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Veröffentlicht am 06.03.2023

Analysierendes und unterhaltsames Psychogramm

Siegfried
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🔸Antonia Baum begleitet mich schon länger durch mein Leseleben, und zwar mit ihren Kolumnen und Artikel in der ZEIT.

Auf ihren Roman „𝐒𝐈𝐄𝐆𝐅𝐑𝐈𝐄𝐃“ habe ich mich deshalb sehr gefreut. Schon die Leseprobe ...

🔸Antonia Baum begleitet mich schon länger durch mein Leseleben, und zwar mit ihren Kolumnen und Artikel in der ZEIT.

Auf ihren Roman „𝐒𝐈𝐄𝐆𝐅𝐑𝐈𝐄𝐃“ habe ich mich deshalb sehr gefreut. Schon die Leseprobe war vielversprechend, der Roman selbst gute, subtil gesellschaftskritische Unterhaltung.

🔸Wer ist Siegfried? Baum schreibt den Roman aus Blickwinkel einer Ich-Erzählerin, deren Mutter einen Ehemann hat, der Siegfried heißt, der aber nicht der Vater der Ich-Erzählerin ist.
Um diesen Siegfried kreisen drei Generationen von Frauen: seine Mutter Hilde, die ihn vergöttert, seine Ehefrau, die er betrügt und kleinmacht, und seine Tochter, die Erzählerin, deren Selbstbild er bis weit in ihr Erwachsenenalter prägen wird.
Die Figur Siegfried steht für mich sinnbildlich für unsere immer noch stark patriarchal geprägte Gesellschaft, die Generationen von Frauen unterschiedlich beeinflusst.

🔸Baum beginnt ihren Roman damit, dass die Ich-Erzählerin beschließt in die Notfallambulanz der Psychiatrie zu fahren. Die Frau hat eindeutig Issues. Welche genau das sind, wird im weiteren Verlauf in Rückblenden auf ihre Kindheit, ihre konfliktbeladene Ehe und ihre schwierige Beziehung zu Männer deutlich.
Es wird deutlich wie sehr das Nachkriegstrauma, das Hildes Generation erlebt hat, bis heute in Form von Härte und Selbstdisziplin gegen sich selbst, weitergegeben wird.

„𝘈𝘣𝘦𝘳 𝘸𝘪𝘦 𝘪𝘮𝘮𝘦𝘳, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘦𝘴 𝘮𝘪𝘳 𝘴𝘤𝘩𝘭𝘦𝘤𝘩𝘵 𝘨𝘪𝘯𝘨, 𝘸𝘢𝘳 𝘷𝘰𝘯 𝘢𝘶ß𝘦𝘯 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵𝘴 𝘻𝘶 𝘴𝘦𝘩𝘦𝘯, 𝘥𝘪𝘦 𝘖𝘣𝘦𝘳𝘧𝘭ä𝘤𝘩𝘦 𝘸𝘢𝘳 𝘪𝘯𝘵𝘢𝘬𝘵.“

Auch Siegfried hat dieses Erbe verinnerlicht und paart diese innerliche und äußerliche emotionale Distanz mit kapitalistischem Leistungsstreben. Alles Weibliche und Liebevolle, das er mit Schwäche assoziiert, verachtet er und prägt damit das Selbstverständnis seiner Ziehtochter als Frau.

𝘔𝘦𝘪𝘯 Ä𝘶ß𝘦𝘳𝘦𝘴 𝘸𝘢𝘳 𝘴𝘦𝘩𝘳 𝘨𝘦𝘱𝘧𝘭𝘦𝘨𝘵, 𝘥𝘪𝘦 𝘔ä𝘯𝘯𝘦𝘳 𝘶𝘯𝘥 𝘪𝘤𝘩 𝘩𝘢𝘵𝘵𝘦𝘯 𝘚𝘦𝘹, 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘢𝘣𝘦𝘪 𝘸𝘢𝘳 𝘮𝘪𝘳 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘚𝘢𝘤𝘩𝘦 𝘣𝘦𝘴𝘰𝘯𝘥𝘦𝘳𝘴 𝘸𝘪𝘤𝘩𝘵𝘪𝘨: 𝘥𝘪𝘦 𝘉𝘦𝘩𝘢𝘶𝘱𝘵𝘶𝘯𝘨 (𝘪𝘩𝘯𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘥 𝘮𝘪𝘳 𝘴𝘦𝘭𝘣𝘴𝘵 𝘨𝘦𝘨𝘦𝘯ü𝘣𝘦𝘳), 𝘪𝘤𝘩 𝘸ü𝘳𝘥𝘦 𝘥𝘪𝘦𝘴𝘦𝘯 𝘚𝘦𝘹 𝘸𝘰𝘭𝘭𝘦𝘯, 𝘪𝘤𝘩 𝘸ü𝘳𝘥𝘦 𝘪𝘩𝘯 𝘮ö𝘨𝘦𝘯, 𝘸𝘦𝘪𝘭 𝘪𝘤𝘩 𝘮𝘰𝘤𝘩𝘵𝘦 𝘸𝘢𝘴 𝘔ä𝘯𝘯𝘦𝘳 𝘮𝘰𝘤𝘩𝘵𝘦𝘯, 𝘸𝘦𝘪𝘭 𝘪𝘤𝘩 𝘸𝘢𝘳 𝘸𝘪𝘦 𝘴𝘪𝘦.“

