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Veröffentlicht am 08.01.2023

Ukrainische Geschichte

Rote Sirenen
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Die gebürtige Ukrainerin Victoria Belim erzählt in ihrem autobiografischen Debütroman “Rote Sirenen“ die Geschichte ihrer Familie vor dem Hintergrund von 100 Jahren ukrainischer Geschichte. Sie wanderte ...

Die gebürtige Ukrainerin Victoria Belim erzählt in ihrem autobiografischen Debütroman “Rote Sirenen“ die Geschichte ihrer Familie vor dem Hintergrund von 100 Jahren ukrainischer Geschichte. Sie wanderte als 15jährige mit ihrer Mutter in die USA aus, lebte später mit ihrem Mann in Belgien und kehrte 2014 im Jahr der russischen Annexion der Krim in ihre Heimat zurück. Sie möchte ihre geliebte Großmutter Valentina wiedersehen und das Schicksal ihres in den 30er Jahren spurlos verschwundenen Urgroßonkels Nikodim aufklären. Ihre Verwandten sind nicht begeistert von diesem Vorhaben, zumal Nikodim in der Familie immer ein Tabuthema war. Victoria will ihre eigenen Wurzeln kennen, ihr Verhältnis zur Heimat klären und trotz aller Widerstände auch vonseiten der Behörden dafür sorgen, dass die Wahrheit endlich ans Licht kommt. Schon der Wunsch, die alten Dokumente einzusehen, wird ihr lange nicht erfüllt. Da gibt es das Hahnenhaus mit den roten Sirenen, auf das der Titel anspielt, lange Zeit Sitz des sowjetischen KGB und anderer staatlicher Organisationen, von der Bevölkerung nach wie vor gefürchtet und gemieden. Von 2014-2019 kehrt Victoria mehrfach in die Ukraine zurück und fördert eine Menge historischer Fakten zutage. So erfährt der Leser von all den kriegerischen Auseinandersetzungen, diversen Säuberungsaktionen und der künstlich von Stalin erzeugten Hungersnot Holodomor, die Millionen Menschenleben kosteten. Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum nachvollziehbar, dass es immer noch eine beträchtliche Zahl von Ukrainern gibt, die zu Russland gehören wollen. Im Fall der Autorin geht der Riss durch die eigene Familie. Der Vater war Russe, die Mutter Ukrainerin, und ihr Onkel Wladimir verteidigt die Besetzung der Krim, was zum Zerwürfnis mit seiner Nichte führt.
“Rote Sirenen“ ist ein wichtiges Buch, das zur rechten Zeit kommt, um die aktuellen Ereignisse besser zu verstehen. Einwände habe ich lediglich gegen die Qualität der deutschen Übersetzung. Eine Reihe von Formulierungen sind schon sehr speziell, um es vorsichtig auszudrücken.

Veröffentlicht am 20.11.2022

Albtraum in eisiger Wildnis

SCHNEE
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Yrsa Sigurardóttirs Thriller “Schnee“ überreden zwei befreundete Ehepaare einen Wanderführer, der irgendwo im isländischen Hochland ein Messgerät ablesen will, sie auf die gefährliche Tour mitten im Winter ...


Yrsa Sigurardóttirs Thriller “Schnee“ überreden zwei befreundete Ehepaare einen Wanderführer, der irgendwo im isländischen Hochland ein Messgerät ablesen will, sie auf die gefährliche Tour mitten im Winter mitzunehmen. Dann werden die vier Freunde vermisst, und Suchtrupps und Polizei suchen ein großes Gebiet ab. Schon bald finden sie in der Nähe einer Hütte die erste Leiche im Schnee, in der Hütte selbst zurückgelassene Kleidung und Gegenstände, die den Wanderern gehört haben. Später finden sie noch vier weitere Leichen, wobei der Körper einer unbekannten Frau schon wesentlich länger dort liegen muss.
Drei verschiedene Handlungsstränge auf mehreren Zeitebenen machen den Plot aus. Außer der Gruppe der Freunde ist da noch Hjörvar, der mit dem Kollegen Erlingur auf einer einsamen Radarstation arbeitet und dort unerklärliche Geräusche und übersinnliche Phänomene wahrnimmt. Er und sein Bruder Kolbeinn haben kürzlich ihr Elternhaus an den Polizisten Geiri und seine Frau Jóhanna verkauft. Das Ehepaar hat im Garten einen vergrabenen Kinderschuh gefunden. Kurz vor dem Tod der dementen Mutter erfahren die Brüder, dass sie eine Schwester haben oder hatten. Sie versuchen, das Geheimnis aufzuklären. Jóhanna arbeitet als Freiwillige in einem der Rettungsteams und findet mit ihrem Partner die erste Leiche. Eine andere Zeitebene zeigt eine Woche vor dem Auffinden der Toten die Gruppe der Wanderer und ihre Erlebnisse. Sie sind nicht nur der Unbill des isländischen Winters mit den Schneestürmen und der Dunkelheit ausgesetzt, sondern hören ebenfalls Geräusche und Stimmen vor der Hütte, die sie sich nicht erklären können.
Lange gibt es keine Erklärung für all die Mystery-Elemente in der Geschichte und was sie mit der eigentlichen Handlung zu tun haben. Die Autorin bezieht geschickt das unwirtliche Klima und die raue Landschaft ein, um eine überaus bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, bis am Schluss alle Elemente in einem grandiosen Finale mit überraschenden Wendungen zusammengeführt werden. Der Roman liest sich gut und wird vor allem zum Ende hin zunehmend spannender, wobei mich aber die unrealistischen übersinnlichen Elemente ein bisschen stören.

