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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.10.2022

Passt auf eure Zähen auf!

Auf den Zahn gefühlt
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Meine Großmutter hat immer gesagt: „Zähne tun mehrmals weh. Wenn man sie bekommt, wenn man sie hat, wenn sie einem ausfallen und dazwischen immer wieder in der Geldbörse.“

SO ganz unrecht hat sie dabei ...

Meine Großmutter hat immer gesagt: „Zähne tun mehrmals weh. Wenn man sie bekommt, wenn man sie hat, wenn sie einem ausfallen und dazwischen immer wieder in der Geldbörse.“

SO ganz unrecht hat sie dabei ja nicht. Doch was kann man dagegen tun? Um uns ein wenig vertrauter mit unserem wichtigsten Werkzeug zu machen, kommt das Buch von Zahnarzt Stefan Fickl gerade richtig.

Zähne sind fast immer in Bewegung: Beim Sprechen, beim Zubeißen und Kauen. Doch Hand aufs Herz, die wenigsten von uns behandeln ihre Zähne mit dem gebotenen Respekt und erhalten dann die (saftige Zahnarzt)Rechnung präsentiert.

Wie man hier vorbeugen kann, erzählt uns Stefan Fickl in fünf Abschnitten:

Teil 1: Von Zähnen und Zahnärzten
Teil 2: Der junge Zahn – es tut sich was im Kiefer
Teil 3: Der erfahrene Zahn – von Löchern, Rissen und ersten Nachbesserungen
Teil 4: Der alternde Zahn – von kleinen Kratzern bis zum Totalschaden
Teil 5: Auf dem Zahnfleisch – ein Blick hinter die Kulissen

Dabei erfahren wir mit viel Einfühlungsvermögen und Augenzwinkern viel Wissenswertes über unsere Zähne, das vielen Menschen vielleicht nicht ganz so geläufig ist. Den lieben Beißerchen wird man sich erst dann bewusst, wenn sie schmerzen.

Das Buch ist mit skurrilen und amüsanten Anekdoten aus dem Alltag eines Zahnarztes gespickt. Daneben gibt es einfache, aber wirksame Mittel und Ratschläge, wie man die Zähne bis ins hohe Altern gesund erhält.
Stefan Fickl erklärt das alles in einer humorvollen Art und Weise, so dass die Angst vor dem Zahnarzt verschwinden mag.

Wer ist nun Zielgruppe dieses Buches? Vor allem jene Leser, die sich für Medizin oder Gesundheit interessieren. Der Schreibstil ist locker, leicht und humorvoll. Dr. Stefan Fickl schafft es, medizinische Details so gut mit Humor zu verpacken, dass man zwischendurch gerne auch schmunzeln oder sogar herzhaft lachen darf. Dabei nimmt der Autor sich und seinen Berufsstand ein wenig auf die Schaufel. Nicht jeder Zahnarzt fährt Rolls Royce, hat eine Yacht und ein gut gefülltes Konto auf den Caymans. Die meisten Zahnärzte sind Selbständige und „arbeiten selbst und ständig“.

Fazit:

Ein Buch das Lust macht, seinen Zähnen die gebührende Achtung zu teil werden zu lassen. Dazu gehört auch, regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 23.10.2022

Jede ermordete Frau ist eine Tote zu viel

Heimat bist du toter Töchter
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Der Buchtitel ist an die österreichischer Bundeshymne, in der es nach langen Jahren der Diskussionen heißt „Heimat bist du großer Töchter und Söhne“ (auch wenn es sich nun nicht mehr reimt) angelehnt. ...

Der Buchtitel ist an die österreichischer Bundeshymne, in der es nach langen Jahren der Diskussionen heißt „Heimat bist du großer Töchter und Söhne“ (auch wenn es sich nun nicht mehr reimt) angelehnt. Das Thema ist allerdings alles andere als bewundernswert: Die Autorin berichtet über 60 tote Frauen in den Jahren 2020 und 2021.

Innerhalb von 11 Jahren werden in Österreich 319 Frauen ermordet. Der Täter? Fast immer der Partner oder der Ex-Partner. Damit hat Österreich den zweifelhaften Ruf, ein Land der Femizide zu sein.