„𝘞𝘪𝘦 𝘴𝘦𝘩𝘳 𝘪𝘤𝘩 𝘥𝘪𝘦 𝘋𝘪𝘯𝘨𝘦 𝘥𝘶𝘳𝘤𝘩 𝘴𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘈𝘶𝘨𝘦𝘯 𝘴𝘢𝘩, 𝘸𝘪𝘦 𝘴𝘦𝘩𝘳 𝘪𝘤𝘩 𝘥𝘶𝘳𝘤𝘩 𝘪𝘩𝘯 𝘩𝘪𝘯𝘥𝘶𝘳𝘤𝘩 𝘥𝘢𝘤𝘩𝘵𝘦.“

🔸Viele wichtige Themen klingen in diesem komplexen Roman von Baum durch, wobei es der/dem Leser:in überlassen bleibt, in eine tiefere Deutungsebene abzutauchen oder bei der individuellen Geschichte der Erzählerin zu bleiben. Baums Schreibstil ist wunderbar leicht und unterhaltsam und gehaltvoll zugleich.

Für mich ein schönes und wertvolles Leseerlebnis, das mit emotional beschäftigt hat.

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Veröffentlicht am 24.02.2023

Atmosphärisch!

Rosa Schleim
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⚫️ Ein seltsamer, merkwürdiger Roman.

Die erzählte Geschichte ist schwer greifbar und sehr atmosphärisch.
Der rosa Schleim zieht sich als Motiv immer wieder durch den Roman. Die Menschen bestehen aus ...

⚫️ Ein seltsamer, merkwürdiger Roman.

Die erzählte Geschichte ist schwer greifbar und sehr atmosphärisch.
Der rosa Schleim zieht sich als Motiv immer wieder durch den Roman. Die Menschen bestehen aus ihm, er ernährt sie, er bedroht sie, er ist natürlich und wiedernatürlich gleichermaßen.

⚫️ Eine Frau irrt durch eine dystopische Welt an einer unbekannt Küste. Es dauert ein paar Seiten bis ich mir aus den Andeutungen ein Szenario erwächst. Giftige, ätzende, alles abtötende Algen haben die Meere vergiftet. Wenn Wind aufkommt wird das Gift an die Küste geweht und infiziert die Menschen. Es beginnt mit Juckreiz, dann fällt die Haut in Schuppen ab, bis die Infizierten sich buchstäblich häuten.
Die Menschen ziehen sich ins Landesinnere zurück, die Gesellschaft steht kurz vor dem Kollaps. Die ökologische Apokalypse hat längst die Landwirtschaft und Nahrrungsketten zusammenbrechen lassen.
Die Ich-Erzählerin kümmert sich gegen Bezahlung um einen kleinen Jungen, der einen nicht genannten Gen-Defekt hat, der ihm permanenten Hunger verursacht (ich habe eine starke Vermutung um welchen es sich handelt). Zudem kümmert sie sich um ihre Mutter, die sich weigert ins Landesinnere zu ziehen und um ihren chronisch infizierten Ehemann im Krankenhaus, bei dem die Krankheit mysteriöserweise nicht fortschreitet. Mit ihm verbindet sie eine seit Kindertagen komplizierte Beziehung, die in Rückblenden immer wieder aufblitzt. Ebenso denkt die Erzählerin viel über die Beziehung zu ihrer Mutter und zu ihrem Mutterersatz nach.
⚫️ Das Kümmern um andere mit und ohne Bezahlung und die damit verbundenen Abhängigkeiten stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Können wir unsere eigenen Wünsche frei erkennen? Doch was sind und wollen wir ohne Verantwortung für andere?

