallischen Syndrom.. Claudette, die ihn seit der Schule ...

Malik ist cool, witzig, lebenshungrig und er hat eine dunkle Seite. Nach einem Autounfall mit knapp zwanzig Jahren ist er eine „Topfpflanze“ im apallischen Syndrom.. Claudette, die ihn seit der Schule kennt, mit im Unfallwagen saß und vor nicht allzulanger Zeit mit Malik zusammen war, erzählt die Geschichte ihrer Freundschaft in Rückblenden. Und das ist ziemlich schwere Kost. Nichts von „Ziemlich beste Feunde“, kein heiter-liebenswürdiges Programmkino, nixda mit Behinderte sind die besseren Menschen. Malik macht Fortschritte, aber er hat es schwer und macht es anderen nicht leicht. Als Leserin liebe ich seinen schwarzen Humor und bin froh, dass ich ihn nicht pflegen muss, nicht seine Freundin bin. Am meisten beeindruckte mich, dass die Autorin absolut kein Pathos nutzt. Die Würde der Person ist zu erkennen in jeder Zeile. Auch wenn sich Malik in noch so beschissenen Umständen befindet. Die große Frage für Claudette bleibt: Bin ich verantwortlich? Muss ich heilen, retten? Sogar beim Sterben? Wie weit muss ich mich selbst dabei vergessen? Muss ich überhaupt? Bei einem gemeinsamen Urlaub in Portugal wird sehr deutlich, was noch möglich ist. Berührend lakonisch erzählt sie von Enttäuschung, Öde und Kompromissen. Die „gute Tat“ wird nicht belohnt. Aber Claudette reift an dieser Freundschaft. Sie lebt ihr Leben und fühlt sich dabei immer unterschwellig von Maliks Schicksal in die Tiefe gezogen. Sie sucht Abstand. Sehr verständlich.

Mich als Leserin bedrückt es, von Entmündigung, staatlicher “Fürsorge“, Übergriffigkeit, Inkompetenz und allgemeiner Hilflosigkeit, angesichts Maliks Unbändigkeit und Bedürftigkeit zu lesen. Dieser Mensch überfordert so ziemlich jeden. Und doch bleibt er mit den Menschen verbunden, wenn auch teilweise in sehr schrägen Blüten. Bis zum Ende.
Den Roman habe ich in einem rauschhaften Rutsch gelesen. Er entfaltete einen Sog, dem ich folgen musste. Schön war‘s nicht, aber intensiv. Ich mag die Sprache, die Musik, die Ehrlichkeit. Eine sehr düstere Heldenreise.
Ein grandioser Roman.

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Veröffentlicht am 27.09.2022

Licht im Dunkel

IM DUNKEL RETREAT
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Die Heilpraktikerin Saskia John beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem „inneren Kind“, leitet Familienaufstellungen und hat schon mehrere Dunkelretreats unternommen. Dieses Buch ist eine Dokumentation ...

Die Heilpraktikerin Saskia John beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem „inneren Kind“, leitet Familienaufstellungen und hat schon mehrere Dunkelretreats unternommen. Dieses Buch ist eine Dokumentation ihres letzten vierwöchigen Fasten-Dunkel-Retreats. Die Autorin blieb 26 Tage in völliger Dunkelheit, erhielt täglich für eine Stunde Besuch ihrer hellsichtigen Betreuerin Gertrud und hatte noch dazu eine 57-köpfige Gruppe, die sich energetisch auf das Experiment einstimmen wollte.

Für mich, die ich schon einige Meditationsretreats gemacht habe und dabei eine Ahnung bekommen habe, was alles möglich ist, las sich der Bericht intensiv und sehr fordernd. Ich war oft direkt berührt und konnte durch die eindringlich- akkurate Beschreibung gut mitfühlen, mitgehen, eintauchen. Saskia Johns innere Reise führt in eine Tiefe und Höhe, die mir nicht wirklich zugänglich ist, aber beim Lesen in Ansätzen erfahrbar wurde. Das war sehr inspirierend. Irgendwann möchte ich das auch einmal machen.

Es leuchtet mir unmittelbar ein, dass Ruhe, Dunkelheit und das Fehlen jeglicher Ablenkung gerade in unseren Zeiten ein kostbares Feld sind, in dem wir uns selbst begegnen und heilen können.

Dem authentischen Buch wünsche ich viele begeisterte Leser*innen.