Yvonne Widler beschäftigt sich schon seit langem mit diesem Thema. Mit gebotener Sorgfalt, Respekt und Empathie den Opfern gegenüber wagt sie sich in diesem Buch an die grauslichen Tatsachen. Was muss geschehen, dass bedrohte Frauen auch von den Behörden ernst genommen werden? Damit sie sich nicht in deren Zuständigkeitsgerangel verstricken sondern schnelle und kompetente Hilfe erhalten? Denn einem Frauenmord in einer Beziehung geht ein oft Jahre langes Martyrium voran.

Außerdem muss man endlich aufhören, den Frauen eine Mitschuld an ihrem Tod zu geben und „Statt zu fragen, warum Frauen nicht früher aus diesen Beziehungen gehen, sollten wir fragen, warum diese Männer gewalttätig sind.“

Die Autorin berichtet sehr sachlich, was in Anbetracht der Grausamkeiten eine eigene Meisterschaft bedeutet, über die einzelnen Schicksale. Dabei ist sie weder sensationslüstern noch schlachtet sie die grausigen Details aus.

Mit den Medien geht sie harsch ins Gericht. Denn hier wird durch so manche Wortwahl eine Verharmlosung der Tat betrieben, die absolut fehl am Platz ist. Mord ist Mord. Punktum! Egal ob das Opfer Mann oder Frau ist!

Auf ihrer Suche nach möglichen Antworten und Lösungen hat die Journalistin und Autorin mit zahlreichen Angehörigen, Überlebenden, ExpertInnen von Polizei und Politik gesprochen. Sie hat mehrere Gerichtsverhandlungen verfolgt. Yvonne Widlers Anliegen ist, allen jenen ermordeten Frauen eine Stimme zu geben. Denn die Toten können ihre Geschichte nicht mehr erzählen.

Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Fazit:

Dieses Buch gibt den ermordeten Frauen ihre Stimme zurück, die ihnen so brutal von ihren Partnern oder Ex-Partnern genommen worden ist. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 23.10.2022

Ein Buch wider das Vergessen

Das Wolfsmädchen
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Christian Hardinghaus, bekannt durch seine Sachbücher, die sich mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges beschäftigen, hat sich in diesem, seinem neuen Buch, mit einer kleinen Gruppe von Betroffenen der ...

Christian Hardinghaus, bekannt durch seine Sachbücher, die sich mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges beschäftigen, hat sich in diesem, seinem neuen Buch, mit einer kleinen Gruppe von Betroffenen der NS-Diktatur beschäftigt. Nämlich mit jenen Kindern, die 1945/46 aus dem ehemaligen Ostpreußen vor den sowjetischen Truppen nach Litauen geflohen sind, dort anfangs freundlich aufgenommen worden sind und letztlich zwischen die Fronten rivalisierender Gruppen geraten sind, und sich in die Wälder geflüchtet haben: Die Wolfskinder. Stellvertretend für die kleine Gruppe erzählt Ursula Dorn ihre Geschichte.

Ursula ist 10 Jahre als Königsberg 1945 von den Alliierten in Schutt und Asche gelegt wird. Doch die größte Gefahr droht von der sowjetischen Armee, die durch die zerstörte Stadt zieht, und Rache an der deutschen Bevölkerung nimmt. Während ihre Mutter Martha sich weigert die Stadt mit Ursulas anderen Geschwistern die Stadt zu verlassen, ergreift Ursula die nächstbeste Gelegenheit und springt auf einen Güterzug auf, ohne zu wissen wohin die Reise geht. Sie landet in Litauen, schlägt sich durch und wird aufgepäppelt.

Verantwortungsbewusstsein und Sehnsucht nach der Familie lässt sie im Hungerwinter 1946 nach Königsberg zurückkehren. Sie findet die lethargische Mutter und die fast verhungerten Geschwister an. Auf Grund des schlechten Gesundheitszustandes bleiben die Geschwister in der Obhut der Nachbarin zurück. Erst später wird Ursula erfahren, dass nur ihr Bruder Heinz überlebt haben wird. Zurück in Litauen ist das Leben schwieriger geworden, zumal Martha sich weigert zu arbeiten und Ursula Nahrung für zwei herbeischaffen muss.

Letztlich werden Ursula und Martha aufgegriffen und in die neu entstandene DDR ausgewiesen. Das ist zwar besser als die drohende Deportation nach Sibirien, aber Ursula muss nach wie vor für sich und ihre Mutter sorgen, die nur von einer Zigaretten zur anderen denkt. Schnell erkennt Ursula, dass sie eine Diktatur gegen eine andere eingetauscht hat. Sie passt sich scheinbar an und nimmt die erste Gelegenheit zur Flucht zu ihrem Bruder Heinz in den Westen wahr.

