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Veröffentlicht am 11.01.2023

Auf Spurensuche

Rote Sirenen
2

In den 1930er Jahren verschwand Nikodim, Victorias Urgroßonkel. Niemand kann Auskunft über seinen Verbleib geben, also macht sie sich auf, sein Schicksal zu ergründen.

Victoria ist zwar in der Ukraine ...

In den 1930er Jahren verschwand Nikodim, Victorias Urgroßonkel. Niemand kann Auskunft über seinen Verbleib geben, also macht sie sich auf, sein Schicksal zu ergründen.

Victoria ist zwar in der Ukraine geboren und hier aufgewachsen, hat aber lange Zeit im Ausland gelebt und nun kommt sie zurück, hilft ihrer Großmutter Valentina im Obstgarten, wir schreiben das Jahr 2014. Es ist eine unruhige Zeit, Russland annektiert die ukrainische Halbinsel Krim. Die Erinnerung daran dürfte jedem noch geläufig sein.

Gleich im ersten Kapitel breitet Onkel Wladimir sein Weltbild aus, seine Verteufelung auf alles Westliche und die damit einhergehende Verherrlichung der Sowjetunion mitsamt ihrem Aggressor. All die Verschwörungstheorien, die russische Propaganda, muss ich nicht haben. Schon da habe ich in Erwägung gezogen, das Buch abzubrechen. Unter dem Deckmäntelchen einer westlich orientierten Ukrainerin wollte ich meine Zeit nicht mit all den Parolen vergeuden. Bald jedoch war dieses unschöne Zwischenspiel vorbei. Ich habe weitergelesen und es nicht bereut.

Von nun an war ich so richtig drin in der Familiengeschichte, die logischerweise mit der Geschichte der Ukraine einhergeht. Die Autorin erzählt von dem ukrainischen Volk, es sind sehr warmherzige und hilfsbereite Menschen, die wechselvolle Geschichte des Landes ist immer im Hintergrund spürbar. An den Behörden kommt Victoria in ihrer Spurensuche nicht vorbei, hier beißt sie meist auf Granit, aber aufgeben ist keine Option. Irgendwann landet sie im berüchtigten Hahnenhaus, dessen Keller als Folterkammern dienten. Schon vor gut hundert Jahren meinte ein Schriftsteller, dass Beruhigungsmittel vonnöten seien, um die Geschichte der Ukraine auszuhalten. Dieses leidgeprüfte Volk wird wohl nie zur Ruhe kommen, wir sehen es momentan wieder sehr deutlich. Der 2013/14 begonnene Konflikt um die Ukraine ist wieder aufgeflammt, Russland will sich den Staat, der seit der Auflösung der Sowjetunion seit 1991 selbständig ist, wieder einverleiben.

„Rote Sirenen. Die Geschichte meiner ukrainischen Familie“ ist eine autobiographische Erzählung, die nicht nur das Leben und das Schicksal ihrer Familie nachzeichnet, es ist auch die Geschichte ihrer ukrainischen Heimat, in die Victoria aus bekannten Gründen momentan nicht einreisen kann. Valentina, ihre Großmutter, nennt die Ukraine „Blutland“.

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Veröffentlicht am 09.01.2023

Ein Inselleben

Zur See
2

Dörte Hansen ist ein Garant für gut erzählte Geschichten. „Zur See“ habe ich mir vorlesen lassen, Nina Hoss hat für diesen ruhigen Roman eine unaufgeregte, hierzu passende Tonart gewählt. Es kann mit den ...

Dörte Hansen ist ein Garant für gut erzählte Geschichten. „Zur See“ habe ich mir vorlesen lassen, Nina Hoss hat für diesen ruhigen Roman eine unaufgeregte, hierzu passende Tonart gewählt. Es kann mit den Vorgängerbänden nicht ganz mithalten und doch habe ich es nicht bereut, diese leise Erzählung gehört zu haben.

Es ist ein hartes Leben, man muss schon hineingeboren werden in diese Welt und doch halten es viele nicht aus, sie fliehen aufs Festland.

Alles fließt gemächlich so vor sich hin, das alltägliche Miteinander wir unterbrochen von den Urlaubern, die einst als Sommerfrischler kamen. Dörte Hansen erzählt von der Familie Sander. Von den drei Kindern lebt nur noch ihr Jüngster auf der Insel, ein problembehafteter (Lebens)Künstler, der nirgendwo anders sein möchte. Auch gibt es einen Inselpastor mit Eheproblemen, der diesen mit den täglichen Laufrunden davonzurennen versucht. Alle Charaktere werden mit einer gewissen Distanz geschildert, so richtig nahe bin ich keinem gekommen. Sie sind schon sonderbar, nicht immer leicht zu begreifen – aber haben wir nicht alle eine verborgene Seite? Die düstere Grundstimmung, die raue See, schimmert zuweilen durch. Ein Inselleben, ein tiefer Blick auf eine Familie im Wandel der Zeit. Im Laufe eines Lebens passiert nicht viel und doch eine ganze Menge – ein ruhiger Roman mit Höhen und Tiefen - so wie das Leben eben ist.

