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Veröffentlicht am 13.11.2022

Aletheia -Nichtvergessen

Unser geteilter Sommer
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Und wenn wir damit fertig sind, dann wird es keinen Winkel Ihres Denkens geben, den wir nicht kennen. Wir werden zu Hause sein in Ihrem Denken, wir werden nie mehr weggehen. (Vernehmungsbeamter, kindle ...

Und wenn wir damit fertig sind, dann wird es keinen Winkel Ihres Denkens geben, den wir nicht kennen. Wir werden zu Hause sein in Ihrem Denken, wir werden nie mehr weggehen. (Vernehmungsbeamter, kindle Pos. 1287)

Ella (8) lebt mit ihren Eltern und zwei Brüdern in Ostberlin, nahe der innerdeutschen Grenze. Fröhlich verbringt sie ihre Kindheit mit ihrer Familie, in Omas Datsche und mit Freunden in der Schule, bis ein Urlaub in Ungarn ihr ganzes Leben verändern soll. Hier gibt es keine Mauer, dennoch ist es kein Spaziergang, aus dem Osten zu fliehen und Ellas Familie wird jäh auseinandergerissen, der zweijährige Bruder Heiko geht verloren. 2010, gut zwanzig Jahre später, will Ella rekonstruieren, was damals tatsächlich passiert ist.

Sophie Hardach stellt Ellas Geschichte 1987 und 2010 aus unterschiedlichen Blickwinkeln dar: Ella selbst erzählt in der Ich-Form, während Aaron, ein Praktikant im Stasi-Archiv, von einem neutralen Erzähler gesehen wird. Ruhig, fast nüchtern oder schützend distanziert, wird von den tragischen Geschehnissen berichtet, welche zwar frei erfunden, allerdings an die historische Wirklichkeit angelehnt sind. So erlebt der Leser die junge Frau auf der Suche nach ihrer Familie, von der ihr nur mehr ihr erfolgreicher Bruder Tobi geblieben ist. Die Eltern sind tot, Heiko seit dem Fluchtversuch verschwunden. Ohne konkreten Plan begibt sich Ella nun auf die Suche, liest Mutters Aufzeichnungen und stöbert im Berliner Stasi-Archiv. Einerseits liest sich die DDR-Zeit sehr beklemmend und erdrückend, andererseits spürt man Ellas Sehnsucht nach der Wahrheit, auch wenn so mancher Beteiligte darüber nachgrübelt, ob diese tatsächlich immer das Beste ist.

Über fast allen Szenen jedoch schwebt eine gewisse Melancholie und Tristesse, oft wird vom eigentlichen Ziel abgeschwenkt, sodass ein interessiertes und fasziniertes Dranbleiben an Ellas Streben erschwert wird. Als Leser fühle ich mich weder den Figuren noch der bewegenden Handlung nahe, obwohl diese selbst ein wichtiges Zeitdokument darstellt.

Leider konnte mich „Unser geteilter Sommer“ nicht so recht erreichen, vielleicht war es einfach nicht das richtige Buch im richtigen Moment. Die Darstellung Ellas´ Schicksal als eines von vielen Familien ist aber in jedem Fall ein bedeutendes Thema.



Titel Unser geteilter Sommer

Autor Sophie Hardach

ISBN 978-3-492-07180-2

Sprache Deutsch

Ausgabe Gebundenes Buch, 368 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 27. Oktober 2022

Verlag List

Originaltitel Confession with Blue Horses

Übersetzer Ulrike Sterblich

Veröffentlicht am 05.11.2022

Traurigbunt

Alle Farben meines Lebens
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Alice hat eine besondere Gabe. Schon mit acht Jahren bemerkt sie, dass Menschen von unterschiedlich färbigen Auren umgeben sind und sie daran deren Stimmungslage ablesen kann. Trauer, Wut, Begierde und ...

Alice hat eine besondere Gabe. Schon mit acht Jahren bemerkt sie, dass Menschen von unterschiedlich färbigen Auren umgeben sind und sie daran deren Stimmungslage ablesen kann. Trauer, Wut, Begierde und vieles mehr sieht Alice wie mit einem Röntgenblick noch bevor sie den Menschen selbst näher kennen lernt. Eindrücklich und bildlich vorstellbar beschreibt Cecilia Ahern das Phänomen der Synästhesie.

Eher bedrückend präsentiert sich Alices schwierige Kindheit, mit einer empathielosen Mutter, die ihr eher Angst einflößt als Halt gibt. In dieser Lebensphase versteht niemand die speziellen Fähigkeiten des jungen Mädchens, im Gegenteil, wird sie bald in eine Schule für Kinder mit Sonderförderungsbedarf gesteckt. Lange hadert Alice mit ihrer außergewöhnlichen Wahrnehmung, erst viele leidvolle Jahre später findet sie in einer lebenserfahrenen Nachbarin Unterstützung und Mitgefühl. Was bisher belastend gewesen ist, kann nun zum (beruflichen) Erfolg genützt werden.

