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Veröffentlicht am 03.12.2022

Eine kleine Goldperle, ein Jahreshighlight!

Schattengold – Ach, wie gut, dass niemand weiß ...
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Märchenadaptionen sind Märchen neu aufgearbeitet, geschmückt mit einem Teil Fantasy. Christian Handel erklärt in einem Interview folgendes auf die Frage: Was fasziniert Sie an märchenhaften Motiven in ...

Märchenadaptionen sind Märchen neu aufgearbeitet, geschmückt mit einem Teil Fantasy. Christian Handel erklärt in einem Interview folgendes auf die Frage: Was fasziniert Sie an märchenhaften Motiven in Fantasyromanen? - "Für mich sind Märchen und Mythen die Vorläufer des modernen Fantasyromans. Anders als in vielen epischen Geschichten geht es in ihnen jedoch nicht um das drohende Ende der Welt. Die Konflikte sind persönlicher. Statt von gewaltigen Schlachten handelnd sie von gewöhnlichen Menschen, die über sich hinauswachsen. Märchen zeigen diese ProtagonistInnen allerdings schablonenhaft. Im modernen Fantasyroman haben wir die Möglichkeit, zu ergründen, was für Menschen sie gewesen sein könnten, und zu zeigen, dass nicht alles so Schwarz und Weiß ist, wie die Brüder Grimm und Co. uns das weis gemacht haben. Die Frage ist doch: Was geschah wirklich im finsteren Wald? Und vor allem: Warum?"

Hat er ziemlich treffend formuliert.
Ich mag sowohl die alten Märchen als auch die neueren, aufgearbeiteten mit neuzeitlichem Einfluss. Und weil ich ein Herz für Rumpelstilzchen habe, war es klar, dass ich auch dieses Werk hier verschlingen muss.

Reingekommen in das Buch bin ich relativ schnell. Christian Handel beschreibt Figuren, Schauplätze und Situationen äußerst detailliert, ohne dabei vom Weg abzukommen und sich in unnötigen Einzelheiten zu verlieren. Hier wollte ich direkt nach einem bereits bekannten Märchenereignis wissen, wie er das nächste umsetzen wird. Sein Schreibstil ist unheimlich flüssig, markant erkennbar und hat einen gewissen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Ich habe das Gefühl, dass er sich von Buch zu Buch sogar noch verbessert.

Die Figuren wirken stets authentisch und wurden liebevoll konzipiert. Zum Beispiel Farah, unser weiblicher Hauptcharakter innerhalb des Romans. Sie wird als wunderschön beschrieben, verdreht den Männern reihenweise den Kopf, wird beneidet. Doch ist sie deshalb abgehoben oder eingebildet? Überhaupt nicht. Farah ist ein Familienmensch, warmherzig und gutmütig, aber auch taff und nicht auf den Mund gefallen. Sie war mir direkt sympathisch und ich habe sie während des Lesens schnell in mein Herz geschlossen.

Aber auch die Geschichte selbst hat mich bis zum Ende überzeugt, obwohl einige Sachen bereits altbekannt waren. Er konnte das Märchen super in sein eigenes Geschehen mit einbauen und hat viele neue und auch überraschende Ereignisse geschaffen, die wunderbar miteinander harmoniert haben. Es gab spannende Fantasymomente, in denen ich mitgebangt und mitgefiebert habe, ein paar humorvolle Szenen und hin und wieder etwas für die Romantiker unter uns. Für mich war es eine durchweg gelungene Mischung, abwechslungsreich und vielfältig. Ein stetiges Auf und Ab. Ich habe viele Bücher in letzter Zeit gelesen, habe aber immer das gewisse Etwas vermisst. Hier war es vorhanden, Christian Handel konnte mich erneut auf ganzer Linie überzeugen.

Fazit: Eine kleine Perle auf dem Buchmarkt, völlig abseits des Mainstreams, die mich in eine fantastische Welt gezogen hat. Der Autor hat mein Lieblingsmärchen Rumpelstilzchen wunderbar neuinterpretiert und mich restlos begeistert. Mein Jahreshighlight - und somit eine Leseempfehlung an euch.