Meine Meinung:

Wie schon in seinen anderen Sachbüchern wie z.B. „Die verlorene Generation“, „Die verratene Generation“ oder „Die verdammte Generation“ nimmt sich Christian Hardinghaus aller jener an, deren Geschichten niemand (mehr) hören mag.

Für dieses Buch hat er zahlreiche Interviews mit Ursula Dorn, die ihr Leben selbst in zwei Bücher gefasst hat und damit einige ihrer Traumata aufgearbeitet hat, geführt. Daneben wird Ursulas Geschichte in den historischen Kontext gestellt, ohne belehrend zu wirken. Das ist die große Stärke des Autors: Wissen vermitteln, Vorurteile ausräumen und die Kriegsgräuel sachlich darstellen, ohne Sensationslust oder zu werten. Manche Szenen lassen den Atem der Leser stocken, wenn sie von Kriegsverbrechen lesen, die damals verübt worden sind. Gleichzeitig weist der Autor in seinem Vorwort auf die Ähnlichkeiten, die aktuell in der Ukraine passieren, hin.

Ich muss Ursula Dorn mit Hochachtung begegnen und ihr Tribut zollen, dass sie ihre Lebensgeschichte erzählt. Es ist über viele Ereignisse beharrlich geschwiegen worden, weil sie erstens niemand hören wollte und zweitens, weil sie einfach so schrecklich waren.

Im Kapitel „Wolfskindschicksale“ beleuchtet Christian Hardinghaus noch weitere
Wolfskinder und den schändlichen Umgang der deutschen Behörden bis heute mit ihnen. Interessant ist das Wirken von Wolfgang von Stetten und seinem Verein „Edelweiß“, der ebenso wie Christian Hardinghaus jener Gruppe von Personen eine Stimme gibt.

Fazit:

Ein weiteres Buch wider das Vergessen, das noch lange nachhallt. Gerne gebe ich hier eine Leseempfehlung und 5 Sterne.

Veröffentlicht am 23.10.2022

Einblick in den Alltag eines Journalisten

Mein Journalistenleben zwischen Darth Vader und Jungfrau Maria
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Wo immer etwas passiert in Osteuropa, ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz ist immer vor Ort und berichtet. Nun hat er ein weiteres Buch über seine Arbeit geschrieben.

Seit rund zwei Jahrzehnten ist ...

Wo immer etwas passiert in Osteuropa, ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz ist immer vor Ort und berichtet. Nun hat er ein weiteres Buch über seine Arbeit geschrieben.

Seit rund zwei Jahrzehnten ist Christian Wehrschütz als ORF-Korrespondent am Balkan und in der Ukraine unterwegs. Er ist immer sehr nahe am Geschehen und liefert seine Berichte in unsere Wohnzimmer. In seinem Buch erzählt er, wie seine Beiträge zu Stande kommen. Sehr wichtig ist ihm sein Team, das sich aus Menschen der jeweiligen Region zusammensetzt. Er holt dieses Team vor den Vorhang: Fahrer, Sekretärinnen, Kameraleute und Cutter – ohne sie könnte Christian Wehrschütz nicht auf diesem hohen, authentischen Niveau berichten. Seine außergewöhnlichen Einblicke in die oft verwirrenden Situationen in Kriegsgebieten verdanken wir seiner Fähigkeiten mit den Leuten vor Ort in Kontakt zu kommen. Christian Wehrschütz hat neben Jus auch Slawistik studiert und spricht mehrere slawische Sprachen. Das heißt, er kommt ohne Dolmetscher aus und erhält Informationen aus erster Hand.

Er ist oftmals gefährlichen Situationen ausgesetzt, die er ob seiner langen militärischen Ausbildung gut einschätzen kann und so gut überstanden hat. Ebenso kann er das momentane Geschehen in der Ukraine sehr gut analysieren.

Sein wichtigstes Arbeitsgerät ist das Mobiltelefon, das ihm Gedächtnisstütze, Telefonbuch und Kamera zugleich ist. Manchmal ist das Filmen mit einer Kamera untersagt, so dass ihm nur das eilige und heimliche Filmen mit dem Mobiltelefon übrig bleibt.