Einerseits sehr interessant, wie Alice in der Ich-Form über ihre ganz persönlichen Eindrücke spricht, andererseits jedoch ist das Verschwimmen einzelner Szenen ineinander sehr schwierig nachzuvollziehen. Sprunghaft und ohne Absatz fließt das Leben der Hauptfigur dahin, kaum befindet man sich unter Erwachsenen in einem blühenden Park, trifft man Jahre zuvor einen Schulfreund im Pausenhof, um sich gleich darauf wieder in einer pulsierenden Stadt wiederzufinden. Möglicherweise fühlt sich das Leben für einen Farbsehenden so an? Überflutet von Reizen, die nicht immer sofort eingeordnet werden können, welche irritieren, gar ängstigen? Dies ist Cecila Ahern jedenfalls gelungen, dennoch bleiben die Figuren und die Handlung insgesamt eher distanziert und fremd, je weiter Alices Leben fortschreitet, umso weniger Nähe kann man zu ihr fühlen.

In einer gewissen Zerrissenheit bleibt man als Leser nach den bunten Kapiteln zurück: während ein interessantes Thema zur Sprache gebracht wird, kann der Funke dennoch nicht recht überspringen, bleibt Alices Schicksal doch vorwiegend überschattet von düsterer Stimmung, die wenigen glücklichen Augenblicke vermögen dies kaum aufzuwiegen.

Titel Alle Farben meines Lebens

Autor Cecilia Ahern

ISBN 978-3-492-07180-2

Sprache Deutsch

Ausgabe Gebundenes Buch, 368 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 27. Oktober 2022

Verlag Piper

Originaltitel A Thousand Different Ways

Übersetzer Ute Brammertz, Carola Fischer

Veröffentlicht am 30.10.2022

Lebensträume

Sieben Tage am Meer
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Gitta, Marlies und Cornelia sind seit ihrer Schultage eng befreundet und verbringen immer wieder sogenannte Mädelstage miteinander. Nun, in ihren 50ern, verbringen sie eine Woche auf Sylt und stellen fest, ...

Gitta, Marlies und Cornelia sind seit ihrer Schultage eng befreundet und verbringen immer wieder sogenannte Mädelstage miteinander. Nun, in ihren 50ern, verbringen sie eine Woche auf Sylt und stellen fest, dass sie ihre Lebensträume nicht so recht realisiert haben. Bevor sie tagelang mit Unmengen von Gin Tonic herumjammern können, erscheint allen dreien im Traum ein Engel, welcher sie dazu ermuntert, das Positive im Leben zu sehen und anderen zu helfen.

Rasch sind die drei Damen, die mitten im Leben stehen, vorgestellt und auf der schicken Ferieninsel angekommen. Aber anstatt freudvoll auf die vergangenen Jahrzehnte zurückzublicken, beklagen sie Kinderlosigkeit, einen untreuen Ehemann und eine nie stattgefundene Künstlerkarriere. Auf Sylt jedoch bläst eine steife Oktoberbrise – oder doch der nette Engel aus dem Schlaf? – die trüben Gedanken weg. Mit guter Laune und voller Neugier, ob der Himmelsbote echt oder doch nur dem Alkohol geschuldet ist, wird das ursprünglich geplante Wochenende verlängert und erprobt, was man denn wem Gutes tun könnte.

Ein lockerer Schreibstil lädt ein zu unterhaltsamen Tagen am Meer. Trotz guter Ideen bleibt das Geschehen aber überzeichnet und geprägt von Zufällen. Fern der Realität spielt sich die Handlung ab, obwohl natürlich der Rat, einfach einmal den Blickwinkel zu ändern, recht sinnvoll und zielführend sein kann. So beginnen die Freundinnen endlich, ihre Perspektive zu überdenken und Glück in ihrer eigenen Person zu finden, anstatt neidzerfressen auf andere zu schauen. Die Rahmenhandlung mit dem Engel ist passend gewählt, die überschaubare Insel mit ihrem Flair und der Weite des Meeres passen ebenso gut zur Handlung. Die Figuren selbst sind recht unterschiedlich, womit sich angenehmer Abwechslungsreichtum ergibt, in ihrem Tun aber – aus meiner Sicht – doch immer wieder sehr unrealistisch. Andererseits kann wohl gerade dadurch der innere Wandel verdeutlicht werden.

Unterhaltsame Stunden mit einem „typischen Frauenroman“.



Titel Sieben Tage am Meer

Autor Ella Rosen

ISBN 978-3-404-18346-3

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 288 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook

Erscheinungsdatum 26. Februar 2021

Verlag Lübbe

Veröffentlicht am 19.10.2022

Abgründe der Menschheit

Taube und Wildente
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Zum alljährlichen Treffen im Sommer finden sich Angehörige der Familie Dalandt und enge Mitarbeiter des Verlages auf dem Landsitz in der Provence ein. Die träge Hitze lockt kaum noch die Katze hervor, ...

Zum alljährlichen Treffen im Sommer finden sich Angehörige der Familie Dalandt und enge Mitarbeiter des Verlages auf dem Landsitz in der Provence ein. Die träge Hitze lockt kaum noch die Katze hervor, um Zikaden zu jagen. Die Gäste sowie die Angestellten agieren dem vorgegebenen Protokoll entsprechend und wirken ebenfalls lahm und antriebslos. Bis ein Stillleben, ein alter Schinken, in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt. Ein Bild als Abbild einer Ehe?