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Veröffentlicht am 23.11.2022

Pflichtlektüre für True-Crime-Fans

Das Prinzip Mord
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Interessieren euch bei einem Kriminalfall eher Täter und Motiv oder wie es zur Überführung kam? Mich interessieren beide Seiten, weil ich sowieso alles verschlinge, was mit wahren Verbrechen zu tun hat. ...

Interessieren euch bei einem Kriminalfall eher Täter und Motiv oder wie es zur Überführung kam? Mich interessieren beide Seiten, weil ich sowieso alles verschlinge, was mit wahren Verbrechen zu tun hat.

Dieses Buch behandelt 15 wahre Fälle der deutschen Kriminalgeschichte, die teilweise erst nach etlichen Jahren durch technischen Fortschritt und auch dank der Hartnäckigkeit einiger Ermittler erfolgreich aufgeklärt werden konnten.

Das Autorenduo, das sich seit Jahren sowohl für Dokumentationen als auch für ihren Podcast "Das Prinzip Mord" mit Kriminalfällen beschäftigt, geht hier ganz gezielt nicht auf Täter oder Opfer ein, sondern behandelt in erster Linie, wie es zur Überführung kam.

Zitat S. 9, Vorwort:
(...) Wir wollten das Leid anderer Menschen nicht in die Öffentlichkeit ziehen. (...) Auf der anderen Seite lag es uns ebenso fern, die Täter vorzuführen, zu analysieren und zu Monstern zu machen. (...) Aus den genannten Gründen stand es außer Frage, uns von Anfang an ausschließlich auf die Kommissare und deren hochspannende Ermittlungsarbeit zu konzentrieren.

So gehen sie beispielsweise auf die Weiterentwicklung der DNA-Analyse ein, die dabei unterstützt, jahrzehntealte Fälle aufklären zu können. Und auf Verhöre, mit denen Ermittler bereits Täter überführen konnten.

Die jeweiligen Taten sind kurz zusammengefasst, eher als Bericht abgehandelt, und werden durch Original-Aufnahmen vom Tatort, den Mordwaffen und von weiterem Beweismaterial gestützt. Die Aufmachung erscheint daher wie eine richtige Polizeiakte. Die Fälle sind trotz der Sachlichkeit ziemlich ergreifend und machen deutlich, wie belastend sie oft auch für die Ermittler sind. Dazu gibt es im letzten Kapitel ein Interview mit einem Mordermittler und Fragen, die sich wohl jeder True-Crime-Fan stellt.

Fazit: 15 dramatische, sehr gut recherchierte True-Crime-Storys, die mit sachlichen Fakten punkten können und äußerst spannend vermittelt werden. Eine Pflichtlektüre für True-Crime-Fans, die in jedes Bücherregal gehört. Lesen!

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Veröffentlicht am 17.11.2022

Spinnennetz aus Lügen

Blinde Lüge
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Katalina ist nach einem schweren Schicksalsschlag am Abgrund. Die Podcasterin zieht sich in ihre eigene Welt zurück, erschafft sich eine Art Bubble aus Selbstschutz. Dann lernt sie einen Mann kennen, der ...

Katalina ist nach einem schweren Schicksalsschlag am Abgrund. Die Podcasterin zieht sich in ihre eigene Welt zurück, erschafft sich eine Art Bubble aus Selbstschutz. Dann lernt sie einen Mann kennen, der wieder Hoffnung in ihr Leben bringt. Als sie sich bei einem Unfall beide Augen verletzt und vorübergehend blind zurechtkommen muss, bietet ihr neuer Freund an, sie im Anwesen seiner Eltern zu pflegen. Ein altes und geschichtsträchtiges Herrenhaus, in dem Katalina zur Ruhe kommen soll. Doch was um sie herum passiert, kann sie nicht sehen. Und was sie fühlt und hört, macht ihr immer mehr Angst...

