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Veröffentlicht am 22.04.2023

Ultimative Überwachung

Going Zero
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Kaitlyn Day ist eine scheinbar naive Bibliothekarin, die als Durchschnittsbürgerin für eine Challenge ausgewählt wurde, bei der es ums digitale Verschwinden geht. Wer es von den zehn Kandidat:innen schafft ...

Kaitlyn Day ist eine scheinbar naive Bibliothekarin, die als Durchschnittsbürgerin für eine Challenge ausgewählt wurde, bei der es ums digitale Verschwinden geht. Wer es von den zehn Kandidat:innen schafft im Rahmen des Betatests eines neuen Überwachungsapparates aus CIA und modernsten Silicon-Valley-Algorithmen, dreißig Tage verborgen zu bleiben, gewinnt drei Millionen Dollar.

Alle glauben, dass Kaitlyn eine der ersten sein wird, die den Überwachern in die Fänge gerät. Doch sie schlägt sich tapfer, obwohl sie sich mancher brenzliger Situation stellen muss. Parallel dazu erleben wir, mit welchen Methoden der Überwachungsapparat arbeitet und durch welche Spuren andere Kandidaten entdeckt werden. Unsere Spurendichte, wenn wir einfach nur ein normales Leben führen, ist schon enorm. Die Vorstellung, dass diese Überwachungsmöglichkeiten eigentlich schon fast real sind, ist beängstigend. Diese Technologie in den falschen Händen wird extreme Auswirkungen haben.

Im zweiten Teil des Romans erfahren wir in Ansätzen, wie negativ die Macht aus dieser Überwachungsdimension wirken kann. Lockere dynamische Typen werden zu verbissenen Hass erfüllten Menschen mit entsprechenden Fantasien. Der Schritt zur Gefährdung Dritter ist dann nicht mehr weit, wie der Roman temporeich vermittelt.

Von den Charakteren her fühlte ich mich niemandem besonders nah. Die ausgeschiedenen Kandidaten hatten zwar Namen, blieben allerdings dermaßen blaß, dass sie für mich eher Nummern waren. Selbst bei der Hauptfigur Kaitlyn war es eher ein Mitfiebern aus dem Wettbewerb heraus als echte emotionale Zuneigung. Ablehnung empfand ich im Verlauf gegenüber dem Silicon-Valley-Wunderkind Cy Baxter, obwohl Nerds es eigentlich immer leicht mit mir haben.

Trotzdem hat mir der Roman gefallen. Die inhaltliche Idee ist zwar nicht ganz neu, aber es lohnt sich, immer mal wieder die Facetten der totalen Überwachung zu betrachten. Zudem war er spannend geschrieben und ließ sich ein bisschen wie im Rausch lesen. Ich liebe kurze Kapitel und Szenenwechsel, die den ein oder anderen Cliffhanger ergeben.

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Veröffentlicht am 03.04.2023

Sprachlich ansprechender historischer Einblick

Morgen und für immer
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Ermal Meta erzählt uns das Leben von Kajan, der zu Kriegszeiten bei seinem Großvater am Rande eines albanischen Dorfes aufwächst, von einem deutschen Soldaten Klavierunterricht bekommt, so dass er nach ...

Ermal Meta erzählt uns das Leben von Kajan, der zu Kriegszeiten bei seinem Großvater am Rande eines albanischen Dorfes aufwächst, von einem deutschen Soldaten Klavierunterricht bekommt, so dass er nach dem Krieg zum berühmten Pianisten avanciert. Trotzdem ist sein Leben leer, denn seine Liebe zu Elizabeta bleibt durch die Machenschaften seiner Mutter unerfüllt. Die linientreue Kommunistin kann und darf die Tochter eines Regimekritikers nicht in der eigenen Familie dulden. Als Kajan sein Talent in der DDR bei einem Musikwettbewerb unter Beweis stellen soll, bietet sich die Möglichkeit zur Flucht.

