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Veröffentlicht am 19.10.2022

Informatives über das indigene Volk der Sámi

Das Leuchten der Rentiere
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Ann-Helén Laestadius kennt man in Schweden als Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Mit „Das Leuchten der Rentiere“ hat sie nun ihren ersten Roman für Erwachsene geschrieben, der 2021 als Buch des Jahres ...

Ann-Helén Laestadius kennt man in Schweden als Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Mit „Das Leuchten der Rentiere“ hat sie nun ihren ersten Roman für Erwachsene geschrieben, der 2021 als Buch des Jahres ausgezeichnet wurde. Zu Recht!

Ausgangspunkt ist der Mord an Nástegallu, dem Rentierkalb der neunjährigen Elsa aus dem nordschwedischen Sápmi, Heimat ihrer samischen Rentierzüchterfamilie. Sie beobachtet die Tat, wird aber mit eindeutigen Gesten von dem Täter bedroht. Trauer und Angst sorgen dafür, dass sie schweigt, auch wenn immer wieder in den Herden abgeschlachtete und grausam verstümmelte Tiere auftauchen. Die Polizei geht diesen Vorfällen nicht nach und behandelt die Anzeigen lediglich als minderschwere Diebstahlsfälle.

Elsa wird erwachsen, ihre Schuldgefühle machen der Wut Platz. Natürlich richtet diese sich in erster Linie gegen die angeblich tolerante schwedische Gesellschaft, die die Sámi diskriminiert und als Menschen zweiter Klasse behandelt, im konkreten Fall die Augen vor der Tatsache verschließt, dass die Rentierzucht für diese ethnische Volksgruppe nicht nur Existenzgrundlage sondern auch Ausdruck ihrer kulturellen Identität ist. Aber sie schaut auch kritisch auf die patriarchalisch geprägte Lebensweise ihrer Herkunftsfamilie, in der jede/r seinen Platz hat und bei Problemen auf Hilfe von außen verzichtet. Dieser Kampf an den verschiedenen Fronten geht nicht ohne Blessuren ab und bringt Elsa immer wieder in gefährliche Situationen.

Laestadius demaskiert die angeblich so tolerante schwedische Gesellschaft, zeigt den Rassismus und die tagtäglichen Diskriminierungen innerhalb der Gesellschaft, mit denen die samischen Rentierzüchter und ihre Familien tagtäglich zu kämpfen haben. Gleichzeitig thematisiert sie aber auch die Gefahren des Klimawandels für den Fortbestand dieser indigenen Volksgruppe. All das verbindet sie in einer ruhigen, sensiblen Erzählweise zu einer runden Geschichte, die nicht nur berührt sondern auch tiefgehend über das Leben der Sámi informiert. Nachdrückliche Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 10.10.2022

Eine neue Zeit bricht an

Drachenbanner
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„Das Lächeln der Fortuna“ war, wie bei so vielen, auch mein Einstieg in die Geschichte der (fiktiven) Waringhams und seither wartete ich immer mit Ungeduld auf deren Fortsetzung. Leicht getrübt wurde das ...

„Das Lächeln der Fortuna“ war, wie bei so vielen, auch mein Einstieg in die Geschichte der (fiktiven) Waringhams und seither wartete ich immer mit Ungeduld auf deren Fortsetzung. Leicht getrübt wurde das Vergnügen allerdings durch die zeitlichen Sprünge der jeweiligen Bände, die die historische Einordnung stellenweise erschwerten. Dieses Problem scheint allerdings glücklicherweise zumindest bei „Drachenbanner“ der Vergangenheit anzugehören, schließt dieser Roman doch fast nahtlos an den Vorgänger „Teufelskrone“ an, in dem die Autorin Richard Löwenherz und Johann Ohneland die Bühne betreten lässt, die Entstehungsgeschichte der Magna Charta erzählt und das mit der Familiengeschichte der Waringhams verquickt.

