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Veröffentlicht am 27.02.2023

Hallo Asperger, bin ich jetzt verrückt?

Harte Schale, Weichtierkern
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Fabienne hat sich kürzlich von ihrem Freund getrennt. Ihr geht es nicht so gut, und kurzerhand geht sie zu einem Psychotherapeuten. Damit ihre Eltern davon nichts erfahren, bezahlt sie ihn aus eigener ...

Fabienne hat sich kürzlich von ihrem Freund getrennt. Ihr geht es nicht so gut, und kurzerhand geht sie zu einem Psychotherapeuten. Damit ihre Eltern davon nichts erfahren, bezahlt sie ihn aus eigener Tasche vom Geld, das sie während eines Praktikums verdient hat.
Im Gespräch mit ihrem Therapeuten erfährt Fabienne mehr über sich selbst, kommt ins Nachdenken über ihre Diagnose, zieht von dort aus die ihr typischen selbstironischen Gedankenfäden in ihren Alltag. Was bedeutet der Stempel „Asperger“ für sie? Ist sie jetzt irgendwie gestört?
Ihr Therapeut ist es auch, der Fabienne den Auftrag gibt, eine Mindmap zu erstellen zu einem Problem. Als er Fabiennes Mindmap anschaut, sieht er eine Zeichnung von ihr darauf – einen Oktopus. Er erzählt ihr davon, dass es im Aquarium in der Nähe neuerdings einen Oktopus gibt. Fabienne erkennt Parallelen zwischen sich und diesem Bewohner der Tiefsee. Und genauso, wie der Oktopus im Aquarium jetzt für alle sichtbar ausgestellt ist, hat Fabienne nun mit ihrem Therapeuten einige Sitzungen die Gelegenheit, sich selbst nach außen zu kehren und besser kennenzulernen.

Dieses Buch ist nicht einfach ein Stapel Papier, den man von vorne bis hinten durchliest. Cornelia Travnicek und Michael Szyszka haben eine Collage zwischen zwei Buchdeckel gezaubert. Eine Collage aus verschiedenen Schriftarten, Illustrationen, Zeichnungen, Gedanken und Erkenntnissen. Es ist eine kurzweilige Coming-of-Age-Story, in die man sich gut einfinden kann. Als erster Anlaufpunkt für die eigene Diagnose in jungen Jahren könnte dieses Buch sich gut zum Verschenken eignen, ohne direkt zu einem sachlichen Ratgeber zu greifen.

Veröffentlicht am 27.02.2023

Hallo, hallo!

Moshi Moshi
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„Moshi moshi (jap. もしもし) ist ein vorwiegend am Telefon verwendetes Grußwort in Japan. Es ist vom Verb mōsu (申す, dt. „(etwas) erzählen“) abgeleitet“, so sagt Wikipedia. Die Titelgebung dieses Romans von ...

„Moshi moshi (jap. もしもし) ist ein vorwiegend am Telefon verwendetes Grußwort in Japan. Es ist vom Verb mōsu (申す, dt. „(etwas) erzählen“) abgeleitet“, so sagt Wikipedia. Die Titelgebung dieses Romans von Banana Yoshimoto erklärt sich in der Geschichte und ist für alle Nichtjapaner womöglich erst mal nicht zu verstehen.

Yotchan hat ihren Vater verloren, der sich zusammen mit einer fremden Frau das Leben nahm. Der Verlust des Vaters wiegt schwer für sie, in der elterlichen Wohnung hält sie es nicht mehr wirklich aus, aber auch für ihre Unabhängigkeit im Prozess des Erwachsenwerdens zieht sie in das Tokyoter Szeneviertel Shimokitazawa. Dort macht sie es sich schnell gemütlich in einer kleinen, altmodischen Wohnung. Sie lebt sich schnell ein und ist selten zu Hause, denn sie arbeitet mit Leib und Seele in einem kleinen Bistro in der Nähe ihrer Wohnung. Sie steckt ihr ganzes Herz in ihre Arbeit, aber es ist nicht zu leugnen, dass sie dadurch auch vom Verlust der Vaterfigur fortzulaufen versucht.