Veröffentlicht am 20.11.2022

Geheimnisse von Menschen und Büchern

Die Bücher, der Junge und die Nacht
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Kai Meyers neuer Roman “Die Bücher, der Junge und die Nacht“ umfasst den Zeitraum von 1933 über 1943/44 und 1971 mit einem Ausblick auf das Jahr 1990. Im Jahr 1943 wird die Bücherstadt Leipzig durch Bombenangriffe ...

Kai Meyers neuer Roman “Die Bücher, der Junge und die Nacht“ umfasst den Zeitraum von 1933 über 1943/44 und 1971 mit einem Ausblick auf das Jahr 1990. Im Jahr 1943 wird die Bücherstadt Leipzig durch Bombenangriffe zerstört. Ein 10jähriger Junge namens Robert Steinfeld hat sein ganzes Leben in einem fensterlosen Zimmer umgeben von Büchern verbracht. Ein Unbekannter namens Mercurio befreit ihn buchstäblich in letzter Minute aus den Flammen und bittet ihn, ein bestimmtes Buch aus der Bibliothek zu holen. Einige Monate kümmert sich der Bücherdieb Mercurio um ihn, reist im Land umher und ist immer zur Stelle, wenn wieder eine Stadt bombardiert wird. Der Junge holt dann in seinem Auftrag wertvolle Bücher aus den zerstörten Häusern. Robert hat seinen Vater nie kennengerlernt. Jakob Steinfeld war ein bekannter Buchbinder in Leipzig, der in der Bombennacht umkam. 10 Jahre zuvor hatte er sich in die junge Juli verliebt, die ein Manuskript mit dem Titel “Das Alphabet des Schlafs“ von ihm binden lassen wollte. Jakob und Juli kamen sich näher, bevor Juli spurlos verschwand. Im Jahr 1971 bittet die Bibliothekarin Marie Robert Steinfeld, ihr zu helfen, die Bibliothek des berühmten Verlegers Pallandt aufzulösen. Dabei stößt er auf Spuren seiner Vergangenheit. Robert und Marie gehen zahlreichen Hinweisen nach und treffen Überlebende. Auf diese Weise erhält Robert Informationen zu seiner Identität und kann das Schicksal seiner Eltern aufklären.
Der Roman ist eine Mischung aus Zeit- und Familiengeschichte und liest sich gut. Der Autor fängt die Atmosphäre der Nazizeit ein und liefert anschauliche Schilderungen einer schlimmen Epoche der deutschen Geschichte. Außerdem gibt es zahlreiche Passagen über Sekten und Geheimbünde, Reinkarnationstheorien und allerlei dubiose Praktiken. Insgesamt sehr empfehlenswert.

Veröffentlicht am 20.11.2022

Familiengeschichten vor historischem Hintergrund

Feldpost
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Die Anwältin Cara Russo erledigt im Jahr 2000 ihre Weihnachtspost in einem Café in Kassel, als sich eine fremde Frau an ihren Tisch setzt und ihr von ihrer vergeblichen Suche nach einer Frau erzählt, ...