In „Drachenbanner“ sind diese beiden Herrscher Geschichte, nun sitzt König Heinrich III. auf dem Thron. Ein Frömmler, ein Zauderer, ein schwacher König, der der Nachwelt im Wesentlichen als Baumeister (Westminster Abbey, Palace of Westminster, Tower of London etc.) in Erinnerung geblieben ist.

An den Lebensbedingungen für die einfachen Leute hat sich allerdings nichts verändert. Noch immer leben sehr viele von ihnen in Leibeigenschaft und sind der Willkür ihrer oft grausamen Grundherren ausgeliefert. Aber wie immer gibt es auch Menschen, die dieses Los nicht hinnehmen sondern alles daransetzen, diesem Leben zu entkommen. Und das bringt uns zu Bedric, dem Sohn einer leibeigenen Buersfamilie, und Adela of Waringham, Die beiden wachsen als „Milchgeschwister“ auf (seine Mutter ist Adelas Amme) und haben eine ganz besondere Verbindung. Und ja, das ist die Love Story, die angenehm unaufdringlich den gesamten Roman durchzieht. Adela fügt sich den familiären Erwartungen, wird Hofdame bei Eleanor, der Schwester des Königs, die mit Simon de Montfort verheiratet ist. Bedric hingegen setzt alles daran, dem Joch der Leibeigenschaft zu entkommen, was ihm trotz vieler Widrigkeiten gelingt und auch ihn natürlich, trotz vieler Irrungen und Wirrungen, wieder in das nahe Umfeld der inzwischen verheirateten Adela bringt.

Wesentlich interessanter als die Adela/Bedric-Geschichte ist allerdings der Blick auf Simon de Montfort, Schwager des Königs und Anführer einer für die damalige Zeit revolutionären Bewegung auf englischem Boden, die 1258 ihr vorläufiges Ende durch die Provisions of Oxford fand, die zum Ziel hatten, auch dem Bürgertum eine Stimme zu geben und die Macht des Adels zu beschränken. De facto war das die Geburtsstunde des heutigen House of Commons/Unterhaus, auch wenn es bis zur dauerhaften Einrichtung noch zahlreiche Rückschläge gab und Montfort seinen Vorstoß schlussendlich mit dem Leben bezahlen musste.

Und da ist sie wieder, die akkurate Recherche der Autorin, die das Damals und Heute so stimmig verbindet. Historische Fakten höchst unterhaltsam präsentiert und in die unterhaltsame Story eingearbeitet, Setting und Personen so detailreich und anschaulich beschrieben, dass man den Eindruck hat, man wäre dabei gewesen. Ein facettenreicher historischer Roman der Extraklasse, nicht nur für Leser geeignet, die an der englischen Geschichte interessiert sind.

Veröffentlicht am 29.09.2022

Spannend und informativ

Blutrodeo
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Innerhalb von zwei Monaten werden in Kliniken in Calgary zwei todkranken, alten Männern die Kehlen durchgeschnitten. Zwei Mordfälle, zwischen denen es offenbar keine Verbindung gibt. Ted Garner, der Schopenhauer ...

Innerhalb von zwei Monaten werden in Kliniken in Calgary zwei todkranken, alten Männern die Kehlen durchgeschnitten. Zwei Mordfälle, zwischen denen es offenbar keine Verbindung gibt. Ted Garner, der Schopenhauer zitierende Philosoph unter den Profilern, wird von seinem Vorgesetzten nach Calgary geschickt, um die engagierte Samantha Stern, Chief Superintendent der Royal Canadian Police, bei ihren Ermittlungen zu unterstützen. Allerdings ist sie von dessen Hilfe wenig angetan, zu reserviert, zu arrogant, ein Besserwisser. Überzeugt davon, dass die Auswahl der Opfer kein Zufall ist, schauen sie sich deren Nachlass an und finden auf einem Foto die Verbindung. Beide waren bei Northern Energy angestellt, einer Firma, die in Alberta auf einem riesigen Gelände Ölsand abbaut und damit ohne Rücksicht auf Natur und Mensch den Lebensraum der First Nations unwiederbringlich zerstört. Allerdings ist das nur eine Facette dieses spannenden Kriminalromans, denn im Verlauf der Ermittlungen zeigt es sich, dass eine weitere unheilvolle Verbindung zwischen den Todesopfern besteht und auch Ted Garner tiefer in den Fall involviert ist, als ihm lieb sein kann.

