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Veröffentlicht am 16.02.2023

Ein lesenswerter historischer Schmöker über Wien

Im Schatten des Turms
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Der historische Wien-Roman "Im Schatten des Turms" von René Anour erscheint im Rowohlt Verlag.


Wien, 1787. Der Medizinstudent Alfred ist fasziniert vom sogenannten Narrenturm, dort werden die Irrsinnigen ...

Der historische Wien-Roman "Im Schatten des Turms" von René Anour erscheint im Rowohlt Verlag.


Wien, 1787. Der Medizinstudent Alfred ist fasziniert vom sogenannten Narrenturm, dort werden die Irrsinnigen behandelt, es entsteht damit ein neuer Zweig der Medizin. Wie die Menschen behandelt werden, ist jedoch recht grausam und Alfred bekommt Einblicke, die ihn nicht wieder loslassen.
Die junge Adlige Helene Weydrich war noch nie am Wiener Hof, weil ihr Vater von den Intrigen und Machtspielchen weiß und Helene davor schützen möchte. Als er stirbt, bekommt Helene einen neuen Vormund und ihre Situation ändert sich gewaltig. Im Schatten des Narrenturms begegnen sich zwei diese zwei Menschen, wird es das Schicksal gut für sie meinen?



Zu Beginn nimmt die Historie Wiens die bildhafte Hintergrundkulisse des Romans ein, die mich gedanklich nach Wien versetzt hat. Inhaltlich geht es im Roman um die Entwicklung der medizinischen Psychologie, die im sogenannten Narrenturm ihren Anfang hatte und um die Geschichte von zwei junge Menschen.

Protagonist Alfred ist ein mittelloser Medizinstudent, der sich sein Studium mit Arbeit finanzieren muss. Helene Weydrich gehört dem Hochadel an, bekommt vor ihrer Vorstellung bei Hofe privaten Unterricht in Naturwissenschaften und Latein. Um sein Studium zu finanzieren nimmt Alfred die Stelle als Lehrer bei Helene an und beide verlieben sich ineinander. Doch das Schicksal wendet sich gegen diese Liebe, Helene wird der Vormundschaft ihrer Tante unterstellt und Alfred als Soldat dem kaiserlichen Heer unterstellt.

Abwechselnd lässt der Autor die Figuren ihre Erlebnisse erzählen und stellt so die gesellschaftlichen Zustände vor und zeigt, welche Wünsche, Probleme und Lebensumstände Helene und Alfred bewegen.



Der lebendig beschriebene Schauplatz des historischen Wiens wirkt auf mich sehr authentisch und ich habe die Szenen gern verfolgt. Es war aber auch befremdlich, wie damals mit psychisch Erkrankten umgegangen wurde, von Respekt konnte da leider gar keine Rede sein.

Die beiden Protagonisten können mit ihren Charaktereigenschaften punkten, Alfred ist ein empathischer Arzt, der den schlechten Umgang mit den Erkrankten nicht mit ansehen kann. Und Helene ist eine starke Frauenfigur, die aus ihrer Adelsrolle ausbrechen und ihre Freiheit erreichen will.

Die Liebesgeschichte nimmt ihren Raum in der Geschichte ein und es war interessant, die Entwicklung der Charaktere zu beobachten, die sich gegen Intrigen und Ränkespiele häufig beweisen mussten. Das Paar hat viele Hindernisse zu überwinden, was mit einigen zeitlichen Einblicken auch gut nachzuvollziehen ist und ein Bild der damaligen Zeit abbildet.

Ich hatte mir allerdings mehr Hintergründe aus dem medizinischen/psychiatrischen Bereich erhofft, das Thema wurde aber nicht so sehr vertieft.

Wie es in historischen Romanen üblich ist, hat der Autor (recht lange) Kriegsschilderungen, Szenen der Liebe und des Ausbrechens in die Freiheit und einige Machtspiele/Intrigen in die Handlung eingebaut. Dadurch wird man abwechslungsreich unterhalten und erfährt auch die politischen Entwicklungen und das übliche Gebahren der damaligen Zeit aus nächster Nähe. Trotz der Länge des Buches blieb immer eine Grundspannung erhalten, die mich von einem Punkt zum nächsten folgen ließ. Einige Zufälle waren mir aber definitiv zu offensichtlich konstruiert.