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Veröffentlicht am 30.08.2022

Irischer Landei-Punk

Snowflake
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Debbie, gerade achtzehn geworden, wächst auf einer heruntergekommen Milchfarm in Irland auf. Ihre Mutter leidet an einer schweren psychischen Störung, ihr Onkel, ebenfalls sehr eigen, ist funktionierender ...

Debbie, gerade achtzehn geworden, wächst auf einer heruntergekommen Milchfarm in Irland auf. Ihre Mutter leidet an einer schweren psychischen Störung, ihr Onkel, ebenfalls sehr eigen, ist funktionierender Alkoholiker mit Hang zum Intellektuellen. Als Debbie im Trinity College in Dublin angenommen wird für ein Literaturstudium, stellt sie sich mit viel Kopfkino, Ängsten und natürlich mit dem ganzen Kindheitsgepäck der Herausforderung. Permanent macht sie sich klein, hält sich für dümmer, hässlicher und uncooler als alle anderen. Also eigentlich völlig normal. Wer hat sich in diesem Alter nicht für eine niemals dazugehörende, hoffnungslose Außenseiterin gehalten? Der Reiz des Romans liegt nicht im Thema. Diese Geschichte wurde tausendfach erzählt. Es ist die Mischung aus naiv, ehrlich, oberschlau, empfindsam und hardboiled, die mich in einen Bann gezogen hat. Die Figuren sind allesamt eine Spur überdreht, too much, superskurril, aber es steckt in jeder eine echte, atmende Person mit wahren Gefühlen. Debbie, die alles andere als dumm ist, hütet ein echtes Trauma und weiß, dass sie sich ihrer Familiengeschichte stellen muss. Ich fand es berührend, dass ihr Aufbruch auch für alle anderen Veränderung bringt. Nicht zur heilen Welt und mitnichten wird alles gut. Aber besser. Mit Aussicht auf echtes Glück. Ein toller Erstling einer sehr begabten jungen Autorin.

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Veröffentlicht am 16.08.2022

Eine echte Powerfrau

Matrix
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Die junge Marie, aus einer königlichen Vergewaltigung entstanden, nicht verheiratet werden, sie entspricht so gar nicht den herrschenden Schönheitidealen. Viel zu groß, zu kräftig, ein langes Gesicht, ...

Die junge Marie, aus einer königlichen Vergewaltigung entstanden, nicht verheiratet werden, sie entspricht so gar nicht den herrschenden Schönheitidealen. Viel zu groß, zu kräftig, ein langes Gesicht, viel zu eigensinnig und intelligent. Also soll sie aus politischen Gründen in ein unbedeutendes Kloster abgeschoben werden. Sie wird dort die Priorin sein. So ganz ohne Erfahrung und völlig ohne religiöse Neigung, ist das eher ein Affront gegen die dort lebenden Nonnen, die sich verbittert oder devot in ihr Schicksal ergeben haben. Marie, die mit großer Kraft und hoher Intelligenz gesegnet ist, beschließt nach anfänglichem Hader mit ihrem Schicksal, die Klosterleitung anzunehmen.
Sie setzt ihr ganzes Können dafür ein, das Leben der ihr Anvertrauten zu verbessern und diese Frauen, die keine Lobby haben zu beschützen.
Das gelingt ihr weit besser, als es „einer Frau zukommt“ und bald schon müssen sich die Klosterdamen gegen Neid, Anfeindungen, Intrigen und andere Unbill behaupten.
Ich habe das Werk „Matrix“ atemlos gelesen. Die Sprache ist wunderbar poetisch und doch klar. Maries Visionen von großer Kraft. Starke Bilder, starke Frauen. Sie können fast alles selbst, brauchen keine Männer, jede findet eine Platz und sei sie auch noch so beschädigt vom krassen Vorleben in der mittelalterlichen, gnadenlosen Welt. Herzensgüte, Gemeinschaft, Klugheit und Tatkraft gewinnen. Ein besonderes Buch, über echte weibliche Tugenden und über eine herausragende Persönlichkeit. Dass „Hässlichkeit“ und „Unweiblichkeit“ Marie am Ende davor bewahrt haben im Kindbett zu sterben klingt wie ein kosmischer Witz. Nur so konnte sie letztlich ihre Erfüllung finden und ein gutes Leben (fast) nach ihren eigenen Regeln führen. Chapeau.

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