Verwirrend detailliert betrachtet Martin Mosebach gleich zu Beginn den tödlichen Tanz einer Zikade. Um keinem Irrtum zu unterliegen und mich ins Geschehen fallen lassen zu können, lese ich das erste Kapitel gleich zwei Mal. Ja, es besteht kein Zweifel: die Sprache ist so wort- wie bildgewaltig und fasziniert durch ihre Eleganz. Gleichzeitig bildet der Autor seinen Eigenwillen über die Rechtschreibung ab, indem er sich nicht an Normen und Konventionen hält und spiegelt damit auch sofort das Profil seiner Romanfiguren wider: verheiratet heiß nicht treu, Großmutter heißt nicht liebevoll, persönliche Vorteile stehen im Mittelpunkt. Ohnehin bekommt nur das Stillleben Farbe, eventuell noch die Natur rund um den Landsitz, aber die Personen behalten bis zum Ende des Büchleins ihren grauen Anstrich, man könnte fast meinen, es ist sowieso gleich, wer hier antanzt, es geht um menschliche Schwächen bis hin zum Untergang. Subtil, hintergründig, fast boshaft agieren die Figuren. Sogar Hund und Katz verströmen mehr Wärme als die Gruppe rund um Dalandt.

Eine Handlung im klassischen Stil kann man hier nicht verfolgen, eher handelt es sich um ein Portrait aus Wörtern, welches Mosebach hier zeichnet. So schwer wie Öl auf der Leinwand von Otto Scholderers „Tote Feldtaube und Wildente“ fühlt sich das fast gleichnamige Buch an.

Stilistisch hervorragend, inhaltlich fast lähmend wie Sommerhitze – so präsentiert sich dieses schriftstellerische Gemälde. Für Kunst- und Literaturliebhaber gewiss empfehlenswert.

Titel Taube und Wildente

Autor Martin Mosebach

ISBN 978-3-423-28000-6

Sprache Deutsch

Ausgabe Gebundenes Buch, 336 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 19. Oktober 2022

Verlag dtv

Veröffentlicht am 17.09.2022

Glück unter der Sonne

Ein Sommer in Rimini
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Nina ist Köchin in einem bekannten Hamburger Hotel. Neben ihren männlichen Kollegen darf sie jedoch nur Hilfsarbeiten verrichten, bis ein Gast ihre exotische Salatkreation serviert bekommt und sie dem ...

Nina ist Köchin in einem bekannten Hamburger Hotel. Neben ihren männlichen Kollegen darf sie jedoch nur Hilfsarbeiten verrichten, bis ein Gast ihre exotische Salatkreation serviert bekommt und sie dem Manager des Grand Hotel in Rimini empfiehlt. Ihre mütterliche Freundin, mit der sich Nina eine winzige Kellerwohnung teilt, ist sofort Feuer und Flamme. Die Isetta steht schon bereit, um die beiden abenteuerlustigen Damen über den Brenner zu bringen. Doch hier hat im Jahre 1955 noch kaum jemand den Krieg vergessen. Die neue Kollegin aus dem ehemals feindlichen Land wird misstrauisch beobachtet. Andererseits scheinen auch unter den Italienern Männer zu sein, welchen die große Blonde durchaus gefällt.

Ein spritziges Titelbild und eine Inhaltsangabe mit Lust auf Sonne und Meer (oder mehr) versprechen einen unterhaltsamen Roman mit Urlaubsgefühlen. La dolce vita in vollen Zügen genießen, kommt allerdings nicht so wirklich in Schwung. Obwohl das Leben der 1950er-Jahre mit seinen massiven Standesunterschieden bildhaft dargestellt wird (da der ausgemergelte Bub, der mit Hilfstätigkeiten ein paar Münzen verdient, dort die eleganten Frackträger mit Champagner), so fehlt eine gewisse Lebendigkeit. Beim Lesen der Szenen bleibt vieles nur angedeutet, geht nicht recht auf Gedanken und Gefühle ein. Die Dialoge spielen sich oft an der Oberfläche ab, Lebenslust und Leichtigkeit bleiben für Nina auch in Italien ein Fremdwort, muss sie doch fast ohne Pause in der Kellerküche des Hotels schuften. Allein Henni kann die neue Freiheit in vollen Zügen genießen und verdreht so manchem Herrn den Kopf.

Durch den flüssig dahingleitenden Schreibstil vergehen die Wochen recht rasch, Bilder, wie sich die beiden Frauen mit Hennis Isetta über die Alpen quälen oder missverständliche Flirtversuche lassen den Leser immer wieder schmunzeln. Ein Roman über den Mut zum Neuanfang und das Überwinden der Feindschaft nach dem Krieg bietet nette, jedoch ein wenig farblose Unterhaltung.



Titel Ein Sommer in Rimini

Autor Fenna Janssen

ISBN 978-3-352-00980-8

Sprache Deutsch

Ausgabe Gebundenes Buch, 256 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 17. Mai 2022

Verlag Rütten & Loening

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