⚫️ Für mich macht nicht dieses Thema den Reiz des Romans aus, dazu ist mir das alles zu abstrakt und zu vage ausformuliert. Was mir gut gefallen hat, ist die greifbare Atmosphäre, die Trías mit ihrer lyrischen Sprache erschafft. Eine Atmosphäre von Verlorenheit, Einsamkeit und Zerfall. Ich lasse mich haltlos ohne Anker durch den Roman treiben genauso wie die Erzählerin durch eine zerstörte Welt.

Mir hat es durchaus gefallen mich ganz auf diese Atmosphäre einzulassen, und denke der Roman kann Leser:innen ansprechen, die sehr spezielle und sprachlich abstrakte Romane mögen. Lasst euch überraschen!

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Veröffentlicht am 02.02.2023

Lesenswert!

Die Perfektionen
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Ich las diesen schmalen Roman in einem Rutsch durch. Dieses subtile Porträt zweier Leben faszinierte mich unter anderem auch deshalb, weil es, oberflächlich gesehen, mit meinem Leben und sozialen ...

Ich las diesen schmalen Roman in einem Rutsch durch. Dieses subtile Porträt zweier Leben faszinierte mich unter anderem auch deshalb, weil es, oberflächlich gesehen, mit meinem Leben und sozialen Umfeld nicht viel gemein hat.
Theresia Enzenberger nennt diesen Roman auf dem Klappentext einen Berlinroman, lakonisch, satirisch, glänzend.

Damit ist klar, wo der Roman spielt: in Berlin, diesem pulsierenden, facettenreichen melting pot.
Latronico beginnt seinen Roman mit einer ausufernden detailreichen Beschreibung einer Wohnung, besser gesagt mit dem Bild einer Wohnung. Die Wohnung ist hip wie in hipster, voller shabby chic, gewollt unangestrengt lässig und mit den unvermeidlichen Monstera Pflanzen. Mein inneres Auge weiß genau wie diese Wohnung aussieht, auf hunderten Instagram Fotos und Lifestyle Magazinen sah es sie schon.
Es ist die Wohnung des nach Berlin gezogenen Pärchens Anna und Tom. Beide arbeiten selbständig als Graphik Designer, sie sind jung und das Leben ist unkompliziert und schön.
Diese Unkompliziertheit bringt schon in diesen ersten Berliner Jahren eine gewisse Unverbindlichkeit und Beliebigkeit mit sich, die sich auf Freundschaften, Arbeitsleben und Sexleben gleichermaßen ausdehnt. In Anna und Tom keimt eine Unzufriedenheit, die beide aber nicht greifen oder benennen können.

„Sie fürchteten zufrieden zu sein, weil sie sich zufriedengegeben hatten.“

Die perfekten Bilder, denen sich beide ohne Unterlass auf Social Media aussetzten, verstärkt das Gefühl von innerer Leere und Sinnlosigkeit, ohne dass sie es merken oder gar ändern könnten.

Als sich mit den Jahren Berlin verändert, gentrifizierter wird, und ihre Freunde in ihre jeweiligen Heimatländer zurückkehren oder eine Familie gründen, wächst in Anna und Tom die Sehnsucht nach einem neuen Aufbruch.

Ich habe den Begriff „Generationenporträt“ zu diesem Roman gelesen. Anna und Tom werden nicht als Individuen beschrieben, sondern sind Stellvertreterinnen für ein sehr kosmopolitisches urbanes Umfeld, in dem sicher nicht ihre ganze Generation zu Hause ist. Doch dieses innere Bild von dem perfekten Leben, das immer nur oberflächlich perfekt aussieht, sich aber nie perfekt anfühlt, steht universell für die Suche nach einem Leben mit Bedeutung und Sinnhaftigkeit, nach dem wir alle streben.

Mir hat Latronicos vielschichtiger und interpretationsoffene Roman sehr gut gefallen. Ich las ihn eher als beschreibend, denn als wertend. Latronico überlässt es mir als Leser
in ein persönliches Fazit zu ziehen oder aber auch nicht. Zu überlegen, ob ich selbst in den „Gefängnissen des Überflusses“ stecke.