Die Geschichte des kindlichen und des erstmals verliebten Kajan mochte ich sehr. Sie spiegelt in einem ausgewogenen Verhältnis die Ängste während des Krieges wie auch die glücklichen Momente zu dieser Zeit wider. Dieses Gleichgewicht habe ich auch in der Phase des Verliebtseins empfunden, als sich Elizabeta und Kajan heimlich getroffen haben. Im weiteren Verlauf wird die Geschichte zunehmend politischer. Bespitzelung, Verfolgung, Verhaftung und Vernichtung oppositioneller Kräfte in den Ostblockstaaten rücken immer weiter in der Vordergrund.

Gerät man wie Kajan unglücklich in die Mühlen des Systems ist das gezeichnete Schreckensszenario zutreffend und viel zu viele unschuldige Menschen waren davon betroffen. Da es hier keine Nebengeschichten gibt, entsteht der Eindruck, dass alle Menschen im Ostblock derartigen Quälereien ausgesetzt waren. Eine Abgrenzung zwischen den Regimen hinsichtlich des Unrechts-Ausmaßes habe ich ebenfalls vermisst, auch wenn jedes Unrecht letztlich bleibt, was es ist. So werden nach meinem Empfinden alle Verbrechen auf das Level von Goli Otok gehoben, was auch nicht richtig ist.

Ist man sich dessen bewusst, kann Kajans Lebensgeschichte sehr bereichernd im Verständnis der Historischen Gegebenheiten sein und wie diese vielleicht mit ihren Auswirkungen bis ins Heute weiter strahlen. Dabei hat für mich die Erkenntnis, dass der Krieg für Viele 1945 längst noch nicht zu Ende war, den größten Mehrwert.

Einige Schilderungen im Roman waren schwer zu ertragen, an anderer Stelle hat mich der Autor im positiven Sinn emotional tief berührt. Ermal Meta beherrscht das Wechselbad der Gefühle, ohne dabei kitschig zu werden. Er verwendet eine Sprache, die das beschriebene Szenario in ein realistisches Licht taucht, auch wenn ich die Ansammlung an Katastrophen in Kajans Leben etwas überbordend finde. Insgesamt ein interessanter, mitreißender Roman über einen Charakter, mit dem man extrem leidet und stets auf einen guten Ausgang hofft.

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Veröffentlicht am 19.02.2023

Wenn Eliten für Gerechtigkeit sorgen wollen

Equilon
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Der Algorithmus EQUILON soll die von Klimawandel und Überbevölkerung gezeichnete Erde wieder bewohnbar machen. Dafür wählt er aus der gesamten Bevölkerung die 1 Milliarde aus, die ihn dabei am besten unterstützen ...

Der Algorithmus EQUILON soll die von Klimawandel und Überbevölkerung gezeichnete Erde wieder bewohnbar machen. Dafür wählt er aus der gesamten Bevölkerung die 1 Milliarde aus, die ihn dabei am besten unterstützen kann. Für das Ranking wird ein Score berechnet. Jenna hat den erforderlichen Score geknackt, wird aus Old B. in Europa abgeholt und nach New Valley, Jenas Traumziel gebracht. Dafür hat sie ihr ganzes Leben gearbeitet, sich maximal ins Zeug gelegt. Dorian ist da ganz anders. Er ist geneigt aufzugeben bis er die kleine Maggie und ihre Mutter Hannah trifft.

Sarah Raich konstruiert einen gut durchdachten Jugendthriller, der die aktuell wichtigen Themen Klimakrise, Künstliche Intelligenz sowie die sich vergrößernde Schere zwischen arm und reich in die Zukunft fortschreibt. Die MegaGoods haben mit Hilfe des Algorithmus ein Leben für alle designed, das von maximaler Kontrolle und Armut für die meisten gekennzeichnet wird. Gerade als die schöne Welt der 1 Milliarde zu bröckeln beginnt, kommt Jenna in New Valley an.