Bald nach ihrem Auszug taucht ihre Mutter in Shimokitazawa auf. Selbstredend leidet auch sie unter dem Verlust des Mannes, ebenso wie Yotchan hält die Mutter es in der Familienwohnung nicht mehr aus. Sie bittet ihre Tochter für einige Zeit bei ihr wohnen zu dürfen, denn Yotchan ist der einzige Bezug, den die Mutter hat. Sie möchte Yotchan nicht auf die Nerven gehen, betont die Mutter, aber Yotchan ist um die Einschränkung ihrer erst vor kurzem erworbenen Selbstständigkeit gewiss nicht dankbar. Da sie ihren eigenen Schmerz jedoch zu genau kennt, kann sie ihrer Mutter die Bitte nicht abschlagen, und so leben sie fortan zusammen.
Yotchan erlebt eine Wendung bei ihrer Mutter mit; die sonst klassisch und elegant gekleidete Frau passt sich in einer lässigen Weise an das junge Lebensgefühl im Szenestadtteil an. In Jeans und Shirt durchstreift sie auf Spaziergängen das Viertel, liest viele Bücher und versucht ihrer Tochter kein Klotz am Bein zu sein. Yotchan geht ungehindert weiter mit Elan ihrer Arbeit im Bistro nach, wo sie Aratani kennenlernt, mit dem sie sich gut versteht und ab und zu etwas zusammen unternimmt.
So versuchen sie ihren Verlust zu bewältigen, jede der beiden Frauen auf ihre eigene Weise und in gewisser Weise sind trotz allen Raumes, den sie sich gegenseitig geben, beide füreinander da. Auch gehen beide trotz ihrer familien und räumlichen Zusammengehörigkeit eigene Wege. Sie nabeln sich symbiotisch voneinander ab, so wie man sich nach einer Umarmung unter Tränen auch wieder voneinander löst, wenn man sich besonnen hat.

Banana Yoshimoto hat mit „Moshi Moshi“ ein Buch geschrieben, das einen Weg erwachsen zu werden aufzeigt. Es steckt gleichzeitig Traurigkeit und Leben darin und immer wieder Gedanken über das Leben und sein Ende, mithilfe derer sie die Protagonistin ihre Trauer und das Verhältnis zu ihrem Vater aufarbeiten lässt.
Ich lese sehr gerne Romane von japanischen Autoren, nach diesem ersten Buch von Yoshimoto kann ich jedoch noch keinen wirklichen Vergleich zu anderen japanischen Schriftstellern ziehen. Die Sprache des Romans ist bildlich, klar und warm wie ich es bisher gewohnt bin, geht dabei aber nicht in eine Richtung wie ich sie bisher kenne. Es ist sehr erfrischend mit dieser Autorin eine neue Ecke der japanischen Literatur erkundet zu haben!

Veröffentlicht am 27.02.2023

Eine leise Erinnerung

Damals in Nagasaki
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Etsuko ist die Protagonistin von Kazuo Ishiguros Werk „Damals in Nagasaki“. Sie hat Japan hinter sich gelassen, um in England mit ihrer Tochter Keiko zu leben.
In Erinnerungsepisoden kehrt die stille Etsuko ...

Etsuko ist die Protagonistin von Kazuo Ishiguros Werk „Damals in Nagasaki“. Sie hat Japan hinter sich gelassen, um in England mit ihrer Tochter Keiko zu leben.
In Erinnerungsepisoden kehrt die stille Etsuko in ihre Vergangenheit in Japan zurück, als sie mit ihrer Tochter schwanger war. Diese Episoden erzählt sie ihrer Zweitgeborenen, Niki. In diesen Episoden erinnert sie sich an eine Freundin, die sie einige Wochen/Monate in Japan hatte. Sachiko lebte in einer Hütte nahe der neu gebauten Häuser, die im zerstörten Nagasaki aufgebaut wurden. Die eigentümliche Freundin befindet sich dauerhaft in einem Zustand des Wartens, sie will Nagasaki und Japan hinter sich lassen und setzt auf das Versprechen ihres amerikanischen Liebhabers, sie und ihre Tochter nach Amerika mitzunehmen. In ihrem Sehnen nach Veränderung vernachlässigt sie ihre Tochter Mariko, deren Verhalten traumatisch geprägt zu sein scheint. Bisweilen geht Sachiko auch offen gegen die Wünsche von Mariko vor.

Sachiko, die sich für die andere Kultur öffnet und begierig danach sehnt, steht Etsukos Schwiegervater entgegen, der den Werteverfall durch die teilweise Amerikanisierung seiner Heimat Japan kritisiert. Er stellt eine prägnante männliche Figur dar, den Etsukos Mann wird zumeist abwesend gezeichnet, der wichtigen beruflichen Verpflichtungen nachkommt und weder Zeit für seine Frau noch seinen Vater hat, mit dem ihn ein versteckter Konflikt in der Hauptsache zu verbinden scheint und dem er daher oft mit Abweisung begegnet.