Für mehr Buchvorstellungen besucht mich auf Instagram (@lustaufliteratur)!

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Veröffentlicht am 09.11.2025

Rasante und gesellschaftskritische Unterhaltung

Die Unbußfertigen
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Nach dem Beenden von „Die Unbußfertigen“ habe ich noch Fragen. Viele Fragen.
Warum haben alle Figuren so geredet, als äßen sie feministische Instagram Kacheln zum Frühstück? Warum gelangen in dem Roman ...

Nach dem Beenden von „Die Unbußfertigen“ habe ich noch Fragen. Viele Fragen.
Warum haben alle Figuren so geredet, als äßen sie feministische Instagram Kacheln zum Frühstück? Warum gelangen in dem Roman die meisten Figuren durch ein intensives Gespräch so schnell zur Katharsis, während du dir im wirklichen Leben den Mund fusselig reden kannst?
Warum bin ich mit den Dialogen des Romans derart unzufrieden und hatte doch ziemlichen Spaß dabei?

Aber von vorne: nach dem Sachbuch „Migrantenmutti“, das ich supergenial fand, legt Elina Penner jetzt mit „Die Unbußfertigen“ ihren zweiten Roman vor.
Penners Vorliebe für Reality TV Shows kennen ich schon von ihren Texten auf ihrem Blog „Hauptstadtmutti“ und ihrem Instagram Account. Auch in „Migrantenmutti“ erzählt sie äußerst unterhaltsam von ihrer Liebe zu „Frauentausch“.

Jetzt ist ein ganzer Roman daraus geworden, denn in einer (nicht so weit enfernten) weitergedachten Zukunft treffen sich zehn verschieden Menschen, auf dem Weg in abgelegenes Herrenhaus. Sie alle haben keine Ahnung was sie dort erwartet, sie folgen den Einladung eines neuen und erfolgreichen Social Media Kanals, auf dem sie alle den höchsten Rank belegen.
Die zehn Menschen sind zehn Internet Steretype, die wir alle kennen: die sexy Fitfluencerin, die Momfluencerin, der Lovescammer, der gemeine Kommentator, der gnadenlose Rezensionenschreiber, um nur ein paar zu nennen.
Natürlich ahnt die aufmerksame Leserin, dass es sich bei den Figuren um Kanditatinnnen für ein neues Realtity TV Format handelt und so ist es auch. Bis es die Kandidatinnen allerdings selbst herausfinden, braucht es allerdings eine Weile.
Jeder der Kandidatinnen hat ein dirty, little secret und es dauert nicht lange, bis diese an Tageslicht kommen. Ziel der Show ist es nämlich, wie der Titel des Romans es bereits nahelegt, dass die Kandidat*innen ihre Sünden bereuen.

Penner würzt das ganze ausgiebig mit Anspielungen auf diverse popkulturelle Trends und TV Shows, von denen mir sicherlich viele entgehen. Denn bis auf die Kolumnen im Stern von Anja Rützel (und natürlich denen von Elina Penner selbst) habe ich mit Reality TV eher weniger Berührungspunkte.
Das macht aber gar nichts, der Roman ist rasant erzählt und macht mir Spaß, dringt bei mir aber auf Grund der konstruierten Dialoge und der oben erwähnten bleibenden Fragen nicht wirklich in tiefere Bewusstseinsschichten vor.

Wenn du also Unterhaltung suchst, könnte Penners neuer Roman was für dich sein. Wenn du allerdings nach bitterbösen und feministischen gesellschaftlicher Abrechnung in Form von einer geschriebenen Reality TV Show sucht, dann verweise ich dich lieber auf „Hotel Love“ von Petra Piuk.

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Veröffentlicht am 03.11.2025

Ehrlich, zart und traurig

Zwischen uns liegt August
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„Ich wünsche mir, dass du keine Mutter bist, sondern eine Frau, die ihr Leben in Deutschland nach eigenen Wünschen gestaltet.“

Während der deutsche Schriftsteller und politische Aktivist Fikri Anıl Altıntaş ...

„Ich wünsche mir, dass du keine Mutter bist, sondern eine Frau, die ihr Leben in Deutschland nach eigenen Wünschen gestaltet.“

Während der deutsche Schriftsteller und politische Aktivist Fikri Anıl Altıntaş in seinem Debütroman „Und morgen wächst ein Birnbaum“ hauptsächlich die Beziehung seines autofiktionalen Erzählers zu seinem Vater analysiert, stellt er in seinem zweiten, ebenfalls autofiktionalen Roman ganz die Mutter des Erzählers in den Fokus.