Sehr anschaulich wird in diesem Roman das historische Wien beschrieben und bringt mit sympathischen Charakteren und widrigen Intrigen gute Unterhaltung mit sich. Ein Wien-Schmöker, der den Zeitgeist lebendig macht und eine Zeitreise bereit hält.

Veröffentlicht am 13.02.2023

Was bleibt nach dem Leben?

Großvaters Walnuss
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Im Insel Verlag erscheint das Bilderbuch "Großvaters Walnuss" von Ammi-Joan Paquette mit Illustrationen von Felicita Sala.

Die kleine Emilia bekommt eines Tages eine Walnuss als Geschenk von ihrem Großvater. ...

Im Insel Verlag erscheint das Bilderbuch "Großvaters Walnuss" von Ammi-Joan Paquette mit Illustrationen von Felicita Sala.

Die kleine Emilia bekommt eines Tages eine Walnuss als Geschenk von ihrem Großvater. Er erzählt ihr, wie er selbst so eine Nuss aus seiner alten Heimat mitnahm und eingepflanzt hat. Gemeinsam pflanzen sie die Nuss ein und er zeigt Emilia, wie sie das Pflänzchen hegen und pflegen muss. Die Nuss wächst und gedeiht, während der Großvater immer älter und schwächer wird. Als er stirbt ist die Walnuss groß genug, dass Emilia sie in den Garten neben den großen Baum des Großvaters pflanzen kann. Nun hat sie auch einen eigenen Baum.

Die Geschichte handelt von Emilia und ihrem Großvater und soll mittels des Motivs des Walnussbaums daran erinnern, dass geliebte Menschen immer ein Teil von uns bleiben.

Die einfach zu verstehenden Texte deuten den Tod eines Menschen eher auf indirekte Weise an, da ist es Ermessenssache, wie man kleineren Kindern den Inhalt näher bringt und ob man auf den Tod näher eingeht oder eher auf den Abschied und das Geschenk des Großvaters, die Walnuss. Die Bilder verdeutlichen mit den dunklen und helleren Farben auch die Bedeutung von Trauer und Hoffnung. Aber dennoch ist es ein Buch, dass man nach dem Vorlesen mit Erklärungen oder Gesprächen aufarbeiten sollte. Denn vieles ist nicht so offensichtlich, wie es größeren Kindern erscheinen mag. Das Thema Migration hat mein Lesekind z. B. gar nicht groß beachtet. Sie sieht mehr den Wachstumsprozeß der Walnuss und den Tod des Großvaters und erkennt, was nach dem Leben die Erinnerung bleibt, den Kreislauf von Vergehen und neu Entstehen.

Migration, Trauer und die Hoffnung auf neues Leben werden in diesem Kinderbuch mit einfühlsam wirkenden Illustrationen deutlich gemacht. Und es wird deutlich gemacht, dass jeder Mensch in einer neuen Heimat neue Wurzeln bilden kann.

Bei diesem Buch über den Lebenskreislauf mit Tod und Vergehen bietet sich das gemeinsame Gespräch über den Inhalt an. Und es ist auch abhängig von der Reife der Kinder, ob man ihnen dieses Buch anbieten sollte. Einfühlsames Buch über Trauer, dass Hoffnung gibt durch den Kreislauf des Lebens.

Veröffentlicht am 12.02.2023

Heiterer Hühner-Oster-Eier-Spaß

Frau Sonntagsimmerzwei - Ein Huhn in Hollywood
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Das Bilderbuch "Frau Sonntagsimmerzwei - Ein Huhn in Hollywood" von Nina Hundertschnee erscheint im Schneider Verlag. Die Illustrationen stammen von Nina Hammerle und es ist für Kinder ab vier Jahren geeignet. ...

Das Bilderbuch "Frau Sonntagsimmerzwei - Ein Huhn in Hollywood" von Nina Hundertschnee erscheint im Schneider Verlag. Die Illustrationen stammen von Nina Hammerle und es ist für Kinder ab vier Jahren geeignet.

Frau Sonntagsimmerzwei ist ein fleißiges Legehuhn und wird ausgerechnet an Ostern aus Versehen zum gefeierten Hollywood-Star und genießt den California Dream am Palmenstrand.