Das Buch beginnt mit einem Dialog in Form von Sprachnachrichten zwischen Katalina und ihrem Psychiater. Ein cooles Gadget sind dabei die QR Codes, die die Dialoge als Audiodatei wiedergeben. Claudia Giesdorf erzählt aus der Vergangenheit, springt in die Gegenwart, fokussiert dabei das Zwischenmenschliche ebenso wie die unheilverkündende Dunkelheit, die nicht nur Katalina umgibt, sondern auch den Leser. Immer wieder gibt es einen Nachrichtenaustausch mit dem Arzt. Katalina hat in diesem Haus Angst um ihr Leben. Man spürt förmlich ihre Verzweiflung, die innere Unruhe und beklemmende Melancholie, die einen bis zuletzt nicht loslässt.

Man erfährt in den Kapiteln Stück für Stück den Grund für Katalinas Absturz und die tiefe Schuld, die sie auf ihren Schultern trägt. Die Vergangenheit, die nicht ruht und ihr keine Vergebung schenken will. Das hat mich ziemlich betroffen gemacht. Am liebsten hätte ich sie in den Arm genommen und getröstet.

Die merkwürdigen Vorfälle im Haus nehmen zu. Sehr emotional - fast poetisch - beschreibt die Autorin, wie Katalina in ihrer hilflosen Blindheit selbst nicht mehr zwischen Wahn und Realität unterscheiden kann. Ein Spinnennetz aus Lügen.

Fazit: Emotional, packend und voller Lügen kommt dieser Psychothriller daher und fesselt einen bis zur letzten Seite. Da ist Fingernägelkauen vorprogrammiert. Kopfkinoalarm!

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Veröffentlicht am 12.11.2022

Nick und Charlie. Charlie und Nick. Awww!

Nick & Charlie (deutsche Ausgabe)
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Charlie und Nick. Nick und Charlie. Das klingt so schön, dass es einfach für immer sein muss, oder? Ich kann mir beim besten Willen keine andere Konstellation vorstellen. Die Jungs haben sich mit ihrem ...

Charlie und Nick. Nick und Charlie. Das klingt so schön, dass es einfach für immer sein muss, oder? Ich kann mir beim besten Willen keine andere Konstellation vorstellen. Die Jungs haben sich mit ihrem Charme und Witz, ihrer lockeren und teils naiven Art und all ihren Sorgen geradewegs direkt in mein Herz geschlichen.

Bereits Heartstopper Band 1 hat mich übelst gecatcht. Und mit übel meine ich übel. Ich fing an zu lesen und war auf Anhieb hooked. Da hat Alice Oseman zwei ganz zauberhafte Figuren entworfen, die man bis an sein Lebensende begleiten möchte. War also klar wie Kloßbrühe, dass ich auch alles andere, was dazu gehört, verschlingen muss.

Diese Novel setzt etwa zwei Jahre nach Heartstopper Band 1 an. Charlie ist mittlerweile 17, Nick 18 - und beide seit zwei Jahren in einer festen Beziehung. Nun, wie es bei Teens normal ist, gibt es das eine oder andere Problem. Sachen werden falsch gedeutet; Dinge gesagt, die man gar nicht so meint; man hofft darauf, dass der Andere sich meldet, kommt aber selbst nicht in die Puschen. Das übliche Drama, hier aber äußerst feinfühlig, warm und lehrreich umgesetzt. Natürlich habe ich mich hier und da wiedergefunden - schließlich war ich auch mal jung und zum ersten Mal verliebt. Witzig, dass ich heute bei manchen Passagen die Augen verdrehe und dämlich vor mich hin grinse, denn damals habe ich mich genauso prasslig angestellt wie Nick und Charlie. Und die halten uns in dieser Novel ziemlich auf Trab. Zwischendrin war das wirklich zum Fingernägelkauen, und ich hätte sie am liebsten einmal ordentlich durchgeschüttelt. Einmal vernünftige Boys to go. Zum Hieressen? Nein, zum Mitnehmen. Ab nach Hause mit euch und ... durchatmen! Sich wieder sammeln! Und dann miteinander drüber lachen, wie blöd man eigentlich war. That's life. Teenager haben's echt nicht leicht...

Zitat: "Er riecht immer noch nach Nick. Nach zu Hause." - Awwww! Bitte sagt mir, dass jetzt vor eurem inneren Auge kleine rosa Wölkchen aufploppen. Bei mir tun sie's nämlich.