Wie bereits in ihrem Debüt „Frostmond“ wirft Frauke Buchholz auch in „Blutrodeo“ einen kritischen Blick auf die desaströsen Lebensbedingungen der kanadischen Indigenen. Großkonzerne eignen sich ganze Landstriche ohne Berücksichtigung der Besitzverhältnisse an (so z.B. auch mit Reservatsland in New Mexico geschehen, wo Uranvorkommnisse vermutet wurden), um die Bodenschätze auszubeuten. Es interessiert sie nicht, ob sich dort heilige Stätten der Ureinwohner befinden oder ob damit Lebensgrundlagen zerstört werden, was zählt ist der Profit, in dessen Namen ganze Landstriche unbewohnbar gemacht und die Bewohner verdrängt werden.

Da die Autorin in Kanada gelebt und einige Zeit in einem kanadischen Cree-Reservat verbracht hat, ist es ihr weniger ein Anliegen, in Erinnerungen an die großartige kanadische Natur zu schwelgen, in erster Linie geht es ihr darum, ihre Leser für politische Themen zu sensibilisieren und auf soziale Missstände aufmerksam zu machen, denen die Ureinwohner ausgesetzt sind. Und das gelingt ihr mit „Blutrodeo“ ausnehmend gut.

Veröffentlicht am 25.09.2022

Wenn Unrecht zu Recht wird...

Tanz mit dem Tod. Der erste Fall für Karl Raben
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„Tanz mit dem Tod“ ist der Auftaktband einer neuen Krimireihe, in deren Mittelpunkt der Kriminalassistent Karl Raben steht. Wir schreiben das Jahr 1932 und befinden uns in Berlin. Es brodelt in der Stadt, ...

„Tanz mit dem Tod“ ist der Auftaktband einer neuen Krimireihe, in deren Mittelpunkt der Kriminalassistent Karl Raben steht. Wir schreiben das Jahr 1932 und befinden uns in Berlin. Es brodelt in der Stadt, die Arbeitslosenzahlen gehen durch die Decke, Hunger und Armut wohin man schaut, Die Menschen leben von der Hand in den Mund. Ein Rattenfänger schürt Hoffnung. Hitler schickt sich an, die Macht zu übernehmen und findet willige Unterstützer. Als eine Horde von SA-Schergen Kurt Esser, Mitglied der KP und Redakteur der „Roten Fahne“, vor aller Augen in einer Kneipe erschießen, muss sich Raben der Tatsache stellen, dass nicht jedem seiner Kollegen an der Aufklärung des Mordes gelegen ist. Kein Wunder, denn viele von ihnen sympathisieren, offen oder heimlich, mit den Nationalsozialisten. Aber er lässt nicht locker, und so gelingt es ihm gegen alle Widerstände, den Anführer der Mördertruppe, der sich im Ausland der Verhaftung entziehen will, zu verhaften und seiner gerechten Strafe zuzuführen.

Die Freude über diesen Erfolg währt allerdings nicht lange, denn nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Januar 1933 wird Fehrkamp aus der Haft entlassen und rehabilitiert. Raben, (noch) nicht politisch, aber immer getrieben von persönlicher Moral und Berufsethos, setzt alles daran, Gerechtigkeit für den Toten walten zu lassen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Auch wenn er dafür zwischen alle Fronten gerät und dem sprichwörtlichen Teufel, in diesem Fall Gestapo- Chef Heydrich, seine Seele verkaufen muss. Ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben und das seiner Frau.