Nach dem emotionalen „Autobiografie meines Körpers“ von Lize Spit ist „Zwischen und liegt August“ gleich der zweite Roman innerhalb kurzer Zeit, den ich lese, in dem das Sterben einer krebskranken Mutter begleitet wird.

Denn die Mutter von Altıntaş‘ Erzähler hat Krebs, und sie wird daran sterben. Die Rahmenhandlung des Romans beschreibt einen Tag in stündlicher Genauigkeit, an dem abends das Geburtstagsfest für die Mutter mit der Familie stattfinden soll. Alle wissen, dass es vermutlich ihr letztes Fest werden wird, dementsprechend belastet sind die Vorbereitungen auf das Essen.

Der Erzähler, der schon lange von zu Hause ausgezogen ist, und für den die Liebe und Fürsorger seiner Mutter immer selbstverständlich war, versucht zu begreifen, wer er ohne sie sein wird.

„Ich kämpfe wieder mit den Tränen und du mit dem unerschütterlichen Grundsatz der Zuversicht, den du uns über all die Jahre vorgelebt hast. Deine Stärke durchdrang das Haus; in Dunkelheit warst du die, ohne die wir nicht schlafen konnten. Wir akzeptierten deine Schlaflosigkeit ohne Schuld.“

Zwischen die detaillierten Beschreibungen der Vorbereitungen für das Essen, setzt Altıntaş eine zweite Erzählebene aus dem Jahr 1973. Hier lerne ich Mürüvet und ihre Freundin Efsun kennen, zwei junge Frauen, die in Aydin in der Türkei Pläne für ihrer Zukunft schmieden. Mürüvet, die Frau, die später die Mutter des Erzählers werden wird, erfährt allerdings von ihrem Vater, dass er sie und ihre Mutter bald mit nach Deutschland nehmen will, wo er schon länger als Gastarbeiter arbeitet. Pläne, die Mürüvet auf jeden Fall verhindern will, denn sie sieht ihre Zukunft in der Türkei, die kurz vor politischen Umbrüchen steht.

Die junge und tatkräftige Frau von 1973 steht im starken Kontrast zu der erschöpften und krebskranken Frau, die später das sterbende Herz einer angeschlagenen Familie in Deutschland sein wird.
Aus Altıntaş‘ Text geht deutlich hervor, wie sehr die Jahre der Aufopferung für die Familie, das Aufgeben ihrer eigenen Träume und Persönlichkeit, aber auch die andauernde Ablehnungen als Nicht-Deutsche sie aufgezehrt und verändert haben.
Dabei sieht der Erzähler sich selbst mit in der Schuld, er verspürt Reue über versäumte und ungenutzte Gelegenheiten seine Liebe zu zeigen.

„Wenn ich mir eine Sache wünschen kann, dann ist es Aussprache. Dass jeder einmal aussprechen kann, wie sehr er dich liebt und wo er sich gewünscht hätte, Liebe nachzuholen.“

In „Zwischen uns liegt August“ haben mir besonders die Passagen aus der Ich-Perspektive des Erzähler gefallen und wie er die Mechanismen und Strukturen in seiner Familie beschreibt. Auch in der Darstellung der Mutter-Sohn Beziehung finde ich viel Zärtlichkeit, die mich rührt. Die fiktiven Passagen, die die junge Mürüvet beschrieben, finde ich insofern interessant, als dass sie eine enge Freundinnenschaft beschreiben und einen Ausschnitt aus dem Stimmungsbild der damaligen Türkei zeigen. Die junge Mürüvet selbst bleibt für mich (vielleicht notwendigerweise) aber hinter dem Stereotyp einer lebhaften jungen Frau, die gern Westmusik hört, verborgen.

„Zwischen uns liegt August“ reiht sich für mich in eine Reihe großartiger Bücher ein, die sich teilweise oder ganz mit den Thema Postmigration beschäftigen. Bücher wie „Geliebte Mutter – Canım Annem“ von Çiğdem Akyol, „A wie Ada“ von Dilek Güngör, „Vatermal“ von Necati Öziri oder auch „Kartonwand“ von Fatih Çevikkollu und „Unser Deutschlandmärchen“ von Dinçer Güçyeter, die ich alle uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

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