Beide, Jenna und Dorian, sind keine wirklichen Helden. Sie lassen sich leicht beeinflussen und haben einen leichten Hang zum Jammern. Während sich Dorian zu Beginn des Thrillers auf dem Tiefpunkt seines Selbstbewusstseins befindet und dann langsam über sich hinauswächst, scheint es lange bei Jenna genau andersherum zu sein. Deshalb waren mir beide Hauptfiguren gar nicht so richtig sympathisch. Viel lieber mochte ich die kleine Maggie, die ihre Armut und Angst stoisch erträgt und im richtigen Moment immer wieder den notwendigen Mut aufbringt. Besonders sympathisch ist mir ihre mehrfach vorgetragene Forderung nach Essen und ihre Zufriedenheit, wenn sie ihren Hunger mit einem Nahrungsblock stillen kann.

Gefallen hat mir mir die sprachliche Gestaltung. Sarah Raich hat das schöne New Valley vor meinem inneren Auge entstehen lassen, mit all der Technik und auch den unschönen Dingen darin. Auch von den ebenfalls designten Menschen, also von den Styles, den Frisuren und dem Make-up hatte ich eine gute Vorstellung sowie vom Umgang der Valley-Bewohner miteinander. Darüber hinaus mochte ich die Geschwindigkeit, die durch den Spannungsbogen beim Lesen entstanden ist. Am besten hat mir der wechselnde Blick der beiden Hauptfiguren auf dieselben Situationen gefallen. Diese Staffelstabübergabe an besonders spannenden Stellen war einfach genial.

Etwas kritisch sehe ich die Vorhersehbarkeit so mancher Szenerie und die gehäufte Lebensgefahr in Verbindung mit Wasser. Dem Lesevergnügen tut dies insgesamt aber keinen Abbruch, weshalb ich den Jugendthriller gern empfehle.

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Veröffentlicht am 09.02.2023

Man muss sich langsam öffnen

Schnell mal vegan
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Ich muss zugeben, dass ich zunächst keinen guten Zugang zu Buch gefunden habe. Die ersten 20 Seiten des Kochbuches enthalten viele Verweise auf weitere Werke der Autorin. Zudem empfinde ich die Einführung ...

Ich muss zugeben, dass ich zunächst keinen guten Zugang zu Buch gefunden habe. Die ersten 20 Seiten des Kochbuches enthalten viele Verweise auf weitere Werke der Autorin. Zudem empfinde ich die Einführung ganz schön belehrend, so dass ich nach der Lektüre dieser ersten Seiten eine leichte Abneigung entwickelt hatte und dann natürlich beim Durchblättern der Rezepte besonders kritisch drauf geschaut habe.

Ich habe dann einige Rezepte entdeckt, wo ich mich gefragt habe, was diese Dinge in einem Kochbuch zu suchen haben. Das kann doch jeder, dachte ich. Avocado-Toast oder das Spargelrezept auf Seite 72 seinen hier beispielhaft genannt. Zudem habe ich festgestellt, das viele Rezepte Knoblauch enthalten, den ich persönlich nicht so mag. Doch ich wollte nicht in dieser meckernden Haltung verbleiben, sondern die Challenge mal einige Wochen nur vegan zu essen, tatsächlich auch annehmen.

Ich habe die Rezepte intensiver studiert und letztlich leckere neue Gerichte aufgetan. Dabei habe ich bei den Verwendungsmöglichkeiten von Avocado dazugelernt. Ich stelle im Zusammenhang mit dieser Zutat eine bisher eingeschränkte Kreativität meinerseits fest. Der Guacamole-Salat war toll, der Ananas-Avocado-Salat ein richtiges Highlight. Von den Suppen haben mir die Rote Linsensuppe und die Erbsensuppe mit Minze gefallen. Spannend, weil ich nie auf diese Kombination bzw. Namen kommen würde, fand ich Spinatreis und Bloody-Mary-Salat. Durch die inzwischen guten Erfahrungen bin ich bereit, weitere Rezepte zu probieren, sogar zu Gerichten, wie Waldorf-Salat, die ich in der Vergangenheit eher abgelehnt habe.