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Veröffentlicht am 31.12.2022

Beklemmend

Wehrlos
0

Der örtliche Spielplatz ist Treffpunkt für die Kleinen und die Großen. Die Mütter unterhalten sich, schießen Foto um Foto von ihrem Nachwuchs, um sie nachher in Netz zu stellen. All die süßen Schnappschüsse ...

Der örtliche Spielplatz ist Treffpunkt für die Kleinen und die Großen. Die Mütter unterhalten sich, schießen Foto um Foto von ihrem Nachwuchs, um sie nachher in Netz zu stellen. All die süßen Schnappschüsse und die bearbeiteten Hochglanzbilder wollen sie mit der ganzen Welt teilen.

Die kleine Nele ist vertieft ins Spiel, der Blick von Mieke, ihrer Mutter, ist abgelenkt und schon ist Nele verschwunden. Wie kann das sein? In dieser Idylle, direkt ländlich, kennt man sich, an der Suche nach dem Kind beteiligen sich alle. Auch die Polizei ist aktiv, die Ringfahndung läuft.

Phase eins hat schon mal geklappt „die Ware ist unterwegs...“.

Ein Albtraum für alle Eltern ist hier wahr geworden. Aus verschiedenen Perspektiven wird Neles Schicksal erzählt. Und zwischendurch eine Stimme, die sich nicht zuordnen lässt. Jedoch ist offensichtlich, dass diese mit dem Verschwinden des Mädchens zu tun hat.

Schon das Cover zeigt ein beklemmendes Bild. Hier möchte man kein Kind auf die Schaukel setzen, alles ist düster, selbst WEHRLOS ist gespenstisch, eher schemenhaft dargestellt, der Nebel deckt vieles zu.

Nora Benrath hat einen fesselnden Thriller vorgelegt, der mich bis fast zum Schluss nicht losgelassen hat. Die schöne Welt der Sozialen Medien wird so nach und nach entlarvt, der Zauber, das Glitzern lässt nach. Man präsentiert sich, gibt viel – zu viel? – von sich und seine Lieben preis. Die Schattenseiten von Social Media werden thematisiert, aber nicht nur. Auch längst vergangene Verletzungen, die tiefe Spuren hinterlassen haben, kristallisieren sich schlussendlich heraus.

Diesen äußerst rasanten Thriller habe ich am Stück gelesen, das Szenario ist durchaus nachvollziehbar. Auch wenn man über die vielen viel zu offenherzigen Posts nur den Kopf schütteln kann, so sind sie doch real. Der Schluss jedoch war mir zu konstruiert, als ob jetzt nochmal was draufgesetzt werden müsste. Hier wäre weniger mehr gewesen, es hat die gute Story, die Grundidee, doch etwas verdorben. Und doch kann ich „Wehrlos“ jedem Thriller-Fan empfehlen, man rast direkt atemlos durch die Story.

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Veröffentlicht am 24.12.2022

Der zweite Fall um eine unkonventionelle Ermittlerin

Wintersterben
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Steinberg liegt sehr abgelegen, eine Enklave mitten in den Walliser Alpen. Tief drin in einer Höhle hat ein Pilzsammler eine Leiche gefunden. Sie liegt schon länger dort, Folterspuren sind sichtbar.

Interpol ...

Steinberg liegt sehr abgelegen, eine Enklave mitten in den Walliser Alpen. Tief drin in einer Höhle hat ein Pilzsammler eine Leiche gefunden. Sie liegt schon länger dort, Folterspuren sind sichtbar.

Interpol schickt Valeria Ravelli, sie soll gemeinsam mit ihrem Kollegen Colin Bain den Tod eines ehemaligen Ermittlers aufklären. Ein schlecht ausgeleuchtetes Foto zeigt den Toten – sein Gesicht verzerrt von Schmerz, der Ausdruck in seinen Augen sagt aus, dass er eine Geschichte zu erzählen hat. Ravelli und Bain sind sich einig, dass er die Akten durchgeht, während sie vor Ort ihre Fühler ausstreckt. Bald ist Valeria mittendrin, jedoch sind die Dorfbewohner nicht sehr gesprächig. Noch dazu verschwindet eine junge Frau – hängen dieser Vermisstenfall und der Tote in der Höhle zusammen? Ihr Instinkt sagt ihr, dass sie auch diese Spur weiterverfolgen sollte.