Überrascht war ich davon, dass es hier ziemlich textlastig war. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, wie in Heartstopper Band 1 mit coolen Bilden überflutet zu werden. Hier gab es auch welche, aber nur vereinzelt.

Schon wieder konnte mich Alice Oseman vom Fleck weg bestens unterhalten und mir wundervolle Leseminuten bescheren. Danke sehr!

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Veröffentlicht am 11.11.2022

Intelligent konstruierter Comic

Made in Korea - Eine Graphic Novel
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Was unterscheidet uns Menschen von künstlicher Intelligenz?

In Made in Korea, Jeremy Holts neuer Comicserie zusammen mit dem Illustrator George Schall, hat das Konzept der Identität eine neue Bedeutung ...

Was unterscheidet uns Menschen von künstlicher Intelligenz?

In Made in Korea, Jeremy Holts neuer Comicserie zusammen mit dem Illustrator George Schall, hat das Konzept der Identität eine neue Bedeutung bekommen, da künstliche Intelligenz als normal und alltäglich bezeichnet wird und einige Kinder nicht mehr aus Fleisch und Knochen bestehen.

Der Comic dreht sich um ein Paar, das in Conroe, Texas lebt und keine leiblichen Kinder bekommen kann. Nachdem Bill und Suelynn gesehen haben, wie gut ihre Freunde mit ihrem adoptierten Proxy zurechtkommen, denken sie darüber nach, selbst einen als Familienmitglied aufzunehmen.

Zeitgleich knackt der Programmierer Chul, für das Unternehmen Wook-Jin Industries tätig, einen Code, der bahnbrechend ist - und gefährlich, sollte er in die Hände der Falschen geraten. Aus dem Grund packt er den Code in ein Proxy und schickt das 9-jährige KI-Kind nach Texas.

Der Plot erinnert ein bisschen an Pinocchio und weist einige Parallelen auf. Der Autor hat sich u.a. mit der Frage befasst, was es bedeutet, Eltern zu sein. Wie schwierig es sein kann, seine eigene Identität zu finden, einen Platz in der Welt. Wir werden mit grundlegenden Dingen konfrontiert bezüglich Ethik, Moral und wissenschaftlicher sowie technischer Fortschritt. Dabei konzentriert sich der Kern der Story auf Jess, einen Androiden, dem die Fähigkeit gegeben wurde, emotional zu wachsen. Von ihrem Schöpfer weggeschickt, um den Code zu schützen, der sie einzigartig macht. Dabei werden so viele zwischenmenschliche Aspekte aufgewirbelt, dass man ordentlich ins Grübeln gerät. Insbesondere weil Jess immer mehr menschliche Züge aufweist. Made in Korea ist manchmal erschreckend gewalttätig. Umso mehr, weil Jess davon so beunruhigt ist. Gewalt ist ihr zuwider, und sie versteht nicht, warum die Menschen absichtlich Konfliktsituationen provozieren. Warum sie andere beispielsweise erschießen und warum sich vieles um Kapitalismus zu drehen scheint. Während Science-Fiction und künstliche Intelligenz die großen Genre-Schirme sind, unter die Made in Korea fällt, ist es in erster Linie eine Geschichte über Adoption und die Schwierigkeiten, sich selbst zu finden, wenn man nirgendwo hinpasst. Made in Korea lässt die Leser raten, wohin es als nächstes gehen wird, indem es konventionelle Genre-Grenzen überwindet

Die Illustrationen des Künstlers George Schall sind ein kleines Schmankerl. Kleine Details wie die dreieckige Dachbodenbibliothek der Evans bestechen durch ihre schlichte, geometrische Schönheit. Schalls Artwork passt nahtlos zu Holts tonalen Verschiebungen. Beide haben eine spannende Serie geschaffen, die der Frage nachgeht, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der Eltern nicht mehr biologisch mit ihren Kindern verwandt sind. Allein das wäre schon eine Rechtfertigung für den Kauf dieses Comics.

Fazit: Ein intelligent konstruierter Comic über Familie und Identität, der nachdenklich stimmt und einige Kontroversen der Menschlichkeit beleuchtet.

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