Warum Etsuko Japan verlassen hat und was mit ihrem ersten Mann geschehen ist, löst die Geschichte nicht auf. Ebenso wenig, was der Grund war, warum Keiko sich das Leben genommen hat.
Der Schreibstil von Ishiguros Werk lässt die Sprache eher zum Mittel werden als die Handlung selbst. Es ist eine stille und häufig nicht wertende Erzählweise. Die Geschichte ist nicht ereignislos, doch die Abwesenheit klarer Auflösungen rückt für mich als Stilmittel ganz klar in den Vordergrund. Der Leser wird angeregt seine eigenen Antworten zu finden, seine eigenen Hintergründe der Geschichte zu erdenken.
Ich hatte den Eindruck, dass die Geschichte in der Geschichte eine ganz eigene Geschichte erzählt; mir drängte sich der Eindruck auf, dass die Freundschaft zwischen Sachiko und Etsuko ein Gebilde sein könne, dass sich letztere erdacht hat. Mir schien das eigenwillige Verhalten von Sachikos Tochter Mariko und Etsukos Tochter Keiko wie eine nicht zu unterschätzende Parallele.
Insgesamt empfand ich einen Lesegenuss bei diesem Buch ähnlich wie bei Yoko Ogawas Werken, wobei Ishiguro seine englischen Einflüsse aber anzumerken sind.

Veröffentlicht am 27.02.2023

Eine höchst kafkaeske Kurzgeschichte

Bartleby, der Schreiber
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In „Bartleby der Schreiber“ geht es um einen höchst seltsamen Mann, dessen Gedanken dem Leser allerdings verborgen bleiben, weil nur aus anderer Sicht über ihn berichtet wird. Der Erzähler ist ein Rechtsanwalt, ...

In „Bartleby der Schreiber“ geht es um einen höchst seltsamen Mann, dessen Gedanken dem Leser allerdings verborgen bleiben, weil nur aus anderer Sicht über ihn berichtet wird. Der Erzähler ist ein Rechtsanwalt, der in seinen Büroräumen drei Kopisten beschäftigt, die alle höchst sonderbare, jedoch passende Spitznamen tragen und auch sonst ungewöhnliche Eigenschaften haben.
Eines Tages steht auf eine Stellengesuch des Anwalts hin Bartleby vor der Türe, den der Anwalt einstellt. Der neue Schreiber kopiert fleißig und in einem zügigen Tempo, jedoch völlig ohne jede Begeisterung. Die eigentümliche Art Bartlebys fällt dem Anwalt schnell auf, er denkt sich zunächst jedoch nichts weiter, bis der Schreiber Arbeitsanweisungen ablehnt. Stets dieselben Worte äußernd wie ein Mantra, „ich würde vorziehen es nicht zu tun“, wirkt die schlichte Äußerung Bartlebys nie wirklich offen unwillig, seine Gesprächspartner versuchen gedanklich sein Verhalten zu begründen (denn er selbst tut es nie) und verzagen an der kargen Kommunikation m it dem Schreiber.
Als Bartleby sich eines Tages dazu entschließt auch keine Kopierarbeiten mehr anzufertigen, will der Rechtsanwalt, obwohl immer gewillt zu helfen, die Bürde des Schreibers endlich loswerden. Nachdem aber Worte des Abschieds und der Entschiedenheit Bartleby nicht wieder in der Schreibstube sehen zu wollen, absolut nicht helfen, zieht der Anwalt mitsamt seinen Kopisten in andere Büroräume in eine andere Ecke der Stadt um. Sehr zum Verdruss des neuen Mieters, einem ihm unbekannten Anwaltskollegen, der die Räume bezieht, während Bartleby dort noch vor Ort ist (da er offensichtlich sein Lager dort bezogen hat). Schlussendlich wird Bartleby von der Polizei als Landstreicher mitgenommen und ins Gefängnis gebracht.

Veröffentlicht am 27.02.2023

Lesen, um dann vielleicht vor der eigenen Tür zu kehren

Das Verstummen der Natur
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Das Buch „Das Verstummen der Natur“ behandelt die Gefährdung und das Aussterben verschiedenster Tier- und Pflanzenarten.

Sein Inhalt beschreibt wie diesim Laufe der Landschafts- und Kulturgeschichte vor ...