Die Anwältin Cara Russo erledigt im Jahr 2000 ihre Weihnachtspost in einem Café in Kassel, als sich eine fremde Frau an ihren Tisch setzt und ihr von ihrer vergeblichen Suche nach einer Frau erzählt, die im Krieg ihre Sachen auf ihrem Bauernhof zurückgelassen hat. Als die Unbekannte plötzlich verschwunden ist, stellt Cara fest, dass sie einen alten Aktenkoffer mit 60 Jahre alten Feldpostbriefen und Dokumente über den Verkauf einer Villa in Kassel zurückgelassen hat. Neugierig geworden beginnt Cara mit den Nachforschungen und findet heraus, wie alles zusammenhängt.
In Mechtild Borrmanns neuem Roman “Feldpost“ geht es um die Familien Gerhard und Katharina Kuhn und Hermann und Sophia Martens, die Mitte der 30er Jahre noch befreundet sind genauso wie ihre Kinder Adele und Albert Kuhn und Dietlind und Richard Martens. Dann entfernen sie sich voneinander, denn Hermann ist ein Anhänger des Regimes, während Gerhard offen Kritik übt und sich damit in große Gefahr begibt. Die Kuhnts verkaufen ihre Villa zu einem symbolischen Preis an die Martens. Das Ehepaar Kuhnt flieht über Frankreich nach Portugal, während ihre Kinder in Deutschland bleiben, um ihr Studium zu beenden. Auch Richard und Albert bringen sich durch ihre verbotene Liebe in Schwierigkeiten. Albert kommt ins Gefängnis, Richard wird zum Sanitätsdienst an die Front geschickt. Von dort schreibt er jahrelang an Adele gerichtete Liebesbriefe. Die Anwältin trifft Überlebende und rekonstruiert die damaligen Geschehnisse. Alle Informationen hat am Schluss jedoch nur der Leser.
Die Autorin erzählt die Familiengeschichte im Wesentlichen auf zwei Zeitebenen, 1935-1945 und 2000-2001. Dabei legt sie besonderen Wert auf den zeitgenössischen Hintergrund. Es geht um eine große Liebe, aber auch um Verrat, Gier nach Besitz und Mord. Der Leser setzt die allmählich enthüllten Puzzleteile zusammen und genießt die auch sprachlich sehr gelungene Mischung aus Familiengeschichte und Chronik einer Epoche. Sehr empfehlenswert.

Veröffentlicht am 20.11.2022

Lügen, Geheimnisse und Schuld

Als die Welt zerbrach
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John Boynes Roman “Als die Welt zerbrach“ schließt inhaltlich und personell an “Der Junge im gestreiften Pyjama“ an und erzählt Gretels Leben auf mehreren Zeitebenen. Gretel floh nach Kriegsende mit ihrer ...


John Boynes Roman “Als die Welt zerbrach“ schließt inhaltlich und personell an “Der Junge im gestreiften Pyjama“ an und erzählt Gretels Leben auf mehreren Zeitebenen. Gretel floh nach Kriegsende mit ihrer Mutter aus Polen, zunächst nach Frankreich, wo sie ihre Herkunft nicht lange verbergen konnten. Nach dem Tod der Mutter wandert Gretel nach Australien aus. Aber auch dort ist sie nicht sicher, weil ihr ein ihr bekannter ehemaliger Nazi mit neuer Identität schaden könnte genauso wie sie ihm. Sie war als 12jährige in den Soldaten verliebt, der ihrem Vater, dem Lagerleiter von Ausschwitz, unterstellt war. Danach ging sie nach London, wo sie den Historiker Edgar Fernby heiratete, einen Sohn aufzog und seit Jahrzehnten in einer Wohnung in einem Villenviertel lebt. Inzwischen ist sie 91 Jahre alt. Dann zieht eines Tages eine Familie mit einem 9jährigen Sohn ein, und alles wird anders. Das Ehepaar streitet häufig lautstark, und Mutter und Sohn haben immer wieder neue Verletzungen. Für Gretel stellt sich die Frage, ob sie wieder wegsieht und verdrängt wie in Ausschwitz, wo sie erst spät verstand, was da passierte, oder ob sie versucht, den Jungen und seine Mutter zu schützen. Gibt sie jetzt ihre Deckung auf und stellt sich erstmalig ihrer Vergangenheit, die sie ein Leben lang verdrängt hat? Sie war ein 12jähriges Mädchen und hat keine Verbrechen begangen, gesteht sich aber inzwischen eine Mitschuld am Tod des jüngeren Bruders Bruno ein.
In diesem Roman über ein wichtiges Thema geht es immer wieder um die Frage der Schuld. Man kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wie lebt man damit? Gretel ist traumatisiert und beschädigt, und hat sich nur ihrem Mann Edgar offenbart, ansonsten geschwiegen, gelogen, verdrängt… Dieses nicht ganz einfach zu lesende Buch lässt den Leser nicht kalt, verlangt aber einiges an Aufmerksamkeit und Geduld. Es ist dennoch eine empfehlenswerte Lektüre, die eigentlich die Kenntnis des Vorgängers voraussetzt.