Die Beschäftigung mit Katharina Seiser‘s Kochbuch hat mir meine doch noch hohe Hemmschwelle gegenüber veganer Küche offenbart. Die Challenge ist noch nicht ganz geglückt, aber durch ihre Anregungen beschäftige ich mich intensiv mit Ernährung ohne Fleisch und andere tierische Produkte. Ich empfehle, eine vielleicht angestrebte Ernährungsumstellung langsam anzugehen, damit der Ehrgeiz es zu schaffen über den leckeren Geschmack kommt. Ansonsten ist die Gefahr des Aufgebens wie bei Diäten recht groß. Auch wenn ich nicht sofort überzeugt war, finde ich das Buch inzwischen hilfreich.

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Veröffentlicht am 02.02.2023

Diskriminierung bis zur Eskalation

Salomés Zorn
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Salomé Atabong ist ein junges Mädchen, dessen Wurzeln bis nach Kamerun reichen. Sie lebt mit ihren Eltern in einem kleinen Dorf in den Niederlanden. Täglich muss sie unterschwelligen sowie offenen Rassismus ...

Salomé Atabong ist ein junges Mädchen, dessen Wurzeln bis nach Kamerun reichen. Sie lebt mit ihren Eltern in einem kleinen Dorf in den Niederlanden. Täglich muss sie unterschwelligen sowie offenen Rassismus ertragen, angefangen von nicht beseitigten Hundehaufen auf dem Grundstück der Atabongs, über alltägliche Beleidigungen bis hin zu ausgeübter Gewalt. Ihr dahingehend leidgeprüfter Vater gibt ihr einen folgenschweren Rat: „Du musst deiner Faust folgen.“, „So, als ob du ein Loch in deinen Feind schlagen willst.“

Also kämpft Salomé, getrieben von einer jahrelang angewachsenen Wut, gegen ihre Peiniger. Sie will einfach kein Opfer sein. Als es eskaliert, muss sie in den Donut, eine Jugendstrafanstalt, wo sie eine Therapie machen muss. Dabei tauchen wir in Salomés Innenleben ein und lesen von ihrer Gefühlswelt, von Salomés Bekannten und Verwandten, von den Einflüssen auf ihr Leben. Die Protagonistin selbst ist mir zu keinem Zeitpunkt besonders sympathisch gewesen. Aufgrund ihrer schnippischen, anlehnenden Art blieb eine gewisse Distanz, die ich trotz Verständnis für ihren Gemütszustand nicht abbauen konnte.

Der Schreibstil ist modern, etwas gewöhnungsbedürftig, weil sich in ihm sämtliche Irritation der Protagonistin widerspiegelt. Der Text enthält beschreibende Passagen wie den langen Urlaub in Kamerun, Träume, passende Ausschnitte aus griechischen Sagen und eben zahlreiche Gefühlsfetzen. In ihrem allgegenwärtigen Zorn springen die Gefühle, fahren ein Stück weit Achterbahn. Doch gleichzeitig entsteht während der Therapie bei allen Ungerechtigkeiten so etwas wie vernünftige Einsicht, dass Gegengewalt keine Lösung sein wird. Natürlich ist dies gemein, aber leider die Realität.

Die Auseinandersetzung mit Diskriminierung auf Basis von Salomés Zorn offenbart viele kleine rassistische Statements, die sich überall in unserem Sprachgebrauch wiederfinden, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Ich frage mich, ob es je möglich sein wird, sie ganz verschwinden zu lassen. Reaktionen von Diskriminierung Betroffener erscheinen für mich in einem neuen Licht. Deshalb möchte ich die Lektüre empfehlen, es erscheint mir als gesellschaftliche Notwendigkeit, an dieser Stelle ein besseres Bewusstsein zu entwickeln.

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