Frau Sonntagsimmerzwei legt täglich ein Ei und sonntags immer zwei. Doch am Ostersonntag findet sie kein Ei im Nest, sondern ein rosarotes komisches Etwas. Sie startet eine einzigartiges Abenteuer und landet am Strand von Hollywood, das ist doch etwas anderes als ihr Hühnerstall. Vor Aufregung legt sie gleich ein paar Eier, die fabelhaft gut und kunterbunt aussehen und durch die sie eine Ausstellung erhält. Sie wird zu einer berühmten Eier-Künstlerin und überall im glamourösen Hollywood wird sie gefeiert. Anfangs genießt sie den Ruhm, aber irgendwann wird ihr der Trubel zuviel und sie vermisst ihren Hühnerstall.

Die farbenfrohen Bilder sind einfach toll, sie verdeutlichen wunderbar, was in den kurzen Texten beschrieben wird. Das Hühnervolk wirkt sehr lustig, man kann sogar ihre Mimik erkennen und es gibt noch andere Tiere im Buch zu entdecken, die mit lustigen Details und fröhlichen Farben gute Laune machen. Da stolziert Frau Sonntagsimmerzwei vor vielen Fotografen über den roten Teppich in einem zauberhaften Kleid mit Spiegeleiern. Herrlich! Oder sie liegt mit einem wichtigen Tier in Form eines Schweins im Liegestuhl, das ihr das Blaue vom Hollywood-Himmel verspricht. Aber irgendwann findet sie die Fotografen nur noch nervig und möchte einfach nur noch nach Hause. Wie sie das schafft, müsst ihr selbst rausfinden.

Mir hat dieses Buch gut gefallen, denn es zeigt auf lustige Weise, wie gern man von Abenteuern träumt, sich aber auch freut, wieder nach Hause zu kommen.

Ein kunterbunter Bilderbuch-Oster-Eier-Spaß, oder Hühner-Eier-Spaß oder doch eher Hühner-Hollywood-Ausflug? Ach, das findet doch am besten selbst heraus! Auf alle Fälle ein tolles Buch zu Ostern!


Veröffentlicht am 06.02.2023

Ein spannender Auftakt mit magischen Abenteuern

Magic Agents - In Dublin sind die Feen los!
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Im cbj Verlag erscheint mit "Magic Agents - In Dublin sind die Feen los!" von Anja Wagner der Auftaktband der Agents-Reihe für Kinder ab 10 Jahren.

Am Stadtrand von Hamburg lebt die 12-jährige Elia Evander ...

Im cbj Verlag erscheint mit "Magic Agents - In Dublin sind die Feen los!" von Anja Wagner der Auftaktband der Agents-Reihe für Kinder ab 10 Jahren.

Am Stadtrand von Hamburg lebt die 12-jährige Elia Evander mit ihren Eltern. In dieser normalen Umgebung ahnt niemand, dass sie magische Fähigkeiten besitzt. Kaum hat sie ihre Magentenprüfung mit Bravour bestanden, muss sie zu ihrer ersten geheimnisvollen Mission nach Dublin aufbrechen. Dort wurde ein magisches Artefakt gestohlen! Begleitet wird Elia von ihrem magischen Begleiter, ihrer neuen Witch Watch und ihrem Gastbruder Connor. Kann Elia diese Aufgabe erfüllen?

Bei Fantasie-Geschichten bin ich normalerweise gleich raus, aber nicht bei diesem Buch, dass mich mit der Grundidee sehr an Harry Potter erinnert und fabelhaft gut unterhalten hat.

Ein Kind wird Agentin, kann das gut gehen? Aber ja! Mit Mut, Zuversicht und der Hilfe ihrer treuen Begleiter nimmt die pfiffige und sympathische Elia diesen kniffligen Auftrag in Dublin in Angriff. An ihrer Seite hat sie ihren magischen Begleiter, den Muffel Selmor. Was es mit ihm Besonderes auf sich hat, möchte ich lieber nicht verraten, ich musste über ihn allerdings ein wenig schmunzeln.

Mit zwölf Jahren hat Elia genau das Alter der Lesekinder, die sich beim Lesen gleich mit Elias Person identifizieren und an ihrer Seite viele magische Abenteuer bestehen können. Es geht mit viel Fantasie und kreativen Fabelwesen hinein in eine abwechslungsreiche Story, die mit Rätseln und speziellen Sagengestalten für Spannung sorgt. Anja Wagner hat beim Schreiben ihrer Fantasie freien Lauf gelassen und ausgefallene Figuren entwickelt, die auch durch die Sagenwelt Irlands inspiriert wurden. Das passt wunderbar zum Schauplatz Dublin, wo sich die Agentengeschichte immer wieder mit gefährlichen Erlebnissen und humorvollen Szenen zu einer großartigen Leseunterhaltung entwickelt.