An Christian von Ditfurths Kriminalromanen schätze ich die akkurate Sicht und die tiefen Einblicke in politische Zusammenhänge, die so nur die gründliche Recherche eines Historikers bieten kann. Die politischen Umbrüche dieser Zeit und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen sind immens und werden hier realitätsnah durch die Handlungen und Beziehungen bekannter Personen, vor allem aus dem nationalsozialistischen Dunstkreis, dokumentiert. Allen voran natürlich Heydrich, aber auch Goebbels, Himmler, Göring etc. sowie die Karrieristen der Polizei, Reichskriminaldirektor Nebe und Kriminalrat Gennat. Auf der kommunistischen Gegenseite bleibt am ehesten Ernst Thälmann, bis 1933 Vorsitzender der KPD, im Gedächtnis.

„Tanz mit dem Tod“ ist mehr als ein Krimi. Es ist ein historischer Roman, der uns eindrücklich an diese dunklen Jahre der deutschen Geschichte erinnert, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Eine Lektüre mit Mehrwert, die ich allen historisch Interessierten nachdrücklich ans Herz lege.

Veröffentlicht am 04.09.2022

So wie es jetzt ist

Stunde der Flut
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Charlie Dreavin, Protagonist in „Stunde der Flut“ (Originaltitel "The way it is now), ist der Neue im Disher-Universum. Wegen einer Tätlichkeit gegenüber seinem Vorgesetzten wird der langjährige Polizist ...

Charlie Dreavin, Protagonist in „Stunde der Flut“ (Originaltitel "The way it is now), ist der Neue im Disher-Universum. Wegen einer Tätlichkeit gegenüber seinem Vorgesetzten wird der langjährige Polizist vom Dienst suspendiert und in Zwangsurlaub geschickt. Also schnappt er sich sein Surfbrett und macht sich auf zu seinem Elternhaus nach Menlo Beach, einer Halbinsel vor Melbourne. Nicht nur der Ort, an dem er aufgewachsen ist, sondern auch der Ort, an dem er vor zwanzig Jahren Traumatisches erlebt hat, das ihn bis heute verfolgt. Zuerst verschwand ein kleiner Junge, und kurz danach war Charlies Mutter wie vom Erdboden verschluckt. Sämtliche Nachforschungen nach den beiden blieben ergebnislos. Sowohl Charlie als auch sein Bruder waren und sind davon überzeugt, dass sie tot ist und entweder ihr Vater, ebenfalls Polizist, oder der ehemalige Untermieter der Mutter mit deren Verschwinden etwas zu tun hat. Zurück in Menlo wird er von der Vergangenheit eingeholt, als bei Erdarbeiten unter einer Betonplatte die Überreste zweier Leichen gefunden werden. Es stellt sich heraus, dass es sich um seine Mutter und den verschwundenen Jungen handelt. Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen und Charlie setzt alles daran, herauszufinden, was damals passiert ist.

Ein weniger talentierter Autor würde aus dieser Story einen simplen Whodunit-Krimi stricken. Nicht so Disher, der sich vor allem auf seine verschiedenen Charaktere konzentriert, insbesondere natürlich auf Charlie mit seiner traumatischen Vergangenheit. Aber Disher hat auch einen Blick für den gesellschaftlichen Alltag und zeigt exemplarisch an einem Gerichtsverfahren die Missstände und Schikanen auf, denen Frauen durch Polizei und Rechtsprechung ausgesetzt waren und sind, wenn sie sich gegen Männergewalt wehren. Doch es gibt ansatzweise Hoffnung. Privilegien, Macht und toxische Männlichkeit sind ein Auslaufmodell, als Gegenentwurf dazu dient ihm die persönliche Entwicklung Charlies, der seine Rolle und sein Verhalten reflektiert und um Veränderung bemüht ist, denn wie sein Vater wollte und will er nie werden. Lesen. Unbedingt!