„Die Wespen, die dieses Nest bewachen, fangen an zu stechen.“ Die einheimische Bevölkerung nennt diesen Ort, an dem der Tote gefunden wurde, die Gotteshöhle. Valeria hat das Gefühl, dass in dem Dorf eine ganze Menge nicht stimmt und sie könnte durchaus recht haben.

Schon das Cover stimmt ein in diesen unwirtlichen Landstrich, man spürt direkt das frostige Umfeld und dieser kalte, düstere Backround bezieht sich nicht nur auf das Äußere.

Es ist der zweite Fall um Valeria Ravelli, den ersten Teil kenne ich nicht, ich hatte aber nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben, auch wenn ich die berufliche und private Vorgeschichte der Protagonistin nicht kenne. Der Fall ist in sich abgeschlossen, was ich sehr zu schätzen weiß. Die Charaktere werden nach und nach eingeführt. Es sind Dorfbewohner, die ihr argwöhnisch oder auch sehr wohlwollend gegenübertreten und es gibt einen, der sich um die Obduktion und die Spurensicherung kümmert. Zweifel sind bei jedem gegeben, denn nichts ist so, wie es den Anschein hat. Dies wird zunehmend klar und doch bleibt ein Rest Misstrauen bis zum Schluss.

Valerias Alleingänge sind schon irreal, ich habe mich beim Lesen des Öfteren gefragt, ob zu so einem undurchsichtigen und auch für den Ermittler äußerst gefährlichen Fall ein lonesome Cowboy in die Höhle des Löwen geschickt wird. Zwischendurch verfolgen Valeria Albträume, die Vergangenheit – ihre Vergangenheit? – wabert immer mal wieder durch. Haben diese Erinnerungen mit dem ersten Fall zu tun? Ich habe es nicht herausfinden können, ein kleiner Anhaltspunkt wäre super gewesen.

Martin Krüger erzählt eine dichte Geschichte, durchgängig spannungsgeladen. Das Szenario um die Auflösung war dann doch etwas zu sehr bemüht. Gut zu lesen mit einem kinoreifen Showdown.

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Veröffentlicht am 21.12.2022

Was damals geschah...

Der finstere Pfad
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„Menschliche Überreste gefunden…“ tönt es aus dem Autoradio „…auf dem berühmten West Coast Trail.“ Oh Schreck - Faye und George, Lauras Kinder, kreischen auf dem Rücksitz, als ihre Mutter auf einen Lieferwagen ...

„Menschliche Überreste gefunden…“ tönt es aus dem Autoradio „…auf dem berühmten West Coast Trail.“ Oh Schreck - Faye und George, Lauras Kinder, kreischen auf dem Rücksitz, als ihre Mutter auf einen Lieferwagen auffährt.

Die damals 20jährige muss sich nun, fünfzehn Jahre später, der Vergangenheit stellen und diese Erkenntnis greift zunehmend in ihr perfektes Leben mit Mann und Kindern ein. „Ich werde nie hinter mir lassen können, was in Kanada geschah.“ Diese Erkenntnis lässt sie innerlich beben. Mit einem Geschwisterpaar war sie unterwegs.

Jenny Blackhurst wechselt zwischen dem Gestern und dem Heute, zwischen der folgenschweren Wanderung auf dem West Coast Trail und dem beschaulichen Familienleben im Jetzt. Der Erzählstrang um das Heute ist doch etwas langatmig geraten. Die heutige Laura führt ein weitgehend unspannendes Leben, diese Ausführungen hätte ich mir sehr viel kürzer gewünscht.

Muss sie sich der Vergangenheit stellen mit allen Konsequenzen? Und was wären diese? Was alles würde zum Vorschein kommen? Sie weiß es, der Leser meint es zu wissen. Die vermeintlich Schuldigen und die Unschuldigen verschwimmen noch zu einer undurchdringlichen Schwärze. Die Wahrheit wabert unter der Oberfläche, die Ungewissheit schwebt über allem. Denn eins ist sicher: Es ist nichts so wie es scheint.

Die Passagen auf dem Trail sind zunehmend fesselnd und wendungsreich, es ist ein raffiniert konstruierter finsterer Pfad. Die Auflösung dann ist so unerwartet und überraschend, damit hätte ich nie gerechnet - ein spannendes Verwirrspiel. So, wie ich es von der Autorin kenne. Ein lesenswerter Psycho-Thriller mit einigen Längen.

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