Das Buch „Das Verstummen der Natur“ behandelt die Gefährdung und das Aussterben verschiedenster Tier- und Pflanzenarten.

Sein Inhalt beschreibt wie diesim Laufe der Landschafts- und Kulturgeschichte vor sich geht und erklärt, dass wir ein so schlimmes Artensterben wie seit 50.000 Jahren nicht verzeichnen; die Autoren erläutern, was dies für Auswirkungen auf Mensch, Tier und Natur hat und wie jeder einzelne Bürger daran beteiligt ist, dass die Diversität der Natur immer weiter abnimmt.
Die Problematik beginnt im großen bei der Landwirtschaft; intensivste Bewirtschaftung, Ackerbegradigung zur Vereinfachung von automatisierter GPS-gesteuerter Landwirtschaft, chemischer Schädlingsbekämpfung, Überdüngung und Monokulturen sorgen dafür, dass ackerbewohnende Flora und Fauna verdrängt werden bzw. aussterben. Es muss nicht nur ein grundlegendes Umdenken geschaffen werden weg von der industriellen Landwirtschaft, mit der wir die Natur, die uns noch umgibt, zerstören. Die Subventionen, die einen Großteil der Einnahmen in der Landwirtschaft ausmachen, dürfen nicht länger nach Größe der zu bewirtschaftenden Landfläche verteilt werden, sondern danach wer seine Flächen nachhaltiger behandelt.
Im kleinen jedoch trägt jeder einzelne von uns, so beschreiben es die Autoren (und es leuchtet auch ein), einen Anteil daran, dass immer mehr Pflanzen- und Tierarten verschwinden. Eingeschleppte, exotische Tierarten, die durch Unfälle oder Aussetzung ihren Weg in das heimische Ökosystem finden, sind nur eine Gefahr. Auch naturverbundene Freizeitgestaltung, die dem Menschen Ausgleich und Erholung verschaffen soll, gefährdet Tierarten, wenn Spaziergänger, Mountainbiker und Wanderer angelegte Wege verlassen, denn sie stellt einen erheblichen Faktor für Tierarten dar, die ruhebedürftig nur in Naturschutzgebieten existieren können und bei Störung durch den Menschen ihre Nester verlassen und abwandern, was zu einer Gefährdung der nächsten Generation der Population führt.
Neben vielen anderen Lebensräumen wie dem Meer oder der Arktis wird auch der Lebensraum Moor als gefährdet benannt, in dem sehr spezialisierte Fauna und Flora existiert, was zum Nachdenken anregt; Arten, die einem so speziellen Heimatraum beraubt werden, finden keinen Lebensraumersatz und verschwinden für immer.

Ein Kapitel lautet „Dummheit vernichtet Dasein“, Unwissenheit sorgt also dafür, dass wir unsere Naturräume dann nicht schützen können, wenn wir sie gar nicht kennen und beispielsweise einzelne Vogel-, Pilz- oder Pflanzenarten nicht auseinanderhalten können. Der Inhalt des Buches appelliert ganz stark daran uns selbst zu bilden, aber auch in Kindergärten und Schulen der nächsten Generation den Heimatraum wieder näher zu bringen. Vermittelt wird, dass es nicht nur an der Politik ist heimische Ökosysteme zu schützen, denn die Politik ist viel zu sehr auf das Wohlwollen der Industrie und Wirtschaft angewiesen, sondern jeder einzelne selbst auch eine Verantwortung dafür trägt, Naturgebiete beispielsweise zur Naherholung nicht ausschließlich zu genießen, sondern durch erworbenes Heimatwissen eben auch selbst zu schützen.

Jedes Kapitel endet mit einer Reihe von Tipps, die jeder Bürger, die Politik und die Wirtschaft tun können, um die jeweiligen Problematiken einzuschränken.
Bisweilen scheint der Inhalt dieses Sachbuchs zu fingerzeigend zu sein, aber je mehr man liest, desto mehr öffnet es einem auch die Augen, was wir mit unserem Konsum uns selbst eigentlich antun.
Zum Ende hin fand ich das Buch doch sehr langatmig. Ich hatte das Gefühl mit den Beschreibungen über die Lebensräume „gesättigt“ zu sein und konnte den vielen politischen und wirtschaftlichen Erläuterungen nur noch wenig abgewinnen, auch wenn sie dennoch wichtig sind. Es erhält von mir jedoch eine deutliche Leseempfehlung besonders im Bezug auf unser immer mehr schwindendes Wissen über die uns nächsten Naturräume.