Neben dem Einblick in den Alltag des ORF-Korrespondenten dürfen wir auch ein kleines Stückchen der privaten Seite des Christian Wehrschütz kennenlernen.

Wie er auf den Titel kommt, erzählt er in seinem Buch. Zahlreiche Fotos aus diversen Krisengebieten ergänzen diese Gedankensplitter, wie er sein Buch nennt.

Fazit:

Gerne gebe ich diesen Gedankensplittern 5 Sterne.

Veröffentlicht am 20.10.2022

Über die Entwicklung der plastischen CHirurgie

Der Horror der frühen Chirurgie
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Dieses Buch ist das zweite von Lindsey Harris, das sich mit historischer Medizin und ihren Pionieren beschäftigt. Es nimmt sich eines Themas an, das alles andere als leicht zu lesen ist: Die Rekonstruktion ...

Dieses Buch ist das zweite von Lindsey Harris, das sich mit historischer Medizin und ihren Pionieren beschäftigt. Es nimmt sich eines Themas an, das alles andere als leicht zu lesen ist: Die Rekonstruktion von Gesichtern, die auf Grund von im Ersten Weltkrieg erlittenen Verletzungen zerstört worden sind.
Dabei kommt auch dem psychologische Druck, dem die Kriegsinvaliden ausgesetzt sind zur Sprache. Während Männern, denen Arme oder Beine amputiert werden mussten, eher als „Helden“ betrachtet werden, verstecken sich jene, deren Gesichter entstellt wurden oder einige begehen Selbstmord. Nur die sogenannten „Kriegszitterer“ werden noch weniger geschätzt: Körperlich nahezu unversehrt, gelten sie als Simulanten und werden oft ins Irrenhaus gesteckt, wo man sie mit Elektroschocks und ander „Therapien“ quält. Doch das ist eine andere Geschichte.

Chirurg Harold Gillies (1882-1960) hat hunderten von „Gueules cassées“ (zerhauene Visagen) in mühevoller Kleinarbeit neu Gesichter modelliert. Dazu bedient er sich alter und neuartiger Methoden, die ich jetzt nicht im Detail ausführen möchte. Er gilt als Vater der plastischen Chirurgie. Während die Feldchirurgen hauptsächlich das Überleben ihrer Patienten im Sinn haben, legt Gillies legt sehr viel Wert darauf, dass durch seine Arbeit auch die Funktionen wie Öffnen und Schließen des Mundes oder der Augenlider wieder möglich sind. Wenn man bedenkt, dass für so eine Gesichtsrekonstruktion, die ohne Narkose erfolgt ist, Dutzende Operationen notwendig gewesen sind, muss man sowohl Gillies und seinem Team als auch den Patienten selbst, vollen Respekt zollen.

Neben seinem handwerklichen Geschick, lässt Gillies die Fortschritte seiner Arbeit dokumentieren. Einerseits werden „Vorher/Nachher-Fotos“ angefertigt und andererseits lässt er seine Operationsschritte durch einen Künstler festhalten, der detaillierte Skizzen anfertigt. Mit Hilfe seines Kollegen Bedford Russell und seinem früheren Patienten und Sekretär Robert Seymour sammelt Gillies Krankenakten und Notizen, um eine Studie zur Gesichtsrekonstruktion zu schreiben

Neben seinem handwerklichen Geschick, setzt Gillies auf Betreuung der Psyche. Seine Patienten können sich in einem umgebauten Herrensitz von ihren Strapazen erholen.

Meine Meinung:

Dieses Buch ist nichts für Zartbesaitete, da zahlreiche Verletzungen und Operationen detailliert geschildert werden. Dabei geht die Autorin sehr sachlich vor und weidet sich nicht an den Schmerzen und Verletzungen der Patienten. Daneben zeichnet Fitzharris ein ganz anderes Bild von Harold Gillies: Er ist ein passionierter Sportler und verbringt viel Zeit auf dem Golfplatz, vermutlich auch deswegen, um die schrecklichen Wunden seiner Patienten zu vergessen.

Wer einen historischen Roman zu diesem Thema lesen will, dem sei „Die Maskenbildnerin von Paris“ von Tabea König empfohlen. Hier werden die Gesichter der Kriegsinvaliden mit kunstvoll gestalteten Gesichtsprothesen ausgestattet.

Fazit:

Ein bestens recherchiertes Sachbuch über die plastische Chirurgie, dem ich gerne eine Leseempfehlung und 5 Sterne gebe.