Die Schriftgröße ist nicht zu klein, die Kapitel haben eine gute Länge und die Figuren und ihre speziellen Fähigkeiten der magischen Welt werden verständlich näher gebracht. Durch einzelne Auszüge aus Lehrbüchern der Akademie erfährt man, wofür es magische Begleiter gibt, was eine interaktive, magische Stadtplan-App kann und was man über Feen oder Vampire wissen muss.


Eine gelungene abenteuerliche Unterhaltung mit einem guten Mix aus Spannung, Magie, Abenteuer, Freundschaft und Humor!

Veröffentlicht am 06.02.2023

Ein schönes und stimmiges Finale

Den Letzten beißen die Robben
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"Den Letzten beißen die Robben" ist der Abschluß der friesischen Küsten-Krimireihe "Ino Tjarks & Co ermitteln" von Autorin Regine Kölpin aus dem Knaur Verlag.

In Gerdas Detektivbüro gibt es keinen ...

"Den Letzten beißen die Robben" ist der Abschluß der friesischen Küsten-Krimireihe "Ino Tjarks & Co ermitteln" von Autorin Regine Kölpin aus dem Knaur Verlag.

In Gerdas Detektivbüro gibt es keinen neuen Aufträge und um gegen die Langeweile anzugehen, schließt sie sich der örtlichen Theatergruppe an. Sie versucht auch Ino zu überzeugen, doch der knurrige Eigenbrödler hat dazu gar keine Lust. Dafür spielt auch Ex-Kommissar Traugott Fürchtenicht mit im Musical "Der gestiefelte Kater". Doch dann kommt, was kommen muss, Gerda stolpert auf ihrem Heimweg von der Theaterprobe über einen Toten, den Hauptdarsteller Hannes Grassmanns. Nun ist wieder Ermittlungsarbeit gefragt und damit ist Gerda voll in ihrem Element.

Die Hauptfiguren sind allesamt liebenswerte Personen, die mit ihren Schrullen nur allzu menschlich wirken. Gerda wirkt auf mich wie die friesische Variante von Miss Marple und kommt mit ihrem Spürsinn und ihrer Menschenkenntnis dem Mörder auf die Schliche. Immer beäugt von der hiesigen Polizei, die sich eigentlich ungern von Laien zuvorkommen lassen will. Wobei Kommissar Marius Meiners und sein Kollege Müller ja auch ganz besondere Typen sind und Meiners eher an Esoterik Interesse hat als an einer soliden Mordermittlung. Über ihn musste ich häufig lachen.

Der Erzählstil ist locker-flockig dank humorvoller Dialogen und Phrasen, die einfach für heitere Stimmung sorgen. Auch der Krimifall bietet spannende Unterhaltung und ist nicht offensichtlich, sodaß man gut mitraten kann. Zum Ermittlungstrio Ino, Gerda und Theda gesellt sich dieses Mal Traugott Fürchtenicht und es gibt wieder eine Menge Spaß, weil Gerda bei ihren Nachforschungen häufig aneckt und damit die anderen mitreißt. Sie verfolgen so manch falsche Fährte und da es an Verdächtigen nicht mangelt, gerät die Spurensuche dieses Mal besonders ausführlich.

Mal wieder hat mich das Ermittlertrüppchen mit der friesischen Variante von Miss Marple gut und amüsant unterhalten. Die Figuren sind mir über die drei Bände richtig ans Herz gewachsen und ich habe ihre neuen Erlebnisse und die Mordermittlung gespannt mitverfolgt und mitgeraten, wer denn nun Grassmanns auf dem Gewissen haben könnte. Dieser Band war für mich ein unterhaltsamer und zufriedener Abschluß der Reihe, denn zu der erfolgreichen Täterfindung gibt es auch privat in der Ermittlertruppe ein glückliches Ende. Diesen Ruhestand haben sich Gerda und Co echt verdient.

Der Abschluß der Reihe sorgt mit seinem heiteren Unterhaltungswert vor der stimmungsvollen friesischen Kulisse für entspannende Lesezeit und eignet sich bestens als Urlaubslektüre. Ein vergnüglicher und leichter Krimi mit gutem Ausgang!

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