Man muss sich darauf einlassen
Frau in den WellenDie Rezension zu diesem Buch fällt mir sehr schwer. Es hat gemischte Gefühle bei mir erzeugt und der Einstieg war alles andere als einfach.
Da ich aber bereits ein Buch der Autorin gelesen habe (Die Lichtsammlerin) ...
Die Rezension zu diesem Buch fällt mir sehr schwer. Es hat gemischte Gefühle bei mir erzeugt und der Einstieg war alles andere als einfach.
Da ich aber bereits ein Buch der Autorin gelesen habe (Die Lichtsammlerin) wusste ich, dass ich noch einiges erwarten konnte....und so war es auch.
Im ersten Drittel wusste ich nicht so recht wohin uns die Autorin führen will und was uns Joni erzählen möchte. Beatrix Kramlovsky schreibt ihre Geschichte nicht linear, sondern springt in den Zeiten und dies oftmals sehr willkürlich. Das macht es den Leser:innen etwas schwer.
Am Beginn lernen wir Joni als Kind kennen, die im österreichischen Alpenvorland - nicht weit von mir entfernt - aufgewachsen sein muss. Ihre Beschreibungenm vom Leben auf dem Lande bei ihrer Tante Federspiel ähnelt meinem in vielen Bereichen. Nur das Elternbild ist ein völlig anderes, denn Jonis Eltern sind Hippies. Trotz ihrer angesehenen Berufe - Helli ist Notarin, Didi Professor am Gymnasium - bevorzugen sie den eher unsteten Lebenswandel mit Drogen und Demonstrationen in der Wiener Hauptstadt.
"Sie schwammen auf den Wellenkämmen des Wiederaufbaus und leisteten sich den Luxus, sich darüber lustig zu machen. Es war durch und durch verlogen; vielleicht konnte der Hanf einen Schleier darüberlegen" - Zitat Seite 13
Hellis Schwangerschaft ist nicht geplant und so bleibt Joni ein eher unerwünschtes Anhängsel, dass Liebe und Geborgenheit allein bei ihrer Tante Federspiel findet. Im Nachbarsmädchen Uli findet sie eine gute Freundin, die sie ihr Leben lang begleiten wird.
Diese Fakten musste ich mir oftmals vor Augen halten, wenn ich mit der erwachsenen Joni wenig anfangen konnte. Joni ist Anfang Fünfzig und eine Karrierefrau durch und durch. Sie lebt das Leben eines karrierebewussten Mannes und liebt ihr rastloses Leben. Es hat ihr ein Einkommen beschert, von dem die meisten Frauen nur träumen können. Für sie hat sich die Gleichberechtigung tatsächlich erfüllt. Sie hat einige sehr gute Freunde, die in der ganzen Welt verstreut sind und ein ähnliches Lebensbild leben.
Schon die Werbung für den Roman suggeriert, dass es bei Männern als ganz normal wahrgenommen wird, wenn sie ihre Karriere forcieren und wenig zu Hause sind. Doch wenn eine Frau durch die Weltgeschichte reist und die Kinder beim Ehemann aufwachsen, zerreißt man sich das Maul. Dass war aber nicht der Punkt, warum ich sie nicht immer verstehen konnte. Joni blieb mir einfach zu fremd. Sie wirkt wie eine Überfrau, die sich die Sahnestückchen im Leben herausnimmt. Ich hatte eher einen Roman erwartet, der den herausfordernden Spagat zwischen Beruf, Familie und Kinder beschreibt. Mit einer "perfekten" Frau, die sich einzig dem Beruf widmet und den Rest ihrer Familie die Alltagsprobleme erledigen lässt, hatte ich nicht gerechnet. Erst als Jonis heranwachsender Sohn mit einer unbedachten Social Media-Post eine Lawine von Shitstorms und Hasskommentaren lostritt, ändert sich etwas in ihrem Leben. Doch die überprivilegierte Frau erscheint trotzallem unnahbar, um am Cybermobbing zu zerbrechen. Sie lässt lieber andere agieren und handeln...
Der vielschichtige Roman berührt so einige typische Themen unserer Zeit: Geschlechterrollen, Rassismus und globale Ungerechtigkeiten. Und trotzdem will er einfach zu viel. Es gibt mehrere Handlungsstränge, sowie eine Vielzahl an aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Alles wird eher nur angerissen, aber nicht intensiver beleuchtet.
Der Schreibstil ist anspruchsvoll, oftmals poetisch und der Plot dicht. Man sollte diesen Roman nicht parallel mit einem anderen Buch und eher zügig lesen, damit man sich völlig der Geschichte widmen kann. Die vielen Zeitsprünge und einige Figuren erfordern anfangs ganze Konzentration. Man muss in Jonis Geschichte hineinfinden - mögen muss man sie trotzdem nicht.
Fazit:
Ein eher schwieriges Buch, welches wichtige, aber zu viele Themen anspricht. Es fordert heraus und lässt einem seine Rolle im Leben reflektieren. Ich mag den Schreibstil der Autorin und fand ihn schon in "Die Lichtsammlerin" großartig. "Frau in den Wellen" lässt mich hingegen zwiespältig zurück. Ich kam nicht nur Joni nicht nah, sondern fand auch nur teilweise richtig in die Geschichte.